Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/test-htc-velocity-4g-lte-ist-schnell-aber-unausgereift-1203-90111.html    Veröffentlicht: 01.03.2012 12:28    Kurz-URL: https://glm.io/90111

Test HTC Velocity 4G

LTE ist schnell, aber unausgereift

Mit dem Velocity 4G veröffentlicht HTC eines der ersten Smartphones für das LTE-Netz in Deutschland. Das bringt Daten schnell auf das Gerät, strapaziert aber den Akku. Bis auf einige Macken macht das Smartphone einen ordentlichen Eindruck.

Mit HTCs Velocity 4G lässt sich gut surfen, der Ladefortschrittsbalken im Browser bewegt sich selbst bei komplexen Webseiten deutlich schneller als über HSPA. Denn über LTE (Long Term Evolution) können Daten theoretisch mit bis zu 100 MBit/s heruntergeladen werden. Die Praxis sieht allerdings anders aus. Der Empfang ist nicht so gut wie von Vodafone versprochen und das LTE-Modul des Velocity 4G reduziert die Akkulaufzeit spürbar. An dem Smartphone selbst gibt es nur wenig zu kritisieren: Das Display spiegelt deutlich und das Gerät ist ziemlich schwer, ansonsten bietet es eine ordentliche Leistung und ist gut ausgestattet.

Das Smartphone fährt in 10,5 Sekunden das Android-Betriebssystem in Version 2.3.7 alias Gingerbread hoch. Vergleichsweise langsam startet hingegen das Galaxy Nexus von Samsung mit Android 4.0.1 alias Ice Cream Sandwich: Es braucht 32 Sekunden vom Einschalten bis zur PIN-Eingabe. HTC verspricht für das Smartphone ein Update auf Android 4.0 alias Ice Cream Sandwich noch für die erste Jahreshälfte 2012, nennt aber keinen konkreten Termin.

Zwei Kerne, gute Grafik

In dem LTE-Smartphone ist der Chipsatz Snapdragon MSM8260 von Qualcomm verbaut. Er enthält den Zweikernprozessor Scorpion Harvard Superscalar von derselben Firma mit der ARMv7-Architektur. Die Kerne sind mit 1,5 GHz getaktet. Die Grafikeinheit ist ein Adreno 220.

Als Arbeitsspeicher steht 1 GByte RAM zur Verfügung. Der interne Flash-Speicher hat 16 GByte, wovon für den Nutzer 13 GByte zur Verfügung stehen. Die hintere Abdeckung aus silbernem Metall lässt sich abnehmen. Dahinter verbergen sich der auswechselbare Lithium-Ionen-Akku, der Steckplatz für die SIM-Karte sowie ein weiterer für die Micro-SD-Karte, die bis zu 32 GByte Speicherkapazität haben darf. Beim Anschließen an den Rechner meldet sich das HTC Velocity 4G als normales USB-Laufwerk an.

Starke Spiegelung

Das Super-LC-Display des HTC Velocity 4G misst 4,5 Zoll in der Diagonalen und hat eine Auflösung von 540 x 960 Pixeln. Die Abdeckung des Displays aus Plastik spiegelt stark, so dass Fingerabdrücke deutlich sichtbar sind. Das Display ist bei starkem Sonnenlicht nicht problemlos erkennbar, es muss im richtigen Winkel gehalten werden, damit es nicht spiegelt. Es ist aber blickwinkelstabil. Die Farben wirken natürlich, der Kontrast ist in Ordnung.

Das Gehäuse ist aus Plastik, macht aber einen stabil Eindruck. Insgesamt hat das Smartphone eine Größe von 129 x 67 x 11,27 mm und ist damit fast genauso groß wie das HTC Sensation mit 126 x 65,4 x 11,3 mm. Das iPhone 4S misst 115,2 x 58,6 x 9,3 mm, ist also deutlich kleiner. Das Velocity 4G ist mit 163 Gramm schwer, trotz des Plastikgehäuses. Zum Vergleich: Das HTC Sensation wiegt 149 Gramm, das Galaxy S2 115 Gramm und das iPhone 4S 140 Gramm. Selbst das deutlich größere Galaxy Nexus ist mit 140 Gramm vergleichsweise leicht. Das Zubehör, bestehend aus Kopfhörer mit Mikrofon und einem Ladegerät samt USB-Kabel, wiegt 80 Gramm.

