Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-starcraft-2-soap-koenigin-in-galaktischer-zerg-schlacht-1303-98191.html    Veröffentlicht: 14.03.2013 14:39    Kurz-URL: https://glm.io/98191

Test Starcraft 2

Soap-Königin in galaktischer Zerg-Schlacht

Tolle Einsätze, gute spielerische Ideen - und eine Hauptfigur, die in eine Vorabendsoap passen würde: Mit Heart of the Swarm bietet Blizzard packende, in Sachen Handlung stellenweise aber ganz schön platte Unterhaltung.

Drei Wochen sind seit dem Ende von Wings of Liberty vergangen, die ehemalige Zerg-Anführerin Kerrigan sitzt in einer Hochsicherheitszelle: An dieser Stelle fängt Heart of the Swarm an, der zweite Teil von Blizzards Echtzeit-Strategieepos Starcraft 2. Dessen Handlung dreht sich um das Schwarmvolk der Zerg und ihre menschliche Anführerin Kerrigan. Sonderlich episch geht es dabei nicht zu, sondern vor allem zwischenmenschlich: Gleich nach dem Start gibt es eine Liebesszene zwischen Kerrigan und Jim Raynor, und das Ziel ist letztlich der Kampf gegen den Alt-Gefährten und Neu-Tyrannen Arcturus Mengsk. Stellenweise wirken die Irrungen und Wirrungen der Handlung wie in einer Daily Soap - ein Eindruck, der durch das vor allem anfangs beinahe mädchenhaft wirkende Auftreten von Kerrigan in den Einsätzen noch verstärkt wird.

In den meisten Missionen steuern wir Kerrigan als besonders kampfstarken Teil des Schwarms. Sie wirkt trotz ihrer tragischen Vergangenheit im Spiel übrigens erstaunlich unbeschwert: Im Angesicht eines riesigen Gegners klopft sie mit munterer Stimme Sprüche, die nicht selten zum Fremdschämen sind. Ein Wort zu den nötigen Vorkenntnissen für Einsteiger: Heart of the Swarm erklärt so gut wie nichts über die Geschehnisse aus Wings of Liberty. Wer sie nicht kennt, hat Schwierigkeiten, der neuen Handlung zu folgen, und sollte sich besser erst die Kampagne rund um die Terraner vorknöpfen.

Am grundsätzlichen Spielprinzip hat sich in Heart of the Swarm wenig geändert. Wir steuern Kerrigan und ihren Schwarm von schräg oben, den Kamerawinkel können wir etwa über das Mausrad verändern. Das Programm bietet 20 reguläre Einsätze, dazu kommen sieben sehr unterhaltsame, aber kurze Mutations-Missionen, mit denen wir die Fähigkeiten der Zerg verbessern. Es gibt vier Schwierigkeitsgrade, im niedrigen und mittleren dürfen die meisten Spieler um die 12 bis 15 Stunden für die Kampagne benötigen; im letzten Drittel steigt der Schwierigkeitsgrad spürbar an. Trotz einiger fast arkadiger Anfangskämpfe bleibt Starcraft 2 eine Serie für Strategiespieler.

Eine der großen Stärken von Heart of the Swarm ist das abwechslungsreiche Design der Missionen. Obwohl wir kein großer Fan der Zerg an sich sind, hat uns die Kampagne in der Hinsicht sogar besser gefallen als die von Wings of Liberty.

Einen kleinen Teil der Einsätze absolvieren wir im Team mit Kerrigan und wenigen anderen Verbündeten, den Rest mit den teils riesigen Zergarmeen aus Zerglingen, Schaben und ähnlich appetitlichen Aliens - und haben uns da besonders über die Möglichkeit gefreut, mit der F2-Taste alle Einheiten auswählen zu können.

Packende Mission in Eiswelt

Ein Beispiel für ein frühes Missions-Highlight ist ein Einsatz auf einem Eismond, auf dem wir gegen Protoss kämpfen. Glücklicherweise frieren die feindlichen Einheiten alle Augenblicke für ein paar Minuten durch Schneestürme vollständig fest, so dass wir sie ohne Probleme zerstören können. Zwischendurch tauen sie aber wieder auf und leisten umso erbitterter Widerstand. Also ist Timing gefragt, damit wir unsere Truppen immer zum richtigen Zeitpunkt am passenden Ort haben. Andere Missionen erinnern eher an Kommandoeinsätze, weitere bieten auch mal klassischen Basisbau und das stückweise Erobern der Karte. Von derartigen Aufträgen hätten wir uns ein, zwei mehr gewünscht.

Zwischen den Missionen finden wir uns im Leviathan wieder. So heißt unsere Basis. Wenn wir es richtig verstanden haben (was angesichts der vielen Zerg-Fachbegriffe gar nicht so einfach ist), handelt es sich dabei um eine Art Raumschiff, das uns durchs All bringt. Dort können wir jedem Zerg-Einheitentyp eine von drei Verbesserungen verpassen: Mehr Widerstandskraft, mehr Angriffspower oder eine höhere Geschwindigkeit. Die Einstellungen lassen sich zwischen den Einsätzen jederzeit ändern. Außerdem können wir Kerrigan in einer Art Rollenspiel-Talentbaum immer mächtigere Spezialfähigkeiten geben.

