Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/handy-rohstoffe-fuer-ein-paar-kruemel-gold-1204-91452.html    Veröffentlicht: 27.04.2012 15:01    Kurz-URL: https://glm.io/91452

Handy-Rohstoffe

Für ein paar Krümel Gold

Fair-Trade-Produkte sind in Deutschland enorm gefragt - aber nicht im IT-Bereich. Woher die Rohstoffe in ihren Handys oder Computern kommen, ist für Kunden nicht nachvollziehbar. Drei Dokumentarfilme wollen das ändern.

"Wollt ihr, dass ich sterbe?" Vielleicht hat auch Ihr Computer damit zu tun, dass ein illegaler Goldschürfer in Ghana seine Existenz bedroht sieht. Der Dokumentarfilm Behind the Screen, aus dem diese Frage stammt und der am 27. April in Potsdam Festivalpremiere in Deutschland feiert, zeigt, woher das Gold für unsere Handys, Smartphones und Computer kommt. Wie andere Rohstoffe legt es einen langen Weg zurück, bis es in den Kommunikationsgeräten für die nördliche Hemisphäre landet - einen Weg, von dem die Kunden bislang nur wenig Notiz nehmen.

Metalle, Gold, Lithium und Seltene Erden, Erze wie Coltan oder Mineralien wie Kassiterit - alle diese Rohstoffe werden von der Computerindustrie benötigt und irgendwo auf dem Weltmarkt eingekauft. Kein Unternehmen legt bisher die Handelsketten bis hin zu den Rohstoffen offen, wie unter anderem die NGO PC Global bemängelt. Auch eine Zertifizierung von Fair Trade gibt es im IT-Bereich bisher kaum - obwohl der Absatz von fair gehandelten Produkten in Deutschland boomt und 2011 um 18 Prozent gewachsen ist. Projekte wie das Projekt zur Herstellung fairer Elektronik PHeFE, die eine fair produzierte Computermaus ins Leben rufen wollen, sind Randerscheinungen.

Neben Behind the Screen spüren zwei weitere Dokumentarfilme den Ressourcen nach: Blood In The Mobile und Die Lithium-Revolution. Zusammen mit seinem Team (Sandra Heberling, Produktion, und Simon Fraissler, Kamera/Schnitt) hat sich Regisseur Stefan Baumgartner auf die Suche nach der Herkunft des Rohstoffs Gold begeben. Damit wolle er "Transparenz schaffen", sagt Stefan Baumgartner im Interview.

Die Goldgrube in Ghana

Behind the Screen beginnt seine Suche in Tarkwa in Ghana, bei einem Bauern. Er schaufelt in cyanidverseuchtem Boden nach ein paar Goldkrümeln und filtert sie mühsam über einen feinmaschigen Stoff aus.

Gold braucht die IT-Branche wegen seiner Korrosionsbeständigkeit und der guten leitenden Eigenschaften. Der kostbare Rohstoff hat in Ghana Goldproduzenten auf den Plan gerufen, die die Bauern der Region abfinden wollen. Anglogold Asahanti und Goldfields heißen die großen Abbaufirmen. Anglogold Ashanti, der weltweit drittgrößte Goldproduzent, rühmt sich mit einem Profit von 3,1 Milliarden US-Dollar und einer verdoppelten Dividende. Goldfields verpflichtet sich in einem 14-seitigen Code of Ethics genannten Papier, nach der Devise "gesetzestreu, verantwortungsvoll und fair" zu handeln.

Davon bekommen die illegalen Goldschürfer in Behind the Screen rein gar nichts zu spüren. Ihr Land, das sie als Bauern bestellten und das zwischen den Gebieten der beiden Goldproduzenten liegt, wurde ihnen weggenommen. Seit elf Jahren warten sie auf eine Entschädigung, sagt Regisseur Stefan Baumgartner. Die Landwirtschaft ist unmöglich geworden, da der Boden durch das Cyanid, das beim Goldabbau verwendet wird, vergiftet ist. Das illegale Goldschürfen steht zwar unter Strafe, aber dem Goldschürfer, genannt Galamsey, bleibt nichts anderes als weiter zu graben, um etwas für seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Obwohl der wertvolle Rohstoff in Ghana liegt, hat der Galamsey fast nichts davon. Auch im Ursprungsland Ghana bleibt nur ein kleiner Teil des Gewinns.

Apple, Dell, Sony und HP haben die größten Gewinnmargen. Danach kommen die Festplattenhersteller, die Auftragsfertiger und am Ende der Kette steht der Arbeiter, sagt Christian Zeller, Professor für Wirtschaftsgeografie im Film.

