Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1111/87879.html    Veröffentlicht: 21.11.2011 15:00    Kurz-URL: https://glm.io/87879

Test Anno 2070

Komplexes Aufbauspiel mit Zukunft

Science-Fiction statt Vergangenheit - und dazu vielfältige Möglichkeiten und viel Spieltiefe: Anno 2070 fordert den ganzen Strategen. Auch beim hauseigenen Kopierschutzsystem geht Ubisoft neue Wege, denn statt auf Dauer-Onlinezwang setzt das Unternehmen auf vielfältige kostenlose Zusatzangebote.

Eigentlich hatten wir geplant, mit diesem Test von Anno 2070 ein paar Tage schneller zu sein. Schließlich kennen wir Anno, haben die früheren Ausgaben teils monatelang gespielt. Doch beim Spielen der von Ubisoft frühzeitig zur Verfügung gestellten Testversion wurde klar: Ein Anno braucht immer seine Zeit - aber dieses besonders. Das jüngste Werk des Entwicklerstudios Related Designs ist in einem neuen Szenario, entpuppt sich trotz völlig anderer Atmosphäre aber inhaltlich als "echtes" Anno. Allerdings gibt es einige Verfeinerungen und Veränderungen im Detail, so dass sich auch Veteranen erst in die Tiefen des Programms einarbeiten müssen.

Anno 2070 spielt in der vergleichsweise nahen Zukunft, was bedeutet: Es gibt gegenüber unserer Gegenwart einige deutliche technische Fortschritte - aber das meiste wirkt doch vertraut. Schiffe können immer noch untergehen, ein Kohlekraftwerk verschmutzt die Umwelt und ein Windkraftrad fast nicht. Die Bewohner können sich immer noch nicht von Haus zu Haus teleportieren, Ressourcen und Waren purzeln nicht aus Zauberautomaten, sondern müssen noch immer mühsam produziert werden.

Das macht der Spieler mit drei spielbaren Fraktionen - mehr als je zuvor in Anno. Es gibt die ökologisch weitgehend korrekten Ecos, die auf Geld und Profit fixierten Tycoons und die Techs, die auf Bildung und Wissenschaft setzen. Diese drei Gruppen sind nicht gerade in Freundschaft verbunden und liefern sich auch mal einen Krieg, aber meistens kooperieren sie doch miteinander. Der Spieler muss sich etwa zum Start eines Endlosspiels zwar für Ecos oder Tycoons entscheiden, kann ab einer bestimmten Ausbaustufe auch die Gebäude einer anderen Fraktion freischalten und dann beispielsweise trotz ursprünglich strikt ökologischer Ausrichtung ein Atomkraftwerk in die Landschaft setzen.

Einerseits ist es sympathisch, dass Anno 2070 nicht so schablonenhaft wie die meisten anderen Spiele die drei Machtblöcke als echte Feinde antreten lässt. An einigen Stellen wirkt es aber auch - zumindest für Einsteiger - verwirrend, wenn man sich für die Tycoons entschieden hat und mit dem Vorsatz "nur Profit zählt" antritt, um sein Geld dann beispielsweise doch für eine Bildungseinrichtung der Techs ausgeben zu müssen. Außerdem hat der Spieler dann über Karteireiter im Baumenü Zugriff auf drei Gebäude- und Produktionsketten, was irgendwann doch unübersichtlich wird - wir haben mehr als einmal auf das Icon mit der kleinen Spitzhacke klicken müssen, mit dem sich Gebäude wieder abreißen lassen, weil wir versehentlich die falsche Arbeitersiedlung aus dem Boden gestampft haben.

Kampagne als Tutorial

Um den Einstieg in die Welt von Anno 2070 möglichst problemlos hinzubekommen, ist besonders die Kampagne gut geeignet. Sie erzählt die Geschichte eines Supercomputers, der ähnlich wie Skynet in den Terminator-Filmen die Macht über die Welt an sich reißen möchte. Um den Plänen erst auf die Schliche zu kommen und sie dann zu vereiteln, muss der Spieler Schritt für Schritt den genauen Anweisungen des Programms folgen. Das macht zu Beginn nicht so viel Spaß, zumal es keine Spur spielerischer Freiheit gibt - an einer Stelle verlangt das Programm sogar stur, dass sich exakt die Menge 9 eines Rohstoffs in einem Transportschiff befindet - die ja ebenfalls ausreichende Menge 10 funktioniert nicht.

Die Handlung gewinnt zum Ende der drei Kapitel deutlich an Fahrt, außerdem darf der Spieler dann auch mehr und mehr selbst entscheiden, wie er die Städte auf den Siedlungen aufbaut und wo er Rohstoffe gewinnt - das Programm übernimmt die Siedlungen dann sogar von Mission zu Mission, so dass es an dieser Stelle kaum Wiederholungen von stets gleichen Aufgaben gibt.

