Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/blackberry-z10-im-langzeittest-tausche-android-gegen-blackberry-1304-98867.html    Veröffentlicht: 23.04.2013 12:07    Kurz-URL: https://glm.io/98867

Blackberry Z10 im Langzeittest

Tausche Android gegen Blackberry

Mit dem Z10 versucht Blackberry ein Comeback im Smartphone-Markt. Auch Android-Anwendungen lassen sich auf dem Gerät installieren. Golem.de-Autor Tobias Költzsch hat zwei Wochen lang sein Galaxy S3 gegen das Z10 getauscht und im Langzeittest überprüft, wie schwer ein Umstieg ist.

Ende Januar 2013 hat Blackberry, vormals Research In Motion (RIM), zwei neue Smartphones mit dem Betriebssystem Blackberry 10 (BB10) vorgestellt: das reine Touchscreen-Gerät Z10 und das Q10 mit Tastatur. Das Z10 mit 4,2-Zoll-Display, Blackberry Hub, einer stellenweise an WebOS erinnernden Bedienung und Multitasking könnte auch für bisherige Nutzer anderer mobiler Betriebssysteme interessant sein. Für Android-Nutzer ist die Möglichkeit verlockend, Android-Apps auf das Smartphone zu spielen. Im Langzeittest hat Golem.de geprüft, ob langjährige Android-Nutzer einfach auf das neue BB10 umsteigen können und welche Probleme sich dabei ergeben. Außerdem soll das Z10 zeigen, wie viel es im Alltag taugt.

Die Herausforderung an das Z10 ist, möglichst viele der Annehmlichkeiten, die Android und Google im Alltag bieten, auf das Blackberry-Smartphone zu übertragen. Dazu zählt unter anderem die Verfügbarkeit der unter Android genutzten Apps wie die Einbindung der Google-Services unter BB10.

Einfache Synchronisierung des Google-Kontos

Erster Schritt für viele Nutzer dürfte die Synchronisierung des E-Mail-Kontos sein. Gibt der Nutzer beim Z10 eine Gmail-Adresse ein, werden gleichzeitig die Kontakte und der Kalender von Google synchronisiert. Hierzu muss die Adresse allerdings mit der Endung @gmail.com eingetragen werden. Als wir aus Gewohnheit die Adresse mit der Endung @googlemail.com eingaben, wurden nur die E-Mails abgeglichen. Etwas umständlich ist es, weitere Google-Kalender hinzuzufügen: Unter Android werden zusätzliche, über das Hauptkonto laufende Kalender automatisch mitsynchronisiert. Bei Blackberrys neuem Betriebssystem hingegen mussten wir den aus zahlreichen Buchstaben und Zahlen bestehende Kalendernamen und die Serveradresse selbst eingegeben.

Apps wie Google Maps oder Instagram findet der Nutzer nicht im hauseigenen App-Marktplatz, der Blackberry World. Es gibt allerdings eine Möglichkeit, die fehlenden Apps auf das Z10 zu bekommen: Android-Apps können konvertiert und über einen PC auf das Smartphone gespielt werden. Dies war bereits beim Blackberry-Tablet Playbook möglich. Blackberry selbst füllt das Angebot im eigenen App-Markt zu einem nicht unerheblichen Teil mit umgewandelten Android-Apps auf, die von dort wie native BB10-Apps heruntergeladen werden können.

Dürftiges App-Angebot in der Blackberry World

Um App-Dateien im Blackberry-Format BAR auf das Z10 zu überspielen, wird die kostenlose Software DDPB benötigt. Das Programm greift auf das Z10 über dessen IP-Adresse zu und überspielt die konvertierten Apps. Hierzu muss der Entwicklungsmodus des Smartphones aktiviert werden. Um an umgewandelte Apps zu kommen, gibt es zwei Möglichkeiten. Im Internet bieten zahlreiche Seiten bereits konvertierte Android-Apps an. Da nicht ausgeschlossen werden kann, dass sich in den angebotenen Dateien Schadroutinen befinden, sollten Nutzer hier allerdings etwas vorsichtig sein.

