Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1111/88090.html    Veröffentlicht: 30.11.2011 17:32    Kurz-URL: https://glm.io/88090

Test

Nokias N9 zeigt Meegos Potenzial

Nokia hat sein bislang einziges Meego-Smartphone veröffentlicht: Das N9 wird mit Linux-basiertem Betriebssystem ausgeliefert. Das Gehäuse ist mit dem vom Lumia 800 fast identisch. Meego hat einige Macken, hinterlässt aber einen überraschend guten Eindruck.

Mit dem N9 hat Nokia ein erstes offizielles Smartphone mit der Linux-basierten Benutzeroberfläche Meego veröffentlicht. Nokia hat fast zeitgleich das Lumia 800 als erstes Smartphone mit Windows-Phone-7 auf den Markt gebracht. Wir wollten wissen, was das Linux-Gerät vom Windows-Phone-7.5-Smartphone unterscheidet.

Das N9 wird mit Meego 1.2 alias Harmattan ausgeliefert. Das Linux-Betriebssystem ist zu den APIs 1.2 von Meego kompatibel. Als Basis für die Benutzeroberfläche dient das Qt-Framework 4.7, das auch für die Entwicklung von Anwendungen für das N9 benötigt wird.

Die Entwicklung von Meego, dem Linux für mobile Geräte, hat einen langen Weg hinter sich. Es erschien in verschiedenen Varianten zunächst auf einigen Testgeräten, etwa dem N900, als Maemo. Danach fusionierten Nokia und Intel ihre Linux-Systeme Maemo und Moblin zu Meego. Maemo und Meego galten lange Zeit als ein Nischenprojekt bei Nokia. Es war auch unklar, ob der finnische Konzern jemals ein Smartphone mit Meego herausbringen würde, vor allem, nachdem Nokia einen Exklusivvertrag mit Microsoft abgeschlossen hatte, demzufolge Nokia künftig sein Symbian-Betriebssystem zugunsten von Windows Phone 7.5 aufgeben wollte. Vom äußeren Eindruck ist es mit dem Lumia 800 bis auf wenige Details fast identisch. Beide haben ein robustes Kunststoffgehäuse, das mit seiner rauen Oberfläche gut in der Hand liegt. Das N9 ist mit 135 Gramm etwas leichter. Die Abmessungen hingegen sind mit 116 x 61 x 12 Millimetern wieder identisch. Und bei beiden Geräten lässt sich der Akku nicht vom Anwender auswechseln. Bei normaler Nutzung muss das N9 wie die meisten Smartphones mit vergleichbarem Akku jeden Tag mit dem Ladegerät verbunden werden.

Omap-SoC und Amoled-Display

Oben befindet sich wie beim Lumia 800 eine Abdeckung für den Micro-USB-Steckplatz. Direkt daneben ist der Einschub für die Micro-Sim-Karte, die auch beim N9 benötigt wird. Einen Einschub für eine Micro-SD-Karte gibt es beim N9 wie auch beim Lumia 800 nicht. Das N9 ist in zwei Versionen erhältlich, einmal mit 16 GByte Speicher, von dem laut Systeminformationen 4,2 GByte für Anwendungen, 2,1 GByte für Programmdaten und 9,5 GByte für Benutzerdaten reserviert sind. Den verfügbaren Arbeitsspeicher gibt Nokia mit 1 GByte an. Die zweite Variante ist mit 64 GByte Speicher ausgestattet.

Sowohl das Lumia 800 als auch das N9 haben eine Displayabdeckung aus Gorilla-Glas. Beide Displays sind mit der Amoled-Technik ausgestattet, die für viel Kontrast sorgt. Auch unter direktem Sonnenlicht ist der Inhalt auf dem Display gut zu erkennen. Das Display des N9 ist aber ein wenig größer als das des Lumia 800, denn unten fehlen die Hardwareschaltflächen des Windows-Phone-7-Smartphones. Folgerichtig ist die Auflösung mit 480 x 854 Pixeln um 54 Pixel größer als beim Display des Lumia mit 480 x 800 Pixeln.

OpenGL für Spiele

Das N9 besitzt das System-on-a-Chip OMAP 3630 von Texas Instruments, das neben einer ARM Cortex A8 CPU, die mit 1 GHz getaktet ist, auch den Grafikchip SGX 530 von PowerVR enthält. Damit lassen sich dann auch OpenGL-ES-2.0-fähige Spiele wie Need for Speed Shift flüssig spielen oder 720p-Videos auf Youtube oder Golem.de ansehen. Auf Flash-Inhalte muss auf dem N9 verzichtet werden, denn es gibt keine entsprechende Applikation.

