Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/windows-rt-im-hands-on-mehr-windows-als-erwartet-1208-94197.html    Veröffentlicht: 30.08.2012 09:45    Kurz-URL: https://glm.io/94197

Windows RT im Hands on

Mehr Windows als erwartet

Samsung hat überraschend der Presse das Ativ Tab gezeigt. Es ist ein ausgesprochen fixes ARM-Tablet mit Windows RT. Wir haben beim Ausprobieren mehr Ähnlichkeiten zu Windows 8 entdeckt, als wir dachten. Es ist gar nicht so einfach, ein RT-Gerät von einem Gerät mit Windows 8 zu unterscheiden.

Eigentlich unterscheiden sich Windows RT und Windows 8 sehr deutlich voneinander. Schließlich sind alte Windows-Programme prinzipbedingt nicht mit Windows RT und dem ARM-Unterbau kompatibel. Dafür gibt es Metro-Apps, die auf beiden Systemen funktionieren. Als wir Windows RT das erste Mal auf der Ifa ausprobieren konnten, hat uns überrascht, wie ähnlich die beiden Systeme dennoch sind.

Wir haben Windows RT auf Samsungs Ativ Tab kurz getestet. Es ist ein Tablet mit Qualcomms Snapdragon-S4-Prozessor mit 1,5 GHz. Zur Geschwindigkeit allgemein lässt sich sagen, dass das Tablet äußerst flott reagierte. Das galt auch für Office 2013, das als Vorversion installiert war. Ausnahmen gab es allenfalls in den Tiefen der Systemsteuerung, wo das Tablet etwas Zeit brauchte.

Windows 8 oder RT? Wo sind die Unterschiede?

Auf den ersten Blick lässt sich Windows RT kaum von Windows 8 unterscheiden. Es sind eher Indizien, die auf Windows RT hindeuten, beispielsweise das Gewicht des Geräts. Da es aber auch einen Desktop bietet, samt Programmen für den Desktop, gibt es sonst auf den ersten Blick keine Hinweise auf Windows RT. Einzige Eigenart: Office 2013 ist vorinstalliert. Das ist bei Windows-8-Rechnern aufgrund der hohen Lizenzkosten nicht zu erwarten.

Ansonsten findet der Nutzer auf dem Desktop, was von Windows 8 zu erwarten ist, beispielsweise einen Dateimanager wie den Explorer. Das mag erst einmal verwundern, denn schließlich kommen auch Android und iOS ohne aus. Mit dem Explorer sind aber zwei Dinge festgelegt: Zum einen gesteht Microsoft damit ein, dass auch Windows-RT nicht ohne Dateimanagement vollständig funktioniert, zum anderen ist ein Windows-RT-Gerät damit viel autarker als die auf Rechner-Synchronisation ausgelegten Endkunden-Tablets mit anderen Betriebssystemen.

Wie es derzeit aussieht, wird ein Windows-RT-Nutzer viel einfacher ohne den Synchronisationspartner Rechner auskommen. Das geht zwar prinzipiell auch mit Android und iOS, ist dort aber nicht so präsent, und synchronisiert wird dann tendenziell mit der Cloud. Wer den Explorer nutzt, sieht übrigens auch ziemlich gut, dass die Dateistruktur von Windows fast normal abgebildet wird. Es gibt ein Windows-Verzeichnis mit Dutzenden Unterverzeichnissen.

Auch einen Internet Explorer gibt es, der ebenfalls wie die Desktopversion von Windows 8 arbeitet. Bis dahin sieht das RT-Tablet wie ein normales Windows aus. Erst wer tiefer in die Systemsteuerung geht, entdeckt, dass ein Windows RT und nicht Windows 8 zum Einsatz kommt.

Systemsteuerung, Snap-ins und Computermanagement: Es ist alles da

Der Build 9200 von Windows RT überrascht uns. Dass es einen Desktop und auch eine abgespeckte Systemsteuerung geben würde, war zu erwarten. Was wir in einem etwa halbstündigen Test fanden, deutet aber auf eine vollständige Umsetzung von Windows für die ARM-Plattform hin. Die Systemsteuerung erschien uns komplett. Auch administrative Werkzeuge wie das Computermanagement und die dazugehörigen Snap-ins waren vorhanden. Genauso sind auch die Netzwerkeinstellungen auf zwei verschiedene Stellen im Betriebssystem verteilt: die Metro-Einstellungen und die Systemsteuerung.

