Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-the-last-of-us-meisterwerk-der-playstation-3-endzeit-1306-99810.html    Veröffentlicht: 14.06.2013 17:00    Kurz-URL: https://glm.io/99810

Test The Last of Us

Meisterwerk der Playstation-3-Endzeit

Auf der gerade zu Ende gegangenen E3 2013 hat sich Sony mit überwiegend positivem Presseecho für die nächste Konsolengeneration in Stellung gebracht. The Last of Us lässt uns trotzdem für einen Augenblick vergessen, dass die Zeit der Playstation 3 schon bald vorbei sein soll.

Er grummelt vor sich hin, sie nörgelt herum und doch helfen sie sich gegenseitig beim Klettern, während ihnen Zombies und Plünderer auf den Fersen sind. Ellie ist nicht Joels Tochter, nur eine Göre, die er von Ort A zu Ort B bringen soll. Und die findet es nicht gut, dass sie vom Partner wider Willen keine Waffe abbekommt - und überhaupt könnte der Mann ruhig mal etwas freundlicher zu allen sein. Zu diesem frühen Zeitpunkt hat der Spieler bereits eine Ahnung davon, warum Joel kein lebensfroher Sonnenschein ist.

Seine interaktive Vorgeschichte zeigt ihn in jener Nacht, in der von Pilzsporen infizierte Menschen als wilde Zombies die Welt verwüstet haben. Wie sehr dieses dramatische Erlebnis Joel und die restliche Zivilisation im tiefsten Inneren verändert hat, ist eine der Grundfragen der Geschichte von The Last of Us.

Mit brutaler Härte versucht das US-Militär in den Städten, jede Gefahr einer weiteren Infizierung auszuschließen - da wird eher mal einer mehr als einer zu wenig erschossen. Wer sich außerhalb der abgezäunten Zonen bewegt, gilt als Plünderer und ist ebenso zum Abschuss freigegeben. Keine guten Vorzeichen für eine Amerikareise quer über den Kontinent, und Joel gefällt die Idee eigentlich auch überhaupt nicht. Eine Verkettung von Ereignissen zwingt ihm den Trip dann aber geradezu auf, und ehe er sich versieht, ist er die entscheidenden Schritte zu weit gegangen, um noch zurückkehren zu können.

Survival, Stealth, Action

Entwickler Naughty Dog nimmt sich viel Zeit, den Spieler in die Atmosphäre der Endzeit-Welt eintauchen zu lassen. Einmal in Fahrt, entwickelt sich die mehrere Jahreszeiten umspannende Reise von Boston bis über die Rocky Mountains dann aber schnell zu einem Dauerkampf ums Überleben, der kaum Rast zum Durchatmen lässt.

Während sich der Spieler durch lineare Level bewegt, bieten sich ihm links und rechts des Pfades immer wieder Gelegenheiten, zusätzliche Vorräte zu sammeln. Besonders Munition wird schnell knapp, wenn nicht gewissenhaft jede Schublade geöffnet und jede Leiche inspiziert wird. Das geht eigentlich immer sehr fix, da das Spiel schon aus der Ferne anzeigt, ob Interaktionspunkte oder greifbare Objekte in der Nähe liegen. Der eigentliche Knackpunkt ist das Abwägen, ob weiteres Erkunden das Risiko eines Kampfes wert ist. Weitere Gegner ausschalten, vorsichtig an ihnen vorbeischleichen oder lieber direkt zum nächsten Level-Abschnitt flüchten? Auf den höheren Schwierigkeitsgraden haben wir uns diese Fragen sehr häufig stellen müssen.

Wenig Sorgen muss sich der Spieler um Ellie und andere K.I.-Begleiter machen, die sich dem Duo zwischenzeitlich anschließen. In brenzligen Situationen helfen sie dem Spieler beherzt aus der Klemme, ansonsten verhalten sie sich angenehm passiv und kommen eigentlich nie in Schwierigkeiten. Naughty Dog hat hier dem Komfort des Spielers Vorrang gegeben, so dass patrouillierende Feinde sogar komplett blind an Ellie und Co. vorbeilaufen, selbst wenn sie direkt vor ihnen stehen. Was beim Schleichen einzig zählt, ist, ob der Spieler entdeckt wurde - unrealistisch, aber immerhin fair.

