Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/linux-community-canonical-loest-shitstorm-aus-1303-98084.html    Veröffentlicht: 09.03.2013 13:08    Kurz-URL: https://glm.io/98084

Linux Community

Canonical löst Shitstorm aus

Mit seinem Mir-Projekt hat Canonical weite Teile der Linux-Gemeinde in Aufruhr versetzt: KDE-Entwickler kritisieren Canonicals Pläne für Ubuntu scharf, der Compiz-Entwickler kündigt die Zusammenarbeit mit Canonical auf und Mark Shuttleworth schimpft zurück.

Canonical sieht sich Kritik von mehreren Seiten der Linux Community ausgesetzt, inzwischen auch aus dem KDE-Projekt. Prominente KDE-Entwickler wie Aaron Seigo und Martin Gräßlin schimpfen über Canonicals Pläne für Ubuntu Touch und die Entwicklung des eigenen Displayservers Mir. Sie kritisieren Canonicals Alleingang und befürchten, dass andere Linux-Projekte aus Ubuntu ausgeschlossen werden könnten. Wayland-Entwickler hatten sich bereits über Canonicals Begründung geärgert, die für den Wechsel von Wayland auf Mir angegeben wurde.

Canonicals Hauptargument für die Entwicklung seines Displayservers Mir, für Ubuntu Touch und den neuen Unity-Next-Desktop auf Basis von Qt5 und QML ist die Fokussierung verschiedener Techniken, so dass Ubuntu nahtlos auf allen Plattformen und Geräten läuft.

"Canonicals hochtrabende Pläne"

Damit wolle Canonical eine weitere komplette Infrastruktur erschaffen, die mit bestehenden Projekten wie etwa KDE und Wayland konkurrieren wolle, schreibt Aaron Seigo, Initiator des Plasma-Desktops. Statt mit anderen Projekten zu kooperieren, wolle Canonical ein geschlossenes System schaffen und aus der Linux-Community ausscheren. Denn Canonical könne künftig selbst bestimmen, welche freie Software unter Ubuntu laufen solle, so Seigos Befürchtung.

Er habe sich den gegenwärtigen Stand der Entwicklung von Mir und Unity angesehen und habe kaum neuen Code, sondern nur To-dos mit hochtrabenden Plänen entdeckt, schreibt Seigo weiter. Canonical sei bereits in der Vergangenheit durch seine unstete Entwicklung aufgefallen. Erst vor zwei Jahren habe sich Canonical zu Gnome bekannt und gleichzeitig auf Qt gesetzt, damals mit dem Argument, Ubuntu wolle die Vielfältigkeit und Komplexität der Software aus der Linux-Community unterstützen.

Dass Canonical mehrfach neue Konzepte ausprobiert habe, sei an sich nicht verwerflich, schreibt Seigo. Es sei Teil eines legitimen kreativen Prozesses. Allerdings widerspreche die Realität der Aussage Canonicals, Ubuntu stehe für Beständigkeit.

Hinter verschlossenen Türen

Jonathan Riddel, zunächst als Angestellter für die Entwicklung von Kubuntu zuständig, bis Canonical offiziell seine Unterstützung für die mit der KDE-SC ausgelieferten Variante von Ubuntu beendete, bezeichnete den Displayserver Mir als Abspaltung, die hinter verschlossenen Türen entwickelt und nun der Ubuntu-Community einfach vorgesetzt worden sei.

"KWin soll auf Mir laufen"

Canonical-Mäzen Mark Shuttleworth antwortete postwendend in seinem Blog: Sämtliche Community-Projekte wie Kubuntu, Xubuntu oder das Ubuntu Gnome Remix würden weiterhin eine entscheidende Rolle bei Canonical spielen. Es gebe keinen Grund sich aufzuregen. Shuttleworth sei sich sicher, dass auch KWin auf Mir laufen werde. Alle würden davon profitieren, dass Mir auf mehr Geräten zum Einsatz kommen werde als Wayland.

Der Phonon-Entwickler Harald Sitter bekräftigte Riddels Kritik nochmals. Die Ubuntu-Community sei befremdet darüber, dass Canonical insgeheim Mir entwickelt und die Gemeinschaft einfach übergangen habe. Das Kubuntu-Projekt sei immer stolz darauf gewesen, die Schnittstelle zwischen KDE und Ubuntu gewesen zu sein. Jetzt anzudeuten, dass lediglich Ubuntu-Produkte von Canonical ein integraler Bestandteil des Ubuntu-Projekts werden sollen, sei eine Beleidigung für alle Mitglieder der Ubuntu-Gemeinschaft.

"KWin wird nicht auf Mir laufen"

Der KWin-Entwickler Martin Gräßlin geht noch einen Schritt weiter und bittet Shuttleworth, KWin nicht in Mir einzubeziehen. KWin werde Mir nicht unterstützen und das Projekt werde keine entsprechenden Patches akzeptieren. Stattdessen werde das KWin-Projekt weiterhin mit Wayland-Entwicklern zusammenarbeiten. Erst wenn Mir in weiteren Distributionen zum Einsatz komme, werde er seine Entscheidung überdenken. Mir sei eine Lösung zu einem Problem, das es nie gegeben habe.

Compiz-Entwickler gibt auf

Derweil hat auch Compiz-Entwickler Sam Spilsbury eine Zusammenarbeit mit Canonical aufgekündigt. Ihm sei mitgeteilt worden, dass Canonical keine Community-Patches für Compiz mehr annehmen werde. Er habe die Arbeit von vier Monaten wegwerfen müssen. Seine Patches hätten die Leistung des Displaymanagers auf Systemen mit Grafikarten von Nvidia deutlich verbessert und seien ausgiebig getestet worden. Er werde sich jetzt seinem Studium widmen.

"Wir sind kein Hobby-Projekt"

Shuttleworth zeigte sich offensichtlich überrascht und dünnhäutig ob der vielfachen Kritik aus der Community. Canonicals Pläne sollten kein unnötiges Melodram auslösen, schreibt er. Projekte wie KDE, Gnome oder Xfce hätten von Anfang an die Möglichkeit gehabt, Ubuntu mitzugestalten. Seit 2009 sei er aber davon überzeugt gewesen, dass keine der Communitys das liefern könne, was Ubuntu im Wettbewerb mit proprietären Anbietern wie Google, Apple oder Windows stärken würde. Canonical sei weiterhin dazu verpflichtet, Ubuntu als Plattform für die Verbreitung freier Software zu nutzen. Dafür bedürfe es aber einer Führerschaft anstatt mehr Integration. Ubuntu sei kein Hobby-Projekt.  (jt)


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