Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-ubuntu-12-04-unity-wird-reif-1204-91417.html    Veröffentlicht: 26.04.2012 15:23    Kurz-URL: https://glm.io/91417

Test Ubuntu 12.04

Unity wird reif

Für das aktuelle Ubuntu 12.04 alias Precise Pangolin haben die Entwickler bei Canonical die meiste Arbeit in Unity gesteckt. Das hat sich gelohnt. Der Ubuntu-Desktop lässt sich aber immer noch kaum anpassen.

Das neue Head-up-Display (HUD) und die Verbesserungen an Unity sowie der Symbolleiste Dash sind die offensichtlichen Änderungen in Precise Pangolin. Mit Ubuntu 12.04 hat Canonical eine weitere LTS-Version seines Linux-Betriebssystems veröffentlicht. Damit wird Precise Pangolin fünf Jahre mit Updates versorgt, was erstmals auch für die Desktopversion gilt. Die Versionen mit Long Term Support werden üblicherweise alle zwei Jahre veröffentlicht. In der neuen Ubuntu-Version reift der Unity-Desktop weiter und das Alternativmenü HUD erweist sich als ziemlich praktisch.



Der Unity-Desktop wurde erstmals vor einem Jahr offiziell in Ubuntu aufgenommen. Seitdem haben die Entwickler unter der Ägide des Canonical-Mäzens Mark Shuttleworth zahlreiche optische und funktionale Änderungen eingepflegt. Auch die aktuelle Version enthält viele Neuerungen, die größtenteils minimal, aber praktisch sind. Die in Nautilus abgelegten Lesezeichen sind beispielsweise auch über das Kontextmenü des zugehörigen Icons in Dash aufrufbar. Mit der Tastenkombination Super+Tab lässt sich in Dash navigieren. Die Eingabezeile von Dash-Launcher merkt sich den letzten Eintrag.



Menü-Alternative HUD

Eine Änderung sticht jedoch hervor: Das sogenannte Head-up-Display ist als Alternative zu herkömmlichen Anwendungsmenüs gedacht. Es solle nicht nur Menübefehle schneller zugänglich machen, sondern auch dazu einladen, neue Funktionen in Anwendungen zu entdecken, schreibt Shuttleworth in seinem Blog.

HUD ist bereits in zahlreichen Anwendungen benutzbar, dazu gehören auch Firefox und Thunderbird. Für Libreoffice wird an der Integration noch gearbeitet. Ist keine Anwendung geöffnet, sucht HUD in den Systemeinstellungen oder in Nautilus nach möglichen Menüeinträgen. Das Head-up-Display ist optional und soll es zumindest vorläufig auch bleiben. Es wird über die ALT-Taste aktiviert. Eine Zusammenfassung aller Tastenkombinationen erhält der Anwender, wenn er die Super- oder Windows-Taste gedrückt hält. In späteren Ubuntu-Versionen soll eine Sprachsteuerung hinzukommen.

Ungewohnt, aber praktisch

Tatsächlich funktioniert HUD ziemlich gut. Bekannte Befehle lassen sich mit zwei Buchstaben auf der Tastatur wesentlich schneller finden als mit einem Maus-Marathon. Die Fuzzy-Suche verzeiht Eingabefehler und HUD merkt sich häufig eingegebene Befehle.

Allerdings fokussiert sich HUD nicht unbedingt auf die geöffnete Anwendung. Bei der Eingabe erscheinen auch nicht relevante Systembefehle, was oftmals verwirrend ist. Außerdem muss die ALT-Taste erneut gedrückt werden, um HUD ohne Befehlseingabe wieder zu schließen, ein einfacher Klick in das geöffnete Fenster reicht nicht aus. HUD nimmt viel Platz auf dem Bildschirm ein. Eine Möglichkeit, das Alternativmenü zu konfigurieren, besteht nicht.

