Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/hands-on-gnome-3-4-neues-gnome-design-nicht-konsequent-umgesetzt-1203-90847.html    Veröffentlicht: 29.03.2012 14:55    Kurz-URL: https://glm.io/90847

Hands on Gnome 3.4

Neues Gnome-Design nicht konsequent umgesetzt

Einige Anwendungen in Gnome 3.4 erhalten ein neues Design, was die Arbeit mit der Gnome-Shell verbessert. Die neuen Richtlinien sind aber noch nicht überall umgesetzt, was zu einem inkonsistenten Look-and-Feel führt.

Mit Gnome 3.4 werden Teile der neuen Design-Richtlinie in einigen Anwendungen bereits umgesetzt, was die Arbeit mit der Gnome-Shell etwas erleichtert. Außerdem enthält Gnome 3.4 eine Vorabversion des Tools Boxes. Dieses grafische Frontend für virtuelle Maschinen ist für Privatanwender gedacht und nutzt Libvirt für den Zugriff auf KVM. Jedoch erst mit Gnome 3.6 soll Boxes voll einsatzfähig sein.

Epiphany kupfert ab

Nutzer des Browsers Epiphany sehen in der Werkzeugleiste lediglich die Vor- und Zurück-Pfeile sowie das URL-Feld mit integriertem Knopf zum Neuladen und dem Abbrechen des Ladens einer Webseite. Diese Funktion ist so ähnlich bereits in Firefox implementiert. Eine weitere Funktion von Epiphany ist ebenfalls einem anderen Browser entlehnt. Das sogenannte Super-Menü, das sich hinter einem Zahnrad-Icon versteckt, erinnert an den Einstellungsdialog des Browsers Chrome.

Im Supermenü finden sich die Lesezeichen und die Funktionen des bisherigen Dateimenüs, etwa zum Öffnen oder Schließen von Tabs. Den Ladefortschritt einer Webseite zeigt der Browser als kleinen blauen Balken unter der URL-Zeile an, der von links nach rechts wandert. Außerdem wird Epiphany in der Gnome-Shell nun nur noch als Webbrowser gekennzeichnet.

Mehr Platz

Auf kleinen Bildschirmen bereitete die Gnome-Shell bisweilen Probleme, da einige Fenster zu groß waren und dadurch nicht richtig dargestellt werden konnten. Abhilfe schafft hier die Entscheidung der Designer, auf die Menüleiste einer Anwendung zu verzichten. Die wichtigsten Funktionen sind nun über den Eintrag einer Anwendung im Panel der Gnome-Shell per Mausklick erreichbar.

Das gilt jedoch nicht für sämtliche Gnome-Anwendungen, sondern nur für ausgewählte, etwa Epiphany oder auch die Kontakt- oder die Dokumentenverwaltung. Anwendungen wie Gedit oder Evolution behalten vorerst ihre Menüleiste.

Ebenfalls für eine bessere Übersicht werden einige maximierte Anwendungen ohne Fensterdekoration dargestellt, es fehlen also die Titelleiste sowie der Knopf zum Schließen des Fensters. Auch diese Funktion ist noch nicht übergreifend implementiert, sondern auf spezielle Anwendungen beschränkt.

Außerdem hat das Gnome-Team die bisherigen Scrollleisten gegen einen dezenten Balken am rechten Fensterrand ausgetauscht. Er zeigt die bekannten Richtungspfeile nun nicht mehr, was stark an die Oberflächen von Tablets oder Smartphones erinnert.

Kontakte und Dokumente

Die mit Gnome 3.2 eingeführte Kontaktverwaltung wurde grafisch etwas überarbeitet. So ist das Hinzufügen sämtlicher Informationen nun über einen einzigen Dialog möglich, das Bearbeiten geschieht per Klick auf die entsprechende Information, etwa die E-Mail-Adresse. Zudem bringt die Kontaktanwendung Vorschläge zum Zusammenführen von Informationen, zum Beispiel falls ein Kontakt im IM-Client Empathy denselben Namen trägt wie ein bereits im Adressbuch abgelegter Kontakt.

Die Oberfläche der Dokumentenverwaltung wirkt in Gnome 3.4 aufgeräumter als in der Vorgängerversion. Die Übersicht zeigt neue und kürzlich indizierte Dokumente, per Mausklick zum Beispiel auf eine PDF-Datei startet eine Vorschau. Über ein Häkchen-Icon in der linken oberen Ecke stehen weitere Aktionen zur Verfügung, darunter die Möglichkeit zum Drucken oder das Öffnen in einer externen Anwendung. Per Tastenkombination Strg+F lassen sich die Dokumente durchsuchen.

Die indizierten Dokumente lassen sich nun ebenfalls über die Suche der Aktivitäten auffinden. Umgesetzt wird dies über ein D-Bus-Interface, worüber die Gnome-Shell auf die Suchergebnisse einzelner Anwendungen zugreifen kann. Die Dokumentenverwaltung ist die erste Anwendung, die diese Funktion unterstützt, es sollen aber weitere Folgen, um auch Musik oder Videos auffinden zu können.

Noch mehr Design

Zusätzlich zu den bereits genannten Designentscheidungen, die für alle Anwendungen umgesetzt werden sollen, polieren auch die Entwickler einzelner Anwendungen die entsprechenden Oberflächen auf. Die Veränderungen an Empathy etwa bezeichnete das Team selbst als "massiv". So wurde das GUI für Audio- und Videoanrufe grundlegend neu geschrieben, wovon Nutzer jedoch nicht viel mitbekommen sollten.