Selbiges Urteil fällen wir auch insgesamt über das Stealth-Action-Gameplay von The Last of Us. Nur wenige Meter entfernt an einem blinden, dafür aber mit sehr gutem Gehör ausgestatteten Clicker-Zombie vorbeizuschleichen ist immer wieder ein spannendes Erlebnis. Die Krankenschwestern aus Silent Hill lassen grüßen. Jedes unerwartete Zucken des Infizierten lässt uns den Atem stocken, wohlwissend, dass in den Nebenzimmern weitere Monster ihre Runden drehen. Werden die alle gleichzeitig auf uns aufmerksam, ist der Kampf eigentlich schon verloren.

Selbst dann macht es dank häufig gesetzter Speicherpunkte Spaß, den Abschnitt neu zu laden und eine bessere Taktik auszuarbeiten. Das bedeutet oft, längere Zeit an einer Stelle auszuharren, um die Bewegungen der Feinde mit Joels Lauschfähigkeit durch Wände hindurch zu studieren und den richtigen Moment für einen Vorstoß abzuwarten. Dass Infizierte, Plünderer und Soldaten ihre Marschrouten immer mal wieder variieren und so für Überraschungsmomente sorgen, hebt The Last of Us dabei von anderen Stealth-Titeln wie Splinter Cell ab. Hundertprozentige Berechenbarkeit gibt es nicht, die Ungewissheit schleicht im Hinterkopf mit.

Nicht jeder Schuss ein Treffer

In Schießereien geht es genauso packend zu. Mit dem schnellen Dauerfeuer der meisten heutigen Actionspiele hat The Last of Us nichts gemein. Hier wirken die Kämpfe realistischer, da sowohl Joel als auch seine Gegner häufig danebenschießen und eher einzelne Schüsse abgeben, um danach gleich wieder Deckung zu suchen. Ein bis zwei Treffer können schon den Tod bedeuten und Munition ist wie gesagt rares Gut. Selbst beim Herumballern empfindet der Spieler also ein konstantes Gefühl der Anspannung, die er sich in diesen Momenten nicht von der Seele ballern kann.

Joel kann fließend in den Nahkampf übergehen, überhaupt wirkt das gesamte Kampfsystem wie aus einem Guss. Es ist enorm fordernd, lässt aber nie verzweifeln. Dass Joel erst zeitraubend Verbandszeug aus seinem Rucksack holen muss, um sich zu heilen, trägt unter anderem zum realistischen Flair der Spielwelt bei. Auch zum Bombenbasteln oder um aufgesammelte Briefe zu lesen, muss er in seinem Gepäck herumkramen. Eine Handvoll Hilfsmittel aus gesammelten Materialien bauen zu können, ist nützlich, kommt aber nicht zu häufig vor und kann im Prinzip auch vernachlässigt werden.

Für Joel und Ellie geht es in jeder Konfrontation ihrer Reise gleich um Leben und Tod. Das färbt auf den Spieler ab, wenn er beim vorsichtigen Erkunden von Ruinen, Städten und Tunnelsystemen hinter jeder Ecke Monster oder Plünderer erwartet. Obwohl das gar nicht so oft passiert, wie man meint. Naughty Dog verzichtet fast komplett auf billige Schreckeffekte, häufig passiert über weite Strecken gar nichts Besonderes. Der dezent im Hintergrund trommelnde Soundtrack und der Eindruck verwüsteter Kulissen reicht oft schon aus, um den Puls in die Höhe zu treiben.

Das Abenteuer wirkt echt, die Welt wirkt echt und die Angst wirkt echt - vielleicht auch deswegen so intensiv, weil Joel und Ellie von Level zu Level menschlicher erscheinen und sich der Spieler deswegen immer mehr um sie kümmert. Die Art, wie die beiden sowohl in Zwischensequenzen als auch im laufenden Spielgeschehen auf Erlebtes reagieren und miteinander sprechen, macht sie als Figuren lebendig. Ihre kleinen Konflikte sind kaum dramaturgisch überzeichnet, es gibt keine aufgezwungen wirkenden One-Liner - wir glauben, dass sich so auch echte Menschen in einer sehr extremen Überlebenssituation verhalten könnten. Umso erfreulicher, dass die deutsche Synchronisation so toll geworden ist, dass die angebotene Originaltonspur auch für multilinguale Spieler keine Pflichtwahl sein muss.