"Surreale Szenen"

Stefan Baumgartner wählt für seinen Film eine distanzierte Perspektive, die vor allem den Betroffenen vor Ort zu Wort kommen lässt. "Natürlich waren viele surreale Szenen dabei, die man sich so nicht wirklich ausmalt", sagt Baumgartner. Er habe beispielsweise in der Nähe einer Lagune auf einem Boden gedreht, der aus verschiedenen Schichten von Müll bestand, auf dem Kleinkinder krabbelten. Während sich Baumgartner als Filmemacher zurücknimmt und auf einen Sprecher oder persönlichen Kommentar verzichtet, ist genau das Gegenteil der Ansatz von Frank Piasecki Poulsen.

Blood in the Mobile

In dem Film Blood in the Mobile von Piasecki Poulsen, der am 10. April 2012 auf Arte ausgestrahlt wurde, wird der Zusammenhang zwischen Ressourcenankauf und Kriegstreiberei im Kongo untersucht. Dabei stellt sich der Filmemacher selbst vor die Kamera und führt persönlich durch den Film. Er hat sich für seinen Dokumentarfilm, der auf Deutsch den Titel Blutige Handys trägt, in Lebensgefahr gebracht, indem er das sogar von der UN gemiedene Walikale-Gebiet aufsuchte, um in den Coltan-Minen unter Tage zu drehen.

Lost im Kongo

Im Ministerium für Bergbau der Demokratischen Republik Kongo spricht Poulsen in Kinshasa mit dem hochrangigen Beamten Kampe Kampe über die Gewinnung von Coltan und Kassiterit und muss feststellen, dass dieser neben seiner Tätigkeit als Regierungsbeamter noch eine Firma betreibt, die ausländischen Firmen Bergbaulizenzen beschafft. Als Regierungsbeamter genehmigt er diese beantragten Lizenzen auch selbst.

Diese Win-Win-Situation ist für ihn kein Interessenkonflikt, schließlich sei er kein Politiker, der Gesetze macht, er habe es nicht zu entscheiden. "Ich bin Wissenschaftler, Geschäftsmann, nicht Politiker."

Die alles beherrschende Frage ist: Wer kontrolliert den Abbau von Coltan und Kassiterit im Ostkongo und was passiert mit dem Geld, das die Verkäufer erwirtschaften?

Zufällig gerät Poulsen bei einem abendlichen Frustbesäufnis an einen der Menschen, die die Lizenz zum Betreiben der Mine haben. Er reist ins Walikale-Gebiet im Nord-Kivu und untersucht selbst die Arbeitsbedingungen unter Tage. Es ist heiß, stickig, eng und es geht bis zu hundert Meter tief hinunter in die Erde in unbefestigte Stollen, die jeden Moment zusammenbrechen können. Obwohl es Minderjährigen verboten ist, in der Mine zu arbeiten, trifft das Filmteam auf 13-Jährige und sogar Zehnjährige, die 72 Stunden am Stück unter Tage sind.

Gelddruckmaschine für bewaffnete Einheiten

4 Euro bekommen die Träger für 50 Kilo der Mineralien, die auf dem Weltmarkt 930 Euro wert sind. Coltan wird später in Tantal umgewandelt, welches in Mobilfunkgeräten und anderen elektronischen Produkten zum Einsatz kommt. Die Minenarbeiter selbst bekommen nur Cent-Beträge. Sie können die Minen, von denen es im Ostkongo Hunderte gibt, kaum verlassen, da sie in eine Abhängigkeit zu den Kontrolleuren der Mine geraten, die für alles eine Steuer erheben.

Um in das Minengebiet zu kommen, wird Wegzoll an eine der bewaffneten Einheiten fällig, wer hinaus will, muss einen Teil des Coltans abgeben. Für die jeweiligen Kontrolleure ist die Kontrolle der Minen eine Gelddruckmaschine, jedenfalls so lange, bis sie von einer anderen bewaffneten Einheit verdrängt werden.

'Schluss mit der Ausbeutung!'

Mit der jahrhundertelangen Ausbeutung seiner Rohstoffe will ein anderer potenzieller Lieferant eines für IT-Geräte bedeutenden Rohstoffes Schluss machen: Bolivien. Das Land wolle nicht mehr "Rohstofflieferant für ein paar Pesos" sein, sagt der ehemalige Minister Luis Alberto Echazu in dem Dokumentarfilm Die Lithium-Revolution. Bolivien besitzt mindestens ein Drittel des weltweiten Lithium-Vorkommens, das für die begehrten Lithium-Ionen-Akkus gebraucht wird.

