Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/radeon-hd-7970-ghz-edition-gigahertz-grafikkarte-mit-boost-nachbrenner-1206-92687.html    Veröffentlicht: 22.06.2012 06:00    Kurz-URL: https://glm.io/92687

Test Radeon HD 7970 GHz Edition

Gigahertz-Grafikkarte mit Boost-Nachbrenner

Nach einem halben Jahr legt AMD nach: Die Radeon HD 7970 GHz Edition kommt im Test näher an die GTX-680 heran - und mehr. Das erkauft sich AMD mit höherer Leistungsaufnahme durch "Powertune with Boost", das den Takt und die Spannung der GPU steigern kann.

Die Gerüchte haben sich wieder einmal bestätigt - zumindest in weiten Teilen. AMD hat die Tahiti-GPU der ersten Radeon HD 7970 zwar nicht überarbeitet, bringt nun aber unter dem Namen "Radeon HD 7970 GHz Edition" eine neue Version seiner schnellsten Grafikkarte mit einer GPU auf den Markt.

Gegenüber der ersten 7970 wurde der Takt des Grafikprozessors von 925 auf 1.000 MHz gesteigert, der GDDR5-Speicher läuft nun mit 1.500 statt 1.350 MHz. Diese Steigerungen von rund 9 beziehungsweise 11 Prozent sind aber nicht die einzigen Verbesserungen, die für mehr Tempo sorgen. Über die höheren Takte hinaus hat AMD auch die Funktion "Powertune with Boost" in die GPU eingebaut.

Nach Angaben des Unternehmens werden dabei Takt und Spannung - Letzteres ist bei AMD ein Novum - dynamisch so weit nach oben geregelt, wie es die Leistungsfähigkeit von Stromversorgung und Kühlsystem zulassen. In den technischen Daten sieht das Ergebnis zunächst mager aus.

Nur 1.050 MHz, also 5 Prozent mehr, beträgt die angegebene Boost-Frequenz. In der Praxis arbeitet der Boost aber ständig, um die Grenzen der Grafikkarte auszureizen. Die Funktion heißt nicht nur zufällig ähnlich wie der GPU Boost von Nvidia, sondern arbeitet auch vergleichbar.

Im folgenden Kurztest prüfen wir eine Referenzkarte von AMD, die sich äußerlich nicht von der bisherigen Radeon HD 7970 unterscheidet. Wie schon bei der Radeon HD 7850 und der Radeon 7750 weist der Aufkleber "GHz Edition" bei den Serienmodellen auf die neue Version hin. Schon bei der Vorstellung seiner ersten Gigahertz-Grafikkarten hatte AMD darauf hingewiesen, dass diese nicht die einzigen Modelle mit besonders hohem Takt werden sollen. Dennoch kommt die neue 7970 überraschend - sie ist eine Reaktion auf die schnelle GTX-680 von Nvidia.

Kein neues Stepping

AMD hat sich die Verbesserungen der seit Ende 2011 laufenden Serienproduktion von GPUs mit 28 Nanometern Strukturbreite beim Auftragshersteller TSMC zunutze gemacht. Der typische Zeitraum von sechs Monaten für eine moderate Überarbeitung der Tahiti-GPU, ein sogenanntes Stepping, ist zwar erreicht. Dennoch soll es sich bei dem im Vorfeld auch "Tahiti 2" genannten Chip nicht um ein neues Stepping handeln.

"Die Chips kommen von denselben Wafern wie für andere GPUs der Serie 7900", sagte AMD in einer Telefonkonferenz. "Es gibt keine Änderungen beim Design", betonte das Unternehmen weiter.

Dass Tahiti eigentlich eine Überarbeitung nötig hatte, zeigt allein schon die Verspätung der Dual-GPU-Karte Radeon HD 7990, die ursprünglich für das erste Quartal 2012 vorgesehen war - sie ist noch immer nicht erhältlich. Von einem neuen Stepping hatten Marktbeobachter geringere Leistungsaufnahme erwartet, die dann auch die GPUs der 7990 mit vergleichsweise hohen Takten möglich gemacht hätte.

Da es sich bei dem Grafikprozessor AMD zufolge um den gleichen Chip handelt wie bisher, muss die Boost-Funktion ohne Hilfe der GPU selbst realisiert worden sein. Das Unternehmen erklärte, sie bestehe aus neuen Spannungsreglern auf den Grafikkarten sowie neuen Funktionen im Bios der Karten sowie dem Treiber. Kurz: Powertune with Boost ist vor allem eine Softwareangelegenheit. Das hat für den Anwender immerhin den Vorteil, dass sich die Grenzen der Takte nach oben weiterhin über das Catalyst Control Center steuern lassen.

Synthetische Benchmarks und Spiele

Wir testen die GHz Edition der Radeon HD 7970 mit unserer Testplattform für Grafikkarten rund um einen Core i7-975 auf dem Asus-Mainboard P6T Deluxe 1.0 und mit dem 850-Watt-Netzteil Dark Power Pro von Bequiet.

AMDs erstes Ziel ist auch nach den Präsentationen des Unternehmens, nach dem Erfolg der GTX-680 die schnellste GPU der Welt zu stellen - das ist nur zum Teil gelungen. Zwar rückt die 7970 mit 1 GHz Takt in den synthetischen Tests des 3DMark näher an die 680 heran, sie kann sie aber nicht schlagen.