Die Grafik erinnert natürlich stark an Wings of Liberty. Sie wirkt aus technischer Sicht nicht wirklich zeitgemäß, aber dank der aufwendigen Animationen und einiger spektakulärer Zwischensequenzen stört das Blizzard-typisch vergleichsweise wenig - Heart of the Swarm wirkt aufwendig und hochwertig. Eine Reihe von kleineren Neuerungen, etwa besagte F2-Taste für die Auswahl der gesamten Armee, gab es schon vor der Veröffentlichung per Update.

Neuerungen im Multiplayermodus

Im Mehrspielerbereich bietet Heard of the Swarm einige neue Einheiten und Modi. An dieser Stelle wollen wir aber auf die ähnlich wichtige Umgestaltung des Battle.net hinweisen: Die in Anzahl und Größe reduzierten Schaltflächen sind angenehmer zu bedienen und resultieren in einer deutlich verbesserten Menüführung. Spieler können sich einfacher in Gruppen zusammenschließen, miteinander kommunizieren und gemeinsam Replays ansehen.

E-Sport und das Fazit

Wir hatten besonders viel Freude daran, Replays der Profispieler herunterzuladen und an einem beliebigen Punkt die Kontrolle zu übernehmen. Das ermöglicht Spielern, ohne den üblichen Basisaufbau, Strategien schneller zu optimieren.

Für die E-Sport-Szene interessant: Das Aussehen der Spielanzeigen (Head Up Displays) kann nun individualisiert werden. Für Kommentatoren ist es dadurch leichter, hinter die Kulissen einer Partie zu blicken und die Mechanismen einiger Taktiken herauszustellen, beispielsweise APM (Actions per Minute), Ressourcenverbrauch oder detaillierte Aufstellung der Armeegrößen.

Was uns fehlt, ist eine ins Spiel integrierte zentrale Anlaufstelle für die besten kommentierten Replays. Die primäre Quelle für Wiederholungen bleibt aber vorerst der Internetbrowser.

Sprachausgabe, Offlinemodus und Preis

Heart of the Swarm ist für Windows-PC und Mac OS erhältlich und kostet rund 40 Euro; eine Sammlerausgabe ist für rund 70 Euro verfügbar. Das Programm setzt ein installiertes Wings of Liberty voraus. Es muss im Battle.net aktiviert werden und ist nicht weiterverkaufbar. Die Kampagne lässt sich auch offline spielen, Erfolge gibt es dann aber nicht.

Die deutsche Sprachausgabe gefällt uns nicht sonderlich gut, insbesondere Kerrigan - die sehr viel zu hören ist - klingt in der US-Fassung etwas besser; über das Battle.net lassen sich auch die anderen Sprachversionen herunterladen. Die USK hat dem Programm eine Freigabe ab 12 Jahren erteilt.

Fazit

Für eines haben die Designer bei Blizzard ein Kompliment verdient: Ihre Ideen für die Einsätze sind ganz große Klasse! Schon Wings of Liberty hat mit abwechslungsreichen und originellen Missionen gepunktet - der Nachfolger Heart of the Swarm legt sogar noch eins drauf. Egal ob es gegen zeitweise festgefrorene Protoss geht, oder Kämpfe in einem Canyon ausgefochten werden, fast alle Schlachten sind toll inszeniert, herausfordernd und sehr fair. Auch das Drumherum, etwa die Rollenspielelemente, sind gut gelungen und sorgen für ein Stück Extra-Motivation.

Zum Fremdschämen ist allerdings ein Großteil der Handlung - trotz teils spektakulär inszenierter Zwischensequenzen. Blizzard ist ja nicht für viele tolle Storys bekannt, aber was dem Spieler hier zugemutet wird, ist oft unfreiwillig komisch. Die Anführerin eines außerirdischen Alienvolkes, mitverantwortlich für den Tod von Millionen von Lebewesen, denkt vor allem ans Kuscheln mit ihrem Liebsten und reißt mitten in der Schlacht billige Zoten? Wir hätten lieber eine Kerrigan, die nicht nur auf ein paar Bildern und in Videos, sondern auch im Spiel düster und erwachsen rüberkommt und nicht über weite Strecken wie ein unglücklich verliebter Teenager.

Die Neuerungen im Mehrspielerbereich sind nahezu durchweg gelungen - für Einsteiger wie für Profis. Inzwischen ist es ein Kinderspiel, Hotkeys und den idealen Aufbau einer Basis für jedes Volk zu erlernen. Die spielbaren Replays dürften die Multiplayerszene ebenfalls gehörig aufrütteln. Ganz abgesehen davon hat auch das Anschauen und Analysieren von Starcraft-2-Matches noch nie mehr Spaß gemacht.  (ps)


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