Stadt aus dem Strand stampfen

Das Aufbauen der Städte orientiert sich nicht nur in der Kampagne, sondern vor allem im Endlosspiel an bewährten Anno-Standards. Natürlich muss der Spieler auch in der Zukunft zuerst ein Kontor am Strand bauen. Danach folgen die - auf den ersten Blick bekannten Schritte: Erst ein Stadtzentrum, dann Häuser für die Arbeiter und anschließend Straßen. Sogar eine Fischerhütte ist zumindest anfangs die wichtigste Produktionsstätte für Nahrung, dazu gesellt sich eine Getränkefabrik.

Dann folgen weitere Schritte: etwa Berg- und Stahlminen, außerdem neumodische Angebote wie ein Casino für Tycoon-Arbeiterschaft oder ein Musiksaal für die Ecos. Dazu kommt Strom, ohne den in Anno 2070 wenig geht. Als Chef einer Tycoon-Siedlung baut der Spieler ohne Rücksicht auf die Umwelt ein Kohlekraftwerk, als Eco baut er natürlich ein Windkraftrad. Wie in den letzten Annos üblich, entwickeln sich die Städte dann in fünf Ausbaustufen weiter - wer also alle wichtigen Bedürfnisse seiner Bevölkerung befriedigt, erlebt einen Zivilisationssprung.

Eine der angenehmsten Neuerungen bei der Bedienung von Anno 2070 ist die Darstellung der Produktionsketten. Spieler klicken im Baumenü jetzt auf das fertige Produkt, also etwa Biokost, und erst dann zeigt das Programm die direkt anwählbaren Produktionsstätten Früchte, Reis und die eigentliche Fabrik. Ebenfalls angenehm: Gebäude für Arbeiter lassen sich jetzt wie eine Straße mit gedrückter Maustaste am Stück in die Landschaft stellen.

Derlei Vereinfachungen sind leider die Ausnahme, denn unter dem Strich gibt sich 2070 deutlich komplexer als die Vorgänger. Ein echtes Problem, an das wir uns auch nach langer Spielzeit nicht gewöhnt haben, ist die mangelnde Erkennbarkeit von Gebäuden. Labore sehen aus wie Wohnhäuser, Kohle- wie Eisenminen, ein Kontor wie die Schiffswerft. Dazu kommt, dass einzelne Objekte, etwa Baumschulen und vor allem Straßen, unter Bäumen oft nur schwer zu erkennen sind - wer sich wundert, warum die Bevölkerung ohne erkennbaren Grund in den Streik tritt, sollte also immer mal wieder mühsam seine Wegenetze überprüfen.

Unter dem Meer...

Erstmals in Anno kann der Spieler seine Städte nicht nur auf Inseln, sondern auch auf dem Meeresboden errichten. Das funktioniert ähnlich wie auf Land: Mit dem Mausrad scrollt man über einer Wasserfläche bis kurz über die Wellen - und dann eben noch weiter, schon schaltet das Programm fast nahtlos in die schön dargestellte Unterwasseransicht. Per Tauchboot lässt sich das Kontor auf dem Grund errichten, der Rest folgt nach und nach. Von den Gebäuden führen kaum sichtbare Schläuche an die Oberfläche, wo schwimmende Plattformen markieren, wo sich die Siedlungen befinden; U-Boote sind aus der Vogelperspektive als gelbes Drahtgittermodell zu sehen.

Neben dem reinen Siedlungsbau gibt es noch mehr zu beachten: So lassen sich Gebäude und Schiffe sowie die Archen - eine Art schwimmendes Hauptquartier des Spielers - mit sockelbaren Gegenständen verbessern, etwa mit Schiffswänden, die im Kampf mehr aushalten. Die nötigen Gegenstände kann der Spieler entweder bei einer der anderen Fraktionen kaufen oder sie im Labor selbst erforschen lassen - was allerdings auch mal schiefgeht, insbesondere bei kostbaren Objekten. Neben dem Blick auf das Geld muss der Spieler außerdem auf Diplomatie und auf Lizenzen achten - die letztlich eine Art noch seltenere Zweitwährung sind. Der Spieler muss auch als Tech oder Tycoon darauf achten, dass die Umwelt nicht zu sehr unter den Produktionsstätten leidet, und die Bedürfnisse seiner Untertanen im Auge behalten - Angestellte entwickeln sich beispielsweise nur weiter, wenn ihr Bedürfnis nach Nahrung zu mindestens 55 Prozent erfüllt ist.

