Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1201/89213.html    Veröffentlicht: 23.01.2012 12:10    Kurz-URL: https://glm.io/89213

PS Vita im Test

Ausstattungswunder mit Speicherproblem

Zwei Analogsticks und starke Grafik, Berührungs- und Bewegungssteuerung, UMTS und Bluetooth: Sony Computer Entertainment packt in den Nachfolger der Playstation Portable fast alles, was irgendwie Sinn ergibt - nur Speicher, etwa für Savegames, fehlt der PS Vita von Haus aus.

Wer potenziell zum engeren Kundenkreis für die PS Vita zählt, besitzt höchstwahrscheinlich schon ein Smartphone oder gar ein Tablet - und hat deshalb bereits ein leistungsstarkes Spielegerät in der Hosentasche. Mit Angry Birds, Infinity Blade, Fifa 12 und gefühlt 10.000 weiteren Games allein auf iOS und Android sind auf absehbare Zeit keine Nachschubprobleme zu erwarten. Warum also sollte man trotzdem für über 250 Euro ein dezidiertes Handheld kaufen, bei dem weiteres Geld für Speicherkarten und vor allem für Spiele anfällt?

Mit dem Nachfolger der Playstation Portable (PSP) gibt Sony Computer Entertainment eine klare Antwort: weil die PS Vita fast alles kann. Casualgames sind kein Problem, Onlinespiele ebenfalls nicht. Vor allem aber lassen sich auf dem Gerät dank der beiden Analogsticks - die vielleicht wichtigste Verbesserung gegenüber dem Vorgänger - auch Hardcoregames, etwa Egoshooter und vergleichbare Actionspiele, fast so perfekt steuern wie auf einer Playstation 3 oder Xbox 360. Das Handheld ist in Japan seit Ende 2011 erhältlich, für diesen Test hat Golem.de eine reguläre Verkaufsversion mitsamt fünf der besten beim Start erhältlichen Spiele importiert und das Gesamtpaket ausführlich in der Redaktion sowie bei langen und kurzen Reisen getestet.

Dabei hat uns die Globalisierung geholfen: Die japanische Version lässt sich beim Start auf die Region Deutschland einstellen - dann sind die Bildschirmtexte vollständig in Deutsch gehalten. Auch die bislang verfügbaren Patches lassen sich auf dem Gerät installieren, das Aufspielen der aktuellsten Version 1.52 etwa dauert rund fünf Minuten. Sogar eine für den Anschluss an PCs nötige Software namens "Inhaltsmanager" ist im Web bereits in deutscher Sprache erhältlich. Ausgeschlossen bleiben Importspieler derzeit vom Shop im Playstation Network. Auch die Multiplayerfunktionen haben wir nicht ausprobieren können - mangels weiterer Geräte. Auf das Playstation Network und somit beispielsweise auf unsere Liste mit PS3-Trophäen können wir hingegen problemlos zugreifen.

Auch das Kabelzubehör ist kompatibel mit hiesigen Geräten - lediglich das Kabel vom Netzadapter zur Stromdose mussten wir gegen ein neues austauschen, das es aber für ein paar Euro in jedem Elektromarkt gibt.

Die als Import aus Asien erhältlichen Spiele zeigen automatisch so viel "westliche" Sprache, wie sie haben. Das bedeutet, dass etwa Uncharted Golden Abyss automatisch mit englischer Sprachausgabe und Bildschirmtexten läuft, Ridge Racer einen wilden Mix aus Japanisch und Englisch verwendet und Hot Shots Golf 6 - in Japan das meistverkaufte Spiel auf der Plattform - fast ausschließlich japanische Symbole und Sprachausgabe verwendet.

CPU und GPU mit vier Kernen

Im Inneren der PS Vita arbeitet ein ARM 9 Cortex A9 mit vier Kernen als Hauptprozessor. Der Chip lässt sich theoretisch mit bis zu 2 GHz takten, Sony verwendet ihn angeblich in einer Version mit rund 1,4 GHz - vermutlich vor allem, um Hitzeentwicklung zu dämmen und den Akku zu schonen. Als GPU ist ein SGX543MP4+ mit ebenfalls vier Kernen von PowerVR verbaut - das "+" deutet darauf hin, dass der Hersteller für Sony einige Modifikationen vorgenommen hat. Außerdem verfügt die Vita über 512 MByte RAM an Arbeitsspeicher und über 128 MByte VRAM. Im Vergleich: Die Playstation 3 hat 256 MByte als System-RAM und 256 MByte VRAM.

