Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/spieletest-halo-4-alter-held-in-neuem-glanz-1211-95550.html    Veröffentlicht: 06.11.2012 15:08    Kurz-URL: https://glm.io/95550

Test Halo 4

Alter Held in neuem Glanz

Aufgewacht: Über vier Jahre Kryoschlaf sind für einen Haudegen wie den Master Chief mehr als genug. In Halo 4 rettet er mal wieder die Menschheit - dank toller Inszenierung und schöner Grafik ein echter Spaß.

"Glauben Sie, dass der Master Chief deshalb Erfolg hatte, weil er tief in seinem Inneren zerrüttet war?" Diese Frage fällt im Renderintro von Halo 4 - und das, obwohl wir uns am Anfang nicht nur Sorgen um die Psyche der Hauptfigur machen müssen, die seit ein paar Jahren im Kälteschlaf vor sich hindämmert. Noch viel schlechter geht es Cortana, unserer KI-Begleiterin: Die sieht zwar immer noch bildhübsch aus wie früher, aber ihre Schaltkreise degenerieren - alterungsbedingt. Nur Not und Elend also?

Nein! Zwar scheinen Helden mit depressiver Verstimmung derzeit schwer angesagt zu sein - siehe James Bond. Aber in einem Titel wie Halo 4 haben wir als Master Chief wenige Minuten nach dem Start der Kampagne natürlich unser goldenes Visier wieder enteist und vollen Durchblick beim Kampf für das Überleben der menschlichen Zivilisation. Denn die befindet sich mal wieder in höchster Gefahr: Der Oberschurke Didaktiker verfolgt seine finsteren Pläne.

Wer sich über den merkwürdigen Namen wundert, kann es gerne noch etwas komplizierter haben - denn der Didaktiker steht in enger Beziehung zu einem gewissen Bibliothekar, und beide haben viel mit den Blutsvätern und der Flut zu tun. Halo-Veteranen, die sich eingehender mit der Spielewelt beschäftigt haben, mögen hier wissend nicken. Für alle anderen ist das viele vorausgesetzte Hintergrundwissen das einzige kleine Ärgernis bei der insgesamt trotzdem noch verständlichen, packend erzählten Handlung.

Nach dem Auftakt im Raumschiff UNSC Dawn geht es bald hinaus in die Weiten des Alls - sogar im wahrsten Sinne des Wortes, denn wir sind als Master Chief auch kurz auf der Hülle der Dawn unterwegs. Außerdem kämpfen wir in einer mysteriösen Raumstation im typischen Halo-Stil, also mit riesigen, ins Unendliche führenden Plattformen, Energiebrücken und metallisch glänzenden Oberflächen. Aber auch in einem Dschungel und einer kargen Wüstenlandschaft sind wir unterwegs - so gut wie immer übrigens in weitgehend linearen Levels und ohne echte spielerische Freiheit.

Langweilig wird es trotzdem nicht, denn das von 343 Industries entwickelte Halo 4 bietet höchst unterschiedlich aussehende Umgebungen und vor allem viel spielerische Abwechslung. Mal kämpfen wir uns durch enge Gänge und erledigen einen Trupp von Aliens nach dem anderen, mal haben wir es in einem großen Talkessel mit mehreren Gruppen gleichzeitig zu tun - oder bekommen statt der üblichen kleinen bis mittelgroßen Angreifer einen besonders dicken und entsprechend herausfordernden Brocken von Alien vor die Nase gesetzt.

An einigen Stellen bekämpfen sich die unterschiedlichen Fraktionen der Außerirdischen gegenseitig. Dann können wir entweder warten, bis sie sich zumindest gegenseitig den Garaus gemacht haben - was aber nicht immer der Fall zu sein scheint, jedenfalls ziehen sich die Gefechte sehr in die Länge. Mehr Spaß macht es, wenn wir ins Geschehen eingreifen - obwohl wir dann natürlich alle Feinde gegen uns haben.

Vehikelkampf mit Warthog und Ghost

Auch Vehikel spielen wieder eine wichtige Rolle. Als Master Chief können wir wieder im Warthog-Buggie übers Gelände rollen, aber auch andere Klassiker aus dem Serienfuhrpark sind erneut im Angebot und mehr oder weniger sinnvoll in die Handlung integriert. In einer längeren Sequenz müssen wir beispielsweise im Ghost-Schwebegleiter unbeschadet möglichst schnell durch ein langes, einstürzendes Felstal kommen. Die Steuerung finden wir klasse, auch Einsteiger dürften mit den Fahr- und Flugzeugen sofort zurechtkommen und Spaß haben.

