Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-android-4-1-butter-bei-die-jelly-beans-1207-93271.html    Veröffentlicht: 19.07.2012 12:09    Kurz-URL: https://glm.io/93271

Test Android 4.1

Butter bei die Jelly Beans

Butterweich soll die Bedienung und die Darstellung im aktuellen Android 4.1 alias Jelly Bean sein. Tatsächlich sehen die neuen Animationen gut aus. Und flotter ist die Ausgabe auf dem Bildschirm auch.

Ein Systemupdate für Android Jelly Bean ist gegenwärtig für das Galaxy Nexus in Deutschland verfügbar. Der Download beträgt etwa 145 MByte, die Installation ist in wenigen Minuten erledigt. Jelly Bean 4.1.1 lautet die offizielle Bezeichnung des aktuellen Updates, das seitdem auf unserem Smartphone läuft. Zunächst fiel uns nur auf, dass die Sucheingabe auf dem Homescreen durchweg mit einem transparenten Weiß versehen wurde. Wir wollten aber wissen, ob sich ein Update lohnt.

Die Systemoptimierungen in Android 4.1 alias Jelly Bean sind im Rahmen des Project Butter entwickelt worden. Sie sollen für eine "butterweiche" Eingabe und Ausgabe auf dem Touchscreen sorgen.

Tatsächlich sorgen zunächst Animationen für einen sanfteren, aber nicht immer schnelleren Übergang beim Wechsel zwischen Anwendungen, etwa wenn zwischen Twitter und Browser hin und her geschaltet wird. Anwendungen starten im Vergleich zu Ice Cream Sandwich etwas schneller - zumindest erscheinen sie schneller auf dem Bildschirm.

Alles flüssig

Auch das Hin- und Herwischen zwischen den Homescreens ist im Vergleich zu Ice Cream Sandwich flüssiger und vor allem weniger ruckelig. Bemerkbar machen sich die Änderungen vor allem, wenn das Applikationsmenü aufgerufen wird - die Symbole erscheinen gleichmäßiger. Hier zeigt sich, dass die Optimierungen nicht nur dank Animationen flüssiger erscheinen, sondern es auch tatsächlich sind. Denn der Effekt ist in beiden Versionen gleich geblieben.

Realisiert hat das Android-Entwicklerteam die Verbesserungen durch die Erhöhung der Vsync-Rate auf 60 Hz. Außerdem haben die Entwickler in Jelly Bean die sogenannte Dreifachpufferung eingeführt, die den Framebuffer in drei statt zwei Bereiche einteilt. Bei Triple Buffering gibt es zwei Backbuffer und einen Frontbuffer. Im Backbuffer werden die nächsten Bilder gerendert, die auf dem Bildschirm erscheinen sollen. Durch zwei Backbuffer muss die GPU nicht mehr auf den Swap-Befehl warten, um ein bereits gerendertes Bild zu verwenden. Stattdessen arbeitet die GPU mit dem einen Backbuffer weiter, während der zweite das nächste Bild rendert. Damit können Software und GPU unabhängig voneinander mit ihrer eigenen Geschwindigkeit arbeiten.

Auf dem Galaxy Nexus mit Android 4.0 erreichte der Grafik-Benchmark Nenamark2 noch 24,7 Frames pro Sekunde. Bei Jelly Bean sind es 28,7.

Flottes Scrollen

Am deutlichsten wird der Unterschied zwischen den beiden Android-Versionen im Standardbrowser. Dort sorgen Project Butter und weitere Optimierungen wie eine aktualisierte Version der Javascript-Engine V8 und bessere Unterstützung für HTML5-Canvas sowie eingebettete Videos tatsächlich für ein weitgehend ruckelfreies Scrollen in Webtexten. Auch die Anzeige von eingebetteten Bildern ist schneller und flüssiger.

Das Laden von Webseiten ist je nach Verbindung auch deutlich flinker als bisher. Das machen auch unsere Tests mit dem Javascript-Benchmark Sunspider deutlich. Unter 4.0.1 Android brauchte Sunspider für einen Durchlauf im Standardbrowser noch durchschnittlich 1880 Millisekunden, bei Android 4.1.1 waren es nur noch 1520 Millisekunden.

Auf einem unserer Testgeräte mit vorinstalliertem Flash Player verschwand dieser nach der Installation. In der Online-Applikationsverwaltung von Google Play erschien nach einer Kompatibilitätsprüfung der Hinweis, die App müsse auf einem anderen Gerät installiert werden, denn für Android 4.1 ist Adobes Flash Player nicht vorgesehen und soll auch nicht erscheinen.

Gleiche Leistungsaufnahme

An der Akkulaufzeit hat sich nichts geändert, wie unser Laufzeittest ergab. Unter beiden Systemen hielt der Akku gleichlang durch. Dabei hatten wir die Bildschirmhelligkeit auf das Maximum gesetzt und uns per WLAN mit dem Internet verbunden. Dort haben wir eine Testwebseite aufgerufen, die automatisch durch eine mit Bildern und Text versehene Webseite scrollt. Insgesamt hielten sowohl Ice Cream Sandwich als auch Jelly Bean diese Prozedur fast exakt 3,5 Stunden durch.

