Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-ubuntu-12-10-quantal-quetzal-ist-noch-ziemlich-langsam-1210-95171.html    Veröffentlicht: 18.10.2012 18:17    Kurz-URL: https://glm.io/95171

Test Ubuntu 12.10

Quantal Quetzal ist noch ziemlich langsam

Ubuntu 12.10 trägt den Beinamen Quantal Quetzal. Schnell ist die aktuelle Version von Ubuntu jedoch nicht geworden. Im Gegenteil: Der Unity-Desktop hat zwar fast keine optischen Macken, reagiert allerdings träge. Dafür sieht er immer besser aus.

Nach der LTS-Version im April 2012 hat Canonical mit Ubuntu 12.10 wieder eine Variante mit vielen Neuerungen veröffentlicht. Viel Arbeit haben die Entwickler in die optische Verfeinerung des Unity-Desktops gesteckt. Dabei haben sie aber weniger auf die Geschwindigkeit geachtet. Auch mit proprietären 3D-Treibern verlangsamen die Effekte das System. Canonicals Bestreben, neue Geldquellen zu erschließen, verärgert die Anwender. Zudem müssen sich Besitzer eines Notebooks mit dem weitverbreiteten Prozessor Pentium M wie schon in Ubuntu 12.04 einen eigenen Kernel besorgen. Unseren Test haben wir auf einem Notebook mit dem Zweikernprozessor T9550 von Intel und der Grafikkarte GT 130M von Nvidia durchgeführt.



Auf dem letzten Ubuntu Developer Summit wurde noch diskutiert, ob der aktuelle Linux-Kernel 3.6 in Ubuntu eingesetzt werden solle. Das Kernel-Team bei Canonical hatte seine Entscheidung von dessen Erscheinungstermin abhängig gemacht. Offensichtlich war Linux 3.6 entweder zu spät erschienen oder Canonical erachtete dessen Funktionen als nicht maßgeblich, denn in Ubuntu 12.10 ist der Linux-Kernel 3.5 integriert, der noch Ende Juli 2012 veröffentlicht worden war.



Für Benutzer eines Laptops mit einem Pentium-M-Prozessor ist der Linux-Kernel in Ubuntu 12.10 nicht geeignet. Denn dieser setzt zwingend PAE (Physical Address Extension) voraus, was diese CPU-Reihe nicht unterstützt. Offiziell will Canonical einen Kernel mit deaktiviertem PAE nicht bereitstellen. Vermutlich wird einer in den inoffiziellen PPAs angeboten werden. Mit der Vorgängerversion Pentium 4 hingegen funktioniert Ubuntu 12.10 weiterhin.

Aktuelles Mesa

Aktuell ist dagegen der Grafikstack. Die Entwickler haben es geschafft, den Xserver 1.13 samt Mesa 9.0 in Ubuntu 12.10 zu integrieren. Zwar können die freien Nvidia- und Radeon-Treiber das dort umgesetzte OpenGL 3.1 noch nicht nutzen, dennoch kommen die Treiberversionen mit aktuellen Grafikchipsätzen der beiden großen Hersteller zurecht, darunter Nvidias Geforce-FX, -6 und -7 sowie einige Quadro-Varianten und AMDs Radeon-HD-7000-Serie. Der Xserver 1.13 verspricht weicheres Scrolling und eine bessere Unterstützung für hybride Grafikchipsätze, die zur Laufzeit aktiviert werden können. Der proprietäre Treiber von Nvidia unterstützt den unter Linux-Desktops verbreiteten Randr-Standard für die Konfiguration des Monitors.

Der Umstieg von Unity 2D auf LLVMPipe machte sich sofort bei der Installation bemerkbar. Auf unserem Notebook mit Nvidia-Chipsatz fehlte mit dem freien Nouveau-Treiber die 3D-Beschleunigung. Für 3D-Effekte mit Compiz auf dem Unity-Desktop wird der Software-Renderer LLVMPipe verwendet. Entsprechend langsam startete die grafische Oberfläche und reagierte etwas zäh, wenn auch ohne grafische Fehler. Erst nachdem wir den proprietären Treiber von Nvidia nachinstallierten, lief Ubuntu flüssig. LLVMPipe ist damit lediglich eine Notlösung und vor allem für den Einsatz auf Rechnern mit schwächerer CPU kaum geeignet. Damit fällt einer der wesentlichen Vorteile von Linux weg, denn dessen Entwickler bemühen sich seit jeher um die Kompatibilität mit älterer Hardware.

