Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1111/87702.html    Veröffentlicht: 11.11.2011 14:32    Kurz-URL: https://glm.io/87702

Test Skyrim

Die Welt als Held

Vereiste Berge, lauschige Wälder und jede Menge Abenteuer: Mit The Elder Scrolls 5: Skyrim hat das Entwicklerstudio Bethesda eine faszinierende Fantasywelt für Hardcore-Rollenspieler erschaffen. Der jüngste Beitrag zur The-Elder-Scrolls-Serie hat aber auch Schwächen.

"Ich bin zu alt für den Weg der 7.000 Stufen...". Irgendetwas in der Art hatte der Mann am Rande des Dörfchens Ivarstatt vor sich hin gemurmelt. Ernst haben wir ihn nicht genommen, und das rächt sich jetzt in The Elder Scrolls 5: Skyrim. Denn während wir den bergigen Weg von Ivarstatt zum Kloster Hoch-Hrothgar erklimmen, wird die Sorge größer, was uns wohl erwarten mag. Nach wenigen Minuten sind wir nicht mehr von Wäldern in herrlichen Herbstfarben umgeben, sondern stolpern im Dunkeln über schneeverwehte Pfade. Dann greift auch noch ein - für uns noch unbesiegbarer - Eistroll an, dem wir nur mit knapper Not entkommen. Nach und nach wird die Umgebung mit zunehmender Höhe immer fantastischer: Vom Tal hinauf bläst der Wind herrlich schimmernde Schneeverwehungen vor unsere Nase, in der Ferne sehen wir türkis schimmernde Polarlichter, am Himmel einen riesigen Mond. Irgendwann ist es dann geschafft: Wir stehen vor den ebenso düsteren wie dicken Mauern des Klosters der Graubärte - das Abenteuer kann weitergehen.

Ihren Ursprung genommen hatte die Wanderung durch die Fantasywelt Himmelsrand übrigens in der Stadt Weißlauf, und rund 45 Minuten hat sie insgesamt gedauert. Allerdings sind längst nicht alle Wege in Skyrim so zeitaufwendig: Zum einen kann der Spieler sich zu bereits besuchten Orten teleportieren, zum anderen fährt zwischen wichtigen Siedlungen eine Schnellreisekutsche. Um den Gewaltmarsch nach Hoch-Hrothgar sind wir trotzdem nicht herumgekommen - was auch ganz gut war, weil am Wegesrand jede Menge Entdeckungen warteten. Da war eine Höhle mit Schätzen und dort wartete ein Gespräch mit einem Ork - und die Sicht auf Täler, Flüsse und Dörfer war sowieso immer wieder sensationell. Aber auch kleine Entdeckungen gibt es während des Abenteuers: Etwa die, dass ein Besucher in einer der Bars auf Nachfrage ein Musikinstrument aus der Tasche zieht und ganz passable Lieder vorträgt.

Handlung: Mission Nebensache

Wie in den Vorgängern von Skyrim spielt die Handlung keine wahnsinnig große Rolle. Es geht um mysteriöse Drachenangriffe, und um einen Bürgerkrieg zwischen der Kaiserlichen Armee und den Rebellen der Sturmmantelfraktion. Dass dieser Haupterzählstrang den Entwicklern nicht sonderlich wichtig gewesen sein kann, zeigt sich schon an seiner Präsentation: Statt schicker Zwischensequenzen gibt es lange Dialoge mit teils peinlich schlecht animierten Figuren. Selbst für große Erfolge bekommt der Spieler oft nur eine "Mission absolviert"-Anzeige zu sehen. Wer auf Motivation durch spannende Charaktere oder dramatische Entwicklungen hofft, ist in Titeln wie The Witcher 2 besser aufgehoben.



Mannigfaltige Missionen

Der Ansatz von The Elder Scrolls 5 ist ein anderer: Massen an größtenteils interessanten, teils eng miteinander verzahnten Quests. Schon nach ein bis zwei Stunden Spielzeit ist das Auftragsbuch von Skyrim besser gefüllt als bei jedem Echtwelthandwerker. Da sollen wir ein Fort mit Banditen ausräuchern, in einer Liebesbeziehung vermitteln, mit dem Anführer der Jägerfraktion sprechen, und es gibt gleich mehrere Hinweise auf wertvolle Gegenstände in Höhlen. Wir können unterschiedlichen Fraktionen beitreten, eine Karriere als Werwolf und Vampir absolvieren, Häuser und Fabriken kaufen. Was der Spieler macht, entscheidet er in Skyrim weitgehend selbst - nahezu sämtliche relevanten Teile der offenen Spielewelt sind von Anfang an frei zugänglich. Wer alle Einsätze absolviert, ist problemlos weit über 100 Stunden beschäftigt; nach dem Ende der Kampagne darf die Welt übrigens weiter erforscht werden.

