Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-rocksmith-gitarrenlehrer-gnadenlos-1210-95276.html    Veröffentlicht: 24.10.2012 15:05    Kurz-URL: https://glm.io/95276

Test Rocksmith

Gitarrenlehrer Gnadenlos

"Jeder kann Gitarre oder Bass spielen", verspricht Ubisoft mit Rocksmith. Im Gegensatz zu Guitar Hero und Rock Band erlaubt das neuartige Musikspiel, statt eines Plastikinstruments eine echte Gitarre an PC oder Konsole anzuschließen.

Golem.de-Videoredakteur Daniel Pook hat in den vergangenen drei Wochen jeden Tag mit Rocksmith Gitarrespielen geübt, um nun ein Zwischenfazit seines Lernerfolgs zu ziehen. Seine vorherige musikalische Laufbahn geriet übrigens schon in der Grundschulzeit beim Glockenspiel ins Stocken. Er hat diesen Selbstversuch entsprechend als mutiger, weil blutiger Anfänger gestartet.

Bereits beim Stimmen der Gitarre zeigt Rocksmith eine seiner großen Stärken. Es erkennt nicht nur, ob die Töne richtig klingen. Es gibt sie auch genau so wieder, wie ich sie in der Realität anspiele. So etwas funktioniert mit den Plastikinstrumenten von Rock Band und Guitar Hero natürlich nicht. Bei der Konkurrenz werden nur vorgefertigte Töne auf Knopfdruck ausgelöst.

Beim ersten Spielstart erklären mir deutsch synchronisierte Tutorial-Videos das Grundprinzip von Rocksmith. Wer andere Musikspiele kennt, fühlt sich hier gleich wohl. Bunte Symbole fahren über ein in mehrere Sektionen unterteiltes Laufband. Sind sie an einem bestimmten Punkt angelangt, muss ich an der Gitarre aktiv werden. Je nach Position, Form und Farbe der Symbole gilt es, bestimmte Töne mit einer bestimmten Grifftechnik anzuspielen.

In der ersten Übung ist das ganz einfach. Ich spiele noch keine Akkorde, sondern zupfe nur einzelne Töne. In welchem Bund ich die Saiten am Gitarrenhals herunterdrücken muss, verraten Nummern auf dem Bildschirm. Mit Aufklebern, die Rocksmith beiliegen, habe ich die zugehörigen Stellen am Instrument markiert. Im Tutorial gibt mir das Spiel Zeit, meine ungeübten Finger zu koordinieren. Mache ich einen Fehler, pausiert die Partie, spult zurück und lässt mich die verkorkste Passage wiederholen. Ich kann meinen Blick in Ruhe zwischen Monitor und Instrument hin- und herwandern lassen.

Orientierungslose Reise für Anfänger

So viel Gnade erfahre ich schon kurz darauf nicht mehr. Nach der knappen Einleitung werde ich in den "Reise" genannten Karrieremodus entlassen. Hier begleite ich im Proberaum die Originalversionen bekannter Rocksongs wie "Sweet Home Alabama" oder "(I Can't Get No) Satisfaction", um sie schließlich beim großen Auftritt noch einmal alle hintereinander zu absolvieren. Die grafische Präsentation hat dabei höchstens Kellerstubencharme, dafür klingt Rocksmith fantastisch. Und darauf kommt es bei einem Musikspiel mit Realismusanspruch letztendlich am meisten an.

Der dynamische Schwierigkeitsgrad erweist sich dagegen als wahrer Motivationskiller. Spiele ich ein Lied in seiner simpelsten Form einmal gut, werde ich beim nächsten Anlauf mit zusätzlichen Noten und mir bis dahin unbekannten Techniken konfrontiert. Das Spieltempo ist grundsätzlich sehr hoch, der obere Bereich des Notenlaufbands oft unübersichtlich .

Der Lernfaktor im Karrieremodus bleibt für mich so komplett aus. Immer wenn ich auf der Anfängerstufe Sicherheit gewinne, werde ich vom automatischen Schwierigkeitsgrad sogleich heillos überfordert. Manuell kann ich die Anforderungsstufe nicht regeln, erst nach mehrmalig schlechter Leistung werden die Lieder wieder einfacher. Erste Lernansätze behutsam zu vertiefen, ist so unmöglich.

Diese Aufgabe erfüllen andere Sektionen von Rocksmith besser. Im Modus Riff-Repeater darf ich von mir gewählte Abschnitte eines Songs wiederholen, bis ich sie beherrsche. Ganz wie im eingangs gelobten Eröffnungstutorial. Eine große Bibliothek voller etwas zu kurz gehaltener Erklärungsvideos und zugehöriger Trainingseinheiten behandelt jede Technik, von der ich im Zusammenhang mit Gitarren je gehört habe. Im Arcademodus trainiere ich spielerisch mit Varianten wie Entenschießen meine Reflexe: richtige Note getroffen, Ente tot, Zeitbonus und Punkte für mich.