Als wohl größte Schwäche der PS Vita erscheint uns, dass das Gerät keinen internen Speicher für Daten hat. Ohne proprietäre Speicherkarte laufen die meisten Anwendungen nicht - weder Fotos schießen noch das Hören von Musik ist möglich. Auch für die meisten Spiele - sogar bei Systemsellern wie Uncharted Golden Abysss ist das der Fall - muss zwingend eine zusätzliche Flash-Speicherkarte in ihrem Slot sein. Wenn sie entfernt wird, blendet das Gerät etwa sofort das sonst sichtbare Startsymbol von Uncharted aus.

Die Speicherkarten gibt es in Deutschland in Größen zwischen 4 und 16 GByte, die Preise liegen je nach Volumen zwischen rund 20 und 50 Euro. Die Karten liegen in einem Sony-eigenen Format von 13 x 15 mm vor, sie sind nicht von günstigeren Drittherstellern verfügbar. Eine in Japan erhältliche 32-GByte-Version taucht zumindest bislang in deutschen Onlineshops nicht auf.

Risikofaktor Speicherkarte

Bei vielen Spielern und Händlern, die über die Notwendigkeit der Speicherkarten nicht informiert waren, hat das System Verärgerung und Frust ausgelöst. Außerdem dürften die meisten Spieler rasch mehr als eine Karte benötigen - Uncharted etwa ist als Download aus dem Shop laut Medienberichten mehr als 3 GByte groß, was allein schon eine Speicherkarte für rund 20 Euro nötig macht. Da ist es nur ein kleiner Trost, dass einige wenige Titel ihren Spielstand auch auf ihrer eigenen Flash-Karte sichern können. Oder dass grundsätzlich die PS3 als Gerät zur Verfügung steht, auf dem sich Backups der Dateien ablegen lassen.

Eine der Stärken der PS Vita ist der gute OLED-Bildschirm. Er ist 5 Zoll groß und zeigt im 16:9-Format über 960 x 544 Bildpunkte, er kann 16,7 Millionen Farben darstellen. Das Display spiegelt vergleichsweise wenig und liefert auch bei schlechten Lichtverhältnissen, etwa in der Sonne, noch tolle Grafik. Es ist offenbar mit einer dünnen Nanoschicht versiegelt, die Oberfläche fühlt sich jedenfalls an wie bei einem iPhone ab dem 3GS - wer nicht gerade eine Tüte Pommes verputzt hat, muss sich um Fingerabdrücke keine allzu großen Sorgen machen.

Es ist ein Kuriosum, dass die vielleicht wichtigste Neuerung der hochgerüsteten PS Vita gegenüber der Playstation Portable die beiden fast schon altmodisch anmutenden Analogsticks sind, die sich links und rechts vom Bildschirm befinden. Trotzdem ist ihre Bedeutung nicht hoch genug einzuschätzen, denn mit den kleinen Knüppeln lassen sich auch Egoshooter oder vergleichbare Actionspiele ähnlich bequem, intuitiv und präzise bedienen wie auf der Playstation 3 oder der Xbox 360.

Multitouch und Bewegungssteuerung

Das bringt maus- und tastaturverwöhnten PC-Spielern zwar wenig, aber wer mit dem Controller der PS3 klarkommt, für den steuert sich das mobile Uncharted vom ersten Augenblick an genauso gut wie das zuletzt für die Konsole veröffentlichte Uncharted: Drakes Schicksal. Die Sticks sind solide, wirken sehr griffig und arbeiten tadellos; nur niederdrücken lassen sie sich nicht. Menschen mit sehr großen Händen sollten vor dem Kauf einer PS Vita kurz Probe spielen, denn die Sticks sind recht weit unten an dem Gerät angebracht.

Mit den Analogsticks sind die Möglichkeiten, Spiele zu steuern, noch lange nicht ausgeschöpft: Der Spieler kann seine Eingaben auch auf dem multitouchfähigen Touchscreen vornehmen. In Uncharted kann er beispielsweise mit einem Fingerwisch die Vorsprünge markieren, an denen sich Drake entlanghangeln soll - und schon absolviert der Held brav die befohlene Kletterpartie. Im dezent an Android erinnernden Menü der Konsole selbst - die Vita verwendet nicht die Xross Media Bar der PSP und PS3 - ist die Touchsteuerung fast immer die bequemste und schnellste Art, um die in Kreisform dargestellten Programmsymbole zu starten.

