Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/alexander-bard-das-internet-ist-die-vierte-menschheitsrevolution-1205-91656.html    Veröffentlicht: 08.05.2012 19:42    Kurz-URL: https://glm.io/91656

Alexander Bard

Das Internet ist das vierte Menschheitszeitalter

Information ist für den schwedischen Autor und Künstler Alexander Bard das Paradigma der Menschheitsgeschichte, die er in vier Zeitalter einteilt. Das vierte, das Internetzeitalter, habe gerade erst begonnen, hat er auf der Konferenz Next 2012 in Berlin dargelegt.

In der Schule lernen wir, die Menschheitsgeschichte sei eine Abfolge von Zeitaltern wie der Stein-, der Bronze- oder der Eisenzeit, und heute lebten wir im Kommunikationszeitalter. Vergesst dieses Geschichtsbild, fordert Alexander Bard. Die Menschheitsgeschichte besteht nur aus Informationszeitaltern, hat er auf der Konferenz Next 2012 in Berlin erklärt - und wir leben im vierten.

Vier Kommunikationszeitalter

Vier Zeitalter unterscheidet der schwedische Autor, Wissenschaftler und Künstler, und sie alle unterschieden sich durch ein bestimmtes Paradigma der Kommunikation. Das erste sei die Sprache gewesen, durch die sich der Mensch vom Tier abhebe. Das zweite Paradigma war die Entwicklung der Schrift, die es ermöglicht, Informationen außerhalb des menschlichen Gehirns zu speichern. Das bedeutete, dass das Wissen eines Mitgliedes einer Gesellschaft über seinen Tod besser bewahrt werden konnte. Darauf habe die Menschheit Zivilisationen aufbauen können.

Das dritte Informationszeitalter brach mit der Erfindung des Buchdrucks an. Das Weltbild Bards basiert auf der Menge an Informationen, die für die Menschen zur Verfügung steht - und durch den Buchdruck seien die Kosten für die Herstellung eines Informationsträgers dermaßen gesunken, dass sich jeder Bildung leisten konnte - Mitte des 19. Jahrhunderts hätten die europäischen Länder eine Alphabetisierungsrate von annähernd 100 Prozent erreicht.

Ein Sender, viele Empfänger

Das Zeitalter der gedruckten Sprache habe die Massenmedien ermöglicht. Das gelte für gedruckte ebenso wie für die elektronischen Medien Radio oder Fernsehen. Diese unterschieden sich nur in der Technik von gedruckten - nicht aber in der Art und Weise, wie sie genutzt werden, und das ist: Ein Sender verteilt Informationen an viele Empfänger.

Das habe sich geändert, als erstmals in den USA Computer einer Universität mit denen des Militärs vernetzt worden seien. Damit brach das vierte Zeitalter an: das des Internets. Die Vernetzung ermögliche eine direkte Kommunikation der Menschen. Sie könnten das, was die Massenmedien ihnen erzählten, kommentieren - bis die Kommunikation der Menschen den Sender überflüssig macht.

Das Zeitalter der Massenmedien und das des Internets

Die Massenmedien- und die Internetgesellschaft unterschieden sich in jeder Hinsicht radikal voneinander, demonstrierte Bard anhand einer Gegenüberstellung. Das sei zunächst die Wirtschaft: Früher wurde in Fabriken produziert und so Reichtum geschaffen. Heute stehen die Fabriken in Asien, und ihr Wert werde heutzutage durch Medien, also geistiges Eigentum erzeugt.

Früher lebten wir in Städten, hatten Adressen und Visitenkarten. Heute hingegen lebten wir im Cyberspace. Keiner brauche mehr Visitenkarten für die Adresse - diese befänden sich im Internet: Es reiche, den Namen seines Gegenübers zu kennen, um ihn in einem beliebigen sozialen Netz zu finden. Darüber und über sein Mobiltelefon sei jeder an jedem Ort erreichbar. Geografie beschränke sich heute auf die Entfernung eines Menschen und seinem Mobiltelefon. Anders herum: Wer dort nicht oder nur unzureichend repräsentiert sei, sei in der Internetgesellschaft chancenlos.

