Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1111/87613.html    Veröffentlicht: 09.11.2011 12:08    Kurz-URL: https://glm.io/87613

Lumia 800 im Test

Nokia setzt mit Windows-Phone-Smartphone auf Design

Nokia hat sein erstes Smartphone mit Windows Phone 7.5 vorgestellt. Mit dem Lumia 800 will der Konzern wieder konkurrenzfähig werden. Schick ist es allemal.

Das Lumia 800 soll die Smartphonesparte von Nokia wiederbeleben. Es ist Nokias erstes Smartphone mit Microsofts mobilem Betriebssystem Windows Phone 7. Nokia hat vor etwa einem halben Jahr ein aufsehenerregendes Abkommen mit Microsoft unterschrieben. Darin verpflichtete sich das selbst kriselnde Unternehmen Nokia, das wenig verbreitete Windows Phone 7 künftig auf seinen Smartphones anzubieten. Das Lumia 800 erscheint daher mit der aktuellen Version Windows Phone 7.5 alias Mango.

Auf den ersten Blick ist das schlichte Design des Geräts beeindruckend: Das Gehäuse aus einem einzigen stabilen Kunststoffblock liegt mit seiner matten Oberfläche gefällig in der Hand. Das Gewicht von 143 Gramm entspricht den Smartphones seiner Größenklasse. Die Abmessungen betragen 116 x 61 x 12 Millimeter. Außer in Schwarz wird das Smartphone auch in den Farben Cyan und Magenta angeboten. Das Unibody-Gehäuse hat aber einen entscheidenden Nachteil: Der Akku lässt sich vom Anwender nicht auswechseln. Ein Kompromiss, den auch andere Smartphonehersteller eingehen.

Hinten befindet sich eine ovale Einsparung, in der die Kameralinse und die doppelte LED-Leuchte untergebracht sind. Sie ist mit einer metallischen Abdeckung verziert. Sämtliche Knöpfe sind auf einer der Längsseiten untergebracht, darunter der Wippschalter für die Lautstärkeregelung, der Ein- und Ausschalter sowie ein Auslöser für die Kamera. Über diesen lässt sich das Smartphone ebenfalls aus dem Ruhezustand erwecken und startet sofort die Kameraapplikation. Dazu muss die Taste etwas länger gedrückt gehalten werden.

Datentausch mit Zune

An der oberen Querseite ist der Micro-USB-Stecker durch eine Klappe verdeckt. Darüber lässt sich das Gerät aufladen oder mit einem Windows-Rechner verbinden. Für das Übertragen von Inhalten zwischen Smartphone und Rechner wird Microsofts Anwendung Zune benötigt, die es kostenlos gibt. Darüber kann beispielsweise Musik aus iTunes exportiert und auf das Lumia 800 übertragen werden. Zu den unterstützen Musikformaten gehören neben MP3 auch AAC sowie AAC+, WMA oder MP42. Daten lassen sich auch über Active Sync synchronisieren.

Erst nachdem die Klappe für den Micro-USB-Stecker geöffnet wurde, kann der Einschub für die Micro-SIM-Karte herausgenommen werden. Micro-SIM-Karten kommen bislang nur in iPhones und iPads zum Einsatz. Um sie einzulegen, muss die Abdeckung mit dem Fingernagel nach innen gezogen werden. Dabei wird die Arretierung des Einschubs gelöst und sie lässt sich mühelos entnehmen und mit der Micro-SIM-Karte bestücken. Auf neuen Geräten sind dazu Hinweise auf Plastikfolien angebracht. Ohne die Hinweise ist der Mechanismus aber nicht eindeutig erkennbar. Die Displayabdeckung aus Glas ist leicht gewölbt. Damit wirkt das Lumia 800 in Kombination mit dem Gehäuse wie aus einem Guss. Weil das N9 mit Meego im gleichen Gehäuse steckt wie das Lumia 800, fürchtet Nokia, dass die Kunden verwirrt werden könnten. Das Unternehmen hat sich daher entschieden, in den meisten Ländern nur eines der beiden Smartphones anzubieten. Zwar ist das N9 unter anderem in Deutschland zu bekommen, wird aber von Nokia Deutschland nicht offiziell vermarktet, weil Nokia hierzulande voll auf das Lumia 800 auf Basis von Microsofts Windows Phone 7.5 setzt.