Die von Google versprochene geringere CPU-Last im Leerlauf unter Jelly Bean konnten wir nicht verifizieren und auch nicht, dass die CPU bei Touch-Eingaben schneller hochfährt. Das kann allerdings auch an den Werkzeugen liegen, die wir verwendet haben.

Mehr Infos in den Systembenachrichtigungen

Die Systembenachrichtigungen wurden erweitert. Sie zeigen mehr Details zu einzelnen Einträgen, etwa einen Teil eines aufgenommen Screenshots. Außerdem lassen sich einige Funktionen nun direkt von dort starten, beispielsweise die Telefon-Applikation bei verpassten Anrufen. Wird eine Benachrichtigung länger gedrückt gehalten, lassen sich Details zu der Applikation aufrufen, die die Nachricht dort platziert hat. In der App-Info lassen sich Benachrichtigungen gegebenenfalls ausschalten. Alternativ kann von dort eine Anwendung auch deinstalliert werden.

Die Telefon-Applikation profitiert ebenfalls von den Optimierungen durch Project Butter. Auch hier ist der Wechsel zwischen den verschiedenen Bildschirmen deutlich flüssiger als bisher. Außerdem lässt sich die Liste der häufig angerufenen Kontakte über einen neuen Eintrag in den Einstellungen löschen.

Sichtbare Konten

Sämtliche eingerichteten Konten werden in der obersten Ebene der Systemeinstellungen angezeigt, statt wie bisher in einem Untermenü. In den Einstellungen zum Google-Konto sind neben den Synchronisierungsoptionen auch alle Datenschutz-relevanten Einstellungen aufgelistet, etwa die zur Standortbestimmung, der Suche oder Einstellungen zu Google+.

In der Kamera-Applikation lassen sich aufgenommene Bilder per Wischgeste nach links sofort ansehen. Mit einem Wisch nach rechts kehrt der Anwender wieder zum Kamerasucher zurück. Wird ein Foto maximal verkleinert, erscheinen sämtliche aufgenommenen Fotos in einem Filmstrip. Dort können einzelne Aufnahmen per Wischgeste nach oben oder unten gelöscht oder das Löschen wieder rückgängig gemacht werden.

Terminoptimierungen

Am Kalender haben die Android-Entwickler ebenfalls gearbeitet. Die Heute-Schaltfläche zeigt das Datum an statt wie bisher ein Kalendersymbol. Benachrichtigungen an alle Teilnehmer können aus den Termindetails heraus auf einmal verschickt werden. Das lässt sich auch aus den Systembenachrichtigungen heraus erledigen. Die Schlummertaste für Termine lässt sich direkt aus der Benachrichtigung heraus betätigen.

Sprich mit mir!

Künftig sucht die Spracheingabe nicht nur im Internet bei Android-Hersteller Google, sondern durchsucht auch die Inhalte des Smartphones, sofern der Anwender das wünscht. Dazu wurde die Benutzeroberfläche der Ergebnisse um die entsprechenden Rubriken erweitert, etwa Telefon für lokale Inhalte. Dort werden dann beispielsweise Apps, Kontakte oder auch Lesezeichen angezeigt, die im nachinstallierten Chrome-Browser abgelegt wurden. Der Nutzer erhält in den Einstellungen der Spracherkennung eine Liste, in der er Inhalte von der Suche ausschließen kann.

Die Spracheingabe kann auch ohne Internetverbindung verwendet werden. Auf unserem Testgerät war die englische Version vorinstalliert. Weitere Lokalisierungen sind in den Einstellungen unter Sprache, Offline-Spracherkennung herunterladen und dort in dem Tab Alle zu finden. Der Download beträgt etwa 20 MByte.

Meine Güte, Goethe!

Die Spracherkennung funktioniert weitgehend fehlerfrei. Selbst komplizierte Wörter wie "Physiognomie", bei deren Aussprache auch wir zunächst Probleme hatten, interpretierte die Spracherkennung korrekt. Bei dem Namen Goethe hatte die Spracherkennung allerdings dann Schwierigkeiten und verstand zunächst "Güte". Egal, wie wir den Namen des Dichters betonten, die Spracheingabe beharrte auf ihrer Interpretation. Auch unser Videoredakteur, der für seine korrekte Aussprache bei Golem-Lesern bekannt sein dürfte, konnte der Spracherkennung erst nach mehrfachen Versuchen den korrekten Begriff entlocken.

Im englischen Sprachraum nutzt die Spracherkennung Googles Knowledge-Graph für die semantische Suche. In Deutschland ist diese Funktion bislang noch nicht verfügbar. Fragen, die als ganze Sätze formuliert sind, landen im Suchfeld auf der Google-Webseite.