Neben den wie immer wunderbar animierten Covenant-Aliens bekommen wir es auch mit den neuen Prometheanern zu tun. Die haben neben einigen größeren Soldaten auch kleine, an Hunde erinnernde Roboter im Angebot. Das Mehr an Gegnervielfalt ist angenehm, aber ein bisschen sind wir von den Prometheanern zusätzlich auch enttäuscht: Die Aliens wirken arg generisch und haben längst nicht so viel - teils skurrilen - Charakter wie einige der anderen Kreaturen in Halo.

KI, Grafik und Fazit

Die KI ist serientypisch gut, aber in den meisten Fällen weniger auf Effektivität im Kampf ausgelegt. Sondern auf Spaß für den Spieler - etwa, wenn der ausbrechendes Chaos gnadenlos ausnutzen und so auch größere Gruppen ohne allzu große Probleme ausschalten kann. Dazu passt übrigens die Beschreibung der vier Schwierigkeitsstufen vor dem Start der Kampagne: "Verfolgen Sie lachend, wie hilflose Opfer voller Panik vor ihrem unausweichlichen Tod fliehen", so die Entwickler über "Einfach".

Ebenfalls schon mehr oder weniger aus dem Vorgängern bekannt ist das Waffenarsenal. Auch in Halo 4 müssen wir alle paar Minuten unsere leer gefeuerten Waffen gegen eine Knarre austauschen, die vorher noch ein Alien in seiner außerirdischen Faust getragen hat. Der Master Chief trägt nicht mehr als zwei unterschiedliche Waffen bei sich, Munitionsvorräte kann er keine anlegen. Das System sorgt für vergleichsweise viel Dynamik, weil man sich kaum einbunkern und dann aus sicherer Deckung feuern kann, sondern sich auch im Kampf mal dringend auf die Suche nach Nachschub begeben muss. Über die linke Schultertaste können wir außerdem einige Extrakräfte aktivieren. So gibt es ein Schutzschild, das uns für einige Augenblicke vor Kugeln schützt, sowie eine Art Unsichtbarkeitsgerät und ein Jetpack - klingt spannend, aber in der Kampagne kommt man auch ohne die Gadgets gut zurecht.

Unter grafischen Gesichtspunkten spielt Halo 4 in der absoluten Topliga auf der Xbox 360. Da trüben so gut wie nie Ruckler das Bild, Farben und Texturen sind scharf und knackig, Explosionen knallig und fett. Die Animationen sind in den Zwischensequenzen genauso großartig wie im Spiel. Dazu kommen kaum Grafikfehler, die Sichtweite in den - allerdings meist kleinen Umgebungen - ist sehr gut.

Neben der eigentlichen Kampagne gibt es noch zwei weitere Spielmodi, die beide von der zweiten DVD auf der Festplatte der Xbox 360 installiert werden müssen. "Kriegsspiele" ist die etwas merkwürdige Bezeichnung für den Multiplayermodus, der neun Untermodi wie "Kampf um die Flagge" und "Herrschaft" bietet. Wichtigste Neuerung ist ein Klassensystem, das dezent an Call of Duty erinnert und uns die Möglichkeit gibt, unser Alter Ego individuell mit Primär- und Sekundärwaffen und sonstiger Ausrüstung zu versehen; auch die schon bekannte Schmiede ist in Halo 4 enthalten.

Die Zweitkampagne

Unter der Bezeichnung Spartan Ops gibt es eine zweite Kampagne zum Herunterladen, die wie die erste sowohl im Einzel- als auch Koopmodus spielbar ist. Zum Test lag diese Kampagne, die auch Zwischensequenzen und eine Handlung bieten soll, noch nicht vor. Sie soll langfristig mit einer neuen Episode pro Woche fortgesetzt werden.

Halo 4 ist nur für die Xbox 360 verfügbar und kostet rund 60 Euro. Die hierzulande erhältliche Version ist ungeschnitten, uns haben die deutschen Sprecher nicht gut gefallen - insbesondere Cortana, die uns zu wenig nach Computer klingt. Die Originaldateien befinden sich leider nicht auf der DVD. Die USK hat eine Freigabe ab 16 Jahren erteilt.

Fazit

Der Master Chief ist wieder in Bestform! Halo 4 fühlt sich durch bewährte Zutaten wie den regelmäßigen Wechsel der Waffen, die abwechslungsreichen Gefechte und die gelungene künstliche Intelligenz der Gegner wieder wie ein echtes Halo an.

Trotz der serientypischen Elemente wirkt das Actionspiel aber auch erstaunlich frisch und unverbraucht - was in erster Linie der erstklassigen Inszenierung und der tollen Grafik zu verdanken ist. Das wahrscheinlich letzte Halo für die aktuelle Version der Xbox 360 ist zugleich der bisherige Höhepunkt der Serie.

Nachtrag vom 6. November 2012, 22:41 Uhr

Das kurze Fazit-Video wurde durch ein ausführlicheres Test-Video ersetzt. Es stellt unter anderem die Prometheaner näher vor und zeigt Szenen aus dem Mehrspielermodus von Halo 4.  (ps)


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