Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1201/89205.html    Veröffentlicht: 20.01.2012 11:10    Kurz-URL: https://glm.io/89205

Das System Megaupload

Deshalb wurde der Sharehoster von Kim Schmitz geschlossen

Nach außen stellte sich Megaupload als legaler Anbieter dar, der lediglich eine technische Dienstleistung erbrachte und sich an die Vorgaben des DMCA hielt. Das aber war der Anklageschrift zufolge nur Fassade: Die Macher sollen mit absichtlichen Urheberrechtsverletzungen Millionen verdient und diese gefördert haben.

Den in der Anklageschrift als "Mega Conspiracy" bezeichneten Betreibern von Megaupload wird vorgeworfen, eine weltweite kriminelle Organisation betrieben zu haben, deren Mitglieder kriminelle Urheberrechtsverstöße und Geldwäsche in massivem Ausmaß begangen haben.

Seit 2005 soll Megaupload.com von den Mitgliedern der Mega Conspiracy um Kim Schmitz alias Kim Dotcom genutzt worden sein, um absichtlich Millionen von urheberrechtsverletzenden Kopien von Filmen, Fernsehserien, Musiktiteln, E-Books, Bildern, Computerspielen und anderer Software zu verbreiten. In den mehr als fünf Jahren seit Gründung von Megaupload sollen dessen Betreiber das Geschäft aggressiv ausgebaut und eine große Zahl weiterer Angebote geschaffen haben, die direkt oder zumindest finanziell mit Megaupload.com in Verbindung standen.

Megaupload.com soll mitunter die am 13.-häufigsten besuchte Website im Internet gewesen sein und zählte nach eigenen Angaben 180 Millionen registrierte Nutzer und im Durchschnitt 50 Millionen Besuche pro Tag. Dabei war Megaupload für rund vier Prozent des gesamten Internettraffics verantwortlich.

Das Prinzip Sharehoster

Megaupload folgte dem typischen Prinzip eines Sharehosters: Nutzer können beliebige Dateien hochladen, die dann unter einer eindeutigen URL für jeden abrufbar sind. Ein Verzeichnis mit den verfügbaren Dateien bietet die Seite selbst nicht an, entsprechende Listen finden sich aber auf tausenden anderen Websites. Mit einem Klick auf die entsprechende URL kann die Datei heruntergeladen werden, wobei Premiumnutzer schneller Downloads erhalten als normale Nutzer, die eine gewisse Zeit auf den Download warten müssen.

Zu den populärsten Websites mit Links auf Megaupload zählten laut Anklageschrift ninjavideo.net, megaupload.net, megarelease.net, kino.to, alluc.org, peliculasyonkis.com, seriesyonkis.com, surfthechannel.com, taringa.net, thepiratecity.org und mulinks.com.

Mitglieder der Mega Conspiracy sollen zudem mit Nutzern dieser Link-Sites Kontakt aufgenommen und sich in deren Foren engagiert haben. Einige der Angeklagten sollen einzelnen Nutzer erklärt haben, wie sie Links auf rechtsverletzende Inhalte auf Megaupload am besten finden können.

Und die Betreiber von Megaupload hätten anders als die Öffentlichkeit sehr wohl Zugriff auf Listen mit den auf ihren Servern gespeicherten Inhalten gehabt und diese genutzt, um gezielt nach Material zu suchen und dieses herunterzuladen, heißt es in der Anklageschrift.

Nur ein virtuelles Schließfach?

Sich selbst bezeichnete Megaupload als "Cyberlocker", also als eine Art virtuelles Schließfach. Allerdings konnten nichtregistrierte Nutzer dort keine Daten langfristig speichern: Von solchen Nutzern hochgeladene Dateien wurden gelöscht, wenn sie 21 Tage lang nicht heruntergeladen worden waren. Für nichtzahlende, aber registrierte Nutzer galt eine Frist von 90 Tagen. Lediglich zahlende Nutzer hatten der Anklageschrift zufolge die Chance, Daten wirklich langfristig zu speichern. Nur Dateien, die besonders populär waren und oft genug heruntergeladen wurden, verblieben auf dem Server. Der Download war für jeden möglich, der an die entsprechende URL herankam.

In der von Megaupload veröffentlichten Liste mit den Top-100-Dateien befanden sich vor allem Filmtrailer und Testversionen von Software, wie man sie an vielen Stellen legal im Internet findet. Laut Anklage waren dies aber keineswegs die am häufigsten heruntergeladenen Dateien. So habe das Angebot nach außen legaler gewirkt, als es in Wirklichkeit war.

Megaupload hatte sich immer wieder auf den Digital Millennium Copyright Act (DMCA) berufen, der Internetprovider von Ansprüchen Dritter unter bestimmten Bedingungen freistellt. Nach Ansicht der Ankläger erfüllt aber Megaupload diese Bedingungen nicht, da dessen Macher absichtlich Urheberrechte verletzen, wussten, dass solche Inhalte auf ihren Servern angeboten wurden und davon finanziell profitierten.

