Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-risen-2-piratenabenteuer-la-piranha-bytes-1204-91348.html    Veröffentlicht: 24.04.2012 14:01    Kurz-URL: https://glm.io/91348

Test Risen 2

Piratenabenteuer à la Piranha Bytes

Freibeuter statt Fantasy-Mittelalter - aber trotz des ungewohnten Szenarios wirkt das Südsee-Abenteuer Risen 2 in nahezu jeder Minute wie ein typisches Rollenspiel von Piranha Bytes.

Wer das erste Risen gespielt hat, der weiß: Ausgestanden ist die Sache mit den Titanen noch nicht. Ganz im Gegenteil, denn während der Held im Prolog von Risen 2 faul im Bett liegt und sich mit Fusel volllaufen lässt, tobt vor dem Hafen der Inquisitionsstadt Caldera ein mächtiger Krake, der unter direktem Kommando der Meerestitanin Mara steht. Nach ein paar Minuten Spielzeit zerlegt das Biest mit seinen Tentakeln innerhalb weniger Augenblicke eine ausgewachsene Fregatte, und nur die ebenfalls schon bekannte junge Freibeuterdame Patty kann sich mühsam an Land retten.

Wenig später hat der Spieler dann auch einen Auftrag: Er soll eine magische Waffe finden und damit wieder für Ruhe und Ordnung auf und unter dem Meer sorgen. Dazu muss er zuerst Pattys Vater treffen, den alten Stahlbart. Und nach kurzer Zeit und dank eines besonders schnellen Schiffs steht der Spieler dann auf der Insel Takarigua, der ersten von etlichen abwechslungsreichen, größtenteils ebenso stimmigen wie schönen Schauplätzen, die der Spieler in Risen 2 erkundet.

Die ersten paar Stunden der rund 25 bis 30 Stunden langen Kampagne verbringt der Spieler in der Dschungelwelt von Takarigua, wo er, zum Schein wegen Flegelei aus der Inquisition entlassen, rasch Kontakt zur örtlichen Piratenbasis aufbaut und nach und nach auch Beziehungen mit den Ureinwohnern aufnimmt. Später geht es dann per Schiff - nicht steuerbar, per Ladebalken - auf weitere Inseln, die zum einen, etwa an der Schwertküste, noch stärker auf Südseeflair mit weißen Stränden, Palmen und Papageien setzen, zum anderen mehr Freiheit beim Absolvieren von Quests und der Haupthandlung bieten.

Die Handlung vollführt ein paar ausgesprochen dramatische Wendungen, von denen wir hier natürlich noch nichts verraten wollen. Die Story hat uns besser gefallen als die des Vorgängers. Teile der Geschichte kann der Spieler auf unterschiedliche Art erleben, indem er sich entscheidet, eher mit den Ureinwohnern oder der Inquisition zusammen zu arbeiten. Richtig Teil einer Fraktion wie in frühen Gothics wird der Held diesmal allerdings nicht, zumal er ja in geheimer Mission immer Mitglied der Inquisition bleibt.

Die Unterhaltungen mit Freund und Feind sind ähnlich knackig wie in den Vorgängern, inklusive derber Flüche und allerlei Gags. Insgesamt sind die Dialoge zum Glück weniger ausufernd als manche im direkten Vorgänger, sondern trotz der Fülle an Inhalten schön auf den Punkt gebracht.

Patty befindet sich einen großen Teil des Spiels an der Seite des Spielers. Dazu kommen weitere Begleiter, mit denen er Abenteuer erlebt. Und natürlich trifft er mit Carlos, Largos und weiteren Figuren auch jede Menge Personen, die mehr oder weniger direkt aus früheren Spielen des Entwicklerstudios Piranha Bytes stammen könnten.

Um die zahlreichen Kämpfe heil zu überstehen und Missionen mitsamt Nebenquests zu absolvieren, greift der Spieler anfangs zu seinem Degen. Damit kann er feindliche Angriffe parieren und Gegner mit einfachen Schlägen oder einer Dreierkombo attackieren. Kurz darauf kann er dann auch Flinten, Schrotgewehre und Piratenpistolen verwenden, später gibt es Voodoozauber, etwa Flammen, Schlachtfeldpapageien oder kleine Äffchen, mit denen der Spieler fremde Schätze stehlen kann. Zusätzlich gibt es die sogenannten schmutzigen Tricks - wer eine Kokosnuss findet, kann sie dem Gegner im Gefecht per "E"-Taste an den Schädel schleudern. Dass alles sorgt für zunehmend mir Möglichkeiten und Komplexität.

Steam-Pflicht

Überhaupt, was den Diebstahl angeht: Die meisten Kisten von anderen Personen lassen sich ohne Probleme öffnen und leer räumen - allerdings nur, wenn der Spieler es schafft, etwa in einem fremden Haus zu einer Kiste zu gelangen. Denn Besitzer oder Wachen kommen schon nach den ersten Schritten in Nachbars Butze angerannt und verlangen mal mehr, mal weniger rabiat, dass man sich doch bitteschön zu entfernen habe - da kann es schnell zum Kampf kommen.

Für erledigte Gegner und Aufgaben gibt's in Risen 2 Erfahrungspunkte, die der Spieler in fünf Kategorien wie "Klingen" oder "Flinten" für besondere Angriffsmanöver investieren kann. Zusätzlich können viele der NPCs dem Spieler neue Kombos und Tricks beibringen. Dafür wollen sie mit klingender Münzen bezahlt werden.