Mangel an Konfigurationsmöglichkeiten

Insgesamt fehlen Unity weitgehend Konfigurationsmöglichkeiten. Zwar gibt es mit Precise Pangolin beziehungsweise Unity 5.10 die Option, die Größe der Icons in Dash zu verändern. Darüber hinaus muss der Anwender jedoch auf Software von Drittanbietern zurückgreifen, um den Desktop anzupassen. Die Software Myunity oder der Compiz-Settings-Manager bieten beispielsweise die Optionen, die Transparenz der Iconleiste zu erhöhen.

Die Systemeinstellungen in Ubuntu 12.04 wurden überarbeitet und aufgeräumt. Die Optionen für die Wechselmedien sind im neuen Eintrag Einzelheiten versteckt. Softwarequellen lassen sich künftig nur noch im Ubuntu Software Center 5.2 oder im Paketmanager Synaptic konfigurieren, der nachinstalliert werden muss. Symbole kennzeichnen einzelne Rubriken, die sich auch mit Trennlinien voneinander abheben.

Veränderbare Icon-Größe nur in 3D

Unter Darstellung lässt sich die Größe der Dash-Icons ändern, allerdings nur in Unity 3D. Wer Unity ohne Hardwarebeschleunigung nutzt, muss sich mit den Voreinstellungen begnügen. Unter Monitore kann der Dash-Launcher im Mehrmonitorbetrieb auf alle Bildschirme verteilt werden. Die automatische Maximierung von Fenstern wird auf Displays mit mehr als 1.024 x 600 Bildpunkten deaktiviert.

Neu ist die Option Privatsphäre, mit der die Sammelwut von Zeitgeist eingeschränkt werden kann. Zeitgeist überwacht die Aktivitäten eines Benutzers, etwa über zuletzt benutzte Dateien oder gestartete Anwendungen. Einzelne Dateitypen können ebenfalls von der Indizierung ausgenommen werden, auf die die Linsen zugreifen, um lokal gespeicherte Dateien anzuzeigen. Wer keine Indizierung benötigt, kann sie dort auch komplett ausschalten.

Videolinse mit Onlineangebot

Zu den Linsen ist die Videolinse hinzugekommen, die neben lokal gespeicherten Videos auch Onlineangebote nach Suchbegriffen durchforstet. Sie greift dafür auf Informationen auf einem Server von Canonical zu und zeigt regional relevante Angebote an. Offensichtlich verwendet der Server die IP-Adresse des Rechners, um festzustellen, in welchem Land der Anwender online geht. Die Ländereinstellungen bei der Installation spielen keine Rolle.

Alternativ zu Unity können Anwender auch die Gnome-Shell nutzen, die in Version 3.4.1 nachinstalliert werden kann. Im Anmeldebildschirm LightDM kann die alternative Benutzeroberfläche ausgewählt werden. Die Ubuntu-eigenen Anpassungen sind dort integriert, darunter das Ubuntu-Theme. Wer lieber mit Gnome im klassischen Aussehen arbeiten will, wählt stattdessen Gnome Classic.

Ubuntu One mit mehr Optionen

Ubuntu One wurde weiter verbessert. Das Applet benötigt weniger Arbeitsspeicher und im Konfigurationswerkzeug in den Systemeinstellungen können lokal freigegebene Ordner zentral verwaltet werden. Die Optionen im Kontextmenü des Dateimanagers Nautilus bleiben weiterhin erhalten. Standardmäßig verbindet sich Ubuntu One automatisch beim Anmelden, die entsprechende Option kann in den Systemeinstellungen geändert werden.

Ansonsten bringt Ubuntu 12.04 seinen Softwarefundus auf den aktuellen Stand. Firefox und Thunderbird sind in Version 11 installiert. Beide sind erst vor wenigen Tagen in der Version 12 erschienen. Libreoffice ist in Version 3.5.2.2 installiert, der Musikplayer Rhythmbox liegt in Version 2.96 bei. Gimp 2.6 lässt sich aus den Softwarequellen nachinstallieren.

