Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/wlan-tuning-das-smartphone-an-der-badezimmerdecke-1203-90875.html    Veröffentlicht: 30.03.2012 12:13    Kurz-URL: https://glm.io/90875

WLAN-Tuning

Das Smartphone an der Badezimmerdecke

Wenn Hotelgäste über das lahme WLAN nörgeln, sollte man ihnen aufmerksam zuhören. Es könnte sich nämlich um Teilnehmer einer Ingenieurstagung der IETF handeln, die das WLAN im Handumdrehen benutzbar machen. So ist das jetzt in Paris geschehen.

Wer häufig auf Großveranstaltungen der Elektronikbranche online arbeiten muss, kennt den Effekt: je mehr Nerds, desto weniger Netz. Funktechniken von WLAN bis UMTS sind schlicht nicht darauf ausgelegt, Hunderte von Geräten auf kleinstem Raum zuverlässig und schnell versorgen zu können.

Das war auch in dieser Woche bei einer Tagung der Internet Engineering Task Force (IETF) zu beobachten, wie Networkworld berichtet. Als die Teilnehmer nach und nach das Hotel Concorde La Fayette in Paris bezogen, sank die Leistung der Internetanbindung immer weiter ab. Das betraf nicht nur das WLAN, auch Ethernet war keine Alternative, denn wie in vielen modernen Hotels werden die Kabel auch für das Fernsehsystem genutzt, das einen Teil der Bandbreite belegt.

Die Ingenieure tauschten sich über eine Mailingliste aus und stellten schnell fest, dass bis zu 30 Prozent der Pakete verloren gingen und die Latenzen - sonst im Bereich von einigen hundert Millisekunden - bei fünf bis sechs Sekunden lagen. Zu allem Überfluss waren auch noch die Ports von populären Chatprogrammen gesperrt, und andere für VPN benötigte Ports ebenfalls. Kurz: Das Netz war für die Anforderungen der Gäste so nicht benutzbar.

Gaffer-Tape und Bluetooth-Tethering

Manche kamen auf die fantasievollsten Ideen, um überhaupt eine Verbindung herstellen zu können. So berichtet ein Teilnehmer, dass er nur an der Decke seines Badezimmers das WLAN überhaupt empfangen konnte. Also klebte er kurzerhand sein Smartphone an die Decke und stellte zum Notebook eine Verbindung per Bluetooth-Tethering her. Offenbar gehört bei der IETF Gaffer-Tape zum Reise-Necessaire, ebenso wie bei Redakteuren von Golem.de.

Nach zwei Tagen hatte die Verwaltung des Hotels nach anhaltenden Beschwerden aber ein Einsehen und gewährte den Ingenieuren Zugriff auf die Infrastruktur des Netzwerks. Bessere Spezialisten zur Fehleranalyse eines Netzwerks als die Entwickler, die einen Teil der Standards definiert hatten, wären auch kaum verfügbar gewesen.

Bei der Untersuchung stellte sich schnell heraus, dass bei der Installation des WLANs ein klassischer Fehler gemacht wurde: Es gab zu viele Access Points (AP) mit zu hoher Sendeleistung, die auch zu nahe beieinander auf denselben Kanälen funkten. Im auch durch andere Geräte wie Bluetooth und schnurlose Telefone überlaufenen 2,4-GHz-Band kann so etwas nur zu Problemen führen.

Weniger Ausgangleistung bringt mehr

Die IETF-Mitglieder reduzierten also bei den meisten APs die Leistung von 20 dBm auf 10 dBm und verteilten die Kanäle neu. Statt der üblichen Empfehlung, drei Kanäle zu verwenden - nur diese sind wirklich überlappungsfrei -, setzten die Ingenieure vier ein.

Die Kanäle 1, 5, 9 und 13 kamen so zum Einsatz, weil einfach konfigurierte US-Clients den dort nicht verfügbaren Kanal 13 meist nicht nutzten. Anwender europäischer Geräte hatten diesen Kanal also praktisch für sich. Ein Ingenieur wies in einer Mail auch darauf hin, dass sich insbesondere in den USA verkaufte Macbooks normalerweise nicht mit Kanal 13 verbinden, was die IETF dem Hersteller schon oft vorgehalten hätte.

Als letzte Maßnahme wurden die Sender bei einigen Access Points gleich ganz abgeschaltet, wenn sie zu nahe an anderen lagen. Bei manchen APs wurde auch das 5-GHz-Band genutzt, das zumindest moderne Notebooks nutzen können. Da von diesen Geräten die höchste Last erwartet wurde, konnte das 2,4-GHz-Band deutlich entlastet werden. Die Teilnehmer der Tagung berichteten anschließend mit wenigen Ausnahmen von einem passabel nutzbaren WLAN im gesamten Hotel.

Das Problem überlasteter Funknetze, welches in diesem Fall durch Fehlkonfigurationen noch verschlimmert wurde, hat sich in den letzten Jahren zunehmend verschärft, da die Gäste in Hotels oft nicht mehr nur ein Notebook mit sich führen. Während dieser Rechner nur sporadisch genutzt wird, funkten andere Geräte wie Smartphones und Tablets ständig. Ein technisch gut ausgestatteter Reisender hat im schlimmsten Fall also statt früher einem gleich drei Geräte im Netz.

Die meisten Anwender bekommen das zugrundeliegende Problem gar nicht mit, weil sie sich durch die Gewöhnung an Handys nur an der Signalstärke und den Balken auf dem Gerät orientieren. Weil das vielen Menschen als Maßstab für ein "gutes" Netz gilt, ist die Ausgangsleistung der Funkzellen oft viel zu hoch eingestellt. Das führt aber zu einer Überbelastung des Funkspektrums, so dass letztlich weniger Bandbreite als möglich zur Verfügung steht. Das Beispiel des IETF-Umbaus in Paris zeigt: Weniger ist bei drahtlosen Netzen oft mehr.  (nie)


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