Bei den Netzwerkfähigkeiten ist das N9 dem Lumia 800 beim WLAN-Betrieb überlegen. Zusätzlich zu WLAN nach IEEE 802.11b/g/n (2,4 GHz) gehört das N9 zu den wenigen Smartphones, die auch dem Standard 802.11a/n (5 GHz) entsprechend funken können. Ansonsten sind auch hier die Netzwerkfähigkeiten vergleichbar, etwa über Verbindungen mit dem HSPA-Modem oder per Bluetooth 2.1. Das N9 hat dem Lumia 800 allerdings die NFC-Fähigkeit voraus, denn Windows Phone 7.5 unterstützt diese Funktion nicht.

Gute Kamera, Videos nur in 720p

Die rückwärtige Kamera des N9 ist mit der des Lumia 800 identisch. Bei Bildern im 4:3-Format schafft sie eine Auflösung von 8 Megapixeln, im standardmäßig eingestellten 16:9-Format noch 7 Megapixel. Das Objektiv stammt von Carl-Zeiss. Die Brennweite des Objektivs gibt Nokia mit 28 Millimetern an. Die Anfangslichtstärke liegt bei Blende 2. Für zusätzliches Licht sorgt eine doppelte LED-Leuchte. Videos nimmt das N9 maximal im 720p-Format auf, im Unterschied zum Lumia, das bewegte Bilder im 1080p-Format aufnehmen kann. Die Kameraanwendung ist funktionsreich und bietet neben den notwendigen Grundfunktionen wie Weißabgleich auch Vorlagen, etwa für Makroaufnahmen. Hier unterscheiden sich das Lumia 800 und das N9 nur marginal, denn das Lumia hat einige Vorlagen mehr. Einen auffälligen Unterschied gibt es im vierfachen digitalen Zoom der Kameraanwendung, der sich im N9 feiner einstellen lässt. Ein Auslöser am Gehäuse fehlt dem N9 im Gegensatz zum Lumia 800.

Auf der Vorderseite des N9 befindet sich im Gegensatz zum Lumia 800 eine Kamera für die Videotelefonie. Seltsamerweise lässt sie sich nicht über die Kameraapplikation ansteuern. Selbst im offiziellen Datenblatt gibt Nokia nichts über diese Kamera an. Auch für die Videotelefonie fanden wir keine vorinstallierte Anwendung. Skype, das mit dem N9 ausgeliefert wird, unterstützt in dieser Version keine Videotelefonie. Im Ovi-Store fanden wir immerhin die Anwendung "Simple Mirror". Damit ließ sich zumindest feststellen, dass die Kamera funktioniert.

Video-Out von anno dazumal

Mit einem speziell von Nokia hergestellten Kabel ließ sich das N9 an den Fernseher anschließen. Das eine Ende wird in die Kopfhörerbuchse des Smartphones gesteckt, das andere Ende bestehend aus einem Video- und zwei Audio-Chinch-Steckern gehört dann in den Fernseher. Damit lässt sich der Bildschirminhalt des N9 auf dem Fernseher darstellen, wenn auch mit schlechter Bildqualität. Andere Hersteller zeigen sich da mit Mini-HDMI-Ausgängen moderner.

Meego mit Wischgesten

Uns waren die fehlenden Hardwaretasten auf dem N9 bereits aufgefallen und wir waren auf die Bedienung gespannt. Das Meego-Gerät wird vor allem über Wischgesten bedient.

Der Standby-Bildschirm unter Meego zeigt das Datum und die Uhrzeit an. Dabei wird die Displayhelligkeit für das Energiesparen deutlich reduziert. Ein "@"-Zeichen weist darauf hin, wenn Nachrichten wie E-Mails oder SMS eingegangen sind. Ist das N9 am Ladegerät angeschlossen, wird das ebenfalls angezeigt. Per Doppeltipp auf den Bildschirm oder per Druck auf den Ein- und Ausschalter erscheint der Sperrbildschirm.

Gewöhnungsbedürftiges Wischen

Der Sperrbildschirm verschwindet wie bei modernen Smartphones üblich per Wischgeste. Das Wischen ist allerdings gewöhnungsbedürftig, denn der Anwender muss immer vom Gehäuserand in den Bildschirm hineinwischen.

Wird mit einer solchen Geste beim Wisch von unten in der Mitte des Bildschirms gestoppt, erscheint eine Schnellstartleiste mit vier Icons für die Telefonanwendung, die Nachrichtenapplikation, die Kameraanwendung und für den Browser. Die Belegung dieser Schnellstartleiste lässt sich nicht ändern.

Schwierige Wischgesten

Während am Anmeldebildschirm noch problemlos geübt werden kann, können später nicht exakt platzierte Wischgesten ungewollte Auswirkungen haben, denn auch Anwendungen werden teils mit Wischgesten gesteuert.