Kernel 3.2 mit Leistungspatches

Der Linux-Kernel ist in Version 3.2.0-23 enthalten, der die Energiesparoption RC6 für Intels Sandy Bridge standardmäßig aktiviert. Eigentlich sollten die entsprechenden Patches der Intel-Entwickler erst in Linux 3.4 einfließen. Canonical hat sie aber in seinen Kernel übernommen. Der Linux-Kernel 3.2 ist als Longterm-Kernel deklariert worden und wird über die übliche offizielle Supportzeit des Kernel-Teams hinaus von Debian-Entwickler Ben Hutchings gepflegt.

Die mit Linux 3.2, Mesa 8.2 und X.org 7.6 mitgelieferten Treiber für die SVGA-Grafikkarte von VMware unterstützen 3D. Ubuntu-Gastsysteme in VMware verlangen aber dem Wirt einiges an CPU-Leistung ab und reagieren noch deutlich träge. Das mit X.org ausgelieferte Xinput 1.12 unterstützt Multitouchgesten.

Kubuntu mit fünf Jahren Garantie

Auch die KDE-Variante Kubuntu 12.04 wird als LTS-Version fünf Jahre lang mit Updates versehen. Jüngst hatte Canonical den Hauptentwickler Jonathan Riddell zunächst von dem Kubuntu-Projekt abgezogen und damit seine offizielle Unterstützung aufgekündigt. Riddel wechselte daraufhin zu Blue Systems und arbeitet weiter Vollzeit an der KDE-Variante. KDE liegt dort in Version 4.8 vor.

Der ARM-Zweig von Ubuntu wurde ebenfalls aktualisiert. Neu sind Versionen (ARMhf, kurz für ARM Hard Float), die FPUs in modernen ARM-SoCs unterstützen, statt sie wie bisher nur per Software zu emulieren. Sie stehen für die OMAP-3- und -4-Chipsätze von Texas Instruments sowie den i.MX5x von Freescale zur Verfügung. Außerdem gibt es eine Portierung für das AC100/Dynabook von Toshiba mit Tegra-Chipsatz von Nvidia. Unterstützung für ARM-Quadcore-Chipsätze soll frühestens mit Ubuntu 12.10 zur Verfügung stehen.

Verfügbarkeit und Fazit

Ansonsten steht eine 32-Bit-Version zur Verfügung. Canonical will allerdings künftig die Entwicklung von 64-Bit-Systemen bevorzugen. Davon gibt es von Ubuntu 12.04 zwei: eine für allgemeine für Intel-basierte Rechner und eine, die speziell für die Installation auf Macs mit Intel-Prozessor optimiert ist. Ferner gibt es auch eine Power-PC-Variante. Die entsprechenden CD-Images stehen auf den weltweiten Servern von Canonical zum Download bereit.

Fazit

Trotz neuer Funktionen läuft Ubuntu 12.04 stabil. Die Benutzeroberfläche Unity macht längst nicht mehr den Eindruck, als sei sie Work-in-Progress. Das Head-up-Display ist eine sinnvolle, wenngleich etwas gewöhnungsbedürftige Ergänzung zu Unity.

Zu bemängeln sind allerdings die noch fehlenden Konfigurationsmöglichkeiten. Das HUD mit seiner vorgegeben Größe nimmt auf kleinen Displays viel Platz weg, auch wenn es nur für die einmalige Eingabe gedacht ist und nach dem Aufruf eines Menüeintrags gleich wieder verschwindet.

Ein Update von früheren Versionen lohnt sich allerdings allemal. Wir konnten mit einer Grafikkarte von Nvidia samt proprietären Treibern unter Ubuntu 11.10 nicht mit zwei Monitoren arbeiten. Mit Ubuntu 12.04 gibt es den Dualmonitor-Betrieb wieder. Und wer sich partout mit Unity oder der Gnome-Shell nicht anfreunden kann, wird das klassische Gnome schätzen, das dennoch alle Funktionen und Optionen des aktuellen Ubuntu 12.04 bietet.  (jt)


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