Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/bioshock-infinite-angespielt-himmlisch-intelligentes-actionspektakel-1301-96901.html    Veröffentlicht: 14.01.2013 12:12    Kurz-URL: https://glm.io/96901

Bioshock Infinite angespielt

Himmlisch intelligentes Actionspektakel

Um den lieben Gott und einen falschen Propheten dreht sich die Handlung von Bioshock Infinite - dazu kommt aber auch effektvoll inszenierte und spaßige Action. Golem.de hat das Spiel, das Potenzial hat, ein Klassiker zu werden, ausführlich angespielt.

"Hast du Angst vor Gott?": Das ist der erste Satz, der in Bioshock Infinite fällt - der Bildschirm ist da noch dunkel. Die Antwort: "Nein." Und das ist auch ganz gut so, denn die Handlung und das Szenario des Ego-Shooters von 2K Games spielen unter anderem mit Gottesfurcht, Religion und den Ritualen der Kirche - aber ordentlich Action gibt es natürlich auch. Golem.de konnte eine nahezu fertige Version des von Irrational Games entwickelten Titels bei 2K Games auf der Xbox 360 anspielen.

Der Einstieg von Infinite erinnert an das erste Bioshock. Wieder sind wir mitten in der Nacht auf dem offenen Meer unterwegs - diesmal immerhin vergleichsweise sicher in einem Ruderboot. Wieder gelangen wir dann zu einem Leuchtturm, wieder bringt uns eine Kapsel in einer schön gemachten Sequenz an einen höchst ungewöhnlichen Ort. Diesmal befindet sich der allerdings nicht unterhalb der Wasseroberfläche, sondern in luftiger Höhe über der Stadt Columbia.

Dort landen wir in einer riesigen, in helles Licht getauchten Kirche. Überall stehen Kerzen, im Hintergrund sind christliche Traditionals aus den amerikanischen Südstaaten zu hören - hier hat uns die Musik an den Film O Brother, Where Art Thou? von Joel und Ethan Coen erinnert. Nach einigen Schritten stehen wir inmitten einer Andacht weiß gekleideter Priester, kurz darauf erleben wir in der Ich-Perspektive unsere eigene Taufe - und erfahren, dass wir schon ziemlich nah dran sind am Tag des Jüngsten Gerichts.

London schwerelos

Nach dem Verlassen der Kirche geht es durch eine etwas weniger heilig wirkende Umgebung: Wir marschieren durch die ans London der Oliver-Twist-Zeit erinnernden Straßen von Columbia - die allerdings in der Luft schweben. Den Weg auf den - noch ziemlich linearen - Pfaden weist auf Knopfdruck ein Navigationspfeil direkt in der Welt.

Nach einigen weiteren Überraschungen kommt dann endlich Action ins Spiel, als wir vor einer Bühne stehen und inmitten von Bürgern von Columbia bei einer Verlosung gewinnen. Unser erster Preis ist nämlich ein Paar Sklaven - auch dieses Element aus der Historie der Vereinigten Staaten spielt in der Story von Bioshock Infinite eine gewisse Rolle. Hier können wir erstmals - in engem Rahmen - eine moralische Entscheidung treffen: Wir protestieren gegen den menschenverachtenden Gewinn und bewerfen den Losverkäufer mit dem Los.

Jähes und blutiges Erwachen

Der findet das gar nicht komisch, ruft die Polizei - und von einem Moment auf den anderen schlägt die Stimmung um und wir erwachen aus der idyllischen Traumwelt. Polizisten stürzen sich auf uns, wir schnappen uns eine ihrer Waffen und schlagen mit aller Kraft zurück. An dieser Stelle ist Bioshock Infinity betont blutig, denn bei den Waffen handelt es sich um eine Mischung aus Revolver und Rotor, der etwa den Hals des Opponenten einklemmt und bricht. Für die nächsten paar Minuten ist das unsere einzige Waffe, danach bekommen wir konventionelleres Kampfgerät wie ein Sturmgewehr und eine Schrotflinte.

Ab diesem Moment laufen wir nicht mehr durch das friedliche und uns wohlgesonnene Columbia, sondern gelten als der falsche Prophet - das ist eine Figur, vor der riesige kirchliche Plakate die gottesfürchtige Bevölkerung an allen Ecken und Enden warnen. Wir sind der Erzfeind!

Zum Glück bekommen wir nach und nach neben immer besseren Waffen auch magische Kräfte. Zuerst eine, mit der wir Maschinen positiv beeinflussen können. Aus einem Ticketautomaten etwa holen wir damit auch ohne Geld eine Eintrittskarte. Vor allem aber können wir Selbstschussanlagen der Gegner auf magische Art überreden, kurzzeitig auf unserer Seite zu kämpfen und die feindlichen Polizisten auszuschalten, die an bestimmten Stellen unbegrenzt Nachschub ins Gefecht zu schicken scheinen.

Schlaue Polizisten

Etwas später erhalten wir dann auch einen Flammenzauber, mit dem wir Feuergranaten mit Breitenwirkungen abschießen können. Und nach einer weiteren halben Stunde können wir einen magischen Rabenschwarm auf unsere Gegner scheuchen. Deren KI scheint übrigens ganz solide zu sein: Sie gehen in Deckung und stellen sich auch sonst nicht allzu blöde an - aber die Anforderungen eines Taktikshooters will Bioshock Infinite natürlich gar nicht erst erfüllen. Stattdessen gibt es ab und an kräftige Zwischengegner - für den Raben-Beschwör-Spruch etwa müssen wir erst eine dunkle Kampf-Vogelscheuche besiegen, die sich munter durch die Kampfarena teleportiert.

Das Leveldesign setzt zumindest anfangs auf linear angelegte Umgebungen, allerdings teils mit alternativen Routen - wer mag, kann sich also auch bis in die Nähe der Gegner schleichen, statt den frontalen Angriff zu wählen. Dazu kommt noch die Möglichkeit, dass wir uns mit einer Art Enterhaken an markierte Vorsprünge hängen und so in luftiger Höhe durch die Levels gelangen. Das alles ergibt, gepaart mit den Möglichkeiten der Waffen und Zauber, ein abwechslungsreiches Gameplay mit einer Mischung aus Action und taktischem Vorgehen, das uns gut gefallen hat.

Grafisch holt Bioshock Infinite, das auf der stark modifizierten Unreal Engine 3 basiert, nochmals so ziemlich alles aus der aktuellen Hardwaregeneration, was geht: Die Animationen sind klasse, die Umgebung sieht ebenfalls wunderschön aus. Vor allem aber lebt das Spiel von den ungewöhnlichen Ideen, die so eine in den Wolken schwebende Stadt eben bietet.

Fazit

Nach gut zwei bis drei Stunden ist vorerst Schluss für uns mit Bioshock Infinite. Soweit sich das auf dieser Basis sagen lässt, scheint das Spiel die hohen Erwartungen zu erfüllen. Wer Actionspiele mit intelligenter Handlung und einem interessanten Szenario mag, sollte diesen Titel im Auge behalten. Wer unkomplizierte Hau-drauf-Action mag, gehört wohl nicht so ganz zur Zielgruppe. 2K Games will das Spiel am 26. März 2013 für Xbox 360, Playstation 3 und Windows-PC veröffentlichen.  (ps)


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