Android-Apps auf das Z10 spielen

Der Nutzer kann auch selbst Android-Apps im APK-Format in das Blackberry-Format umwandeln. Hierfür gibt es spezielle Internetseiten, die dem Nutzer diese Arbeit abnehmen. Er sollte sich aber vorher überlegen, ob die Umwandlung eines kostenpflichtigen Programms rechtlich einwandfrei ist. Die Problematik bei dieser Lösung ist zudem, an die APK-Dateien auf dem Android-Smartphone zu kommen. Das Android-Gerät braucht dazu einen Root-Zugang, um auf den Ordner data/app/ zugreifen zu können. Von dort können die APK-Dateien auf einen Rechner überspielt, umgewandelt und auf das Z10 geladen werden.

Auf diese Weise können zahlreiche Apps auf das Blackberry Z10 übertragen werden, die der Nutzer von seinem Android-Smartphone kennt. In unserem Fall sind das unter anderem Google Maps, Tweetcaster, Instagram, Wordfeud und die App des Fußballmagazins Kicker. Die Apps laufen wie auf einem Android-Gerät, wenngleich nicht so flüssig wie native BB10-Apps. Dieses gilt nicht nur für die selbst aufgespielten Apps, sondern auch für umgewandelte Android-Programme aus der Blackberry World, beispielsweise die eBay- oder Kindle-App. Einige portierte Android-Apps verweigerten zudem ihren Dienst auf dem Z10, in unserem Fall der Newsreader Feedly, das Spiel Gemspinner 2, das Tool Airdroid, Googles Chrome-Browser und einige Apps von Google.

Lange Ladezeiten bei Android-Portierungen

Auf BB10 portierte Android-Programme brauchen auf dem Z10 stellenweise unglaublich lange, um zu starten. Nach ungefähr zwei Tagen ohne Neustart müssen wir manchmal über eine halbe Minute warten, bis die gestartete App geladen ist. Nach jedem Neustart sind die Ladezeiten so kurz wie bei nativen BB10-Apps. Dieses Problem betrifft nicht nur die selbst umgewandelten Apps, sondern auch Portierungen aus dem Blackberry Market. Da Blackberry zahlreiche wichtige Apps wie den Kindle Reader oder die eBay-App nur als Android-Konversion anbietet, ist der Nutzer sehr häufig mit Wartezeiten konfrontiert.

Die Navigation innerhalb eines Android-Programms unter BB10 erfolgt über eine einblendbare Leiste oder direkt über Gesten, da das Smartphone keine Navigationsknöpfe hat. Wischt der Nutzer von oben in das Display, erscheint im unteren Bereich des Bildschirms eine Leiste mit einem Zurück-Button und dem App-Menü, die auch permanent eingeblendet werden kann. Durch einen Wisch von der rechten unteren Ecke diagonal in den Bildschirm kann auch ohne die Leiste zurücknavigiert werden.

Keine echten Widgets unter BB10

Widgets wie bei Android kennt das Z10 nicht. Allerdings verfügen einige BB10-Apps über einen zweiten Anzeigemodus, wenn sie minimiert und in der App-Übersicht abgelegt sind. Die Wetter-App beispielsweise verändert sich so zu einer Art Pseudo-Widget, das die Temperatur, den Standort und eine kleine Vorhersage anzeigt. In der Kalender-App hingegen erscheinen in der minimierten Ansicht der aktuelle Tag und die aktuellen Termine, die Telefon-App informiert über die letzten Anrufe. Auf diese Weise können durch offen gelassene Anwendungen viele Informationen, die Android-Nutzer normalerweise durch Widgets beziehen, auch unter BB10 auf einen Blick verfügbar bleiben. Sie sind aber nicht konfigurierbar. Außerdem können Anwendungen nicht festgepinnt werden, weshalb sie bei neu geöffneten Apps nach unten rutschen.

Das Blackberry Z10 ermöglicht dem Nutzer, Apps und Daten in einen privaten und geschäftlichen Bereich zu trennen. Leider konnte Blackberry uns den benötigten Testzugang für diesen Service nicht einrichten, weshalb wir die Funktion nicht testen konnten.

Benutzeroberfläche des Z10 im Vergleich zu Android

Im Alltag fällt es nicht schwer, sich an die Benutzeroberfläche des Blackberry Z10 zu gewöhnen. Das Smartphone kann entweder mit dem am oberen Rand angebrachten Power-Button aus dem Ruhezustand aufgeweckt werden oder mit einem Wisch vom unteren Rand in den Bildschirm hinein. Diese Geste haben wir uns schnell angewöhnt, sie ist schwer wieder loszuwerden, wenn andere Smartphones verwendet werden.