Der Nutzer kann sich sogar die Aufteilung des Speichers der SSD anschauen. Auf dem Samsung-Tablet waren mehrere Partitionen zu sehen. Das lässt natürlich Raum für Spekulationen. Wird sich eines Tages auf der Plattform parallel zu Windows RT auch Android oder gar ein Ubuntu installieren lassen? Microsoft sichert zwar den Boot-Prozess ab, das heißt aber noch lange nicht, dass andere Betriebssystemhersteller nicht ebenfalls diese Absicherung nutzen können.

Wer dann noch tiefer geht, sieht auch einen Gerätemanager. Ganz Windows-typisch sind dort alle Komponenten aufgelistet - aus Sicht eines erfahrenen Tablet-Nutzers ist das sehr schön, vor allem im Vergleich zu dem, was die Konkurrenz bietet. Prozessor, Datenträger, Firmware und einzelne Komponenten sind gut aufgelistet. Unter iOS herauszufinden, welche WLAN-Karte verbaut wurde, ist nicht vorgesehen. Und auch Android ist nicht derart leicht zugänglich, was die exakte Ausstattung angeht. Der Tablet-Anfänger braucht die Informationen aber nicht.

Hier sind dann aber auch gleich die ersten Schwächen der Desktop-Welt auf einem reinen Touchscreen-Gerät trotz Windows RT zu sehen. Nahezu pixelgenaue Bedienung ist im Gerätemanager notwendig. Wer die Hardwareliste aufklappen will, wird Schwierigkeiten haben, diesen wenige Pixel großen Pfeil zu treffen, und stattdessen den Doppelklick nutzen. Und auch Slider, wie beispielsweise in den Sound-Einstellungen, sind sehr schwer zu greifen. Selbst Windows RT bietet für die Fingerbedienung auf dem notwendigen Desktop keine Trefferzonen. Android und iOS machen das besser. Lautstärke-Slider sind optisch nicht unbedingt größer, aber um sie herum ist eine große Trefferzone samt Fehlerkennung. Wer unter Windows RT einen Slider im Desktop direkt greifen möchte, braucht einige Übung. Unter Metro ist das hingegen überhaupt kein Problem.

Derartig schwierig zu bedienende Stellen finden sich in der - unserem ersten Eindruck nach komplett abgebildeten - Systemsteuerung an vielen Orten. Allerdings wird ein Tablet-Nutzer nicht unbedingt das Bedürfnis verspüren, diese häufig zu nutzen. Wenn es aber sein muss, kommt schnell der Wunsch nach einer Maus oder einem Digitizer-Stift auf.

Der Nutzer sieht immer mal wieder typische Windows-Phänomene. Als wir den Bildschirm rotieren wollten, wunderten wir uns darüber, dass es sich nicht wie bei iOS oder Android um eine echte Rotation handelt. Es ist, wie unter Windows üblich, eine Umschaltung, die etwas Zeit benötigt. Sie ist aber schneller als bei früheren Windows-Versionen.

Trotzdem ist Windows RT auf einem Tablet angenehmer als die früheren Windows-Versionen. Der Anwender kann gar nicht erst Software installieren, die nicht Touch-optimiert ist. Adobes Photoshop lässt sich genauso wenig installieren wie Opera oder Spiele wie Diablo 3. Das ist nicht unbedingt ein Nachteil, denn wer ein Windows-RT-Tablet kauft, erwartet derartige Anwendungen auch nicht.

Metro, die eigentliche Welt von Windows RT

Wir verwenden auch für diesen Artikel den Begriff Metro, um eindeutig zuzuordnen, wann wir die neue Oberfläche meinen. Die sieht unter Windows RT nicht anders aus als unter Windows 8. Es gibt den semantischen Zoom im Startbildschirm, die Metro-PC-Einstellungen, Charms und das neue Windows-Snap, das auch mit dem Windows-Snap von Windows 7 funktioniert.

All diese Funktionen arbeiteten, wie es zu erwarten war. Der Prozessor war während des kurzen Tests nie ein Problem. Wir haben das Tablet aber auch nicht fordern können, etwa durch große Textdokumente oder Videos. Auch bei den Einstellungen gab es nur wenige Überraschungen. In den Metro-PC-Einstellungen können beispielsweise drahtlose Systeme einzeln abgeschaltet werden. Das Ativ von Samsung unterscheidet zwischen Bluetooth, WLAN, GNSS und NFC. Windows RT ist also recht flexibel bei diesen Techniken.