Allerdings führt kein Weg an Kämpfen vorbei. Um gegen Skelettkrieger, Wölfe, Banditen, Trolle, Ratten, Riesen und die unzähligen anderen Gegner bestehen zu können, kann der Spieler auf eine Mischung aus konventionellem Kampfgerät oder auf Magie setzen. Wir haben uns rasch zu einer Mischung entschlossen: In der linken Hand loderte stets abrufbereit ein Feuerzauber, in der rechten Faust hielten wir ein Schwert. Wer mag, kann aber auch zum Zweihänder greifen, oder in beide Hände einen magischen Spruch platzieren - was eigentlich ganz interessante Kombinationen etwa aus verlangsamendem Eis und Flammen ergibt. Das Problem: Wer eine Karriere als Fernkämpfer oder als reinrassiger Magier anstrebt, hat es sehr schwer in Skyrim. Der Anteil der Nahkämpfe ist hoch, und da funktionieren Waffen in vielen Fällen besser als raffinierte Zaubertricks.

Aber auch mit einem dicken und langsamen Kampfhammer sind die Gefechte vergleichsweise hektisch und unübersichtlich. Selbst wenn die Waffe weit am Gegner vorbeizusausen scheint, verbucht die feindliche Lebensleiste massive Abzüge - oder auch nicht. Ein wirklich gut funktionierendes Feedbacksystem gibt es nicht. Neu sind die teils recht spektakulären, dezent an Fallout erinnernden, Kamerafahrten in Slowmotion, wenn der Held dem letzten Gegner einer Gruppe den finalen Hieb versetzt.

Fähigkeiten und Fertigkeiten steigern

Übung macht den Meister: Wie in den Vorgängern verbessert der Spieler seine Fähigkeiten, indem er sie benutzt. Wer also möglichst früh eine schwere Rüstung trägt, ist besser geschützt als jemand, der erst spät auf diesen Ausrüstungsgegenstand wechselt. Das System funktioniert ganz gut, allerdings mit den ebenfalls schon bekannten Schwächen. So kann es sinnvoll sein, einem wegelagernden Banditen ein bisschen Geld zu geben statt der Klinge - denn das verbucht das Programm als erfolgreiches "Überzeugen", und das kann in anderen Situationen tatsächlich hilfreich sein. Immerhin hat Bethesda einige Werte wie "Akrobatik" gestrichen - es bringt also keine Vorteile mehr, sich grundsätzlich springend durch die Welt zu bewegen. Neben diesen Fähigkeiten darf der Spieler bei Levelaufstiegen -das Maximum liegt bei 50 - außerdem entweder Gesundheit, Magie oder Ausdauer stärken und ein besonderes Talent in einem an Sternkreiszeichen erinnernden Talentbaum ausbauen.

Die meisten Feinde und Monster leveln mit dem Spieler. In der Heldenpraxis führt das dazu, dass der Schwierigkeitsgrad so gut wie immer ausgewogen fair ist. Einigen wenigen Gegnertypen hat Bethesda aber offenbar eine feste Kampfkraft verpasst, was - sehr selten - für unschöne Überraschungen sorgt. In einem Fall war uns ein Gegner so haushoch überlegen, dass er uns bei seinem Angriff sofort getötet hatte und dabei mehrere Meter weit durch die Luft schleuderte...

Das Ding mit den Drachen

Eine große Rolle in Skyrim spielen Drachen. Sie sind in allererster Linie Gegner, verfügen aber am Anfang auf mysteriöse Weise über einen besonderen Draht zum Spieler. Der lernt dann rasch eine Reihe von besonderen Fähigkeiten, mit denen er beispielsweise Feinde zurückstoßen oder auf Knopfdruck ein paar Meter vorwärtssprinten kann. Schon nach ein bis zwei Stunden kommt es zum ersten Kampf mit einem kleinen Drachen, später folgen weitere Gefechte mit deutlich größeren Biestern.