Auch das von Megaupload angebotene Abuse-Tool hat die Kriterien des DMCA laut Anklage nicht erfüllt. Darüber konnten Rechteinhaber konkrete URLs sperren, wenn die entsprechenden Dateien gegen ihre Rechte verstießen. Nun soll Megaupload aber für jede hochgeladene Datei einen MD5-Hash berechnet haben, um festzustellen, ob eine Datei bereits hochgeladen worden war. War das der Fall, wurde keine zweite Kopie hinterlegt, sondern nur eine zweite URL generiert, unter der die Datei dann zusätzlich abrufbar war. Da es also mehr als eine URL geben kann, die auf eine Datei zeigt, bringt die Sperrung einzelner URLs den Rechteinhabern nichts. Die Datei bleibt abrufbar, solange es eine URL gibt, die der Rechteinhaber nicht kennt.

Dass es besser geht, habe die Mega Conspiracy selbst bewiesen, indem sie beispielsweise Kinderpornografie erfolgreich mit Hilfe von MD5-Hashes erkannt und gelöscht habe, so die Anklage.

Premiumnutzer brachten das meiste Geld

Einnahmen hat Megaupload laut Anklageschrift vor allem auf zwei Arten erzielt: durch Premiummitgliedschaften und Werbung. Die Preise für Premiummitgliedschaften reichten von 9,99 US-Dollar für eine Monatsmitgliedschaft bis zu 199,99 Euro für einen lebenslangen Premiumaccount. Im Gegenzug bot Megaupload eine schnelle Reproduktion und Verteilung von rechtsverletzenden Kopien. Premiumnutzer konnten Dateien mit - wenn überhaupt - kleinen Einschränkungen hoch- und herunterladen. Auch wenn nur ein kleiner Teil der Nutzer von Megaupload zahlende Premiumnutzer waren, sorgten sie doch für den weitaus größten Teil der Einnahmen: Rund 150 Millionen US-Dollar sollen allein die Premiummitgliedschaften eingebracht haben.

Vergleichsweise bescheiden wirken im Vergleich die Werbeeinnahmen, die in der Anklageschrift auf 25 Millionen US-Dollar beziffert werden. Nutzte Megaupload dazu früher Anbieter wie Adbrite, Google Adsense und Partygaming, betrieb das Unternehmen später mit Megaklick.com ein eigenes Werbenetzwerk. Aufgrund der hohen Reichweite seiner Websites konnte Megaupload laut Anklage so höhere Klickpreise erzielen und auf Vorkasse bestehen. Google hatte Megaupload bereits 2007 aufgrund zahlreicher festgestellter Urheberrechtsverstöße die Zusammenarbeit aufgekündigt.

Nutzer wurden mit unterschiedlichen Methoden dazu gebracht, eine kostenpflichtige Mitgliedschaft abzuschließen. Wer nicht zahlte, musste warten, bis ein Download startete, und die eigentlichen Downloads wurden verlangsamt. Zudem war es mitunter gar nicht möglich, Dateien oberhalb einer bestimmten Größe herunterzuladen, ohne zu bezahlen beziehungsweise wurde das Ansehen von Videos auf 72 Minuten begrenzt, was für die meisten Kinofilme nicht ausreicht, so dass Nutzer auch hierdurch zum Zahlen gedrängt wurden.

Das so eingenommene Geld sollen die Megaupload-Betreiber an ihre eigenen Unternehmen, Mitstreiter und Mitarbeiter ausgeschüttet haben. Zudem sollen Millionen für die Entwicklung und Bewerbung von Megaupload.com und ergänzender Angebote wie Megavideo.com, Megaclick.com und Megaporn.com ausgegeben worden sein. Auch wurden Belohnungen an Uploader ausgegeben, wenn diese populäre Werke, auch solche, die urheberrechtlich geschützt waren, hochluden. Aber auch in die Serverinfrastruktur wurden mehrere Millionen US-Dollar investiert. Die Urheber und Rechteinhaber gingen dabei leer aus.

Auf der Liste der zu beschlagnahmenden Dinge finden sich neben diversen Konten und Bargeldbeständen auch diverse Luxusautos, darunter ein Maserati Grancabrio, ein Mercedes-Benz E500 Coupé, je ein Mercedes-Benz CLK DTM mit dem Nummernschild "Good" und "Evil", ein Mercedes-Benz S65 mit Nummernschild "CEO", ein Rolls-Royce Phantom Drop Head Coupé mit dem Nummernschild "God", ein Mercedes-Benz E63 AMG mit dem Nummernschild "Stoned", ein Mercedes-Benz ML63 AMG mit dem Nummernschild "Guilty", ein Mercedes-Benz CL65 AMG und ein Mercedes-Benz ML63 AMG mit dem Nummernschild "Mafia". Auch diverse Fernseher bis hin zu einer Größe von 108 Zoll stehen auf der Liste.