Es ist aber auch bei einem RT-Tablet so, dass der Nutzer nicht ganz ohne den Desktop und seine Anwendungen auskommt. Er muss beispielsweise nachschauen, ob er vom WLAN eine IP-Adresse bekommen hat. Unter RT erfolgt das über die andere Welt, also die Systemsteuerung. Android und iOS kennen die Unterteilung in zwei unterschiedliche Welten nicht und machen es damit dem Anwender leichter.

Wie gut sich das RT-Tablet im Alltag macht, können wir nach dem kurzen Test noch nicht beurteilen. Gefallen hat uns jedenfalls das spürbar geringe Gewicht von 570 Gramm. Testen konnten wir leider noch nicht, was passiert, wenn eine Tastatur angeschlossen wird, oder wie die Pflege von Bibliotheken zum Beispiel mit Musik auf dem Gerät für Finger funktioniert. Hier wird es interessant sein zu sehen, ob Windows RT wie auch Windows 8 vom Dateimanager abhängig ist oder beispielsweise einfacher Daten von einem USB-Stick direkt in Metro importieren kann.

Das RT-Tablet von Samsung ist im Übrigen noch nicht fertig. Es fehlten noch Anpassungen des Herstellers, beispielsweise mit eigenen Anwendungen wie beim Samsung Ativ Smart-PC.

Langfristig müssten mit Windows RT übrigens auch Desktops denkbar sein. Einem stromsparenden Kleinstrechner für Zuhause steht wenig im Weg. Wenn dann noch anspruchsvolle und trotzdem für den ARM-Prozessor genügsame Desktop-Anwendungen dazukommen, könnte sich eine interessante Plattform parallel zu Windows 8 entwickeln.

Nahe Zukunft und vorläufiges Fazit

Vermutlich für den Oktober 2012 sind die ersten Windows-RT-Tablets zu erwarten. Möglicherweise wird auch Samsungs Ativ Tab zu den ersten gehören. Preisinformationen gibt es noch nicht. Für den Handel und den Käufer wird das nach derzeitigem Stand eine interessante Herausforderung. Auf den Displays ein Windows-8-Tablet von einem Windows-RT-Tablet zu unterscheiden, dürfte den meisten schwerfallen. Sie achten aufs Gewicht und da sind die RT-Geräte nach derzeitigem Stand einfach besser. Es gibt aber kaum Hinweise, dass die RT-Geräte mit vielen Windows-Anwendungen inkompatibel sind.

Fazit

Auf einem reinen und vor allem leichten Touch-Gerät macht Windows RT schon einen guten Eindruck. Wir hatten zwar erwartet, dass vor allem Teile der Systemsteuerung in dem Maße nicht notwendig sind und der Explorer etwas Touch-freundlicher ist. Aber letztendlich funktioniert das Tablet gut, auch wenn der Desktop etwas stört.

Diese Altlasten haben natürlich auch Vorteile. So ist zu erwarten, dass sich ein Windows-RT-Tablet ziemlich gut in Firmen integrieren lässt. Das ist bei iPads und Android-Tablets keine einfache Angelegenheit. Windows-RT-Tablets sind damit aber keine einfach zu bedienenden Geräte wie bei Windows Phone oder iOS. Sie bieten unserem Ersteindruck nach eine große Vielfalt bei der Konfiguration. Noch ist Windows RT aber nicht fertig. Ein paar Optimierungen könnte Microsoft noch durchführen, was wünschenswert wäre, damit das System für Tablet-Einsteiger tauglicher wird.

Während wir in unserem Windows-8-Test zu dem Schluss gekommen sind, dass sich der Desktopnutzer mit den Tablet-Funktionen arrangieren muss, ist es bei Windows RT genau umgekehrt: Er muss sich mit den Altlasten der Windows-Welt arrangieren. Die Flexibilität samt der fertigen Werkzeuge bietet kein anderes mobiles Betriebssystem. Sie kann sich als Vorteil erweisen. Und ein 570 Gramm leichtes 10-Zoll-Windows-Tablet war bis dato nicht denkbar. Bisher waren Windows-Tablets wie das von uns getestete Fujitsu Stylistic Q550 schwere und lahme Brocken. Das hat mit Windows RT definitiv ein Ende.  (ase)


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