Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/augmented-reality-avatar-live-in-concert-1306-99914.html    Veröffentlicht: 20.06.2013 12:10    Kurz-URL: https://glm.io/99914

Augmented Reality

Avatar live in concert

3D-Projektionen sind nur der Anfang, Forscher träumen von völlig neuen Konzerterlebnissen durch Augmented Reality. Noch ist die Technik dem Publikum aber wohl einen Schritt voraus - die Musikbranche ist skeptisch.

Schockrocker Alice Cooper, der Rapper Tupac und die kanadische Sängerin Feist haben schon als ausgefeilte 3D-Projektionen auf der Bühne gestanden, nun könnten bezahlbare Virtual-Reality-Brillen wie die Oculus Rift Konzerterlebnisse völlig neu choreographieren. Nach der Games-Industrie könnte auch die Musikbranche - konkret im Livesektor - reale und virtuelle Welt künftig vermischen. Das Szenario ist simpel: Der Konzertbesucher setzt sich eine AR-Brille auf, startet eine App - und sieht je nach Preis eine Standard- oder Deluxe-Show.

"Das sind Sachen, bei denen ich mir sicher bin, dass sie in den nächsten Jahren kommen werden", sagt Johannes Behr, Abteilungsleiter Visual Computing System Technologies am Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung (Fraunhofer IGD) in Darmstadt.

Für die Wiederauferstehung Tupacs beim Coachella-Festival 2012 wurde der Pepper's-Ghost-Effekt genutzt, der im 19. Jahrhundert für Geisterauftritte im Theater erfunden wurde. Die kanadische Sängerin Feist trat so jüngst an drei Orten gleichzeitig auf.

Solche Projektionen, für die auf der Bühne eine Folie im Winkel von 45 Grad Richtung Publikum aufgespannt wird und auf eine davor flach auf dem Boden liegende reflektierende Fläche von oben ein Video projiziert wird, stoßen indes an physikalische Grenzen. Die Experten des Fraunhofer IGD sehen den nächsten machbaren Schritt daher darin, dass Musikfans via Datenbrille und Handy zusätzlich zum realen Konzert eine virtuelle Show bekommen könnten - möglichst perfekt überlagert.

"Die Rechner müssen verstehen, was der Künstler macht"

"Die Hardware ist kein wesentliches Problem, die Software und der Content sind die große Herausforderung", sagt Behr. "Die Rechner müssen verstehen, was der reale Künstler auf der Bühne macht, damit sie ihn lagerichtig virtuell ergänzen können." Zudem stellt sich die Frage, wie die zusätzlichen virtuellen 3D-Inhalte schnell ins Internet gelangen und an Endgeräten visualisiert werden können.

Der wiederbelebte Tupac oder die digitalen Feist-Kopien könnten in einem weiteren Schritt sogar mit dem Publikum interagieren. Ein Stichwort dabei ist Kinect: Der Sensor, den Microsoft zur Bewegungssteuerung auf der Xbox 360 benutzt, analysiert den Spieler anhand seines Körpers und hat eine Sprachsteuerung. Ähnlich könnte bei einem Konzert erkannt werden, ob Leute tanzen, winken oder rufen.

"Es wäre möglich, auf dieser Grundlage in Echtzeit neue Inhalte zu generieren", sagt Behr. "Wenn die Systeme schnell genug sind, ist es machbar, dass der digitale Künstler darauf reagiert, wenn jemand schreit oder springt." Dass es technisch komplizierter wird, bedeutet aber auch: Es funktioniert nur mit synthetischem Material und Avataren der Künstler. Die Shows würden aus der realen zunehmend in eine digitale Welt geführt.  

Konzertbranche ist skeptisch

Vertreter der Konzertbranche sind noch skeptisch. Der Präsident und Geschäftsführer des Bundesverbandes der Veranstaltungswirtschaft, Jens Michow, sagt: "Der oberste Satz des Musikveranstalters bedeutet 'live is live'." Er kann sich schwer vorstellen, dass vor digitalen Projektionen "Leute sitzen, klatschen und so tun als würde der Künstler live auftreten"

In Japan schafft die virtuelle Popikone Hatsune Miku allerdings genau das und lockt Tausende Fans in die Konzerthallen. Doch auch der Chef der Konzertagentur Creative Talent, Carlos Fleischmann, sagt: "Das wird mal die eine oder andere Band machen, aber die Leute wollen schon das Original sehen."

Ausschließen will Michow aber nichts: "Ich bin sicher, dass das hier und dort ausprobiert werden wird, und wo es interessant läuft, wird es auch sicher mehrfach veranstaltet und kopiert werden." Und wer weiß schon heute, wie die Generation Youtube künftig darüber denkt? "Wir haben uns viele Dinge vor fünf Jahren nicht vorstellen können, die heute für uns gang und gäbe sind", sagt Michow. Er hält Augmented-Reality-Konzerte am ehesten für möglich, wenn es um verstorbene Künstler wie Elvis, Michael Jackson oder Amy Winehouse geht und es keine Konkurrenz zum wahren Liveerlebnis gibt. "Wenn ich dann Mozart live erleben kann, weil man das alles virtuell herstellen kann, ist das eine tolle Sache."

Mozart und Elvis live sehen

Was sich in der Praxis durchsetzen könnte, hängt natürlich vom Publikum ab: Lassen sich Konzerterlebnisse in den virtuellen und vergleichsweise einsamen Raum übertragen, und wie viel Technik wollen Besucher mitbringen? Stundenlang ein Handy in die Luft zu halten, ist indes schon weit verbreitet. "Brillen sind der nächste Schritt, aber ich glaube in zwei bis drei Jahren wird die Akzeptanz für Brillen nochmal viel höher sein", sagt Behr. Und schließlich hat das Kino dem Publikum bereits beigebracht, die 3D-Brille aufzusetzen.

Mögliche Preise von und für Augmented-Reality-Konzerte lassen sich noch kaum kalkulieren. Die Fraunhofer-IGD-Experten gehen aber davon aus, dass sich viele IT-affine Nutzer in den nächsten Jahren ohnehin eine Datenbrille anschaffen und ein damit kompatibles Smartphone haben. Damit käme ein Teil der Kosten gar nicht auf den Veranstalter des Konzertes zu.

Arbeitet man ausschließlich mit synthetischem Material, eröffnen sich übrigens noch mal ganz neue digitale Konzertwelten - mit dem Head-Mounted-Display zu Hause auf dem Sofa. So könnte nicht nur die Band virtualisiert werden, sondern die komplette Bühne, sagt Behr. "Das ist natürlich ein Riesenschritt, dann bin ich völlig frei, dann kann ich als Besucher die Musiker auf dem Mars schweben lassen oder mich selbst mit auf die Bühne begeben."  (nae)


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