Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-der-speerfischen-simulator-fischers-fritze-fischt-immer-dieselben-fische-1206-92745.html    Veröffentlicht: 27.06.2012 15:15    Kurz-URL: https://glm.io/92745

Test Der Speerfischen-Simulator

Fischers Fritze fischt immer dieselben Fische

Eine offene Spielwelt, abwechslungsreiche Missionen, viele verschiedene Fischarten und ein realistisches Tauchgefühl: Nichts davon bietet Depth Hunter - Der Speerfischen-Simulator. Stattdessen wimmelt es unter der Meeresoberfläche von Bugs.

Das ein oder andere Spiel, das als Testmuster bei uns in der Redaktion eingeht, wandert direkt in die Kiste für das Weihnachtsschrottwichteln. Und das wäre auch Depth Hunter so ergangen, wäre nicht ein Kollege auf die Idee gekommen, unsere Fans bei Facebook zu fragen, ob Interesse an einem Test besteht. Bei 500 Likes hatten wir einen ausführlichen Test mit Video versprochen. Rund zwei Stunden später waren die 500 Likes erreicht.

Depth Hunter ist kein massentaugliches Spiel, sondern bedient ein spezielles Publikum. "Erkunde die Tiefen der Ozeane mit angehaltenem Atem und jage zahlreiche verschiedene Fischarten", steht auf der Spielepackung. Mit angehaltenem Atem? Stimmt, ein paar Mal blieb uns tatsächlich die Luft weg. Zum Beispiel, als wir nach der zehnten Aufgabe während des Ertrinkens aus Versehen die Leertaste drückten und wir das Spiel - das gesamte Spiel wohlgemerkt - von vorn beginnen mussten. Aber wir greifen vor.

Einleitungen sind überbewertet

Zu Beginn kann der Spieler nur eine von drei Tauchgegenden auswählen: Südafrika. Einen Storymodus gibt es nicht. Und damit auch keine weiteren Erklärungen zum Spielgeschehen. Der nächste Tauchspot wird freigeschaltet, wenn die Aufgaben vor Südafrika erledigt wurden.

Ein Tutorial gibt es ebenfalls nicht. Eine Seite im beiliegenden Handbuch muss reichen, um die paar Dinge zu erklären, die beachtet werden müssen. Wie sich nach den ersten paar Minuten herausstellt, hätte man sich selbst diese eine Seite noch sparen können. Die erforderlichen Mausklicks und Tastaturbefehle sind simpel.

Nase zu und durch

Los geht's. Wir sind gespannt wie ein Flitze... ähm, eine Harpune. Der Spieler befindet sich gleich unter Wasser. Sauerstoffgeräte gibt es beim Speerfischen nicht, darum sollte die Anzeige auf der linken Seite immer im Blick behalten werden. Ist diese im unteren Drittel angelangt, muss der Spieler schleunigst zum Luftholen an die Oberfläche.

Sonst färbt sich der Bildschirm rot und der Spieler muss am letzten Speicherpunkt neu beginnen, oder ganz am Anfang des Spiels. Je nachdem. Denn durch Drücken der Leertaste kann ein drei Sekunden anhaltender Boost ausgelöst werden. Oft ist das die einzige Möglichkeit, dem Tod zu entgehen und doch noch schnell an die Oberfläche zu kommen. Dummerweise dient die Leertaste nach dem Tod aber auch zur Bestätigung, das Spiel nicht vom letzten Checkpoint, sondern ganz von vorne beginnen zu können. Wer also die Leertaste drückt und es nicht rechtzeitig nach oben schafft, wählt damit automatisch die Option für den Neubeginn. Frustrierend? Abwarten. Es kommt noch besser.

Fange Fische

Bei Depth Hunter wird Abwechslung kleingeschrieben: Die erste Aufgabe vor Südafrika lautet: "Fange zwei beliebige Fische". Die nächste Aufgabe heißt: "Fange die abgebildeten Fische". Dann: "Fange so viele Fische wie möglich in fünf Minuten." Und später: "Fange zwei Zackenbarsche und zwei Doktorfische."

Irgendwann sollen wir Schätze suchen und bergen. Aufregender als die Fischjagd? Leider nein. Mehrere Objekte werden am rechten Bildrand dargestellt, die der Spieler suchen muss. Dass sich die Objekte kaum vom Meeresboden abheben, ist der ganzen Sucherei nicht dienlich. Hier sinkt die Motivation schneller als ein mit Beton gefüllter Eimer.

