Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/autocomplete-google-zeigt-nur-was-wir-denken-1305-99249.html    Veröffentlicht: 14.05.2013 18:38    Kurz-URL: https://glm.io/99249

Autocomplete

Google zeigt nur, was wir denken

Der Bundesgerichtshof zwingt Google, üble Einträge aus Autocomplete zu löschen. Das ist nachvollziehbar, aber auch seltsam.

Eine der spannendsten, aber auch eine der verwirrendsten Folgen von Werkzeugen wie Foren, Facebook oder Twitter ist es, dass dank ihnen das Denken öffentlich wird. Was sich bisher nur im Kopf abspielte, wird durch sie allen offenbar. Wir können sehen, was andere Menschen glauben und meinen.

Schön ist das oft nicht. Aber ist es gefährlich? Sollte es durch Urteile und Gesetze begrenzt und eingeschränkt werden?

Derzeit stellt sich diese Frage bei Autocomplete, der Funktion der Google-Suche. Sie zeigt, was andere denken.

Das harmlos-weiß schimmernde Fenster der weltgrößten Suchmaschine ist ein Blick in die Seele der Nutzer. Dort geben sie ein, was sie sich wünschen, was sie ersehnen, was sie brauchen, was sie bestätigt oder widerlegt sehen wollen.

Bis 2009 blieb dieser Blick allein Google vorbehalten. Seither kann jeder eine Ahnung davon bekommen, was Leute so über andere Leute denken, was sie wirklich an ihrem Nachbarn und an ihrem Bundespräsidenten interessiert.

Denn seit 2009 sammelt Autocomplete Suchphrasen und wertet sie aus. Wenn zehn Suchende in das Fenster "Angela Merkel Wahlprogramm" eingeben, eintausend aber den Term "Angela Merkel FKK", dann merkt Autocomplete sich das. In seiner algorithmischen Dummheit geht das Programm davon aus, dass sich viele Nutzer für den zweiten Ausdruck interessieren. Der nächste Suchende, der den Namen Angela Merkel eingibt, erhält daher als Vorschlag für seine weitere Suche FKK angezeigt.

Google spart damit Zeit und der Nutzer im besten Fall auch. Dass dadurch jeder, der sich für die Bundeskanzlerin interessiert, erfährt, dass viele Menschen die angeblichen FKK-Bilder von ihr sehen wollen, ist eine Nebenwirkung. Die durchaus nützlich sein kann. Und wenn auch nur, um in die Abgründe unserer Gesellschaft zu sehen.

Der Bundesgerichtshof hat nun entschieden, dass niemand diese Nebenwirkung hinnehmen muss. Wenn die Assoziationen, die durch solche vorgeschlagenen Suchwortketten entstehen, als verletzend empfunden werden, muss Google sie löschen.

Google macht private Gedanken öffentlich

Die Entscheidung ist einerseits nachvollziehbar. Googles Zeitgewinn wiegt nicht so schwer wie die persönliche Verletzung des Einzelnen. Andererseits ist in Deutschland die Bereitschaft, die Meinungen anderer über sich zu ertragen, nicht sonderlich ausgeprägt. Staatsanwaltschaften nehmen hierzulande schon mal einen Forenmoderator in Beugehaft, nur um dieser Idee der Beleidigungsklage Nachdruck zu verleihen.

Bei den Vorschlägen von Autocomplete handelt es sich dabei nicht einmal um öffentlich geäußerte Meinungen, es sind private Gedanken. Vor diesem Hintergrund wirkt das Urteil des Bundesgerichtshofs zumindest seltsam. Auch wenn das private Interesse der Vielen in Googles Algorithmus zu einem öffentlichen sichtbaren gerinnt.

Gerüchtesüchtige Fieslinge

Wir könnten angesichts dessen darüber nachdenken, was für gerüchtesüchtige Fieslinge wir sind. Der einfachere Weg aber ist selbstverständlich, das Ganze zu beschränken.

Google reagiert darauf pragmatisch. Entsprechende Beschwerden könnten über das schon lange vorhandene Löschantragsformular geäußert werden, heißt es. Dort kann jeder um Hilfe bitten, wenn ihm an den Suchergebnissen etwas nicht passt. Google verspricht, man werde die Autocomplete-Anträge von Hand prüfen und "entsprechend unserer Policy" entscheiden. Das bedeutet allerdings, dass der Prozess intransparent bleibt und sich nicht zwingend an deutschen Gesetzen orientiert.

Der Bundesgerichtshof überlässt die Nutzer damit Googles Gnaden. Was zeigt, dass es nicht genügt, generellen Unwillen gegenüber einer neuen Technik zu äußern. Wenn es schon keine gesellschaftliche Debatte über den Umgang mit ihr gibt, braucht es zumindest klare Regeln, was sie können darf. Möglicherweise stellt solche das nun zuständige Oberlandesgericht auf. Vielleicht aber auch wieder Google.  (zeit-kb)


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