Expansion um jeden Preis

Die Entwickler sorgen mit ein paar teils recht rabiaten Tricks im Endlosspiel dafür, dass Spieler sich nicht auf ihren Inseln einigeln, sondern strikt auf Expansion gehen. Wer beispielsweise Fleisch produzieren möchte, muss über die korrekte Fruchtbarkeit auf seiner Insel verfügen. Das ist aber so gut wie nie der Fall, und der benötigte Sockel-Gegenstand taucht zufällig nie bei einem Wettbewerber im Angebot auf - also hilft es nur, auf eine weitere Insel auszuweichen. Ein weiterer Kniff sind zusätzliche Minimissionen: Dann meldet sich jemand von der Bevölkerung zu Wort und verlangt beispielsweise Erdöl, das es ebenfalls nur durch Expansion gibt.

Auch das Militär spielt in Anno 2070 eine gewisse Rolle. Neben Seeschlachten und Küstenbombardements gibt es auch Luft- und Unterwassereinheiten. Wer seinen Gegner damit angreifen möchte, kann etwa den Skyhammer-Bomber in Richtung Feind schicken, oder mit U-Booten vom Typ Silent Stalker auf die Jagd nach Beute gehen.

Grafikpracht in der Zukunft

Die Grafik macht einen erstklassigen Eindruck. Von den Wasseroberflächen bis zum Wolkenkratzer: Selten hat ein Strategiespiel so schön ausgesehen. Die Städte bieten zahllose Details, Landschaften sehen über und unter dem Meeresspiegel stimmig aus, die zahllosen Spezialeffekte wirken gelungen. Und das, obwohl das Programm zwar auch unter DirectX-11 läuft, aber lediglich Funktionen von DirectX-10 verwendet - womit es immer noch mehr kann als die typische Konsolenportierung. Laut Hersteller müssen Spieler mindestens über eine mit 2,0 GHz getaktete Dual-Core-CPU und über 2,0 GByte RAM verfügen und eine Shader-3.0-Grafikkarte mit 512 MByte besitzen - etwa eine Nvidia Geforce 6 oder eine AMD Radeon X1000.

DRM der etwas freundlicheren Art

Als Kopierschutz verwendet Ubisoft sein Onlineportal Uplay. Allerdings müssen Spieler - anders als unter anderem bei Die Siedler 7 - nicht immer online sein, um Anno 2070 spielen zu können. Nach einmaligem Registrieren auf den Servern von Ubisoft können sie in der Kampagne und dem Endlosspiel auch offline antreten. Dann nerven zwar trotzdem Abfragen beim Einstieg, und am Bildschirmrand fordert ständig ein kleines Symbol zur Wiederverbindung auf - aber es funktioniert immerhin. Wer nur offline antritt, sieht trotzdem ein gegenüber der Onlineversion erheblich eingeschränktes Hauptmenü: Insbesondere fehlen die Welt- und Tagesaufgaben. Das sind kostenlose Einsätze und Ergänzungen zu Einsätzen. Beispielsweise fordert das Programm den Spieler durch die Tagesaufgabe auf, in einer beliebigen Mission auf dem Meer nach Trümmerteilen zu suchen und sie bei seiner Arche abzuliefern, als Belohnung wird ein Erfolg freigeschaltet. Zusätzlich verwendet Ubisoft bei Anno 2070 - wie bei einigen Vorgängern - auf der DVD den Kopierschutz Tages.

Auch sonst hat sich Ubisoft sichtbar Mühe gegeben, viele zusätzliche Inhalte für freiwillige Onliner bereitzustellen. So gibt es Wahlen zu einem Senat, bei der alle Spieler von dem Pseudogewinner aus den Reihen der Ecos, Tycoons oder Techs den jeweils angekündigten Bonus bekommen. Dazu kommen zusätzliche Szenarios, direkt im Launcher sichtbare Twitter-Kanäle der Entwickler und noch einiges mehr. Dazu kommt natürlich noch der Multiplayermodus an sich, in dem zwei bis vier Spieler entweder gegeneinander oder als Verbündete antreten können.

Anno 2070 ist nur für Windows-PC erhältlich und kostet rund 50 Euro. Die USK hat dem Titel eine Freigabe ab 6 Jahren erteilt.

Fazit

Der Schritt in die Zukunft ist Anno 2070 gelungen: Das futuristische Inselszenario fühlt sich noch an wie ein echtes Anno. Und es bietet trotzdem genug frische Elemente, um Aufbauspieler neu an den Monitor fesseln zu können. Allerdings sollten alle, die in früheren Teilen der Serie im Endlosspiel einfach so vor sich hingedaddelt haben, auf eine deutlich längere Einarbeitungszeit und mehr Komplexität gefasst sein.

Der einzige Punkt, über den wir uns immer wieder geärgert haben, ist die fehlende Übersicht, wegen der sich einfach zu ähnlich sehenden Gebäude und der teils schwer erkennbaren Straßen. Echte Highlights sind die vielfältigen Möglichkeiten plus der schicke Unterwassermodus. Unter dem Strich ist das Experiment in Sachen Szenario belohnt worden - Anno 2070 bietet den Fans des Genres die beste Beschäftigung für Monate.  (ps)


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