Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/netzkinder-gegen-offliner-wir-sind-die-zauberer-des-21-jahrhunderts-1204-91207.html    Veröffentlicht: 19.04.2012 12:08    Kurz-URL: https://glm.io/91207

Netzkinder gegen Offliner

"Wir sind die Zauberer des 21. Jahrhunderts"

Wir lachen nicht, wir lollen. Wir haben unsere eigene Sprache und unsere eigene Kultur. Wir Netzkinder müssen das Internet retten, bevor es die Offliner kaputtmachen, schreibt der Blogger Alexander Fuchs in seinem Buch "Netzkinder gegen Offliner".

Der Text für Golem.de ist aus Auszügen des Buchs Netzkinder gegen Offliner von Alexander Fuchs entstanden. In seinem Buch schreibt der 23-jährige Nerd und Blogger über seine Internetgeneration und ihre Kultur. Er erzählt von seinem ganz persönlichen Verhältnis zum Netz; von Wissen, von Killerspielen, von Anonymous, Lulzsec und anderen Hackern, von Acta und der Urbeherrechtsdebatte - und rechnet vor allem mit der Bevölkerungsgruppe ab, vor der er das Netz retten will: den Offlinern.

Wir kennen keine Religion, nur Fakten. Wir teilen unser Wissen und unsere Daten. Wir lesen alles, was interessiert. Wir verteidigen gemeinsam unsere Freiheit. Wir arbeiten gerne zusammen. Wir wollen alles direkt und hassen Warten. Wir unterstützen den, der Hilfe braucht. Wir füttern keine Trolle, sondern trollen zurück. Wir vergessen nicht und vergeben nur, wenn es nicht ganz so schlimm war. Wir sind Netzkinder.

Es wird häufig von ganzen Generationen gesprochen, die mit dem Internet aufwachsen. Mit? Ich bin im Internet aufgewachsen. Das heißt, das meiste, was ich weiß und kann, habe ich mir mit dem Netz beigebracht. Das Internet hat mich gelehrt, meinen Verstand zu benutzen.

Ich bin ein Nerd

"Ich heiße Alex und bin 23 Jahre alt. Seit neun Jahren benutze ich das Internet. Durchschnittlich bin ich zwölf Stunden am Tag am PC und im Internet, grob geschätzt in meinem Leben bisher 40.000 Stunden." So müsste ich mich bei einer Selbsthilfegruppe zur Internetsucht vorstellen. Aber das wäre völliger Quatsch, denn süchtig bin ich überhaupt nicht! Ich bin ein Nerd, aber jetzt ist es wesentlich angesagter als früher. Das Internet ist heute ein Alltagsgegenstand. Wer sich damit auskennt, ist gefragt. Wir sind die Zauberer des 21. Jahrhunderts.

Ich bin fast jemand, den man "Digital Native" nennt, digitaler Ureinwohner. Ganz knapp, sozusagen. Digital Native bedeutet, dass ein Mensch von klein auf mit digitaler Technologie wie Computer, Internet, Smartphone und MP3s aufwächst. Jeder ist froh, wenn er Digital Native hört, weil die scheinbar mit diesem Wissen aufwachsen. Das ist ein Märchen. Sie benutzen es, aber sie verstehen es nicht. Die kommenden Generationen haben keinen Plan, wo ihre Daten liegen, was man mit der Technologie machen kann und wie man im Netz gehört wird. Aber wir tun gerne so als ob. Wenn es jeder automatisch lernt, dann muss man ihnen auch nichts mehr beibringen. Doch genau das müssen wir. Was muss ein Kind können, das eine Zukunft haben will? Informationen beschaffen, bewerten, sortieren. Daraus Regeln und Grundsätze ableiten. Vernetzen und zusammenarbeiten. Mit anderen Menschen umgehen können. That's it!

Real Life ist überbewertet

Der Begriff "Generation" hat sich bei diesem Thema eingebürgert, ist aber eigentlich nicht korrekt. Wie das Netz und die Menschen darin funktionieren, kann man in jeder Altersgruppe verstehen. Es ist schwer zu erklären, wie das digitale Zeitalter die Entwicklung eines Menschen beeinflusst. Wer mit Technologie aufwächst und sie lernt zu beherrschen, dessen Denk- und Verhaltensmuster ändert sich. Man lernt, Informationen schneller zu verarbeiten. Man hat den Drang, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Man bekommt ein Gefühl für Technologie. Kids, die auch Counter-Strike gespielt haben, verfügen über eine Augen-Hand-Koordination wie ein Düsenjetpilot.