Kontrastreiches Display

Das Amoled-Display hat eine Diagonale mit 3,7 Zoll und eine Auflösung von 480 x 800 Bildpunkten. Nokia hat den Hintergrund des Displays nochmals mit einem satteren Schwarz versehen, das die Lesbarkeit auch bei hellem Licht erhöhen soll. Tatsächlich ist die Benutzeroberfläche auch bei direktem Sonnenlicht deutlich lesbar. Der Hintergrund der Benutzeroberfläche ist ebenfalls in Schwarz gehalten, wahlweise lässt sie sich auf Weiß umschalten. Selbst dann sind die Inhalte in heller Umgebung gut lesbar.

Die Konfiguration der Benutzeroberfläche ist indes weitgehend eingeschränkt: Neben dem Wechsel der Hintergrundfarbe zwischen Schwarz und Weiß lassen sich die Windows-Phone-typischen Kacheln noch mit verschiedenen Farben ausstatten. Eigene Hintergrundbilder können lediglich dem Anmeldebildschirm zugewiesen werden. Auch die Größe der Kacheln lässt sich nicht beeinflussen. Bei der Displaygröße des Lumia 800 werden nur acht Kacheln im aktiven Ausschnitt angezeigt. Es lassen sich zwar mehr unterbringen, allerdings muss dann gescrollt werden, damit die gewünschte Verknüpfung angezeigt wird.

Mango mit Multitasking

Im Menüfenster hingegen sind Einträge übersichtlich in alphabetischer Reihenfolge untergebracht. Zudem lassen sich einzelne Menüpunkte durch Eingaben in einem Suchfenster anzeigen.

Seit dem Update auf Windows Phone 7.5 alias Mango ist das mobile Betriebssystem von Microsoft multitaskingfähig. Die sechs zuletzt geöffneten Anwendungen werden angezeigt, wenn der Anwender länger auf die Zurücktaste drückt, eine von drei Hardwaretasten, die Mobiltelefone mit Windows Phone 7 mitbringen müssen. In der Mitte ist der Home-Button mit dem Microsoft-Windows-Logo, rechts ist die Schaltfläche für die Suche. Die verkleinerten Fenster im Taskmanager lassen sich nicht verschieben und auch nicht schließen. Mit dem Update funktioniert auch das Kopieren und Einfügen von Text über verschiedene Anwendungen hinweg.

Office für mobile Geräte

Microsoft legt seinem mobilen Betriebssystem eine angepasste Office-Version bei. Damit lassen sich Word-Dokumente, Excel-Tabellen und Onenote-Notizen erstellen und bearbeiten. Dokumente im Doc- oder Xls-Format können geöffnet, aber nicht bearbeitet werden. Der Dokumentenaustausch erfolgt über Sharepoint, Office 365 oder Skydrive. Wer eine Windows-Live-ID besitzt, kann 25 GByte Onlinespeicher in der Microsoft-Cloud Skydrive kostenlos nutzen. Dort können beispielsweise auch Fotos gespeichert werden. In der Fotoanwendung wird Skydrive automatisch nach neuen Bildern durchsucht. Von einem Google-Konto importierte Kontaktdaten werden ebenfalls in der Microsoft-Cloud gespeichert, sie tauchten automatisch beim Anmelden mit der Windows-ID auf einem zweiten Windows-Phone-7.5-Smartphone auf.

Nokia hat seine eigenen Dienste ebenfalls auf die neue Plattform portiert, darunter Nokia Music, das einen Zugriff auf Nokias Musikshop Mp3 Store bietet. Auch die Navigationssoftware Nokia Navigation wurde integriert. Um sie zu nutzen, muss zunächst Kartenmaterial heruntergeladen werden. Der Download umfasst mindestens 500 MByte. Zwar wird das Kartenmaterial dann auf dem Smartphone gespeichert, allerdings benötigt die Anwendung dennoch stets eine Internetverbindung, was Roaming-Gebühren bei der Verwendung im Ausland kostet. Office für mobile Geräte

Neben dem Kartenmaterial von Microsoft, das über den Menüpunkt Karten aufgerufen werden kann und Bing Maps öffnet, bietet Nokia seine eigenen Karten und die Anwendung Nokia Karten an. Sie konnte allerdings auf unserem Lumia 800 nicht über die entsprechende Kachel aufgerufen werden, sondern lediglich über die Verknüpfung auf der Menüseite. Nokia weist aber daraufhin, dass es sich dabei um eine Betaversion handelt.

