Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-video-sleeping-dogs-undercover-cop-aus-china-zeigt-gta-die-faeuste-1208-93854.html    Veröffentlicht: 15.08.2012 14:38    Kurz-URL: https://glm.io/93854

Test-Video Sleeping Dogs

Undercover-Cop aus China zeigt GTA die Fäuste

Mit Martial-Arts-Kampfkunst durch die Hongkong-Sandbox. Sleeping Dogs für PC und Konsolen beweist im Test, dass ein China-GTA nicht gleich eine billige Kopie sein muss.

Verbrechen begehen, um Verbrechern das Handwerk zu legen: Dieses Paradoxon erleben Spieler in Sleeping Dogs als Undercover-Cop Wei Shen, während sie sich in einer detaillierten Nachbildung von Hongkong austoben.

Der Protagonist kehrt nach vielen Jahren aus den USA zurück. Dort sucht er Anschluss zu alten Bekannten, mit deren Hilfe er sich dem organisierten Verbrechen anschließt. Von da an arbeitet er sich in der Hierarchie der Triaden hoch, mit dem festen Ziel, ihre Anführer aus dem Verkehr zu ziehen - Gewissenskonflikte, Intrigen und die obligatorische Rachegeschichte inbegriffen.

Der Status als verdeckter Ermittler schränkt den Spieler in keiner Weise ein. Er kann Passanten angreifen, Autos stehlen und sogar Polizisten ermorden, bei erfolgreicher Flucht ist alles wieder vergessen. Wird er verhaftet, kommt er gleich darauf wieder frei.

Zumindest ein wenig wirkt sich das Verhalten des Spielers auf seine Missionsbewertung aus. Geringe Kollateralschäden bringen ihm zum Beispiel mehr Erfahrungspunkte auf der Polizeiskala. Steigt Wei Shen im Level auf, darf er eine neue Fähigkeit trainieren. Sammelaufgaben bescheren ihm ebenfalls Skillpoints, erhöhte Lebensenergie und andere Vorteile. Manchmal aber auch einfach nur etwas Nettes anzuziehen.

Wei Shen lässt lieber Fäuste sprechen



Hauptmissionen laufen im Grunde genommen wie in Grand Theft Auto ab. Der Spieler fährt nacheinander zu vorgegebenen Orten und kämpft dort gegen Ganoven, eine längere Zwischensequenz erklärt ihm vorher die Story-Hintergründe. Häufig wird das Geschehen beispielsweise durch Verfolgungsjagden zu Fuß und Hacker-Minispiele aufgelockert.

Hin und wieder begibt sich Wei Shen auf ein romantisches Date oder verbringt seine Freizeit mit kleinen Gefallen für normale Bürger. So geht er etwa im Auftrag einer Ladenbesitzerin auf Fotosafari, um Schnappschüsse für ihre nächste T-Shirt-Kollektion zu machen.

Der Spieler kann außerdem Karaoke singen, an Straßenrennen teilnehmen oder Geld bei Hahnenkämpfen setzen - wenn er möchte als Zeitvertreib, ab und zu aber auch als Teil der spannenden Geschichte.

Verglichen mit GTA und ähnlichen Spielen dauert es ungewöhnlich lange, ehe der Spieler in Sleeping Dogs erstmals zur Schusswaffe greifen muss. Zuerst lernt er das umfangreiche Nahkampfsystem kennen, das mit seinen verlässlichen Kontern an Arkham City und Assassin's Creed erinnert. Die realistisch animierten Martial-Arts-Kämpfe bleiben bis zuletzt ein wichtiges Spielelement und werden immer taktischer.

In ihrem Schatten stehen die nicht so spektakulären Schießereien. Weder die angedeutete Bullet-Time-Funktion noch das Deckungsfeature geht richtig flott von der Hand. Das Geschehen bleibt auch hier gut spielbar, im Nahkampf fühlt sich Wei Shen aber viel wohler.

Arcade-Fahrspaß in realistischer Kulisse



Das Fahrverhalten von Autos und Motorrädern ist Arcade-lastig und verzeiht selbst grobe Zusammenstöße, als wäre nichts passiert. Gerade bei Spezialmanövern sieht das oft albern aus. Per Knopfdruck rammt der Spieler andere Fahrzeuge, als würden sie ihn magnetisch anziehen. Er kann auch bei voller Fahrt auf ein Autodach springen, um es á la Vin Diesel im Spiel The Wheelman zu kapern.

Wie uns ein Golem.de-Redakteur mit langjähriger Hongkong-Erfahrung bestätigen konnte, hat United Front Games die Großstadt detailgetreu nachgebildet. Unser Fachmann hat Straßenecken und Sehenswürdigkeiten auf Anhieb wiedererkannt. Wettereffekte und ein fließender Tag-Nacht-Wechsel werten die abwechslungsreichen Kulissen zusätzlich auf.

Im Gegensatz zu Saints Row und GTA verzichtet Sleeping Dogs weitgehend auf allzu viel Satire und Humoreinlagen. Figuren und Spielwelt sind auch optisch realistischer gestaltet als bei der Konkurrenz.

Folterszenen und Hinrichtungen werden, nach dem Vorbild des klassischen Hongkong-Actionkinos, äußerst brutal dargestellt. Herausgeber Square Enix musste den Titel deswegen für eine deutsche Veröffentlichung mit USK-18-Siegel an mehreren Stellen anpassen. Dies betrifft unter anderem die sogenannten Environmental Kills, bei denen der Spieler seine Gegner etwa in einem Ventilator entsorgt.

Wegen der kurzfristig beschlossenen Schnitte ist der deutsche Verkaufsstart von Sleeping Dogs um einige Wochen verschoben worden. Ein genaues Datum für die Veröffentlichung hat Square Enix zum Zeitpunkt dieses Testberichts noch nicht genannt. In anderen Regionen erscheint der Titel am 17. August 2012 ungeschnitten für Xbox 360, Playstation 3 und PC.

Fazit

Activision müsste sich nun eigentlich richtig ärgern, das ursprünglich als True Crime angekündigte Sleeping Dogs mitten in der Entwicklung verstoßen zu haben. Square Enix hat dem Titel eine zweite Chance gegeben, das Ergebnis ist die überzeugendste Sandbox-Stadt seit Liberty City in GTA 4.

United Front Games hat das Grundgerüst von Grand Theft Auto erfolgreich ins interessante Hongkong-Setting übertragen. Mit seiner realistischen Inszenierung wirkt der Titel sogar erwachsener als Rockstars vergleichsweise überdrehte Sandbox-Spiele.

Bei der Spielzeit muss sich Sleeping Dogs aber gegenüber GTA 4 und dem abgedrehten Saints Row 3 geschlagen geben. Haupt- und Nebenaufgaben lassen sich innerhalb von 20 Stunden komplettieren. Wenig ist das trotzdem nicht und Wei Shens spannende Gratwanderung zwischen Gesetz und Verbrechen bleibt so immer abwechslungsreich.  (dp)


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