In Salzseen liegt der Stoff auf über 3.600 Metern zum Beispiel im Salare de Uyuni. Lithium gibt es nicht im Reinzustand, sondern nur in Verbindung mit anderen Mineralien. Noch ernten die Indianer hier nur einfaches Salz mit Schaufel und Schubkarre. Das ungelöste Lithium wird hier noch nicht wie in den Nachbarländern Chile und Argentinien industriell abgebaut.

"Die Firmen haben lange gebraucht, das zu begreifen, sie dachten, es wäre die Position eines einzelnen Ministers, aber es ist die Haltung der gesamten Regierung und des Präsidenten Morales", erklärt Echazu. Das Land habe ein eigenes Projekt mit staatlicher Unterstützung zur Lithium-Gewinnung beschlossen - auch wenn es damit das internationale Rennen um die Lithiumherstellung vielleicht nicht gewinnen werde. "Schluss damit, dass im Land nur ein kleiner Teil des großen Reichtums bleibt, ohne dass sich die Wissenschaft und die Technik weiterentwickeln!"

Code im Gestein

Können Hersteller von Kommunikationsgeräten überhaupt nachverfolgen, wo und unter welchen Umständen die Rohstoffe für ihre Produkte gewonnen werden?

Das sei unmöglich, sagt ein Sprecher von Nokia Poulsen in Blood in the Mobile. "Es gibt keine Kennzeichnung." In Hannover in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe ist es aber sehr wohl möglich, eine Probe zuzuordnen. Jedes Körnchen kann auf seinen geologischen Fingerabdruck hin untersucht werden, da das bestimmte Alter des Minerals genauen Aufschluss über seinen Ursprungsort gibt.

Von dieser Lösung des geologischen Fingerabdrucks hält die NGO Global Witness allerdings nichts, da die Ergebnisse zu lange auf sich warten lassen. Die Organisation, die versucht, den Zusammenhang zwischen Bodenschätzen und bewaffneten Konflikten aufzudecken, schlägt eine einfache Lösung vor: Die Elektronikindustrie soll ihre Zuliefererkette veröffentlichen.

USA zwingen Hersteller zu Transparenz

Mehr Transparenz bedeutet für die Industrie aber, Vertrauliches preiszugeben, was den Wettbewerb gefährdet. Die USA setzen daher nicht auf Freiwilligkeit, sondern auf Gesetze: Im August 2010 wurde vom US-Kongress ein Gesetz verabschiedet, welches die Elektronikindustrie verpflichtet, die Quellen der Mineralien von in den USA verkauften Produkten anzugeben. Das ist ein Anfang, aber wird es die Produzenten daran hindern, weiter sogenannte Konfliktmineralien zu verwenden?

"Gesellschaften entwickeln sich nur langsam", sagt der Direktor der Abteilung soziale Verantwortung von Nokia in Blood in the Mobile. Die drei Dokumentarfilme versuchen, beim Kunden ein Bewusstsein für die Problematik zu schaffen. Er wünsche sich, dass es "zu einer Selbstreflexion kommt, dass das eigene Konsumverhalten hinterfragt wird und bei dem ein oder anderen eine politische Partizipation stattfindet", sagt Regisseur Baumgartner. Denn eigentlich wäre es doch ganz einfach, wie Regisseur Poulsen bei der Verleihung des Cinema-For-Peace-Preises in Berlin sagte: "Wenn wir nur einen fairen Preis für die Rohstoffe der Dritten Welt bezahlen würden, dann hätten diese keine Probleme mehr."

Nachtrag vom 30. April 2012, 14.37 Uhr Behind the Screen wurde am Abend des 29. April 2012 beim 41. Internationalen Studentenfilmfestival der HFF Konrad Wolf mit dem Focus Award Sustainability ausgezeichnet. Der Preis, der mit 2500 Euro dotiert ist, wird an Filme vergeben, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Das Preisgeld wird vom Deutschen Bundestag getragen. Behind the Screen von Stefan Baumgartner läuft am Freitag, dem 27. April um 18 Uhr im Thalia 2, Potsdam.

Blood in the Mobile von Frank Piasecki Poulsen, Deutschland 2010, wurde erstmals bei Arte am 11. April 2012 ausgestrahlt, zuvor lief der Film schon unter dem Titel Blutige Handys im WDR in einer 52-minütigen Version.

Die Lithium-Revolution von Andreas Pichler, Deutschland 2012, lief am Dienstag, dem 10. April 2012 auf Arte.  (csd)


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