Das Rollenspielsystem unterscheidet sich deutlich von früheren Spielen von Piranha Bytes, funktioniert aber gut und erlaubt eine ähnliche Spezialisierung etwa als Schwertmeister oder Voodoopriester, der magische Artefakte und Runen verwendet. Außerdem kann der Spieler nicht nur seine Kampfkünste verbessern, sondern über die Fähigkeit "Silberzunge" in Dialogen andere Personen einfach überzeugen - oder mit mehr "Härte" besser einschüchtern.

Die Gegner-KI ist - ebenso wie die der Begleiter - insgesamt gelungen. Die Grabesspinnen, feindlichen Ureinwohner oder Piraten, bisswütigen Affen und Jaguare lassen sich kaum abschütteln, greifen mit individuellen Manövern an und setzen, wenn sie die Fähigkeit haben, auch Spezialangriffe einigermaßen geschickt ein. Trotzdem stellen sie meist eine lösbare Aufgabe dar, insbesondere wenn der Spieler mit Unterstützung unterwegs ist.

Die Grafik von Risen 2 ist deutlich besser als bei früheren Spielen - zeitgemäß wirkt sie trotz starker Momente allerdings nur selten. Piranha Bytes hat etwa den Figuren ein System verpasst, das deutlich mehr Unterschiede bei Rüstung und Kleidung ermöglicht. Auch der Spieler kann seinen Helden ganz nach Belieben in Schuhe, Hemden und Hosen stecken. Gelegentlich sieht die Landschaft etwa im Wald richtig gut aus, zum Beispiel wenn die Sonne durch das Gehölz bricht und es herrliche Schatten und Lichteffekte gibt. Auch die Fernsicht ist teils beeindruckend, obwohl der Unschärfefilter meist sehr künstliche Ergebnisse liefert.

Grafikfehler und Fazit

Das größte Problem: Es vergehen so gut wie nie auch nur fünf Minuten, ohne dass mehr oder weniger massive Grafikfehler den Gesamteindruck stören. Da spiegelt sich ein Mond plötzlich gleich zweifach auf dem Meer, seltsame Artefakte lassen einen Teil des Bildes wild aufblitzen, oder in der Ferne stehen Kisten in der Landschaft, die beim Näherkommen dann doch nicht da sind. Der wohl seltsamste Effekt sind auf- und wegploppende Pflanzen - das wirkt so bizarr, dass es in einem Alienspiel auf einem fremden Planeten fast schon wieder gut wäre.

Auch sonst ist Risen 2 nicht so bugfrei, wie ein derartiges Programm sein sollte. Echte Abstürze oder Spielstopper blieben uns immerhin erspart. Es kann aber schon mal vorkommen, dass der Spieler ein verschlossenes Tor überwindet, weil er eine Kanone hinter der Stadtmauer aufgrund eines Fehlers doch anklicken kann. Oder dass er einem NPC bis zu einem Kampf folgen muss, den er zu dem Zeitpunkt nicht gewinnen kann.

Da ist es doppelt ärgerlich, dass das Spiel alle paar Minuten automatisch den Spielstand sichert, aber dabei jedes Mal eine neue Datei anlegt. Wer dann auch noch die Quicksave-Funktion verwendet, die ebenfalls immer neue Dateien hinzufügt, findet sich im Savegame-Ordner nach ein paar Stunden garantiert nicht mehr zurecht. Auf einem Rechner hatten wir außerdem ab der zweiten Insel massive Probleme mit der Bildwiederholrate, die trotz mehr als ausreichender Leistungsreserven nach ein paar Minuten kaum mehr als ruckelige 15 Bilder pro Sekunden betrug.

Risen 2 ist für Windows-PC ab dem 27. April 2012 erhältlich und kostet rund 40 Euro. Eine Aktivierung auf Steam ist erforderlich, dann kann der Spieler im Offlinemodus auch ohne Internetverbindung spielen; ein Weiterverkauf ist aber nicht möglich. Neben der Steuerung per Tastatur und Maus lässt sich das Abenteuer auch am PC mit einem Xbox-360-Controller bedienen - was ausgesprochen gut funktioniert. Für Xbox 360 und Playstation 3 erscheint das Programm erst später als ursprünglich geplant. Nach aktuellem Stand will es Publisher Deep Silver am 3. August 2012 für Konsole veröffentlichen. Die USK hat eine Freigabe ab 12 Jahren vergeben.

Fazit

Hisst die Totenkopfflagge! Risen 2 macht mit seiner Mischung aus packender Handlung, altvertrautem Piranha-Bytes-Spielgefühl und dem frischen Freibeuter- und Voodooszenario sehr viel Grundlegendes richtig - zumal auch die Größe der Welt und die Freiheit beim Abenteuern stimmen. Das Kampfsystem bietet eine gute Mischung aus viel Action und ein bisschen Taktik, das Charaktersystem motiviert zum Experimentieren und bringt ein paar sinnvolle Neuerungen. Ärgerlich sind allerdings die vielen Grafikbugs, die den Spieler alle paar Minuten aus der Welt reißen können. Davon abgesehen, ist Risen 2 ein klare Empfehlung für Fans der Serie(n) und generell für die Freunde storylastiger Rollenspiele.  (ps)


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