Belohnungen für Uploader

Im September 2005 führte Megaupload das Programm "Uploader Rewards" ein: Nutzern, die besonders populäre Inhalte auf die Server von Megaupload hochluden, versprach Megaupload Geld. Um sich für das Programm zu qualifizieren, mussten Nutzer 2005 mindestens 50.000 Downloads in drei Monaten erreichen und erlauben, dass die Datei in der Top-100-Liste aufgeführt wurde. Dann konnte 1 US-Dollar pro 1.000 Downloads verdient werden. Hinzu kamen Boni zwischen 50 und 5.000 US-Dollar für die 100 Uploader mit den meisten Downloads in drei Monaten. Der erste erhielt 5.000 US-Dollar, für die Plätze 2 bis 5 gab es 1.000 US-Dollar und für die Plätze 6 bis 10 gab es 500 US-Dollar. 100 US-Dollar Bonus gingen an die Plätze 11 bis 50 und je 50 US-Dollar an die Plätze 51 bis 100. Das Geld wurde über Paypal ausgezahlt.

2006 wurde auf ein Punktesystem umgestellt. Pro Download gab es einen Punkt. Die gesammelten Punkte konnten in Premiumdienste oder Bargeld umgewandelt werden. Für 5.000 Punkte gab es einen Premiumaccount für einen Tag, bei 50.000 für einen Monat, bei 100.000 für ein Jahr und bei 500.000 Punkten erhielten Uploader einen lebenslangen Premiumaccount zuzüglich 300 US-Dollar. Für 1 Million Punkte wurden 1.000 US-Dollar versprochen, für 5 Millionen Punkte 10.000 US-Dollar.

Kim Schmitz alias Kim Dotcom

Führender Kopf der Mega Conspiracy war laut Anklage Kim Schmitz alias Kim Dotcom alias Kim Tim Jim Vestor. Er lebt in Hongkong und Neuseeland, wo er verhaftet wurde, und besitzt die deutsche und finnische Staatsangehörigkeit. Im Februar 2010 wurde berichtet, dass Schmitz eine 30-Millionen-US-Dollar-Villa in Neuseeland gekauft habe. Er soll Megaupload gegründet haben und zumindest zeitweilig als Chief Executive Officer für das Unternehmen tätig gewesen sein. Zuletzt war er Chief Innovation Officer. Schmitz soll als Kopf der Mega Conspiracy 30 Mitarbeiter in neun Ländern beschäftigt haben. Ihm sollen 68 Prozent der Anteile an Megaupload.com, Megaclick.com und Megapix.com gehören sowie über Vestor Limited 100 Prozent von Megavideo.com, Megaporn.com und Megapay.com. Allein im Jahr 2010 soll Schmitz 42 Millionen US-Dollar von der Mega Conspiracy erhalten haben.

Dem Deutsche Matthias O. sollen 25 Prozent der Anteile an Megaupload gehören. Er soll dafür allein im Jahr 2010 rund 9 Millionen US-Dollar erhalten haben. Auch die meisten übrigen Angeklagten hatten ebenfalls Anteile an dem Unternehmen, wenn auch in kleinem Umfang von 1 bis 2,5 Prozent. Das gilt auch für den mitangeklagten Grafikdesigner, der 2010 rund 1 Million US-Dollar erhalten haben soll. Zudem gehörten einigen der Angeklagten Websites, die mit Megaupload in Verbindung standen.

Die Technik hinter Megaupload

Megaupload betrieb zahlreiche Server in mehreren Rechenzentren: Allein beim US-Provider Carpathia Hosting soll Megaupload rund 25 Petabyte an Speicherplatz angeboten haben. Der Hoster soll mehr als 1.000 Server für Megaupload in Nordamerika betrieben haben, darunter 525 Server in Ashburn, Virginia.

Zudem betrieb Megaupload 36 Server bei Cogent Communications, einem der fünf größten Internetprovider der Welt mit Rechenzentren in 43 Ländern.

In Europa hatte Megaupload mehr als 630 Server von Leaseweb in Rechenzentren in den Niederlanden, Belgien und Deutschland gemietet. Hinzu kamen 36 von Megauplaod im Oktober 2011 gekaufte Server, die ebenfalls bei Leaseweb untergestellt waren.

Zahlungsabwicklung per Paypal und Moneybookers

Kassiert hat Megaupload per Paypal und Moneybookers. Dabei sollen allein auf dem Paypal-Account von Megaupload zwischen dem 25. November 2006 und Juli 2011 Zahlungen von mehr als 110 Millionen US-Dollar eingegangen sein. Über Moneybookers sammelte Megaupload zwischen dem 1. August 2010 und dem 31. Juli 2011 mindestens 5 Millionen US-Dollar ein.  (ji)


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