Wenn das Lernen doch auch so einfach wäre. Die in biederen Menüs versteckten Trainingsmodi sind umfangreich und gut gemeint, für mich als Neuling aber zu unstrukturiert. In welcher Reihenfolge soll ich all diese Griffe lernen? Wie verbinde ich die verschiedenen Techniken miteinander? Und wie halte ich meine Gitarre eigentlich korrekt? Letztere Frage gehört zu den Basics, die mir Rocksmith sogar überhaupt nicht beantwortet.

Tipps und Trainingsvorschläge, die mir während der "Reise" vorgeschlagen werden, wirken willkürlich zusammengestellt. Schlussendlich habe ich nie das Gefühl, Rocksmith würde sich nach meinem Lernfortschritt richten. Viel mehr will es mir ein Tempo aufdrängen, das ich nicht mitgehen kann. Meine einzige sinnvolle Option ist nun, mir meine Gitarrenschule im Menü selbst zusammenzustellen. Dafür fehlt mir wiederum das Fachwissen.

Umfangreiche Werkzeugkiste für Profis

Trotzdem möchte ich nicht unerwähnt lassen, was Rocksmith für fortgeschrittene Musiker gewiss sehr interessant macht: Jede getroffene Note im Spiel beschert Punkte, die verschiedene Toneffekte als Belohnung freischalten. Mit diesen Amps simuliert Rocksmith sehr überzeugend unterschiedliche Gitarren, Pedale und Verstärkertypen. Bei deren Kombination darf der Spieler kreativ sein, um seiner Musik einen neuen Klang zu verleihen.

Eigene Lieder einzuspielen und aufzunehmen ist nicht möglich, nach Lust und Laune ohne Vorgabe zu einem der 49 mitgelieferten Songs zu klimpern, dagegen schon. Die in der europäischen Spielversion hinzugefügte Auswahl, anstatt Gitarre auch Bass spielen zu können, erweitert den Umfang zusätzlich. Das grundsätzliche Spielprinzip verändert sich dabei nicht, am Bass gibt es aber natürlich ganz andere Techniken zu erlernen als an der Gitarre.

Im lokalen Mehrspielermodus rocken bis zu zwei Spieler kooperativ miteinander, wobei ihre Highscores getrennt angezeigt werden. Mit angeschlossenem Mikrofon darf außerdem gesungen werden, wofür es allerdings keine Extrapunkte gibt. Als einzige Onlinefunktion stehen für Geld herunterladbare Lieder zur Verfügung. Das nach und nach wachsende Angebot ist in Europa zum Zeitpunkt des Verkaufsstarts jedoch noch deutlich kleiner als in den USA.

Rocksmith liegt ein 6,35-mm-Klinkenstecker-Anschlusskabel bei, mit dem eine Gitarre über USB mit PC, Xbox 360 oder Playstation 3 verbunden werden kann. Die Grundversion des Spiels kostet 80 Euro. Wer noch kein Instrument besitzt, kann zum Bundle mit der Einsteigergitarre Epiphone Les Paul Junior greifen, das zu Preisen zwischen 180 und 200 Euro angeboten wird. Bei Steam gibt es Rocksmith ganz ohne Zubehör für 50 Euro zum Herunterladen. Das Programm ist bereits erhältlich und hat eine USK-Freigabe ab 6 Jahren erhalten.

Fazit

Jeder kann Gitarre oder Bass spielen, die Frage ist eben nur, wie gut. Ich habe bis jetzt nicht das Gefühl, Rocksmith alleine könnte aus mir einen annehmbaren Gitarristen machen. Zu durcheinander wirkt das Lernkonzept, zu viele Grundlagen werden nicht vermittelt. Das Programm hat mich als Anfänger nicht oft genug an die Hand genommen.

Das direkte Feedback des an Konsole oder PC angeschlossenen Instruments macht Rocksmith für Gitarrenschüler trotzdem zu einer sinnvollen Ergänzung. Was Sachbuch oder Lehrer als nächsten Schritt vorgeben, kann mit Rocksmith gezielt trainiert werden. Fortgeschrittene Musiker arbeiten selbstständig an ihren Schwächen und lernen gleichzeitig, bekannte Songs nachzuspielen.

Für richtige Profis kann es darüber hinaus reizvoll sein, den Kreativmodus zu nutzen und mit den verschiedenen Verstärkereffekten herumzuspielen.

Rein technisch gesehen ist Ubisoft ein mutiger Schritt gelungen, den Musikspielemarkt in eine neue, anspruchsvollere Richtung zu lenken. Die maue Präsentation und fehlende Zugänglichkeit lassen jedoch nur eine kleine Zielgruppe das Potenzial von Rocksmith auskosten.  (dp)


Verwandte Artikel:
Freestyle mit dem Gitarrencontroller   
(18.02.2009, https://glm.io/65377 )
Spieletest: Rhythm Paradise - Taktgefühl im Stylus   
(15.05.2009, https://glm.io/67147 )
Spielebranche: Ubisoft bereitet sich auf Next-Gen-Konsolen vor   
(16.05.2012, https://glm.io/91844 )
Rocksmith: Musikspiel mit echten E-Gitarren   
(16.03.2011, https://glm.io/82142 )
Viacom vs. Harmonix: Millionenstreit um Rock Band eskaliert   
(28.12.2011, https://glm.io/88695 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/