Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-far-cry-3-sandbox-spiel-mit-super-spinner-1211-95861.html    Veröffentlicht: 21.11.2012 18:17    Kurz-URL: https://glm.io/95861

Test Far Cry 3

Sandbox-Spiel mit Super-Spinner

Der Urlaub auf der Trauminsel könnte so schön sein - wenn es nur den durchgeknallten Irren mit seiner Privatarmee nicht gäbe. Und wenn die offene Spielewelt von Far Cry 3 etwas lebendiger und interessanter wäre.

Endlich mal kein übermächtiger Held! In so gut wie jedem Ego-Shooter tritt der Spieler als Elitesoldat oder gleich als gentechnisch manipulierter Chefkämpfer an. In Far Cry 3 ist das anders: Da steuern wir eine Hauptfigur, mit der wir uns einigermaßen identifizieren können. Eigentlich möchten wir als Jason Brody nur Sporturlaub auf einer Trauminsel mitten im Ozean machen. Aber dann erwachen wir direkt nach dem Spielstart gemeinsam mit einem unserer Brüder gefesselt in einem Bambuskäfig. Davor steht ein entweder psychopathischer oder drogenkranker Spinner namens Vaas, der wirres Zeug redet und uns beschimpft - und der natürlich eine Waffe in der Hand hat.

Zwar können wir nach wenigen Minuten entkommen, aber der Bruder stirbt in unseren Armen. Nach einer halsbrecherischen Flucht - Vaas eröffnet die Jagd mit einem zynischen "Run, Forrest, run" - fallen wir nahezu gleichzeitig in einen Fluss und in Ohnmacht. Und wir erwachen im Dorf der Rakyat, den friedlichen Ureinwohnern des Eilands. Wir sollen helfen, Vaas und seine räuberische Bande loszuwerden. Dafür bekommen wir im Gegenzug Unterstützung bei der Befreiung unserer noch gefangenen Freunde.

Far Cry 3 bietet eine offene Welt. Ähnlich wie in Assassin's Creed 3, das ebenfalls bei Ubisoft entstanden ist, können wir uns weitgehend frei bewegen. Auf der jederzeit bereitstehenden Karte zeigen uns Symbole an, wo es was zu tun gibt: Ein kleiner Hirsch etwa steht für ein Jagdgebiet, ein stilisiertes Auto für eine Transportmöglichkeit, zwei Dreiecke für eine Schnellreisemöglichkeit, ein Brief für eine Boten-Nebenmission. Um alle Teile der Karte freizuschalten, müssen wir klettern. Allerdings nicht auf Kirchen-, sondern auf insgesamt 18 Funktürme.

Eine gelbe Markierung zeigt uns an, wo die Haupthandlung weitergeht - aber wenn wir wollen, können wir uns auch stundenlang mit anderen Aufgaben beschäftigen. Vor allem auf die Jagd sollten wir möglichst rasch gehen. Denn anfangs können wir nur eine einzige Schusswaffe tragen - für die wir auch nicht allzu viel Munition haben. Um den zweiten von vier Waffenslots freizuschalten, müssen wir eine Tasche bauen. Und dafür müssen wir eine Ziege erlegen und ihr dann das Fell abziehen, was in einer nicht sehr gelungenen, mäßig ekligen Animation geschieht.

Das Leder verarbeiten wir dann mit wenigen Mausklicks im "Herstellen"-Menü weiter zu besagtem Waffenslot. Die Prozedur müssen wir dann mehrfach mit anderen Tieren - darunter auch Hunden - erledigen, um noch mehr Knarren, aber auch Geld und sonstige Ausrüstung mit uns schleppen zu können. Vor allem zu Beginn verbringt der Spieler so nicht nur viel Zeit beim Jagen, sondern auch in den langweiligen, unübersichtlichen Menüs, in denen er ähnlich einfach auch Medizin aus abgeschnittenen Pflanzen erzeugt.

Künstlich riesige Spielewelt

Nicht nur beim Herstellen von Ausrüstung, auch in einigen anderen Punkten wirkt Far Cry 3 nicht sehr glaubwürdig. Zwar ist die Haupthandlung packend und mit sehr guten Zwischensequenzen in Szene gesetzt - aber der Rest wirkt teils generisch und beliebig. Botenmissionen etwa nehmen wir an, indem wir uns auf ein sinnlos in der Landschaft herumstehendes Quad-Bike schwingen. Anschließend fahren wir die Route anhand von Leuchtfeuern ab, die irgendwer in der Landschaft verteilt hat.

Auch der Ausgang der Überfälle auf feindliche Camps hängt in erster Linie vom Zufall ab, weniger von unserem tatsächlichen Können. Wir haben mehrfach erlebt, dass wir immer wieder bei einer solchen Befreiungsaktion nach wenigen Augenblicken von Piraten erschossen wurden. Und bei der leicht genervten, x-ten Wiederholung, bei der wir uns schon gar nicht mehr so richtig Mühe gegeben haben, war der Einsatz - bei dem nach einigen Augenblicken immer Unterstützung durch computergesteuerte Ureinwohner angefahren kommt - nach wenigen Sekunden erfolgreich abgeschlossen, die rote Fahne der Gegner durch unsere blaue ersetzt.