Wie von den Entwicklern der Uncharted-Serie zu erwarten, sieht The Last of Us hervorragend aus. Lichteffekte, detaillierte Umgebungen und Animationen sind besonders für Konsolenverhältnisse beeindruckend. Die Framerate schwankt besonders in actionreichen Szenen mit mehreren Gegnern ab und zu, über die gesamte Spielzeit gesehen kam uns das Geschehen trotzdem nicht störend ruckelig vor. Die in modifizierter Spielengine berechneten Zwischensequenzen zeigen bei Gesichtern eine zuvor nicht gesehene Qualität, Emotionen werden in jedem Moment glaubhaft dargestellt, und zwar, ohne dass sich die Entwickler dabei mit zu viel Hyperrealismus im Uncanny Valley verlaufen.

Nur ganz selten fallen nachträglich ins Bild springende Details an der Levelarchitektur auf, Aliasing-Effekte gibt es dagegen häufiger zu sehen. Darüber hinaus beträgt die Ladezeit beim Spielstart oft mehrere Minuten. Läuft The Last of Us einmal, bekommt der Spieler dafür keinen Ladebildschirm mehr zu sehen, solange er das Spiel nicht ausmacht und wieder ganz neu startet.

Eine Petrischale voll Facebook-Freunde

Der Mehrspielermodus von The Last of Us verbindet einzelne Deathmatches durch ein übergreifendes Meta-Game. Mit der Wahl zwischen den beiden Fraktionen Fireflys und Jäger beginnt eine zwölf Wochen lange Minigeschichte. Jede einzelne Onlinepartie stellt die Dauer eines virtuellen Tages dar. Während dieser Zeitspanne muss der Spieler sein stetig wachsendes Überlebendencamp mit Vorräten versorgen. Die erhält er, indem er erfolgreich 4-gegen-4-Teamkämpfe bestreitet. Selbst wenn die eigene Mannschaft verliert, ist durch Abschüsse gesammelte Nahrung so immer noch etwas wert.

Das Camp wird im Menü zwischen den Onlinerunden als eine Art Petrischale voller herumwuselnder Punkte dargestellt. Bei uns ist einer davon Golem.de-Geschäftsführer Jens Ihlenfeld, denn wir haben den Überlebenden via Facebook-Anbindung Fotos und Namen aus unserer Freundesliste zugeordnet.

Viel Zeit nimmt das Metagame als nettes Drumherum nicht in Anspruch, der eigentliche Schwerpunkt im Mehrspielermodus liegt auf spannenden Kämpfen mit hohem Schleichanteil. Die Lauschfunktion zum akustischen Erspähen feindlicher Spieler wurde genauso aus der Solokampagne übernommen wie das Herstellen von Bomben, Messern und Medikits. Dadurch spielt sich The Last of Us online im Vergleich zu vielen anderen Shootern langsamer, belohnt dafür aber umso mehr für taktisches Vorgehen im Team.

The Last of Us ist am 14. Juni 2013 für Playstation 3 im Handel erschienen. Es hat eine USK-Freigabe ab 18 Jahren erhalten und kostet als Standardedition UVP 60 Euro.

Fazit

Sollte The Last of Us tatsächlich das letzte große Meisterwerk für die Playstation 3 sein, kann Sony seine Konsole erhobenen Hauptes in die wohlverdiente Rente schicken. Naughty Dog bietet ein technisch so gut an die Plattform angepasstes Spiel, dass sich die Grafik sogar mit den meisten bisher angekündigten Playstation-4-Spielen messen kann.

Die wahre Stärke der Endzeitreise von Joel und Ellie liegt jedoch ganz woanders. In der aktuellen Konsolengeneration haben uns schon viele Titel menschlich wirkende Spielehelden in Abenteuern versprochen, die eine toll erzählte Geschichte in den Mittelpunkt stellen. Selbst gelungenere Beispiele wie Alan Wake, L.A. Noir oder Heavy Rain sind letztendlich aber daran gescheitert, auch noch fesselnde, abwechslungsreiche Spielmechaniken unterzubringen.

An dieser Stelle trumpft The Last of Us mit seinem dynamischen Schleich-Gameplay auf, das nahtlos an die Intensität der Zwischensequenzen anknüpft und uns selbst erleben lässt, in welcher nervenzerfetzenden Drucksituation sich die Protagonisten während ihrer gesamten Reise befinden.

The Last of Us vereint die besten Eigenschaften eines guten Hollywood-Films und lässt sie den Spieler so erleben, als würden sie tatsächlich vor seinen Augen in einer glaubhaften Welt passieren. Zur Krönung lässt Naughty Dog ihn dann mit einem Ende zurück, das keine großen Explosionen oder alles infrage stellenden Wendungen der Handlung braucht, um noch sehr lange in Erinnerung zu bleiben.  (dp)


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