Mit Blinzeln entsperren

Die Gesichtserkennung wurde nochmals überarbeitet. Einige der Änderungen waren bereits auf Samsungs Galaxy S3 umgesetzt, etwa die mehrfache Erkennung des Gesichts mit oder ohne Brille oder verschiedenen Frisuren sowie in unterschiedlichen Lichtverhältnissen. Damit soll die Erkennung zuverlässiger funktionieren. In unserem Test zu Ice Cream Sandwich auf dem Galaxy Nexus konnten wir die Gesichtserkennung noch mit einem Foto überlisten. Unter Jelly Bean gibt es die Option, dass mit den Augen geblinzelt werden muss, damit Android erkennt, dass eine echte Person in die Kamera schaut.

Datentausch per NFC

Der Datentausch über NFC wurde ebenfalls erweitert. Begrenzten sich die Funktionen von Android Beam in der ersten Version noch auf den Austausch von Links und - im Falle der Kontaktdaten - auf ASCII, können künftig auch Bilder getauscht werden. Selbst der Austausch eines Videos klappt problemlos, wenn auch entsprechend langsam. Denn die Datenübertragungsrate bei NFC-Chips beschränkt sich auf 424 KBit/s. Damit ist ein Tausch von großen Datenmengen darüber wenig sinnvoll, auch wenn sie unter Jelly Bean funktioniert. In Ice Cream Sandwich beschränkte sich der Austausch von Videos noch auf Links zu Youtube-Inhalten.

Um die Vorteile von NFC und Bluetooth zu kombinieren, haben sich das NFC Forum und die Bluetooth Special Interest Group vor wenigen Monaten auf die Implementierung von Bluetooth Secure Simple Pairing für NFC geeinigt, was das Einsatzgebiet von NFC erweitert. Die Android-Entwickler haben das bereits implementiert. Dabei erfolgt das Pairing von Bluetooth-Geräten über NFC, nicht aber die Datenübertragung. Bluetooth schafft immerhin 2,1 MBit/s. Samsung hingegen macht es mit S Beam anders: Dort wird die Übertragung per NFC mit Wifi-Direct erweitert.

Google Now, der detektivische Assistent

Google Now soll als eine Art persönlicher elektronischer Assistent für optimale Wegstrecken per Auto, Flugzeug oder öffentlichen Verkehrsmitteln sorgen, und je nach Vorlieben des Anwenders auch Sehenswürdigkeiten oder Lokalitäten und selbst Sportereignisse anzeigen.

Google Now lässt sich entweder auf dem neuen Startbildschirm oder vom unteren Rand des Bildschirms mit einem Wisch nach oben öffnen. Im Apps-Menü befindet sich dafür ein schlichtes blaues Symbol mit der Bezeichnung "Google".

Fehlende Funktionen in Deutschland

Noch ist Google Now für Deutschland nicht optimiert. Informationen zu öffentlichen Verkehrsmitteln werden beispielsweise nicht angezeigt, auch nicht in Berlin. Immerhin tauchten Hinweise zu Pizzerien in der Nähe auf - kurz nachdem wir auf dem heimischen Rechner in Googles Chrome-Browser abends eine bestellt hatten. Nach dem Online-Abruf des Kinoprogramms tauchten Hinweise zu Kinos in der Umgebung auf.

Auffällig sind die zahlreichen Datenschutzhinweise und Optionen, die Google in den Einstellungen für Google-Konten hinterlegt hat. Mit dem inoffiziellen Jelly-Bean-ROM, das bereits vor dem offiziellen Starttermin im Internet kursierte, erschien ungefragt eine Wegbeschreibung in Google Maps zu einem Kino in Berlin. Wohlgemerkt, wir hatten das Kinoprogramm auf unserem heimischen Rechner im Chrome-Browser aufgerufen. In dem offiziellen Update konnten wir das nicht verifizieren. Google weist auf dem Smartphone darauf hin, dass Nutzer ihr Webprotokoll online in ihrem Google-Konto verwalten können, etwa um unerwünschte Suchanfragen zu löschen.

Fazit

Die Änderungen durch Project Butter und weitere Optimierungen machen sich vor allem im bislang eher vernachlässigten Browser bemerkbar. Sie dürften vielen Anwendern gefallen, sofern sie nicht längst auf Alternativen wie Chrome oder Firefox umgestiegen sind. Von Project Butter profitieren aber auch andere Browser.

Google Now hinterlässt zunächst einen unfertigen Eindruck. Nach welchen Kriterien Google den Assistenten füttert, lässt sich nur in einem Langzeittest ermitteln und wenn alle Funktionen freigeschaltet sind.

Zusammenfassend können wir zu einem Update raten. Die Darstellung von Inhalten auf dem Bildschirm wirkt flüssiger und schneller als bisher. Nicht nur Systemoptimierungen machen sich bemerkbar, die neuen Animationen beim Applikationswechsel oder im Kalender runden die optischen Verbesserungen ab.

Die zahlreichen Änderungen in den Systemeinstellungen, der Telefon-Applikation oder dem Kalender machen ein Upgrade auf Jelly Bean darüber hinaus lohnenswert.  (jt)


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