Durchschnittliche WLAN-Verbindung

Der Lagesensor reagiert zügig, ist aber zu empfindlich eingestellt. Mit dem Helligkeitssensor hat auch das Velocity 4G Probleme, gelegentlich funktioniert die Abdunkelung nicht oder inkorrekt und wird etwa auch bei gleichbleibenden Lichtverhältnissen aktiv. Das ist aber bei anderen von uns getesteten Smartphones mit Android ähnlich. Der GPS-Empfang war einwandfrei, selbst in geschlossenen Räumen war eine Verbindung zum Satelliten innerhalb weniger Sekunden aufgebaut.

Das Velocity 4G besitzt neben dem LTE-Modul auch ein HSPA-Modul. Ferner verbindet sich das Smartphone nach 802.11b/g/n mit dem WLAN-Netzwerk. WLAN-Dualband-Verbindungen kann HTCs Velocity 4G aber nicht aufbauen. Bluetooth beherrscht das Smartphone in Version 3.0. Die Sprachqualität beim Telefonieren war überdurchschnittlich.

LTE belastet Akku

Wir haben die Akkulaufzeit bei der dauerhaften Nutzung des HSPA- und des LTE-Moduls verglichen. Über die Testumgebung auf dem Entwicklergerät konnten wir explizit zwischen beiden Übertragungstechniken auswählen. Über die Anwendung AndFTP starteten wir jeweils Downloads bei geringster Bildschirmhelligkeit. Bei der Übertragung per LTE war der Akku nach 3 Stunden leer. Bei der Nutzung von UMTS hingegen erreichten wir einen Wert von 5,5 Stunden.

Auf der Rückseite des Geräts registrierten wir eine zwar deutliche, aber nicht übermäßige Wärmeentwicklung bei der Verwendung des LTE-Moduls.

Dabei gilt es allerdings zu beachten, dass das LTE unter realen Bedingungen, etwa beim Herunterladen einer Webseite, deutlich kürzer beansprucht wird. Die vorgenommene Laufzeitmessung spielt beispielsweise beim dauerhaften Herunterladen von Multimediainhalten eine entscheidendere Rolle. Auch die Verwendung des Smartphones als WLAN-Hotspot verkürzt die Akkulaufzeit kaum.

Die Videowiedergabe selbst verringert die Akkulaufzeit nur unwesentlich, zumindest bei einem mit H.264 codierten Video im 720p-Format. Hier glänzte das Gerät mit einer Laufzeit bei maximaler Bildschirmhelligkeit von über 6 Stunden. Beim normalen Ansurfen von Webseiten dürfte die Verwendung des LTE-Moduls sparsamer sein, denn der Inhalt ist schneller auf das Smartphone übertragen als über UMTS. Die Akkukapazität beträgt 1.620 mAh.

Feldversuch mit LTE

Vodafone verspricht eine maximale Downloadrate von 50 MBit/s im LTE-Betrieb. Wir starteten unsere Messung am Rande des von Vodafone ausgewiesenen LTE-Gebiets rund einen Kilometer vom Potsdamer Platz in Berlin entfernt. Danach wiederholten wir die Messungen etwa alle 200 Meter. Zunächst betrug die Downloadrate etwa 3,7 MBit/s bei einem Ping von 128 Millisekunden, also in etwa vergleichbar mit der durchschnittlichen Übertragungsgeschwindigkeit über UMTS. Am Potsdamer Platz selbst erreichten wir im Freien eine maximale Downloadrate von etwa 34 MBit/s bei einem hervorragenden Ping von 62 Millisekunden. Unsere Messungen machten wir mit der Applikation Speedtest, die auf unserem Testgerät vorinstalliert war. Einige Vergleichswerte entnahmen wir der Webseite speedtest.net.

Je näher wir uns dem LTE-Kerngebiet näherten, desto gleichmäßiger wurde der Empfang. Größeren Schwankungen war nur die Uploadgeschwindigkeit ausgesetzt. Sie lag mal gleichauf mit der Downloadrate, mal sank sie auf weniger als ein Drittel ab.