Bei Skyrim in der Auflösung von 2.560 x 1.440 Pixeln gelingt das aber knapp, und auch mit anderen Spielen, wenn sie zudem mit hohen Filtereinstellungen betrieben werden. Der größere Speicher der Radeon-7900-Karten wirkt sich auch hier aus. Das gilt auch für das Spielen mit mehreren Monitoren (AMD Eyefinity bzw. Nvidia Surround), aber dann werden die Bildraten so gering, dass doch wieder mehrere GPUs gefragt sind.

Mit einem Full-HD-Display und auch auf höher auflösenden 27- und 30-Zoll-Monitoren sind alle aktuellen High-End-Grafikkarten aber so schnell, dass Spielen ohne Kompromisse möglich ist. Eine Ausnahme bleibt das kurz angespielte Crysis 2 mit DirectX-11 und Hires-Texturen, das auf den Radeons in manchen Szenen unter 40 fps fällt. Benchmarks mit zahlreichen weiteren Spielen und Grafikkarten finden sich bei unseren Kollegen von PC Games Hardware, wobei die GTX-680 im Mittel knapp geschlagen wird.

Hohe Leistungsaufnahme unter Volllast

Nur 1 Watt mehr als die bisherige Version benötigt die Radeon HD 7970 als GHz Edition für den Windows-Desktop. Das liegt im Rahmen der Messgenauigkeit. Die GTX-680 ist hier mit 97 zu 95 Watt kaum ungünstiger, aber dennoch unter Last sparsamer.

Schon mit der reproduzierbaren Last von 3DMark Vantage im zweiten Grafiktest bei Extreme-Einstellung benötigt die GHz Edition 13 Watt mehr, was bei solchen Grafikkarten eigentlich nicht ins Gewicht fallen würde.

Eine so noch nie beobachtete Eigenheit zeigte unser Testexemplar aber mit dem synthetischen Test von Furmark 1.80, der mit teils unsinnigen Codefolgen auf maximale Leistungsaufnahme ausgelegt ist. Das Gesamtsystem schnellte erst auf über 440 Watt und pendelte sich danach auf Werte um 380 Watt ein. Gemittelt ergaben sich in diesem Zustand die bewerteten 384 Watt, die nur 17 Einheiten über der Standardausgabe der Karte liegen.

Da bei diesem Test die sonst bisher bei keiner Grafikkarte zu verzeichnenden Abstürze auftraten, bat Golem.de AMD um eine Stellungnahme. Die Vermutung lag nahe, dass für das auch als "Power Virus" verschriene Furmark die Anwendungserkennung mit den Betatreibern noch nicht funktioniert. Sie basieren auf dem kommenden Catalyst 12.7.

AMD erklärte, dass das Unternehmen prinzipiell nicht mit Anwendungserkennung arbeitet und auch Furmark von den Powertune-Mechanismen abhängig ist. Der Chiphersteller empfahl, mit nur um 5 MHz reduziertem Boost-Takt die Messungen zu wiederholen. Das klappte dann auch absturzfrei, und der Regelungsmechanismus zeigte, wie er arbeitet.

Bei rund 440 Watt erreichte das Programm zunächst 64 fps, als sich die Leistungsaufnahme um 380 Watt normalisierte, waren es nur noch 52 fps. Powertune regelt also dynamisch auch dann ab, wenn die Grafikkarte wie bei Furmark schon sehr laut wird. Im direkten Vergleich mit der bisherigen 7970 ist die GHz Edition unter hoher Last deutlich lauter. Kein Wunder - das Kühlsystem hat sich nicht verändert, was bei den Geräten der Grafikkartenhersteller laut AMD aber der Fall sein soll. Das gilt hoffentlich auch für die Stromversorgung, unser Exemplar wies ein deutliches Spulenfiepen auf.

Bei den Abstürzen handelt es sich nach Angaben des Unternehmens um einen Einzelfall, den andere Tester nicht bestätigen können. Bei anderen Benchmarks und auch beim Spielen traten auch mit unserem vermutlich nicht idealen Muster keine weiteren Ausfälle auf.

Fazit

Bisher bietet die Radeon HD 7970 GHz Edition nicht mehr, als die übertakteten Versionen von Grafikkartenherstellern auch schon liefern. Dafür geht die Preisempfehlung von 499 US-Dollar im Vergleich zu den offiziellen 479 US-Dollar der Standardausgabe in Ordnung. Euro-Preise konnte AMD noch nicht nennen, derzeit kosten die 7970 bei deutschen Versendern je nach Ausstattung ab rund 420 Euro.

Dass AMD die Karte nun ohne Veränderungen an der GPU - und nicht etwa mit einem Tahiti 2 - auf den Markt bringt und seine Boost-Funktion vor allem per Software erreichen will, wirkt dennoch bedenklich. Wie viel der Boost wirklich leisten kann, werden erst die übertakteten Versionen der GHz Edition zeigen, die es AMD zufolge mit bis zu 1.200 MHz geben soll. Dann wäre die GTX-680 wohl in vielen Tests schlagbar. Allerdings gibt es auch von dieser Grafikkarte übertaktete Modelle.

Als reine Marketingaktion will AMD die GHz Edition dennoch nicht abgetan wissen. Beide Varianten der 7970 sollen dauerhaft angeboten werden.  (nie)


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