Ebenfalls neu ist die Integration der Passwortabfragen für Schlüsselbunde in das Aussehen der Gnome-Shell. Das Dialogfenster zum Entsperren der Schlüsselbunde erscheint nun in einem schwarzen, halb transparenten Fenster. Unter dem Motto "Every Detail Matters" sollten darüber hinaus mindestens 20 Fehler behoben werden, die die Arbeit in der Aktivitäten-Übersicht erschweren.

Das selbstgesteckte Ziel erreichten die Entwickler etwa eine Woche vor der Veröffentlichung. So kann eine Anwendung nun zum Beispiel zwischen zwei Arbeitsflächen fallengelassen werden, um eine neue Arbeitsfläche zu erzeugen, welche die Anwendungen enthält. Manuell sortieren lassen sich die Arbeitsflächen jedoch noch nicht.

Ebenso wenig können die angezeigten Fenster mittels Tastatur durchlaufen oder ausgewählt werden. In der Liste zu Every Detail Matters finden sich außerdem einige weitere Funktionen, die noch nicht implementiert sind oder an denen derzeit gearbeitet wird.

Kleine Verbesserungen

Laut Aussage des Gnome-Teams soll sich die Hardwareunterstützung verbessert haben, vor allem im Umgang mit Laptops. Diese wechseln nun zum Beispiel nicht mehr in den Bereitschaftsmodus, falls sie in einer Dockingstation oder mit externem Bildschirm verwendet werden und zudem der Deckel geschlossen ist. Zusätzlich bieten die Energieeinstellungen nun eine Leiste, die den Akkustatus darstellt.

Der E-Mail-Client Evolution kann sich nun mit Kolab-Groupware-Servern verbinden und bietet dabei eine Offline-Unterstützung. Weiterhin erkennt Evolution nun einige bekannte E-Mail-Provider, was das Einrichten eines Kontos mit Hilfe des Assistenten vereinfachen soll. Außerdem nimmt die Anwendung Cheese nun Webcam-Videos standardmäßig im Webm-Format auf.

Shell-Erweiterungen und Fazit

Die mit Gnome 3.2 eingeführten Erweiterungen bieten Nutzern auch in der aktuellen Version eine einfache Möglichkeit, die Shell den eigenen Bedürfnissen anzupassen. Neben den in Gnome enthaltenen Erweiterungen, die über die Distributionen ausgeliefert werden, können diese auch über die Webseite extensions.gnome.org mittels Browser installiert werden.

Nachdem die Webseite bis vor kurzem noch als Alpha gekennzeichnet war, befindet sie sich nun offiziell im Betastatus. Für Gnome 3.4 sind zurzeit jedoch nur wenige Erweiterungen verfügbar und eine Updatefunktion ist auch noch nicht vorhanden. Um die Erweiterungen zu aktualisieren, müssen diese deinstalliert und anschließend neu installiert werden.

Fazit

Das neue Design einiger Anwendungen zeigt die kommende Entwicklung der Gnome-Shell. Funktionen wie der Verzicht auf die Fensterdekoration oder die Menüleiste durch das Anwendungsmenü im Panel zu ersetzen, sind vergleichsweise einfach. Sie stören Anwender nicht und schaffen zusätzlich mehr Platz auf kleinen Bildschirmen, was zu einer besseren Bedienbarkeit führt.

Die Designrichtlinien sind jedoch noch nicht in jeder Anwendung umgesetzt. Das führt dazu, dass Gnome-Anwendungen unterschiedlich funktionieren und das Gesamtbild des Desktops nicht einheitlich wirkt. Selbst wenn sämtliche Gnome-Anwendungen entsprechend bearbeitet werden, funktionieren externe Anwendungen wie Libreoffice nicht mit einem Anwendungsmenü, weil dies nicht implementiert ist. Oder die Anwendungen bringen ihren eigenen Menü-Knopf mit, wie etwa Firefox. Eine einheitliche Bedienung wäre aus Sicht der Nutzer wünschenswert, aber schwierig umzusetzen.

Die Integration der Dokumentensuche in die Suche der Aktivitätenansicht ist ebenfalls eine gelungene Funktion. Künftig soll es möglich sein, auch andere Dateien zu finden, was hoffentlich bereits mit Gnome 3.6 der Fall sein wird. Denn es ist für Nutzer wenig nachvollziehbar, warum PDF-Dateien auffindbar sein sollen, einzelne Urlaubsfotos jedoch nicht. Diese Suche und eine bessere Integration des semantischen Desktops, der mit Zeitgeist und dem Gnome Activity Journal umgesetzt wird, fehlen der Gnome-Shell nach wie vor, um ihr Bedienungskonzept komplett umzusetzen.

Zum Testen von Gnome 3.4 steht das Abbild einer LiveCD zur Verfügungen. Außerdem nutzt die Entwicklungsversion des kommenden Fedora 17 bereits die Oberfläche. Für Opensuse, Ubuntu und weitere Distributionen sollte Gnome 3.4 ebenfalls in Kürze zur Verfügung stehen. Zum Selbstkompilieren stehen der Quellcode auf den FTP-Servern des Projekts sowie die Umgebung Jhbuild bereit.  (sg)


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