In meiner extremen Internetzeit lernte ich mehr als in allen Real-Life-Tätigkeiten zusammen. Erfahrungen und Gelerntes werden überbewertet, denn man findet häufig etwas Besseres im Netz, besonders wenn es um Technik geht. Für einen Nerd zählen Fakten und etwas Bauchgefühl. Viele Menschen glauben das, was sie von ihren Bekannten, Freunden oder Umfeld zu hören bekommen, ohne einen Hauch von Zweifel. Das Netz hat mich anderes gelehrt. Vertrauenswürdige Quellen sind wichtig.

Internetnutzer müssen sich nicht alles merken, sondern wissen, wo sie die gesuchten Fakten herbekommen oder wer dabei helfen kann. Die eigene Erfahrung kann trügerisch sein. Nur weil etwas in der Vergangenheit funktioniert hat, heißt es nicht, dass diese Annahme für die Ewigkeit gilt oder noch relevant ist. Vor allem in der Netzwelt werden neue Dinge wichtig, die man ein halbes Jahr danach total vergessen kann.

Wer den Zugang zum Internet hat, dem liegt das Wissen der Welt zu Füßen. Man findet immer Rat, wenn man nett fragt. Man findet Hilfe, wenn man welche braucht. Man findet Menschen, von denen man lernen kann.

Oh, Real Life!

Mein bester Freund wollte plötzlich eine Freundin, aber ich war zwischenmenschlich völlig verpeilt. Das sind Dinge, die man verpasst, wenn man nur vor Maschinen sitzt. Wer gab mir Antworten? Das Internet. Die Betriebsanleitung für den Menschen. Also las ich alles, was ich über Psychologie finden konnte. Ich stieß auf einen interessanten Thread. Jemand fragte in einem Psychologieforum und bekam Antwort von Sparkle. Später mischte sich Don Corleone ein. Vor allem machte er den Leuten klar, dass sie ihren Arsch in die Welt bewegen müssen. Raus in die große, weite Welt? Oh Gott. Immerhin konnte ich dann darüber bloggen.

16 Jahre alt, ging es in einen Technoclub. Wie tanzt man denn bitte auf Techno oder House? Google sagt mir, dass es sich Melbourne Shuffle nennt. Es gibt eine Community mit How-to-Videos, wo die Schritte langsam gezeigt werden. Ich fing an, vor dem Spiegel zu üben. Nach einigen grobmotorischen Versuchen sah es einigermaßen aus. Also wieder ab in den Club und probieren. Läuft! Ich bekam sogar Komplimente und die Leute fragten, wo ich so gut tanzen gelernt hab. Och, wo könnte ich das wohl gelernt haben? Na, im Internet!

Offliner bedrohen uns!

Jeder, der es halbwegs benutzen kann, mag das Internet. Aber es gibt einige Menschen, die mit dem Internetding nicht umgehen können und versuchen, das Netz an ihr Postkutschenzeitalter anzupassen. Kaputtmacher. Gerne Offliner genannt. In der Netzwelt gehen viele Dinge schief, weil Menschen ohne Ahnung am Werk sind.

Menschen, die im Netz oft grandios scheitern, reagieren mit Selbstrechtfertigung: "Ich habe hier alles richtig gemacht." So oder so ähnlich eingestellte Menschen werden folgend Trollitiker, Offliner und Solitär-Administratoren genannt. Menschen, die das Internet kaputt machen wollen mit Zensur, Netzsperren oder Manipulation. Firmen, die Menschen verklagen, weil die sagen, dass deren Produkte scheiße sind.

Es wird Zeit, dass wir diese Menschen beim Namen nennen. Es muss klar sein, wer sich auskennt und wer Offline-Mensch ist. Es wird Zeit, dass jemand sich dagegenstellt.

Warum so hart? Weil es mir auf die Nerven geht, wie Firmen in Sachen Sicherheit scheitern und dann die Nutzerdaten im Netz auftauchen. Die Überwachung muss nicht sein. Weil es mich nervt, dass die meisten Internetnutzer mit Schrottsystemen unterwegs sind, Geld für Nutzlossoftware ausgeben und sich dann fragen, warum das alles nicht gut läuft.