Der Startbildschirm des Z10 gliedert sich in drei Teile: das App-Verzeichnis, die Übersicht über alle geöffneten Apps und den Blackberry Hub. Das App-Verzeichnis von BB10 sieht auf den ersten Blick nicht anders aus als der App-Drawer von Android oder iOS. Maximal 16 App-Icons werden pro Seite dargestellt, neu installierte Apps werden ans Ende der Liste gesetzt. Wie bei Android und iOS können bei BB10 einzelne Apps in Ordnern zusammengefasst werden.

Da das Z10 keine Navigationstasten hat, finden sich diese im Design der nativen BB10-Apps wieder. Eine einblendbare Leiste wie bei den von Android portierten Apps gibt es hier nicht. Die BB10-Apps werden zudem immer recht schnell geladen, egal wie lange das Smartphone bereits eingeschaltet ist. Bei einigen nativen Apps gibt es durch Wischgesten erreichbare Leisten mit zusätzlichen Optionen.

Bedienungskonzept erinnert an WebOS

Einen separaten Homescreen mit Verknüpfungen wie bei Android gibt es bei BB10 nicht. Ein laufendes Programm wird durch eine Wischgeste von unten in den Bildschirm hinein angehalten und als kleine Karte auf einem weiteren Bildschirm links vom App-Verzeichnis angezeigt. Die Geste schließt eine App nicht, dies geht nur auf dem Startbildschirm. Hier können maximal acht parallel geöffnete Apps angezeigt werden. Dadurch hat der Nutzer schnellen Zugriff auf laufende Programme, häufig genutzte Apps können gleich geöffnet bleiben. Das System wird auch dann nicht merklich langsamer, der Dual-Core-Prozessor mit einer Taktrate von 1,5 GHz und die eingebauten 2 GByte Arbeitsspeicher bieten genügend Leistung. Videos laufen nicht weiter, wenn sie minimiert werden, sondern werden automatisch pausiert. Kurioserweise läuft bei Youtube-Videos im Browser der Ton weiter, das Bild jedoch nicht.

Blackberry Hub als Kommunikationszentrale

Wischt der Nutzer von unten in das Display und zieht dann den Finger nach rechts, öffnet sich der Blackberry Hub. Hier werden alle Benachrichtigungen und Nachrichten zentral gesammelt. Wird der Wisch nach rechts nur langsam ausgeführt, öffnet sich der Hub nur teilweise. So kann der Nutzer aus jeder Anwendung heraus kurz nach neuen Nachrichten schauen, auch wenn er diese im Moment nicht beantworten möchte.

Der Blackberry Hub ist im Alltag praktisch, allerdings ist es gewöhnungsbedürftig, dass standardmäßig alle Benachrichtigungen gemischt sind. Im Menü des Hubs kann der Nutzer jedoch filtern, in den Einstellungen können zudem bestimmte Konten ganz aus dem Hub entfernt werden. Hält der Nutzer die Datumsanzeige des Blackberry Hubs länger gedrückt, öffnet sich ein Menü, über das alle ungelesenen Nachrichten als gelesen markiert werden können. Wir hätten uns diese Option im Hauptmenü des Hubs unten rechts oder im Kontextmenü der einzelnen E-Mails gewünscht.

Etwas nervig ist, dass auf einem anderen Gerät gelesene oder gelöschte E-Mails unter BB10 nicht automatisch synchronisiert werden. Löscht der Nutzer beispielsweise im Browser eines PCs E-Mails aus seinem Gmail-Konto, werden sie auf dem Z10 nicht gelöscht. Dieser Datenabgleich funktioniert bei Android-Smartphones tadellos. Bei vielen anderen BB10-Apps funktioniert die Synchronisation reibungslos, beispielsweise bei der Notizbuch-App Evernote.

Kamera mit 8 Megapixeln

Das Z10 hat auf der Rückseite eine 8-Megapixel-Kamera mit Autofokus und LED-Fotolicht. Auf der Vorderseite befindet sich eine 2-Megapixel-Kamera für Videotelefonie. Die Hauptkamera macht gut belichtete Fotos mit angenehmer Schärfe, der automatische Weißabgleich arbeitet zuverlässig. Fotografierte Objekte zeigen jedoch unschöne, verpixelte Konturen. Bei schwächerer Beleuchtung kommt es zu leichter Artefaktbildung. Die Blitzaufnahmen sind gut, das LED-Licht leuchtet die zu fotografierende Szene gut aus, sofern das Objekt nicht zu weit entfernt ist.

