Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/geplante-obsoleszenz-wo-die-sollbruchstellen-in-der-elektronik-liegen-1306-99957.html    Veröffentlicht: 21.06.2013 16:26    Kurz-URL: https://glm.io/99957

Geplante Obsoleszenz

Wo die Sollbruchstellen in der Elektronik liegen

Das Testhaus HTV untersucht mit 170 Mitarbeitern Elektronik auf geplante Obsoleszenz. Mit Röntgenuntersuchung, Rasterelektronenmikroskopie und Infrarotspektroskopie werden absichtliche Sollbruchstellen gefunden. Der Technikchef erzählt, wo sie liegen.

Holger Krumme, Technikchef beim Bensheimer Testhaus HTV, hat im Gespräch mit dem Magazin Infosat konkrete Beispiele für geplante Obsoleszenz in Elektronik genannt. HTV vergibt für langlebige Modelle ein Gütesiegel.

Krumme: "Wir haben eine Vielzahl von Beispielen für Produkte, die unserer Meinung nach eingebaute Sollbruchstellen enthalten: Besonders auffällig ist zum Beispiel die Verwendung besonders hitzeempfindlicher Bauteile in direkter Nähe zu Hitzequellen. Bei einer Vielzahl der unterschiedlichsten Bildschirme oder LCD-Fernseher befinden sich Elektrolytkondensatoren unmittelbar neben Leistungsbauteilen, die über 100 °C warm werden. Die Lebensdauer der Kondensatoren beträgt dann nur noch wenige tausend Stunden. Nach zwei bis drei Jahren fallen diese aus, mit dem Resultat, dass der gesamte Bildschirm aufgrund zu hoher Reparaturkosten auf den Müll wandert."

Die starke Alterung von Kondensatoren bei hoher Temperatur werde seiner Ansicht nach auch gezielt bei Computerplatinen renommierter Hersteller angewandt, bei denen sich diese Bauteile genau im Heißluftstrom der Prozessorkühlung befänden.

"Mehrfach haben wir bei DVD-Playern festgestellt, dass die Schublade durch den verwendeten Riemenantrieb und die Alterung und Verhärtung des Riemens nach zwei bis drei Jahren nicht mehr funktioniert. Ein anderes Antriebsprinzip etwa mittels Schneckenrad hätte hier zu keinerlei Problemen geführt", sagte Krumme.

Kurzsichtiges Profitdenken

Hinter dieser Vorgehensweise stecke "kurzsichtiges Profitdenken".

Mit dem neuen HTV-Life-Gütesiegel seien zwei Receiver-Modelle von Technisat ausgezeichnet worden. Untersucht wurden die mechanische Belastbarkeit der Bedienelemente und negative Auswirkung von Wärmenestern. Dazu kamen Lebensdauerprüfungen unter Extrembedingungen.

Mittels Röntgenuntersuchung, Rasterelektronenmikroskopie und Infrarotspektroskopie wurde auf mögliche absichtliche Sollbruchstellen hin untersucht. In dem Testhaus sind 170 Mitarbeiter aktiv.

Der Umweltausschuss des Bundestages hatte am 15. Mai 2013 mit der Mehrheit der Regierungsfraktionen entschieden, dass es in Deutschland keine gesetzliche Mindestnutzungsdauer für technische Geräte geben soll. SPD und Grüne enthielten sich der Stimme. Die Partei Die Linke hatte zur Schonung von Ressourcen die künstliche Verkürzung der Lebensdauer von Produkten verbieten wollen. Ihre Bundestagsfraktion forderte eine gesetzliche Mindestnutzungsdauer für in Deutschland auf den Markt gebrachte Produkte. Geplante Obsoleszenz sollte damit nicht mehr erlaubt sein.

Ein Techniker des TV-Reparaturunternehmens aus Berlin sagte Golem.de im Jahr 2012, dass die teuren, großen LCD- und Plasmafernseher oft nach drei bis vier Jahren kaputt seien. Er bringt besonders klar auf den Punkt, was auch viele andere Reparaturdienstleiter sagen: "Die halten drei bis vier Jahre, bei einem durchschnittlichen Gebrauch von fünf Stunden täglich. Wenn sie noch intensiver genutzt werden, ist die Lebensdauer noch kürzer. Das ist unabhängig von der Marke so, egal ob Toshiba, Sony, Samsung oder Philips. Die sind alle so gebaut, dass sie schnell kaputtgehen." Es gebe aber auch gute Modelle mit einer langen Lebensdauer. Diese zu finden, sei reine Glückssache.  (asa)


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