Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/krawall-im-netz-wie-entfache-ich-einen-shitstorm-1206-92594.html    Veröffentlicht: 18.06.2012 15:59    Kurz-URL: https://glm.io/92594

Krawall im Netz

Wie entfache ich einen Shitstorm?

Lärm verursachen und Druck aufbauen: Ein Shitstorm kann politische und wirtschaftliche Entscheidungen beeinflussen. Jetzt gibt es eine Anleitung für die Protestwelle im Netz.

Das Potsdamer Hasso-Plattner-Institut (HPI) hatte dem öffentlichen Druck nicht mehr standhalten wollen. Nach einem Shitstorm auf den sozialen Netzwerken kündigte es den Vertrag mit der Schufa, der zur Ausforschung von Daten bei Facebook und Co. geschlossen wurde. Der Shitstorm war erfolgreich.

Es gibt einige solcher Beispiele, bei denen sich die Netzwelt gegen Entscheidungen von Unternehmen und Institutionen erfolgreich auflehnt. Ursache und Wirkung - das Kausalitätsprinzip greift immer öfter auch im Netz.

Shitstorms gehören zum Handwerk von Kampagnen- und Medienprofis

Die Social-Media-Experten Daniel Graf und Dominik Ryser glauben, dass solche Empörungswellen selten zufällig entstehen. Warum? Weil es ein Handwerk sei, einen Shitstorm zu produzieren, sagen sie. Ihr Zehn-Punkte-Plan soll helfen, öffentlich Druck auf Unternehmen, Organisationen und Politiker zu machen. Der Plan ist wie eine Checkliste aufgebaut. Sind alle Voraussetzungen erfüllt, geht der Shitstorm los. Nur das Ereignis muss vorhanden sein. Logisch. Denn eine grundlose Empörung interessiert auch außerhalb des Netzes keinen. Laut Graf und Ryser ist es optimal, wenn die räumliche und zeitliche Nähe zum Ereignis stimmt. Den Schufa-Fall hatte der NDR aufgedeckt, wenige Zeit später entwickelte sich der Shitstorm.

Youtube und Twitter nicht vergessen

Laut der Anleitung sollten bei einer Shitstorm-Aktion keine sozialen Kanäle ausgelassen werden. Youtube und Twitter müssten ebenso eingebunden werden wie die klassische E-Mail: "Trotz Hype um Social Media bleibt die E-Mail das zentrale Mobilisierungstool. Newsletter erlauben es, zeitnah zehntausende Menschen zu informieren und zwar so, dass die Empfänger die News auch tatsächlich sehen", schreiben Graf und Ryser in ihrer Infografik.

Das Beispiel Schufa und HPI zeigt aber, dass nicht immer alle Punkte erfüllt sein müssen. Denn die E-Mail hat dort vermutlich nur als Vertriebsweg für die Aufkündigung des Vertrages zwischen der Schufa und dem HPI gedient.

David gegen Goliath

Laut Shitstorm-Anleitung könnte ein anderer wichtiger Punkt ausschlaggebend gewesen sein: Tipp 7 - David gegen Goliath losschicken. Das schnelle Einbinden von Einzelpersonen helfe, ein sympathisches Image zu schaffen und zu mobilisieren, steht dort. Einzelpersonen fanden sich im Schufa-Fall auf Twitter viele - darunter auch bekannte Blogger.

Das klingt alles wie ein Spiel? Ist es auch, geben Graf und Ryser zu. Und zwar in allererster Linie eins mit den Medien: Denn ohne sie gäbe es auch keinen Shitstorm. Die Medien brächten die kritische Masse. Darum sollten vor dem Start gezielt Medienschaffende an Bord geholt werden. Es muss ja schließlich jemand mitbekommen, dass sich empört wird.

Shitstorms sind immer auch Glückssache

Im Schufa-Fall haben die Empörung viele Personen mitbekommen - zu viele für das Hasso-Plattner-Institut. Das ließ einen Tag nach dem Protest verkünden, dass ein wissenschaftliches Projekt mit der nötigen Ruhe nun nicht mehr zu bewerkstelligen sei.

Aber es hätte auch ganz anders kommen können. Denn laut Graf und Ryser seien Shitstorms trotz aller Vorbereitung immer auch Glückssache. Die Massenmedien seien unberechenbar. Und oft liefen Aktionen ins Leere, weil Angegriffene - aus Arroganz, Schock oder Taktik - überhaupt nicht darauf reagierten.

Shitstorm for Dummies

Ihre Anleitung stellten Daniel Graf und Dominik Ryser auf einem Event der Zürcher PR-Gesellschaft unter dem Titel "Shitstorms for Dummies" vor. Vor kurzem hatte Daniel Graf seine Shitstorm-Skala zusammen mit der Social-Media-Expertin Barbara Schwede entwickelt und veröffentlicht. Mit ihr lässt sich die Schwere einer Protestwelle im Netz einordnen.  (sha)


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