Die Werte lagen deutlich unter denen bei der Vorstellung des Geräts in Düsseldorf. Dort erreichten wir fast die maximal verfügbare Übertragungsgeschwindigkeit von 50 MBit/s. Vodafone hatte dort für ideale Bedingungen gesorgt.

Indoor nicht gleich Outdoor

Obwohl die Gegend direkt um den Potsdamer Platz von Vodafone als Indoor-LTE-Gebiet ausgewiesen war, also auch für den Empfang in Gebäuden ohne zusätzliche Verstärkerantenne geeignet sein soll, brach die Übertragungsrate in geschlossenen Räumen teils deutlich ein. Sie lag mit 10 MBit/s dennoch höher als bei einer UMTS-Verbindung.

Wir waren vermutlich die einzigen, die sich per LTE am Potsdamer Platz einbuchten, zumal Vodafone hier LTE noch nicht offiziell freigegeben hat. Laut Vodafone sollen sich bis zu 300 Nutzer an einem Mast einbuchen können, bevor die Empfangsgeschwindigkeit sinkt.

Wir mussten in dem Test-Interface, das HTC auf unserem Entwicklergerät mitlieferte, explizit den Empfang auf LTE umstellen und dann wieder auf die automatische Verbindungsauswahl zwischen LTE, UMTS oder GPRS umschalten, um den Empfang über LTE zu aktivieren.

Telefonieren nicht über LTE

Bislang schaltet die Übertragung über LTE bei ein- und ausgehenden Anrufen ab, denn noch lässt sich über LTE nicht telefonieren. SMS hingegen können versendet oder empfangen werden. Wir wollten einen Anruf bei eingeschaltetem LTE tätigen. Es dauerte ganze zehn Sekunden, bis das Smartphone das GSM-Modul aktivierte und die Telefonverbindung aufbaute. Anrufe konnten wir nicht entgegennehmen, stattdessen erhielten wir eine Nachricht per SMS von der Vodafone-Mailbox, dass ein Anruf eingegangen war. Vodafone hatte uns bei der Übergabe unseres Testgeräts auf diese Probleme hingewiesen und versprach, sie bis zur offiziellen Freigabe zu beheben.

Das Scrollen im Browser war auf textlastigen Seiten einwandfrei. Auf bildlastigen Webseiten war das Scrollen zwar flüssig, der Aufbau der bei der Bildersuche von Google enthaltenen Thumbnails aber merklich langsamer. Auf Webseiten mit eingebauten Videos war das gleiche Ruckeln zu sehen. Adobes Flash Player ist standardmäßig installiert, er lässt sich nicht entfernen und im Standardbrowser nicht deaktivieren. Der Sunspider-Benchmark lieferte durchschnittlich 2.730 Punkte. Der grafiklastige Browsermark liefert durchschnittlich 60.000 Punkte, der HTML5-Benchmark Peacekeeper durchschnittlich 30 Punkte. Im Vergleich schaffte das Galaxy Nexus mit Android 4.0 rund 100.000 und das iPhone 4S 87.000 Punkte bei Browsermark und 500 respektive 310 Punkte mit dem Peacekeeper-Benchmark.

Standardmäßig zu viel Schärfe

Das Velocity 4G hat eine 8-Megapixel-Kamera. In den Standardeinstellungen nimmt die Kamera Fotos im 16:9-Format auf. Die Aufnahmen haben einen großen Weitwinkel. Der verwendete Schärfefilter der automatischen Bildverbesserung lässt die Aufnahmen aber deutlich überschärft wirken. Vor allem an der Rändern von Objekten bilden sich teils Artefakte. Das gilt auch für die Videos, die in bis zu 1080p aufgenommen werden.

Wird der Filter in den Bildanpassungen ausgeschaltet, wirken die Aufnahmen deutlich besser und natürlicher. Die Qualität ist dann nur minimal schlechter als die der Bilder, die mit dem iPhone 4S aufgenommen wurden. Mit dem Galaxy Nexus von Samsung aufgenommene Fotos wirken wegen der dort verbauten 5-Megapixel-Kamera deutlich verschwommener.