Wenn eine Anwendung geschlossen oder in den Ruhezustand versetzt werden soll, muss wieder präzise vom Rand her gewischt werden. Diese ausladenden Gesten sind gewöhnungsbedürftig und erfordern einiges an Eingewöhnung. Hier fehlen eindeutig die unter Android oder Windows Phone 7 gebräuchlichen Tasten oder alternativ ein spezieller Gestenbereich, wie unter WebOS.

Drei Startbildschirme

Die Benutzeroberfläche ist in drei Startbildschirme aufgeteilt. Auf dem ersten liegen die Icons der verfügbaren Anwendungen. Diese lassen sich umsortieren. Von dort aus können auch installierte Anwendungen gelöscht werden. Per Wischgeste von links oder rechts wird bequem zwischen den anderen Homescreens gewechselt. Dabei kann direkt von der letzten Startbildschirmseite zur ersten und zurück gewechselt werden.

Auf einem weiteren Startbildschirm ist der Taskmanager untergebracht. Dort befindet sich eine Liste noch geöffneter Anwendungen, über die zu einzelnen Anwendungen gewechselt werden kann. Diese können dort auch einzeln oder alle zusammengeschlossen werden, umsortiert werden können sie nicht. Im Unterschied zu Windows Phone 7.5, das lediglich eine begrenzte Anzahl an Anwendungen offen hält, behält das N9 alle Anwendungen im Taskmanager. Laufende Anwendungen werden mit Wischgesten von links, rechts oder unten minimiert. Erst ein Wisch von oben nach unten beendet eine Anwendung sofort.

Startbildschirme für Taskmanager und Nachrichten

Viele im Taskmanager geöffnete Anwendungen wirkten sich im Test kaum auf die Leistung des N9 aus, selbst wenn es sich um Speicher- und CPU-intensive Programme handelte. Das Gerät ließ sich stets flüssig bedienen.

Auf dem dritten Startbildschirm zeigt das N9 Nachrichten aller Art an, etwa eingegangene SMS-Nachrichten, den Wetterbericht oder Neuigkeiten von Facebook und Twitter. Meego fasst hier beispielsweise Feeds aus Facebook und Twitter-Nachrichten in einem Feed zusammen. Das ist unter Windows Phone 7.5 nicht anders.

Verschwurbelte Einstellungen

An dem Webkit-basierten Browser ist nichts auszusetzen: Das Scrollen erfolgte ohne Ruckler. Auch das Zoomen funktioniert einwandfrei und zügig. Schriften wurden auch bei höchstem Zoomfaktor scharf und ohne Treppen dargestellt. Auch beim Abspielen von eingebetteten Videos gab es keine Aussetzer. Tabbed Browsing beherrscht der Browser nicht, stattdessen muss ein neues Fenster geöffnet werden, das zuvor aktive Fenster landet dann im Taskmanager.

Querformat nur mit links

Wurde der Taskmanager als aktiver Startbildschirm ausgewählt, lässt sich zwischen Webseiten einfach hin- und herschalten. Bei Windows Phone 7.5 werden einzelne Webseiten als Registerkarten im Browser abgelegt und können dort über die Optionen wieder geöffnet werden. Auf dem N9 werden Lesezeichen auf dem ersten Startbildschirm bei den Anwendungsstartern abgelegt. Der Bildschirminhalt wird nur dann im Querformat angezeigt, wenn das Gerät gegen den Uhrzeigersinn gedreht wird. Üblicherweise können moderne Smartphones in beide Richtungen gedreht werden, um den Querformatmodus zu nutzen.

Bei den Einstellungen lassen sich zwischen Windows Phone 7.5 und Meego deutliche Unterschiede feststellen, vor allem bei der Aufbaulogik. Die Optionen für die Stromsparmaßnahmen sind unter Windows Phone 7.5 eindeutig mit einer eigenen Rubrik gekennzeichnet, während sie bei Meego unter "Telefon, Akku" nicht leicht zu finden sind. Einstellungen zum Netzwerk, der Bildschirmhelligkeit und der Lautstärke samt dazugehörigen Profilen lassen sich über einen Tipper auf die allgegenwärtige Statuszeile am oberen Bildschirmrand erreichen.

Erweiterte Optionen

Auch die Einstellungen für den Standby-Bildschirm sind bei Windows Phone 7.5 unter der eindeutigen Bezeichnung "Sperre und Hintergrund" zu finden, während sie unter Meego unter "Display" eingeordnet sind. Unter Windows Phone 7.5 kann hier eingestellt werden, dass die Sperre nur mit einem Passwort aufgehoben werden kann. Die gleiche Option findet sich unter Meego unter "Sicherheit" mit der zusätzlichen Option, eine vertrauenswürdige Person für die Nutzung des Geräts zu definieren, die dann einen eigenen Sicherheitscode erhält. Hier nutzt Meego die Multiuser-Fähigkeiten von Linux aus.