Das Netz hat einen schlechten Ruf

In den Medien hört man vom Internet nur schlechte Dinge: Cybermobbing, böse Hacker, Kriminelle, Abzocke, Betrug, Viren und Spam. Die Meinung von Offlinern über das Netz basiert auf den zwei Minuten Paniknachrichten aus dem Fernseher. Das Internet ist zu einem Massenmedium geworden, dadurch haben wir immer mehr Teilnehmer mit wenig oder gar keiner Ahnung. Das sind auch die, die beim Download von kostenloser Software abgezockt werden oder sich die Trojaner selbst installieren. Menschen, die Virenscanner kaufen und denken, sie seien sicher.

Keiner hat einen Plan, aber es lässt sich niemand davon abhalten, sein Nichtwissen in Medien breitzutreten. Bei Sätzen wie: "Es geht nicht darum, dass wir zu einem Überwachungsstaat werden, sondern lediglich darum, zu speichern, wer wann mit wem und wo telefoniert hat" zweifelt man an der Intelligenz und an unserem politischen System. Später steht auch schwarz auf weiß, dass diese ganzen Maßnahmen nicht dafür genutzt werden, wofür man sie durchgedrückt hat. Auf der Telekommunikationsstatistik von 2009 steht Kinderpornografie in der letzten Zeile. Nicht mal für einen Balken hat es gereicht. Ganz oben steht Drogenhandel. Da beschwert sich auch keiner. Warum? Im Netz bekommt man so etwas mit.

Generationenprobleme?

Es gibt seit Jahren Angriffe der Offliner auf unser Internet. Zum Beispiel: Netzsperren. Der Vorwand wechselt ständig zwischen Terrorismus, Pornografie, Glücksspiel oder anderen Problemen. Onliner mit Ahnung wissen: Wer Inhalte einstellt, dem kann man auch einfach den Hahn abdrehen. Internetseiten können ohne Probleme vom Hoster gelöscht, zurückverfolgt oder gesperrt werden.

Netzsperren sind willkürliche Stoppschilder im Internet und für Nerds in 20 Sekunden zu umgehen. Wenn eine Frau überfallen wurde, dann kommt die Polizei mit ihrem großen Stoppschild, damit niemand sieht, was passiert ist. Das war wieder so eine grandios-doofe Idee, die sich hartnäckig hielt. Die Trollitikerin bekam den Namen Zensursula.

Da verkaufen uns die Politiker das Verstecken von Straftaten als gute Idee und kaum einer merkt es. Warum nicht? Weil die Offliner denen das abkaufen. Die armen Schweine sind nicht mit dem Netz aufgewachsen. Die müssen die Informationen schlucken, die man ihnen vor die Füße wirft.

Da wird eine Zensur-Infrastruktur gefordert. Wenn irgendwo jemand Amok läuft, sollen erst mal böse Internetseiten gesperrt werden. Liegt es am Alter? Ist es ein typisches Generationenproblem?

In der Kindheit wirkt für uns alles natürlich. Die Welt, in der wir aufgewachsen sind, halten wir für normal. Alles was wir als Jugendliche erleben, ist aufregend und neu. Doch wenn wir älter werden, fangen wir automatisch an, neue Dinge abzulehnen. Es ist eine Mischung aus Generationsproblem, erschwert durch die Tatsache, dass nicht alle Menschen Technologie verstehen. Dazu noch eine Prise Inkompetenz und schon hat man unsere jetzigen Probleme.

Kostenloskultur?

Einer der häufigsten Vorwürfe, die wir uns anhören müssen ist, dass wir alles kostenlos haben möchten. Einen Satz später fällt dann noch das Wort Raubkopie. So wie das Netz plötzlich da war, waren auch plötzlich die Filme, Musik und Fotos im Netz. Es wusste niemand, woher und ob man das darf. Es war da und man konnte herunterladen, ohne dass der andere etwas verliert. Die Industrie lebt von ihren physikalischen Kopien, doch wir kommen aus einer digitalen Welt. Hexen wurden verbrannt und jetzt sind Nerds die digitalen Zauberer. Schafft schon mal Holz bei. Gleich wird es warm.

Irgendwann muss sich jemand mit Ahnung von Technik mit denen getroffen haben. Dann gab es plötzlich DRM. Digitales Rechtemanagement. Eine technische Lösung für einen Offline-Gedanken. Es war bescheuert und das leuchtete sogar dem Otto-Normal-Nutzer ein. "Warum kann ich die Musik nicht brennen? Ich habe es doch bezahlt!" Das ist wie bei einem Staubsauger, den man nur für drei Räume benutzen darf. Dann musst du beim Hersteller anrufen und weitere Benutzung zahlen. Das kommt noch besser: Wenn die Firma pleite ist, funktioniert dein Staubsauger nicht mehr.

