Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/kino-to-chefprogrammierer-bekam-monatlich-50-000-euro-1203-90863.html    Veröffentlicht: 30.03.2012 12:16    Kurz-URL: https://glm.io/90863

Kino.to

Chefprogrammierer bekam monatlich 50.000 Euro

Bastian P. hat heute vor dem Landgericht Leipzig umfassend ausgesagt und den Kopf der Gruppe schwer belastet. P. war über Jahre fast rund um die Uhr für die Verfügbarkeit und den Betrieb von Kino.to verantwortlich.

Bastian P., der Chefprogrammierer des illegalen Streaming-Portals Kino.to, hat für seine Arbeit monatlich zwischen 30.000 Euro und 50.000 Euro erhalten. Das sagte P. am zweiten Prozesstag am 30. März 2012 in der laufenden Kino.to-Verhandlung.

Insgesamt bekam P. über die gesamte Zeit rund 1 Million Euro, wovon nach Bezahlung von Rechnungen 700.000 Euro übrig blieben. Der Programmierer beklagte eine schlechte Zahlungsmoral des Chefs der Gruppe. Er habe immer wieder nachfragen müssen, bis das Geld kam. Am 20. März 2012 war am Landgericht Leipzig der Strafprozess gegen P. eröffnet worden. Seine Einnahmen habe er immer ordentlich versteuert. Finanzier von Kino.to sei der Besitzer der Plattform Gulli.com gewesen, sagte P.

P. drohen bis zu fünf Jahre Haft

P. erklärte sich gleich nach seiner Festnahme bereit, Kronzeuge zu werden. Die heutigen Aussagen vor Gericht dienten der Überprüfung seiner ersten Aussagen und der Anhörung eines Sachverständigen.

Die Anklage wirft dem ehemaligen Philosophie- und Informatikstudenten gewerbsmäßige Urheberrechtsverletzung in mehr als einer Million Fälle vor. Die Gesellschaft für Urheberrechtsverletzungen (GVU) vertritt die Nebenklage und war persönlich durch ihren Geschäftsführer Matthias Leonardy vor Gericht vertreten. Seit seiner Verhaftung befindet sich der Programmierer P. in Untersuchungshaft, die ihm nach Angaben seines Anwalts zu schaffen macht. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu fünf Jahre Haft. Es sind noch mindestens drei weitere Verhandlungstage angesetzt.

Auf Anweisung programmiert

P. programmierte nach seinen Angaben auf Anweisung von B., dem Chef der Gruppe, mit dem er auch vor einem Anwalt einen Vertrag geschlossen hatte.

Er machte seine heutigen Aussagen vor Gericht mit leiser Stimme und gesenktem Blick und steht nach eigenen Angaben unter Wirkung verschiedener Psychopharmaka. Den Kopf der Gruppe "kenne ich aus meiner letzten Zeit am Gymnasium", sagte P. Er habe zuerst kleinere Programmierjobs für Kino.to übernommen. P.: "Dann habe ich ein bis zwei Versionen von Kino.to entwickelt." Später habe die Masse der Besucher das Projekt sehr kompliziert gemacht.

Ein weiteres Problem sei die Kontrolle der Filme gewesen. "Doch die Nutzer haben falsche oder schlechte Kopien sofort gemeldet", sagte P. Alle Filme wurden zuvor vom Kino.to-Team kontrolliert, um schlechte Kopien und Kindesmissbrauchsabbildungen auszuschließen. Außerdem sollten, um Konflikte zu vermeiden, keine russischen Filme verfügbar gemacht werden, weil die Server der Plattform in Russland standen.

P.: Der Chef wurde immer paranoider

P. beklagte, dass es immer Kapazitätsprobleme bei der Verfügbarkeit der Plattform Kino.to gab, die von Anfang an bis zur Abschaltung durch die Strafverfolger anhielten.

Der mutmaßliche Kino.to-Chef B. sei mit der Zeit immer paranoider geworden, sagte P. Es gab Erpressungen gegen die Plattform und mehrfach benutzte Passwörter des Chefs gerieten in die Hände von Angreifern. Es gab oft DOS-Attacken und der DNS wurde gekapert.

Der Programmierer zeichnete ein Bild, nach dem er für den Betrieb von Kino.to immer verfügbar sein musste. Wenn es Probleme mit der Erreichbarkeit der Plattform kam, musste er Kinobesuche unterbrechen und sogar in den Weihnachtsfeiertagen durcharbeiten. Er habe fast immer oft bis in die späte Nacht hinein programmiert.

"Maschinengewehren kann ich wenig entgegensetzen"

Seine Verhaftung im Juni 2011 erfolgte durch ein Sondereinsatzkommando der Polizei mit vorgehaltenem Maschinengewehr. "Maschinengewehren kann ich wenig entgegensetzten", sagte P. "Ich habe dann die Kronzeugenregelung unterzeichnet und den Ermittlern alle Passwörter gegeben." Bis auf das Masterpasswort von B. habe er alle Passwörter in seiner Datenbank gehabt. P. erklärte sich bereit, auch in anderen Fällen von Urheberrechtsverletzungen mit den Strafverfolgungsbehörden und der GVU zusammenzuarbeiten und Informationen zu liefern.

Die Mitglieder des Teams von Kino.to hätten auch eigene Filehoster mit illegalen Filmkopien betrieben. Auch P. habe dies eine Zeit lang gemacht, dann aber aus Zeitnot aufgegeben.

Kino.to war mindestens seit 2007 online und bot in deutscher Sprache Streams an, die im Browser angesehen werden konnten. Die Inhalte waren bei scheinbar unabhängigen Streamhostern gespeichert, die aber laut den Ermittlern oftmals von Kino.to gegründet oder betrieben wurden. Strafverfolgungsbehörden und die GVU versuchten das Angebot seit Jahren zu schließen, was jedoch wegen häufiger Serverumzüge immer wieder misslang. Erst ein Tipp aus dem innersten Kreis der Szene soll schließlich zu den Betreibern geführt haben.

Im Juni 2011 hatte die Ermittlungseinheit INES deutschlandweit rund 20 Wohnungen und Geschäftsräume der mutmaßlichen Kino.to-Betreiber und Rechenzentren durchsucht und das Portal offline genommen. Gleichzeitig erfolgten Durchsuchungen in Spanien und Frankreich. 13 Beschuldigte wurden festgenommen. Die Plattform Kino.to hatte etwa vier Millionen Nutzer täglich. Das Verfahren gegen den Hauptbeschuldigten hat noch nicht stattgefunden. In den Verfahren gegen die Betreiber des Dienstes gab es bisher vier Urteile mit Strafen zwischen 21 Monaten auf Bewährung für einen Uploader und drei Jahren und fünf Monaten Haft für den Betreiber eines Filehosters. Der Prozess gegen den mutmaßlichen Drahtzieher des gesamten Projekts steht noch aus.

Nachtrag vom 30. März 2012, 12:41 Uhr

Das Gericht vertrat die Ansicht, dass der offene Vollzug für Bastian P. geprüft werden solle. Auch im Falle einer Verurteilung soll eine mögliche Haft im offenen Vollzug erfolgen. Grund dafür sei sein Aussageverhalten.  (asa)


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