Mit "Fotografiere die abgebildeten Fische" ist bei Depth Hunter dann die maximale Abwechslung erreicht.

Nicht schießen!

Depth Hunter ist die beste Werbung für den Umweltschutz. Warum? Weil die Entwickler zeigen, wie die Meere nach einer fast vollständigen Überfischung aussehen. In jedem durchschnittlichen Süßwasseraquarium gibt es eine größere Artenvielfalt.

Von den wenigen Fischen können noch weniger auch gefangen werden. Zwar schwimmen in einigen Abschnitten auch Mantarochen und Haie durchs Wasser, aber diese sind nur Zierde.

Zielt der Spieler auf die Tiere, erscheint der Hinweis "Nicht schießen" auf dem Bildschirm. Aber sicher ist sicher, dachten sich die Depth-Hunter-Entwickler. Darum haben sie die Möglichkeit, trotz des Hinweises auf die Tiere zu schießen, auch noch entfernt.

Tanz der Fische

Dafür haben es die anderen Fische faustdick hinter den Kiemen: Egal wie groß sie sind, nach einem Treffer mit der Harpune wirbeln sie den Spieler jedes Mal um die eigene Achse. Selbst der wenige Zentimeter lange Doktorfisch entwickelt im Todeskampf ungeahnte Kräfte. Andere fiese Biester respawnen an gleicher Stelle immer wieder neu.

Wurde ein Fisch getroffen, kann der Spieler die Beute mit dem Mausrad an sich heranziehen. Dabei sollte die Anzeige im oberen Bildschirmbereich immer im Auge behalten werden. Schießt der dort angezeigte Balken nach rechts über den roten Bereich hinaus, hat sich der Fisch befreit.

Es gibt zwar die Möglichkeit, dem Tier wieder etwas Leine zu lassen, um ihn danach an sich heranzuziehen. Grundsätzlich sollten aber nur Fische gefangen werden, die sich nicht mehr als zehn Meter vom Spieler entfernt befinden. Dann ist fast jeder Treffer auch ein Fang.

Fishing for compliments

Die Tauchgänge durch Höhlen zählen zu den schönen Momenten des Spiels. Wenn zum Beispiel Sonnenstrahlen durch ein Loch in der Höhlendecke das Wasser in ein tolles Licht tauchen, dann vergisst man für einen kurzen Moment die ganzen Unzulänglichkeiten. Oder ein anderes Mal zeichnet sich im dunklen Wasser ein altes Schiffswrack ab, wie bei der zweiten Mission in Thailand.

Die Sache hat einen Haken

Leider haben die Entwickler bei Biart offenbar nicht damit gerechnet, dass - außer der USK (Freigabe: ab 6 Jahren) - jemand den Karrieremodus des Speerfischen-Simulators durchspielt. Im letzten Drittel macht das Spiel nämlich einen unfertigen Eindruck: Texte wurden nicht mehr ins Deutsche übersetzt und die Hintergrundmusik setzt manchmal ein, obwohl sie ausgeschaltet ist. Außerdem ist der Karrieremodus nach der zweiten Mission - Thailand - plötzlich beendet. Aufgaben für die dritte Tauchgegend auf den Bahamas gibt es keine.

Fazit

Hierzulande gibt es wahrscheinlich wenige Menschen, deren Hobby die Fischjagd mit einer mechanischen Harpune ist. Zumal im deutschen Sprachraum das Speerfischen fischereirechtlich verboten ist. Zu Recht: Denn wenn das Speerfischen so öde ist wie in Biarts Simulation, dann ist das besser für alle Beteiligten.

Checkpunkte statt Checkpoints oder Speicherpunkte, plötzlich einsetzende Musik und Haie, die durch den Spieler hindurchschwimmen - der Speerfischen-Simulator wirkt durchweg lieblos entwickelt. Es finden sich noch unzählige weitere Beispiele, die das belegen. Wie zum Beispiel die bei jedem Tauchspot - Südafrika, Thailand, Bahamas - gleich aussehende Unterwasserwelt.

Die ansehnlichen Momente in Depth Hunter können letztendlich nicht darüber hinwegtäuschen: Der Speerfischen-Simulator bleibt besser im Ladenregal. Wer sich für Tauchsimulationen interessiert, der sollte sich Endless Ocean für die Wii anschauen, oder das unterhaltsame Sea Life Safari für Xbox 360 und PC.  (sha)


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