Auch bei den Einstellungen zur Nutzung des Mobilfunks bietet Meego mehr: Ein Zähler warnt beispielsweise bei der Überschreitung eines vordefinierten Datenlimits oder zählt die Zeit, die für Telefonate aufgewendet wurde. Die Sprachqualität des N9 ist in Ordnung. Die virtuelle Tastatur hat im Unterschied zu Windows Phone 7.5 deutsche Umlaute integriert, lediglich das "ß" fehlt, das wie bei anderen Systemen bei längerem Drücken auf die "s"-Taste zur Auswahl erscheint.

Inkonsistenter Datenzugriff

Der Zugriff auf Daten ist unter Meego nicht konsistent. Während bei Windows Phone 7.5 und Android sämtliche Mediendaten den jeweiligen Anwendungen automatisch zugeordnet werden, greifen unter Meego Anwendungen nur auf bestimmte Ordner zu. So lassen sich beispielsweise mit dem N9 aufgenommene Videos nicht mit der Videoapplikation abspielen, sondern nur über die Galerieanwendung, die auch als Bildbetrachter dient. Weitere Bilder lassen sich aus dem Ovi-Store beziehen, der allerdings nur wenige spannende Applikationen für Meego bietet.

Das N9 meldet sich beim Betriebssystem als USB-Massenspeicher an und lässt sich somit problemlos über den Dateimanager mit Musik, Videos oder Bildern bestücken. Allerdings kann kopierte Musik so nicht als Klingelton verwendet werden. Dafür wird die Software Nokia Link benötigt. Die Anwendungen PC Suite oder Ovi Suite funktionieren mit dem N9 nicht.

Kein Zugriff auf den Google-Kalender

Das N9 kann sich mit einem Exchange-Server verbinden, um E-Mails sowie Kontakt- und Kalenderdaten zu synchronisieren. Auch auf diverse Google-Dienste, etwa Mail und Talk, kann das N9 zugreifen. Allerdings lassen sich Kalenderdaten von Google nur mühselig über Caldav abgleichen.

Verfügbarkeit und Fazit

Das N9 ist in Deutschland nicht offiziell erhältlich. Der Listenpreis des Smartphones mit 16-GByte-Speicher beträgt 620 Euro, mit 64-GByte-Speicher soll das N9 680 Euro kosten. Über Händler gibt es das Meego-Smartphone jedoch beispielsweise bei Amazon für etwa 530 Euro mit 16-GByte-Speicher. Die 64-GByte-Variante kostet dort 585 Euro. Cyberport bietet beide Versionen für jeweils 500 und 579 Euro. Bei Getgoods.de liegt der Preis bei 500 Euro für die 16-GByte-Version, die 64-GByte-Variante ist dort für 575 Euro erhältlich.

Fazit

Im direkten Vergleich mit dem Lumia 800 schneidet das N9 weder schlechter noch besser ab. Lediglich Kleinigkeiten fallen auf. Während das Lumia 800 bessere Videos aufnimmt, lässt sich der Kamerazoom im N9 feiner einstellen. Während Meego insgesamt mehr Optionen bietet, sind sie bei Windows Phone 7.5 auf dem Lumia 800 intuitiver organisiert. Letztlich ist es eine Frage des Geschmacks, für welches System sich der Anwender entscheidet. Beide Geräte sind optisch und von der Hardwareausstattung kaum zu unterscheiden.

Die ausladenden Wischgesten von Meego sind gewöhnungsbedürftig. Meego macht hingegen an manchen Stellen den Eindruck eines stiefmütterlich entwickelten Systems. Als Beispiel dient die vordere Kamera, für die es weder von Nokia noch von Drittherstellern vernünftige Applikationen gibt. Ob es dafür jemals Anwendungen geben wird, ist angesichts der bisherigen Handhabung von Meego durch Nokia mehr als fraglich. Zumal selbst die Eigenentwicklung Symbian langfristig aufgegeben werden soll. Eindeutig hat sich Nokia aber noch nicht zur Zukunft von Meego geäußert, auch nicht dazu, ob es nicht noch ein weiteres Meego-Gerät von Nokia geben wird.

Dass die Icons auf dem ersten Startbildschirm nicht besser organisiert werden können, etwa in Ordner, ist ein Nachteil, da dieser schnell überfrachtet wirkt. Andererseits laden die vielen Icons auch dazu ein, das System zu entdecken. Der eigene Homescreen für den Taskmanager ist eine elegante Lösung.

Insgesamt macht Meego einen erstaunlich guten Eindruck. Es wirkt nicht wie ein reines System für Bastler - im Gegenteil. Schade, dass Nokia es nicht öfter einsetzt.  (jt)


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