Viel Neues bei Unity

Compiz liegt in Version 0.98 vor und unterstützt künftig OpenGL ES 2.0. Damit lässt sich die ARM-Variante von Ubuntu 12.10 beispielsweise auf der Entwicklerplatine Pandaboard installieren und nutzen.

Ubuntu 12.10 setzt weiterhin auf die Startumgebung Upstart und verzichtet auf Systemd, das in anderen Distributionen wie Fedora oder Opensuse bereits zum Einsatz kommt. Im Anmeldungsmanager LightDM haben Canonicals Entwickler eine Option für den Fernzugriff und einen Gastzugang für das schnelle Anmelden am Rechner implementiert.

Optisch aufgehübscht

Den Unity-Desktop haben die Entwickler bei Canonical auf Version 6.8 aktualisiert. Dort sind vor allem optische Veränderungen vorgenommen worden, etwa eine klare Trennung von Rubriken in den Linsen oder verbesserte Icons in den Benachrichtigungsfeldern. Außerdem lassen sich die Icons im Dash beliebig platzieren, lediglich der Mülleimer und das Icon der Dash-Startseite haben einen festgelegten Platz.

Nervige Amazon-Suche

Viel Ärger hat sich Canonical mit seiner Entscheidung eingehandelt, die Suche bei Amazon in das Dash-Menü zu integrieren. Zu Recht, denn die Hinweise auf Bücher, Musik oder Filme wirken oftmals deplatziert, etwa wenn der Film Nacho Libre mit Joe Black bei einer Anwendersuche nach Libreoffice als Kaufangebot erscheint.

Canonical hat bereits auf die Kritik reagiert und in den Einstellungen zur Privatsphäre in den Systemeinstellungen eine entsprechende Option zum Abschalten der Suchergebnisse eingebaut. Die Hinweise auf angebotene Musik in Ubuntu One Music verschwinden damit ebenfalls. Software wird im Software Center aber weiterhin angeboten. Wer die sogenannte Shopping-Linse komplett deinstallieren will, kann das mit der Befehlszeile apt-get remove unity-lens-shopping tun.

Mehr Dateiinformationen

Praktisch sind die zusätzlichen Informationen, die in Dash nach einem Klick mit der rechten Maustaste auf einzelne Dateien angezeigt werden, etwa Exif-Daten bei Fotos oder zusätzliche Informationen zu Softwarepaketen.

Um die Installation von Updates kümmert sich das optisch überarbeitete Software Center künftig auch und sucht beim Start nach möglichen Aktualisierungen. Die Installation von proprietären Treibern erfolgt etwas versteckt in den Systemeinstellungen unter Software-Paketquellen statt wie bisher über Jockey.

Web-Apps, Web-Apps

Dort befindet sich auch die Möglichkeit, Onlinekonten neu einzurichten oder zu verwalten, etwa für Facebook oder Twitter. Alternativ können dafür Web-Apps genutzt werden. Ruft der Anwender in Firefox oder Chrome eine Webseite auf, für die es eine Web-App gibt, weist Ubuntu darauf hin und bietet die Installation an.

Dann kann die Web-App für einen schnellen Zugriff im Dash-Launcher untergebracht werden. Sie bieten aber auch zusätzliche Funktionen: Bei Twitter etwa wird der Nutzer auf neue Tweets im Benachrichtigungsfeld hingewiesen. Mit der Youtube-Web-App lassen sich Videos über das Lautstärkemenü pausieren.

Aktuelles Gnome, älterer Nautilus

Libreoffice liegt in der Version 3.6.2 bei und wurde in das HUD-Menü integriert. Zuvor war das nur mit Plugins möglich. Firefox liegt ebenso wie Thunderbird in der Version 16.0.1 vor. Der komplette Umstieg auf Python 3 ist indes nicht mehr gelungen. In der Standardinstallation gibt es sowohl Python 2.7 als auch 3.2.

Wirbel gab es auch um Gnome 3.6, auf dessen Unterbau Ubuntu noch weitgehend setzt. Die Gnome-Entwickler hatten den Dateimanager Nautilus an die Gnome-Shell angepasst und zahlreiche Funktionen entfernt, etwa die Baumansicht oder die geteilte Ansicht. Deshalb hat Canonical Nautilus 3.4 so angepasst, dass es in Ubuntu läuft. Ähnlich war bereits das Linux-Mint-Team verfahren. Dort wird der Nautilus-Fork Nemo in der Benutzeroberfläche Cinnamon verwendet.