Bekanntheit als Motor

Der Motor der alten Welt war Geld - wer davon viel hatte, hatte viel Ansehen. Das zähle heute nicht mehr, da vieles in der Internetgesellschaft kein Geld koste. Deren Währung sei Beachtung oder Aufmerksamkeit, die er als Produkt aus Bekanntheit und Glaubwürdigkeit beschreibt. Das bedeute, die anderen müssten wissen, dass es eine Person gebe, sie müsse auffindbar sein. Und wenn sie gefunden wurde, müssen die anderen davon überzeugt sein, dass sie glaubwürdig ist. Nur wer diese beiden Kriterien erfülle, könne in der Internetgesellschaft und in deren Wirtschaft erfolgreich sein.

Eines indes hat sich nach Bards Auffassung nicht geändert: Wie das Zeitalter der Massenmedien gibt es auch im Internetzeitalter eine Zweiklassengesellschaft. Was früher Bürger und Arbeiter waren, seien heute Netokraten und Consumptarianer. Ein Digital Divide existiert für Bard nicht. Der Spalt sei zwischen jenen, die im Netz aktiv sind, und jenen, die zwar online sind, aber nur konsumieren und nicht selbst Inhalte produzieren oder sich nicht vernetzen, kurz nicht interaktiv seien - in Bards plakativen Worten: übergewichtige Mittdreißiger, die auf dem Land und noch bei Muttern wohnen, wenig Bildung haben, arbeitslos sind und keine Freunde bei Facebook haben.

Stämme statt Nationen

Für das neue Bewusstsein bedürfe es auch einer neuen Identität als Grundlage: Früher sei das der Nationalstaat gewesen, für den die Menschen noch vor hundert Jahren mit Freuden in den Krieg gezogen seien. Das sei heute nicht mehr der Fall. Identität werde heute über die Zugehörigkeit zu kleinen Gemeinschaften, Netzwerken, oder in Bards Terminologie: zu Stämmen gestiftet. Das Internet sei "das goldene Zeitalter von Sekten und Kulten in einem globalisierten Imperium".

Unsere Welt gleiche der des Römischen Weltreiches. An die Stelle Roms seien die USA und China getreten, und niemand komme aus diesem Imperium raus - "nicht einmal Griechenland". Die Bewohner dieses Imperiums erschafften sich in der virtuellen Welt eine Vielzahl von Kulten und Sekten, denen sie sich anschlössen. Diese könnten gut, aber ebenso auch böse sein wie El Kaida. Das Terrornetzwerk sei ebenso ein Internetphänomen wie Facebook oder Google. Wir haben mit dem Internet eine Hydra geschaffen, ein Monster, das uns alle auffrisst - und damit müssten wir leben.

Eine Metaphysik für das Internetzeitalter

Bard hat seine Theorie zusammen mit dem Medienwissenschaftler Jan Söderqvist in dem Werk The Futurica Trilogy - The Netocrats (2000), The Global Empire (2003), The Body Machines (2009) - entwickelt. Was aber noch fehle, sagt er, sei eine Metaphysik des Internetzeitalters. In alter Zeit sei die Religion die Metaphysik gewesen. Sie habe den geistigen Rahmen des Agrarzeitalters gebildet. Im Industriezeitalter wurde sie vom Humanismus der Aufklärung abgelöst: Statt an Gott glaubten die Humanisten an das Subjekt.

Aus dem religiösen Glauben an die Ewigkeit wurde in der Aufklärung der Glaube an den Fortschritt - also dass es die nächste Generation besser habe als die davor. Die Metaphysik des Internetzeitalters hingegen werde das Ereignis im Sinne, wie es Jacques Derrida in den 1960er Jahren entwickelt habe, glaubt Bard.

Spiel mit Persönlichkeiten

Das Internetzeitalter hingegen kenne kein Individuum mehr, kein Ego, das immer gleich bleibe. Die Netzbewohner hingegen seien Dividuen, geteilte Menschen, die sich selbst als Teile von Systemen begriffen, in denen sie jeweils jemand anderes seien. Die junge Leuten entwickelten eine Vielzahl an Persönlichkeiten, spielten und experimentierten damit - und änderten sie, wenn sie einen Vorteil darin sähen. Aus einem "Wer ich wirklich bin" würden viele "Wer ich sein kann", aus denen ausgewählt werde.

Bekanntgeworden ist der Autor und Philosoph in den 1990er Jahren als Musiker, als Mitglied der Gruppe Army of Lovers. Heute macht er Musik in der Zweimannband Gravitonas, deren erklärtes Ziel die Abschaffung physischer Tonträger ist.  (wp)


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