Die Einstellungsmöglichkeiten der Hauptkamera sind, verglichen mit der eines Samsung Galaxy S3, beschränkt. Der Nutzer kann beim Z10 aus drei Aufnahmemodi wählen: Kamera, Videoaufzeichnung und Mehrfachaufnahme mit Gesichtserkennung. Innerhalb des Kameramodus stehen fünf Aufnahmesituationen zur Wahl. Die Mehrfachaufnahme mit Gesichtserkennung macht mehrere Aufnahmen hintereinander, aus denen dann die beste ausgesucht werden kann. Dies funktioniert auch bei Gruppenaufnahmen und ist schön visualisiert: Die einzelnen Gesichter können angewählt werden, mit einem Ring blättert der Nutzer durch die Gesichtsausdrücke. Eine vergleichbare Funktion hat jedoch auch das Galaxy S3.

Fazit

Insgesamt hatten wir keine großen Probleme, uns in der Oberfläche von BB10 zurechtzufinden. Das Betriebssystem ist übersichtlich und logisch aufgebaut, zudem finden sich zahlreiche Parallelen zu anderen Systemen. Die Wischgesten erleichtern nach kurzer Eingewöhnungszeit die Bedienung enorm. Das Z10 ist ein gut durchdachtes Smartphone, das schnell auf Eingaben reagiert und keine Systemruckler zeigt. Auch die Akkulaufzeit war im Alltagsbetrieb gut. Spielt der Nutzer jedoch viel, sinkt die Laufzeit deutlich. In unserem Videotest konnte das Z10 einen 1080p-Film knapp fünf Stunden lang abspielen, bevor der Akku leer war.

Das Blackberry Z10 als Android-Ersatz?

Die Frage, ob das Blackberry Z10 mit seinen Funktionen, dem App-Angebot in der Blackberry World und der Synchronisation mit Google-Diensten als Ersatz für ein Android-Smartphone dienen kann, muss dennoch mit Nein beantwortet werden.

Die gewohnten Funktionen eines Oberklasse-Smartphones beherrscht das Z10 natürlich problemlos. Mit der hochwertigen Verarbeitung, der akzeptablen Kamera und vor allem der intuitiven Benutzerführung macht das Gerät im Alltag Spaß und hebt sich auch ein wenig von den Mitbewerbern ab. Allerdings begleitet uns ständig das Gefühl, nicht denselben Funktionsumfang wie bei einem Android-Smartphone wie dem Galaxy S3 zur Verfügung zu haben. Das liegt nicht an der unterschiedlichen Art und Weise, wie die Geräte bedient werden. Vielmehr sind es die zahlreichen Apps, die dem Android-Nutzer das Leben erleichtern, manchmal sogar, ohne dass es ihm bewusst wird. Diese fehlen auf Blackberrys neuer Plattform einfach. Umsteiger von iOS dürften ähnliche Probleme haben.

Dabei reicht das Spektrum der fehlenden Apps von Social-Media-Programmen wie Instagram über Spiele bis hin zu täglichen Helfern wie Google Now oder Feedly. Zwar ist es möglich, einige Android-Apps zu konvertieren, das funktioniert aber nicht bei allen Programmen, bei einigen Apps führt es zu langen Ladezeiten. Zudem dürfte das Umwandeln und Aufspielen für einige mögliche Interessenten so umständlich sein, dass der Umstieg nicht infrage kommt.

Blackberrys traditionelle Zielgruppe, die Geschäftskunden, ist mittlerweile großenteils auf iPhone oder Android-Geräte umgestiegen. Mit dem Z10 wird das Unternehmen sie wohl nicht zurückgewinnen - trotz der weitreichenden Möglichkeiten, Privat- und Berufsleben auf dem Smartphone zu trennen. Blackberry muss den Umstieg für Nutzer anderer mobiler Betriebssysteme noch attraktiver machen und ihnen das Gefühl geben, mit einem Blackberry-Gerät nichts von dem zu verpassen, was ihnen ihr altes System geboten hat. An diesem Punkt ist Blackberry noch nicht angekommen.

Nachtrag vom 23. April 2013, 14:25 Uhr

Ein Leser hat Golem.de darauf hingewiesen, dass es doch möglich ist, alle ungelesenen Nachrichten im Blackberry Hub als gelesen zu markieren. Die entsprechende Passage wurde geändert.  (tk)


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