Der Musikanwalt schreibt dir Post, will Geld und haut dir auf die Finger. Weil es jeder macht und die Forderung völlig überhöht ist, machen die damit einiges an Schotter, ohne zu merken, dass die Downloader ihre Kunden sind beziehungsweise Kunden waren. Denn wir kaufen auch, wenn uns das Zeug gefällt.

Menschen wollen teilen

Die Menschen wollen ihre Sachen teilen. Mein Lieblingszitat zum Thema Filesharing. "Wenn ich den Ferrari von meinem Nachbarn mit einem Klick kopieren könnte, ohne dass er seinen verliert, dann würde ich es tun." Fies ist es nur, wenn man mit den Sachen von anderen Kohle verdient. Noch fieser ist es, wenn man aus diesem Grund die Volksüberwachung baut.

Offliner sind grundsätzlich zu unfähig, Onlinekonzepte vorzulegen. Die Gema bekommt es heute noch nicht gepeilt, sich mit Youtube zu einigen. Das ist so bescheuert, dass es sogar die Rechteinhaber merken. Überall kann man Einigungen erreichen, sogar die Amis. Die können Serien und Filme online schauen. Die dürfen über "Fair Use" Inhalte remixen, wie sie lustig sind, ohne dass jemand mit der Abmahnkeule kommt.

Das reicht denen aber aus, um die Überwachung ins Internet zu holen. Da kommen Vorschläge auf EU-Ebene, da flattern dir die Ohren. Eine Whiteliste (Liste mit "guten" Webseiten) für das Internet oder alle Pakete untersuchen lassen. Das ist so, als hätte man eine Behörde, die Texte auf Papier erlauben muss oder dass jeder Brief geöffnet wird, um ein "Okay" dafür zu geben. Das hört sich nicht besonders nach Freiheit an.

Ihr schert euch einen Dreck!

Es gibt einige wenige Filmprojekte, wo man mit 5 Euro und zwei Klicks den Download hat. Wenn es nur um die Daten geht und man es genauso leicht vervielfältigen kann, wie jeder bei sich zu Hause, dann muss man das am Preis merken. Man muss kein Genie sein, um das zu kapieren. Ich fand schon MP3-Alben, die teurer waren als die CD. Was soll der Mist? Da läuft etwas erstaunlich falsch mit der Preis-Leistungs-Gestaltung. Wenn die Bosse das nicht kapieren, dann bleibt mit eurem Content, wo ihr seid! Ist mir doch egal. Ich freue mich auf die nächsten Remixes auf Youtube und gehe als Fan auf Konzerte. CDs habe ich kaum noch. Out.

Im 21. Jahrhundert kann jeder kopieren: Musik, Filme und Inhalte. Doch die Firmen sind unglaublich schwerfällig, deshalb versuchen sie an ihrem Geschäftsmodell festzuhalten. Ihr schert euch einen Dreck um die Menschen, Daten, Wissen und die Erde! FFFUUUUUU (Fuck You).

Happy End?

Das Problem ist klar. Wir kennen die Offliner nur zu gut. Alles, was die nicht verstehen, ist böse und alles mit Technik geht schief. Deshalb versuchen wir schon seit Jahren, dass bei Vater Staat so wenig Daten wie möglich gesammelt werden. Der beste Datenschutz sind Daten, die man nicht hat.

Das Internet muss sich verteidigen gegen Zerstörung und Manipulation. Was ist, wenn wir nicht gewinnen? Was ist, wenn unser Internet plötzlich wie in China aussieht? Wir können keine 30 Jahre warten, bis alle das Internet im Schneckentempo verstanden haben. Wir haben keine Garantie, dass es nicht doch jemand schafft und uns irgendeinen Müll aufs Auge drückt, wie es bei der Vorratsdatenspeicherung schon passiert ist.

Das Netz hat Potenzial, die Welt in die richtige Richtung zu drehen. Doch dazu müssen wir es beschützen. Ansonsten werden uns die Offliner das Ding kaputt machen. Ob es ein Happy End geben wird, hängt von unserer Gemeinschaft ab. Halten wir zusammen?

 (af)


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