Grub2 und UEFI

Buchstäblich in letzter Minute entschied Canonical, in Ubuntu 12.10 beim Bootloader Grub2 zu bleiben. Zuvor hatten die Entwickler Bedenken, die GPL-Lizenz, unter der Grub2 steht, könnte dazu führen, dass auch die für Secure Boot auf Mainboards mit UEFI benötigten, geheimen Signaturschlüssel veröffentlicht werden müssen. Nachdem die FSF, Inhaber der Grub2-Lizenzen, versichert hatte, dass das nicht der Fall sein werde, revidierte Canonical seine Entscheidung, stattdessen den Bootloader Efilinux von Intel zu verwenden.

Canonical will aber weder den Kernel noch die Treiber signieren. Somit können Anwender beispielsweise ihren eigenen Kernel einsetzen. Auf den bootfähigen Installations-CDs kommt hingegen ein Bootloader mit einem Schlüssel von Microsoft zum Einsatz, um die Kompatibilität zu möglichst vielen Hauptplatinen zu gewährleisten. Der wiederum soll dann Grub2 starten. Das Installationsimage von Ubuntu 12.10 ist 800 MByte groß und passt somit nicht mehr auf eine CD. Im Installer gibt es zwei neue Optionen: Ubuntu 12.10 lässt sich in LVM-Partitionen installieren und Anwender können die gesamte Festplatte verschlüsseln.

Kubuntu mit Calligra

Das Installationsimage von Kubuntu 12.10 wird künftig 1 GByte groß sein. Der Plasma-Desktop und die dazugehörigen Anwendungen wurden auf Version 4.9 aktualisiert. Als Standardbüroanwendung steht Calligra zur Verfügung. Auch die Bürosuite ist kürzlich aktualisiert worden. Außerdem wurde die Fotoverwaltung Digikam in Version 2.8 integriert.

Die Servervariante ist als Armhf-Image für die Installation in entsprechenden virtuellen Cloud-Umgebungen verfügbar. Außerdem wurde Tomcat auf Version 7 aktualisiert. Das verteilte Dateisystem Ceph liegt in Version 0.48.1 vor.

Fazit

Üblicherweise erhält Ubuntu nach einem LTS-Release zahlreiche neue Funktionen, die bis zum nächsten LTS dann verfeinert werden. Das ist auch in Ubuntu 12.10 der Fall, etwa der Umstieg auf LLVMPipe und die integrierte Suche bei Amazon. Beide Funktionen dürften auch weiterhin für Diskussionen sorgen, denn zum einen ist der Unity-Desktop dadurch und durch die zahlreichen Änderungen deutlich langsamer geworden.

Zum anderen versucht Canonical auffallend, auch den Anwender für Ubuntu zur Kasse zu bitten. Das zeigt auch der Spendenaufruf, der den Anwender begrüßt, wenn er Ubuntu herunterladen will.

Der Unity-Desktop wird hingegen immer besser, die neuen Tweaks lockern nicht nur das Dash-Menü auf, sondern erhöhen die Lesbarkeit. Auch die überarbeiteten Benachrichtigungsmenüs sorgen für einen besseren optischen Eindruck. Die Web-Apps dagegen wirken noch etwas unausgereift, die wenigen zusätzlichen Funktionen lassen sich auch durch Lösungen von Drittanbietern nachrüsten.

Ärgerlich ist auch Ubuntus Abkehr von einem der wesentlichen Vorzüge von Linux - die Abwärtskompatibilität zu betagterer Hardware. Ein nicht funktionierender Kernel für Pentium-M-CPUs lässt sich vielleicht noch verschmerzen, die Abkehr von Unity-2D hin zu LLVMPipe hätte Canonical jedoch noch hinauszögern müssen, bis das Software-Rendering flott funktioniert. Somit werden Anwender, die zuvor darauf verzichten konnten, dazu gezwungen, proprietäre Treiber einzusetzen.

Anwender sollten vor einem Systemupdate Ubuntu 12.10 testen, denn der Desktop Ubuntu 12.10 ist noch deutlich langsamer als seine Vorgänger. Immerhin verspricht Canonical-Mäzen Mark Shuttleworth, dass Ubuntu bis zur nächsten LTS-Version 14.04 so schnell laufen wird, dass es auch auf mobilen Geräten genutzt werden kann. Hoffentlich wird das System lange vor diesem Termin beschleunigt werden.

Ubuntu 12.10 steht auf der Webseite des Projekts zum Download bereit.  (jt)


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