Während die Welt in Skyrim oft prächtig aussieht - von einigen allzu dunklen Höhlen abgesehen -, wirken viele Animationen veraltet. Selbst in angeregten oder gar hoch emotionalen Gesprächen agiert das Gegenüber meist vollkommen starr. Aber auch im Kampf oder in sonstigen Situationen, in denen es ohne Bewegungen nicht geht, fehlen oft die Zwischenschritte zwischen den Animationen, was die Figuren oft sehr künstlich wirken lässt. Dazu kommen eine Reihe von kleinen Grafikproblemen: matschige Texturen, seltsam kantige Schatten, überstehende Polygone - alles Details, die angesichts der riesigen und komplexen Welt aber erstaunlich wenig ins Gewicht fallen.

Jederzeit gesichert

Deutlich mehr stört, dass die meisten Menüs - und Skyrim hat viele - auf die Bedienung mit einem Konsolencontroller zugeschnitten sind. Das hat zur Folge, dass PC-Spieler umständlich durch lange Menüs scrollen müssen. Auf allen Plattformen lässt sich der Spielstand jederzeit auf der Festplatte sichern, zusätzlich legt das Programm an Schlüsselstellen automatisch Savegames an. In Kämpfen lässt sich das Geschehen jederzeit durch Aufrufen des Inventars einfrieren, so dass der Held in aller Ruhe zum Beispiel seine Gesundheitstränke einwerfen kann.

The Elder Scrolls 5: Skyrim ist für Windows-PC, Xbox 360 und Playstation 3 erhältlich. Die Konsolenfassungen kosten rund 60 Euro, die nur Steam-geschützte PC-Variante ist für rund 50 Euro erhältlich. Die Lokalisierung hinterlässt einen etwas zwiespältigen Eindruck: Die Sprecher der wichtigen Figuren klingen glaubwürdig - wenn man das Original nicht kennt, denn dort reden die Figuren mit unterschiedlichsten Akzenten, die mal an irisches, mal an schottisches Englisch erinnern.

Für Nebenfiguren hat Bethesda in Deutschland zudem offensichtlich nur eine kleine Anzahl von Schauspielern vors Mikrofon gebeten, weshalb viel zu oft die gleichen Stimmen zu hören sind. Etwas merkwürdig und anfangs verwirrend ist, dass die Städte in der deutschen Version deutsche Namen tragen - auf Wegweisern im Spiel aber noch die englischen Bezeichnungen stehen; sonstige Texte, etwa in Büchern, sind übersetzt. Davon abgesehen gibt es keine inhaltlichen Unterschiede zur US-Version. Die USK hat eine Freigabe ab 16 Jahren erteilt.

Fazit

Teile der Zwergenwelt, die Wanderung nach Hoch-Hrothgar und einige andere Bereiche der Fantasywelt Himmelsrand gehören zum Schönsten, was Rollenspiele bislang zu bieten haben. Dazu kommt noch das riesige Angebot an interessanten, gut verzahnten Quests und Aufgaben: Wer die nächsten Monate mit einem Programm überwintern möchte, findet keine Alternative zu The Elder Scrolls 5: Skyrim.

Und das, obwohl Teile des Programms seltsam antiquiert wirken. Durch das Fehlen einer guten Hauptkampagne und den Mangel an interessanten Figuren erscheint The Elder Scrolls 5 stellenweise wie ein Onlinerollenspiel, in dem durch einen dummen Zufall nur der Spieler unterwegs ist. Damit kann man je nach Vorlieben allerdings ganz hervorragend leben. Deutlich stärker stört das nicht mehr zeitgemäße, chaotisch-hektische Kampfsystem. Klar, man kommt damit durch - aber wie viel mehr an Spielspaß wäre drin gewesen, wenn die Entwickler in diesem Punkt gute Arbeit abgeliefert hätten. So wie es jetzt ist, haben die Kämpfe kaum Tiefgang, sondern fühlen sich in den meisten Fällen schlicht fummelig an.

Das ändert aber nichts daran, dass Bethesda eine faszinierende Welt erschaffen hat, in der für Rollenspieler der alten Schule hinter fast jeder Ecke neue Entdeckungen warten. Skyrim schafft es trotz seiner großen und kleinen Schwächen, eine enorme Sogwirkung zu entfalten.  (ps)


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