Die Missionen der Haupthandlung sind spürbar komplexer. Sie bieten eine meist ganz gelungene Mischung aus offenem Kampf und Schleicheinlagen. Letzteres ist in Far Cry 3 nicht sonderlich schwierig: Wer kniet und sich nicht bewegt, kann sich kurz im Sichtbereich einer Wache aufhalten, ohne dass gleich Großalarm gegeben wird. Für absolvierte Haupt- und Nebenmissionen sowie durch sonstige Aktivitäten bekommen wir Erfahrungspunkte, die wir in drei Talentbäumen in eine Fähigkeit investieren, beispielsweise in verbesserte Regeneration oder höhere Trefferraten. Nett: Die Fortschritte unserer Selbstoptimierung sehen wir anhand zusätzlicher Tätowierungen auf unserem Unterarm.

Reisen mit Hindernissen

Wie im letzten, in Afrika angesiedelten Far Cry 2 verbringen wir einen großen Teil der Spielzeit auf Straßen, denn diese führen zu allen Orten, zu denen keine Schnellreise verfügbar ist, und das sind die meisten. Entweder laufen wir zu Fuß über die Insel oder wir schnappen uns eines der frei herumstehenden Autos, nehmen einen Flugdrachen oder sausen mit dem Motorboot am Ufer entlang.

Zwar gibt es keine festen Straßensperren, aber zwischendurch müssen wir uns immer wieder mal mit patrouillierenden Gegnern auseinandersetzen. Die Kämpfe sind nicht allzu schwierig, trotzdem haben sie einen gewissen Frustfaktor: Es kommt leicht mal vor, dass wir eine Kugel zu viel fangen - oder auch, dass mitten in den Schießereien ein Leopard auftaucht und uns von hinten anfällt. Mit etwas Glück räumt das Biest aber auch mit unseren Feinden auf. Das Programm speichert Checkpoints automatisch, außerdem lässt sich zumindest am PC der Spielstand außerhalb von Missionen manuell sichern.

Multiplayer, Grafik und Fazit

Das Programm bietet eine spezielle kurze Kampagne für Fans des Koop-Modus. Die dreht sich um vier unterschiedliche Figuren, die von einem Schiff entkommen und dann auf der Insel landen - und sich dort natürlich allerlei Kämpfe liefern. Der Multiplayermodus setzt stark auf Teamplay-Spielarten, in denen man durch das Sammeln von Erfahrungspunkten immer bessere Waffen und Ausrüstung freischaltet. Sowohl der Koop- als auch der Multiplayer-Modus waren mit unserer Testversion unter anderem wegen fehlender Mitstreiter nicht sinnvoll spielbar.

Die Grafik von Far Cry 3 macht vor allem auf leistungsstarken PCs eine sehr gute Figur. Zwar trickst das Programm auch bei diesen bei der Fernsicht, indem es etwa sehr weit entfernte Gegenden extrem vereinfacht darstellt. Aber die Texturen sind fast durchgehend sehr scharf, die Licht- und Schatteneffekte gelungen, die meisten Animationen sauber. Auf Konsole sieht das weniger gut aus - vor allem die Texturen sind längst nicht so scharf.

PC-Spieler benötigen mindestens einen Rechner mit einem 2,66 GHz schnellen Intel Core 2 Duo E6700 oder einem 3,00 GHz schnellen AMD Athlon 64 X2 6000+ als Prozessor, 4 GByte RAM und eine Grafikkarte mit 512 MByte, die neben DirectX-9 auch Shader Model 4.0 unterstützt. Wer wirklich alle Optionen auf optimal stellen möchte, muss mindestens eine CPU vom Typ Intel Core i7-2600K oder AMD FX-4150 im Rechner haben. Dazu sollten noch 8 GByte kommen sowie eine Grafikkarte mit 1.024 MByte, die auch DirectX-11 unterstützt.

Far Cry 3 ist für Xbox 360, Playstation 3 und Windows-PC ab dem 29. November 2012 verfügbar. Auf Konsole kostet das Spiel rund 60, auf PC rund 50 Euro; teurere Sammlerausgaben sind erhältlich. Die PC-Version muss einmal auf Uplay - dem Steam-Gegenstück von Ubisoft - aktiviert werden. Die Kampagne funktioniert im Offlinemodus auch ohne Internetverbindung, ein Weiterverkauf des Spiels ist nicht möglich. Hierzulande erscheint eine ungeschnittene, gut lokalisierte deutsche Version. Von der USK hat das Programm eine Freigabe ab 18 Jahren bekommen.

Fazit

Eine stimmige Welt bietet Far Cry 3 leider nur auf den ersten Blick. Da sieht die Insel des Actionspiels toll aus, insbesondere auf dem PC. Auch die Story um den Irren Vaas und unser Überleben ist stark in Szene gesetzt und bietet gelungene Überraschungen.

Abseits der Haupthandlung haben wir zwar die gleiche schöne Welt. Allerdings wirkt sie selten so glaubwürdig, wie wir uns das wünschen würden. Schade, dass wir mit anderen Menschen nicht zumindest per Dialog in Kontakt treten können, und dass viele Nebenmissionen so generisch wirken. Stellenweise haben wir uns auf der Insel wie in einer riesigen und toll aussehenden, aber auch etwas leeren Multiplayermap gefühlt.

Far Cry 3 ist ein gutes Spiel - aber abgesehen von der Kampagne braucht es auf der Sandbox-Insel eine gehörige Portion Selbstmotivation, um nicht die Lust am Erkunden und Verbessern der Fähigkeiten zu verlieren.  (ps)


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