Als Home-Button fungiert eine Taste mit einem kleinen Playstation-Symbol unter dem linken Analogstick, unter dem rechten befinden sich Select und Start - alle sind so angebracht, dass man sie so gut wie nie versehentlich auslöst. Die Vita verfügt außerdem über eine kleine Ausgabe des D-Pad sowie die vier typischen Playstation-Tasten mit den geometrischen Figuren, links und rechts oben sind außerdem die Schultertasten. Alle machen einen stabilen, wertigen Eindruck, sie funktionieren sehr präzise und haben einen klar definierten Druckpunkt.

Steuerung mit Bewegungen

Zusätzlich ist die PS Vita mit Lage- und Bewegungssensoren ausgestattet, so dass der Spieler auch mit einer Positionsänderung des Handhelds bestimmte Eingaben vornehmen kann. In Super Monkey Ball etwa beschleunigt er die Spielfigur, indem er das Gerät nach vorne kippt, und in Uncharted geht Drake an Felswänden in eine Sprungposition, wenn der Spieler die Vita zur Seite neigt.

Viele der nötigen Aktionen lassen sich auf mehrere Arten durchführen, was den Spieler durchaus etwas überfordern kann, weil er sich gelegentlich auf die Schnelle zwischen Kippen, Touchen sowie den Analogsticks und dem D-Pad entscheiden muss. Zudem steht an einigen - bislang wenigen - Stellen auch noch die Rückseite der Vita für Eingaben zur Verfügung: Sie kann auch auf Berührungen reagieren. In der Praxis ist es aber erstaunlich schwierig, den Finger an der Rückseite des Geräts ohne Sichtkontakt präzise zu führen. Eine große Rolle spielt die Eingabe auf der Rückseite bislang nicht.

Noch mehr Möglichkeiten stehen dank der beiden 1,3-Megapixel-Kameras zur Verfügung, die sich an Vorder- und Rückseite des Geräts befinden. Sie machen Fotos und Videos, die sich mit der bereits erwähnten Inhaltsmanager-Software und USB-Kabel sehr bequem etwa auf einen PC übertragen lassen. Die Kameras werden sicherlich auch in Augmented-Reality-Spielen Verwendung finden - Sony hat ja auf Playstation Portable und PS3 etwa mit Invizimals und Eyepet schon gezeigt, was möglich ist.

Verwirrender Multifunktionsanschluss

Links und rechts am Gehäuse befinden sich Lautsprecher, die trotz ihrer geringen Größe einen ordentlichen Klang bieten - jedenfalls, wenn sie der Spieler nicht mit den Fingern verdeckt, was beim Gebrauch der Analogsticks aber oft der Fall ist. Alternativ steht an der unteren Kante der PS Vita ein Kopfhöreranschluss zur Verfügung. Die Lautstärke lässt sich über zwei Tasten an der oberen Kante regeln.

An der unteren Seitenleiste befindet sich auch der Multifunktionsanschluss der PS Vita, an den Spieler einen Stecker im Sony-eigenen Format anschließen. Er dient zur Stromversorgung und zum Übertragen von Signalen per USB, etwa von der PS3 oder einem PC. Sonderlich gut ist der Stecker nicht gemacht: Zumindest einige Mitglieder der Golem.de-Redaktion haben ihn erst verkehrt herum angeschlossen und sich dann gewundert, dass nichts passierte. Recherchen im Internet nach Stichworten wie "PS Vita Connector broken easily" zeigen, dass viele Nutzer diesen Fehler machen - aber dazu später noch mehr.

Die Games liefert Sony auf dünnen, 30 x 22 mm kleinen Speicherkarten aus. Sie kommen in einen Schlitz an der oberen Seitenleiste. Das Öffnen von dessen Abdeckung ist leider sehr fummelig geraten - wer keine langen Fingernägel hat, braucht fast zwingend ein Messer oder einen ähnlichen Gegenstand. Direkt neben dem Slot für die Games befindet sich eine Anschlussmöglichkeit für weiteres Zubehör, außerdem verfügt die Vita über einen Schlitz für die bereits erwähnten Speicherkarten und - je nach Ausführung - für eine SIM-Karte. Schade: Einen HDMI-Anschluss besitzt das Gerät nicht.

Gute Maße, angenehm zu tragen

Die PS Vita ist 182,0 x 18,6 x 83,5 mm groß und liegt mit rund 280 g sehr angenehm in der Hand. Der Akku hält je nach Spiel in der Praxis nur drei bis maximal fünf Stunden durch, lädt sich aber in gut 90 Minuten auch wieder vollständig auf. Nervig: Wenn er völlig entleert wurde, lässt sich die PS Vita auch am Netzstecker erst nach gut zehn Minuten wieder verwenden. Der Akku ist fest im Gerät verbaut.