Bei Innenaufnahmen ohne Blitzlicht hat das Velocity 4G im Vergleich zum iPhone 4S Probleme beim automatischen Fokus. Mit Blitz funktioniert der Fokus zwar besser, im Vergleich zum iPhone 4S zeigen die Aufnahmen jedoch weniger Details. Damit liegt das Velocity deutlich vor dem Galaxy Nexus und nur knapp hinter dem iPhone 4S. Die Frontkamera mit 1,3 Megapixeln funktioniert auch mit Skype. Allerdings ist das Bild sowohl im Quer- als auch im Hochformat verzerrt, was an der Videotelefoniesoftware liegt.

Verfügbarkeit und Fazit

Vodafone will das HTC Velocity zusammen mit zwei verschiedenen Verträgen ab dem heutigen 1. März 2012 anbieten. Mit dem Paket Superflat Internet Plus kostet das Smartphone einmalig 99,90 Euro. Für LTE zahlen Kunden monatlich 10 Euro mehr. Dafür können sie eine Bandbreite von 21,6 MBit/s in Anspruch nehmen. Allerdings ist das monatliche Datenvolumen auf 500 MByte begrenzt. Danach wird für den Rest des Monats auf GPRS-Geschwindigkeit gedrosselt. Insgesamt zahlen Kunden dann monatlich etwa 60 Euro ohne die Raten für das Smartphone.

Der zweite angebotene Tarif namens Superflat Internet Allnet kostet samt LTE-Option rund 100 Euro. Für das Velocity 4G verlangt Vodafone dann einmalig 49,90 Euro. Mit dem Tarif können Kunden die maximal angebotene Bandbreite von 50 MBit/s nutzen, bis das Datenvolumen von monatlich 1 GByte aufgebraucht ist.

Fazit

Mit LTE-Geschwindigkeit zu surfen, macht durchaus Spaß. Der merklich schnellere Aufbau von Webseiten beeindruckte uns zunächst. Später hinterfragten wir den Nutzen jedoch, denn Webseiten mit gehaltvollem Inhalt sind zwar schnell aufgerufen, verlieren aber ihren Reiz beim Betrachten auf dem kleinen Bildschirm. Auch für Videos von Youtube reicht eine UMTS-Verbindung. Außerdem lädt das bei Vodafone auf ein halbes oder 1 GByte begrenzte monatliche Datenvolumen für LTE nicht gerade dazu ein, bedenkenlos zu surfen.

Anders war es bei längeren Multimediainhalten, etwa beim Angebot von Vodafone, das Streaminginhalte bei TV-Sendern sammelt und anbietet. Ruckelfrei eine ganze Folge von Star Wars: The Clone Wars auf dem Velocity 4G anzusehen, war schon schick. Allerdings ist die Akkulaufzeit mit etwa drei Stunden dafür viel zu gering. Das Smartphone als WLAN-Hotspot zu nutzen, fanden wir dennoch nützlich. Verwundert hat uns auch die lange Umschaltzeit zwischen LTE und GSM und dass bei eingehenden Anrufen gar nicht umgeschaltet wird, sondern Anrufer gleich bei der Mailbox landen. Zum offiziellen Start will Vodafone das Problem aber beheben.

Gutes Smartphone, schlechtes Display

Das stark spiegelnde Display nervt vor allem deshalb, weil Lichtquellen nicht punktuell reflektieren, sondern gleich den gesamten Bildschirm unlesbar machen. Unterwegs bei Sonnenlicht mussten wir immer den Winkel verändern, um den Bildschirminhalt zu erkennen, das strapazierte das Handgelenk.

Das vergleichsweise hohe Gewicht fällt vor allem beim ersten Anfassen auf, aufgrund des Plastikgehäuses hatten wir ein geringeres Gewicht erwartet. Dennoch liegt das Smartphone gut in der Hand und macht einen robusten Eindruck.

Insgesamt ist das Velocity 4G ein überdurchschnittliches Gerät, denn die lange Akkulaufzeit bei UMTS und der Videowiedergabe sowie die Qualität der Kameraaufnahmen überzeugen - wäre da nicht die geringe Akkulaufzeit bei LTE.  (jt)


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