Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/hands-on-b2g-mozillas-smartphone-betriebssystem-boot-to-gecko-im-detail-1203-90113.html    Veröffentlicht: 02.03.2012 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/90113

Hands on B2G

Mozillas Smartphone-Betriebssystem Boot to Gecko im Detail

Im Sommer 2012 sollen die ersten Smartphones mit Mozillas Boot to Gecko (B2G) auf den Markt kommen. Golem.de hat mit Mozilla-Entwickler Andreas Gal über das neue Betriebssystem gesprochen und stellt es im Detail vor.

Die wesentlichen Funktionen eines Telefons, also Telefongespräche, SMS, Bluetooth und USB, sind bislang im Web nicht möglich, es gibt schlicht keine standardisierten Schnittstellen, mit denen Webapps auf diese Funktionen zugreifen können. Dadurch sei das Web nicht das primäre Medium, um Apps auf Smartphones auszuliefern, sondern native Apps, wie man an iOS und Android sehe, sagt Mozilla-Entwickler Andreas Gal.

Gal ist einer der Hauptentwickler von Boot to Gecko, das genau dies ändern soll. Dabei handelt es sich um ein schlankes und komplett offenes Smartphone-Betriebssystem, das jeder mit HTML, CSS und Javascript anpassen kann. Anders als beispielsweise Googles Android wird Boot to Web komplett als Open Source entwickelt.

Schlankes System

Der gesamte Softwarestack von Boot to Gecko benötigt derzeit nur rund 120 MByte Speicher. Andere Smartphone-Betriebssysteme sind hier weitaus anspruchsvoller. Android 4.0 beispielsweise setzt 512 MByte Speicher voraus. Zwar nutzt Boot to Gecko wie Android einen Linux-Kernel sowie sehr ähnliche Treiber, ansonsten aber haben die beiden Systeme praktisch nichts gemeinsam.

Im Vergleich zu Android ist Boot to Gecko deutlich schlanker, da es ohne proprietäre APIs oder Dalvik VM auskommt. Eigentlich besteht Boot to Gecko nur aus einem Kernel, ein paar Treibern und einer Web-Rendering-Engine, eben Gecko.

Boot to Gecko im Detail

Direkt nach dem Einschalten kommt der Nutzer von Boot to Gecko in die Rendering-Engine. Auch der Lock-Screen ist mit HTML5 umgesetzt. Mit einem Wisch landet er auf dem Homescreen, auf dem sich wie auch bei anderen Smartphone-Betriebssystemen klickbare Icons befinden. Am oberen Rand befindet sich eine Statusleiste, die wie alles andere auch mit HTML5 und Javascript umgesetzt ist. Um die Akkuanzeige zu realisieren, hat Mozilla das Battery API entwickelt und beim W3C eingereicht. So kann der Status des Akkus im Browser per Javascript abgefragt werden. Zudem wird das Network API zusammen mit dem Telephony API genutzt, um anzuzeigen, bei welchem Mobilfunkanbieter das Smartphone gerade eingebucht ist.

Mozillas Ziel ist es, alle für die Umsetzung notwendigen APIs als Webstandards umzusetzen, so dass nur noch offene Webstandards genutzt werden. Bei einigen der APIs ist die Standardisierung schon recht weit, bei anderen steht sie noch am Anfang. Eine Übersicht über die zahlreichen APIs, an denen Mozilla arbeitet, gibt es im Mozilla-Wiki unter Web API.

Mozillas Gaia genanntes User Interface von Boot to Gecko ist komplett in HTML5, CSS und Javascript umgesetzt und ähnelt dem typischen UI anderer Smartphones. Durch die offene Struktur sind aber viele Innovationen möglich, zumal sich das UI mit Webtechnik leicht verändern lässt und Entwickler ihre Änderungen anderen zur Verfügung stellen können. Mozilla konzentriert sich derzeit aber darauf, eine möglichst traditionelle Umgebung anzubieten, um zu zeigen, dass sich ein solches UI nicht nur mit Webtechnik umsetzen lässt, sondern dass dieses auch schnell reagiert.

Auch Videos lassen sich flink abspielen und bestehende Browserspiele, die mit WebGL und Javascript umgesetzt sind, laufen auf dem Boot-to-Gecko-Smartphone. Die Grenzen setzt die Hardware, nicht die Software.

Bei dem von Andreas Gal gezeigten User Interface handelt es sich allerdings um das von Mozilla als Open Source entwickelte UI. Telefónica hat seinerseits ein eigenes UI für das System umgesetzt.

Selbst ausprobieren

Entwickelt wurde Boot to Gecko zunächst für Samsungs Galaxy S2, das ganz normal im Handel erhältlich ist. Darauf kann jeder selbst Boot to Gecko installieren. Für Endanwender ist das Projekt nach Ansicht von Gal aber noch nicht geeignet.

Andreas Gal rät Interessierten auch, genau dieses Smartphone zu verwenden, denn hier lässt sich das System sehr einfach installieren. Wie das geht, ist im Mozilla Developer Network beschrieben.

Wer Boot to Gecko dennoch auf anderen Geräten ausprobieren will, muss gegebenenfalls die notwendigen Treiber aus Android extrahieren, da Mozilla diese zum Teil aus rechtlichen Gründen nicht mitliefern kann. Demnächst soll es neben dem recht teuren Galaxy S2 allerdings ein zweites, günstigeres Entwicklergerät geben, das vom B2G-Projekt offiziell unterstützt wird. Gal geht zudem davon aus, dass einige Hersteller Referenzplattformen anbieten werden. Mit der Referenzplattform von Qualcomm arbeitet Mozilla bereits intern, darf sie aber noch nicht zeigen.

Prinzipiell sollte sich Boot to Gecko auch auf dem iPhone installieren lassen, schließlich ist die Software Open Source. Mozilla wird sich aber auf einen anderen Weg konzentrieren: Partnerschaften mit Geräteherstellern, die Smartphones und Tablets mit installiertem Boot to Web ausliefern.

Der Open-Source-Charakter spiegelt sich auch bei den Entwicklern wider. So gehören laut Andreas Gal neben einigen Mozilla-Mitarbeitern vor allem Mitarbeiter von Telefónica zu den derzeit am besten qualifizierten B2G-Entwicklern. Sie haben in dem Projekt den gleichen Status wie die Mozilla-Entwickler und auch freie Entwickler können sich auf Augenhöhe mit den anderen beteiligen. Was zähle, sei einzig die Qualifikation, sagt Gal.

Das Web erweitern

Mozilla geht es bei Boot to Gecko darum, das Web zu erweitern. Ein Gewinnmotiv hat Mozilla nicht, nur eine Mission. Daher müsse Mozilla auch dahin gehen, wo die Benutzer seien, und die nutzten heute verstärkt mobile Geräte wie Tablets und Smartphones, sagt Gal. In vielen Märkten ist das Mobiltelefon schon heute das am meisten genutzte Gerät für den Zugriff auf das Internet. Daher sei Mozillas Schritt hin zu Mobile nur natürlich.

Mozilla kümmert sich in dem Projekt um die Technik sowie die Entwicklung der notwendigen Standards. Wann welche Geräte mit Boot to Gecko auf den Markt kommen, entscheiden Mozillas Partner. Mozilla geht derzeit davon aus, dass die ersten Boot-to-Gecko-Smartphones eher preiswert sein werden. High-End-Geräte sind erst später zu erwarten. Als erster Netzbetreiber hat Telefónica für den Sommer 2012 Smartphones mit Boot to Gecko angekündigt, die sich aber wohl primär an Kunden in Entwicklungs- und Schwellenländern richten.  (ji)


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