WLAN-Netzwerke unterstützt die Vita nach dem Standard IEEE 802.11 b/g/n. Außerdem lassen sich etwa Headsets über Bluetooth 2.1 drahtlos anschließen. Wie bei der PSP gibt es auch bei der PS Vita einen Remotezugriff auf die PS3. Wirklich interessant ist bei dem neuen Handheld die Möglichkeit, bei der 3G-Version auch per Mobilfunk ins Internet zu gehen. In Japan hat Sony einen Exklusivvertrag mit Docomo geschlossen, hierzulande ist Vodafone der Vertragspartner, dessen SIM-Karte beiliegen wird. Telefonieren kann man mit dem Gerät nicht, aber immerhin surfen und Mails abrufen.

Der Browser beherrscht HTML5 und Java, aber kein Flash - früher hat Sony gesagt, dass Letzteres nachgeliefert werde, so ganz sicher sind wir da nicht mehr. Der Browser erledigt seinen Job gut, aber nicht übertrieben komfortabel. Es stört zum Beispiel, dass der Bereich von Webseiten, der kurz nicht auf dem Display war, grundsätzlich neu aufgebaut werden muss, was auch mit schneller VDSL-Verbindung ein paar Augenblicke braucht.

Hardwarebugs oder Fehlbedienung

In Internetforen gibt es einige Berichte von Nutzern, die über massive Probleme beim Einschalten ihrer Vita berichten. Auch das Testgerät von Golem.de wollte sich gelegentlich nicht wecken lassen. Die Ursachen sind nicht vollständig geklärt, wahrscheinlich gibt es mehrere. Erstens könnte es an Problemen mit der Firmware liegen - die Stand Redaktionsschluss veröffentlichte Version 1.52 dürfte diese Fehler mittlerweile weitgehend behoben haben. Zweitens muss man den Ein/Aus-Schalter relativ lange drücken, und bis sich dann auch auf dem Bildschirm etwas tut, dauert es noch ein paar Momente länger.

Drittens lässt sich das Gerät nicht aktivieren, wenn der Akku entladen ist. Die Anzeigen sind allerdings verwirrend gestaltet: Zum einen leuchtet der Home-Button in unterschiedlichen Farben, zum anderen ist bei leerem Akku nur gelegentlich ein durchgestrichenes Batteriesymbol auf dem Bildschirm zu sehen. Dazu kommt als weitere Fehlerquelle auch noch, dass man - wie beschrieben - den Multifunktionsstecker leicht mal falsch einsteckt, worauf sich verständlicherweise nichts tut.

Als Import kostet die PS Vita mit allem Drum und Dran je nach Anbieter zwischen 400 und 600 Euro, in Europa kommt sie am 22. Februar 2012 in den Handel. Die 3G-Version wird laut Sony rund 300 Euro kosten, sie wird mit einer SIM-Karte von Vodafone ausgeliefert - wer mag, kann sich aber auch für einen anderen Provider entscheiden. Bei Vodafone können deutsche Spieler das Gerät vorbestellen, und zwar für einmalig rund 50 Euro zuzüglich der monatlichen Gebühren für den Mobilfunkvertrag; der günstigste Tarif liegt bei rund 20 Euro. Eine Vita nur mit WLAN-Netzzugang kostet rund 250 Euro.

Fazit

Dank der beiden Analogsticks hat die PS Vita auch in Zeiten von spieletauglichen Smartphones und Tablets eine Daseinsberechtigung - es ist einfach ein riesiger Unterschied, ob man einen Shooter mit den Sticks steuert oder mit einem virtuellen Controller auf dem Display. Auch der Rest des Handhelds ist Sony gut gelungen: Die Grafik ist zeitgemäß, das Display liefert knackige Bilder, die unterschiedlichen Eingabemöglichkeiten sind sinnvoll und die Anbindung an das Internet, das Playstation Network, an PCs und die PS3 lässt nach derzeitigem Stand bei der Importversion wenig Wünsche offen - nur HDMI-Output hätten wir uns wirklich gewünscht. Vor allem aber ist ärgerlich, dass die Vita keinen eigenen Datenspeicher hat. Die Unterstützung von externen Speicherkarten ist toll, aber dann bitte kein hauseigenes Format, und nur zusätzlich zu internen Ablagemöglichkeiten.

Derzeit ist noch offen, wie gut die lokalen Multiplayerfunktionen und sozialen Netzwerkdienste hierzulande mit vielen Vitas sind - das wird erst ein Test von mehreren europäischen Geräten im Verbund zeigen können. Bis dahin sollten sich insbesondere Fans von Action- und anderen Hardcorespielen die Vita vormerken.  (ps)


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