Gute Kamera, mäßige Sprachqualität

Auf der Anmelde- und Startseite von Windows Phone 7.5 lassen sich durch einen Wisch nach unten am oberen Rand einige Systeminformationen anzeigen, etwa der Akkustatus, die Verbindungsart und -qualität. Allerdings verschwinden diese Informationen wieder, sobald beispielsweise der Browser geöffnet wird und werden erst wieder angezeigt, wenn die Einstellungen zum Browser geöffnet werden.

Flotter Browser ohne Flash

Der integrierte Internet Explorer 9 Mobile reagiert zügig auf Eingaben und ruckelt beim Scrollen auch dann nicht, wenn bilderreiche Webseiten aufgerufen werden. Auch die Zoomfunktion arbeitet flüssig. Der Browser unterstützt HTML5. Somit lassen sich Videos von Youtube mit einer Auflösung von 720p abspielen, wenn auch nicht ganz flüssig. Mit Windows Phone 7.5 lassen sich auch die Videoformate WMV9-, Mpeg4, H.264 oder ASF wiedergeben. Einen Flash Player für Windows Phone 7.5 soll es aber laut einem Adobe-Mitarbeiter nicht geben.

Die integrierte 8-Megapixel-Kamera besitzt laut Nokia ein Carl-Zeiss-Tessar-Objektiv mit einer Blende von 2.2 sowie einen dreifachen digitalen Zoom und eine minimale Brennweite von 2.8 mm. Außerdem ist die Kamera mit einem Autofokus ausgestattet. Videos lassen sich mit einer Auflösung von bis zu 1.280 x 720 Pixeln aufnehmen. Auch hier kann der dreifache Zoom verwendet werden.

Microsoft sagt: keine Micro-SD-Karte

Das Lumia 800 besitzt ein HSPA+-Modul und kann sich über WLAN nach 802.11b/g/n mit dem Internet verbinden. Außerdem beherrscht das Smartphone Bluetooth 2.1. Von den angegebenen 16 GByte Speicher stehen dem Anwender etwa 14 GByte für Applikationen und persönliche Daten zur Verfügung. Den Arbeitsspeicher gibt Nokia mit 512 MByte an. Als Prozessor kommt ein Qualcomm MSM8255 zum Einsatz, der mit 1,4 GHz getaktet ist. Microsoft setzt mit Windows Phone 7.5 den Hardwareherstellern bislang sehr enge Grenzen. Beispielsweise ist die Verwendung einer auswechselbaren Micro-SD-Karte ebenso wenig vorgesehen wie der Einsatz eines Zweikernprozessors.

Der Akku hat eine Kapazität von etwa 5,4 Wattstunden und soll für eine Sprechzeit von 9,5 Stunden über UMTS sorgen. In unserem Test war der Akku bei mittelmäßiger Nutzung und aktivierten Stromspareinstellungen nach eineinhalb Tagen leer. Dabei surften wir über UMTS und WLAN im Internet, telefonierten ein wenig, nutzten die Kameraapplikation und die Navigationshilfe. Das erste Testgerät, das wir von Nokia erhielten, ließ sich nicht mehr aufladen, nachdem der Akku einmal vollständig entladen war. Laut Nokia handelte es sich um ein Gerät aus einer Vorabserie.

Telefonieren mit Aussetzern

Die Sprachqualität des Lumia 800 war unterdurchschnittlich, beim Telefonieren hatten wir Aussetzer.

Neben dem Microsoft-eigenen Hotmail- und Exchange-Diensten lassen sich auch E-Mail-Dienste von Google oder Yahoo nutzen. Jedes erstellte Konto erhält auf der Startseite eine eigene Kachel. Sie können über die Optionen eines Kontos aber miteinander verknüpft werden. Windows Phone 7.5 bietet auch eine Spracherkennung, die für die Suche im Web oder zum Erstellen von SMS-Nachrichten genutzt werden kann. Ähnlich wie bei Apples Siri werden die Eingaben an Server von Microsoft gesendet, um "den Service bereitzustellen und zu verbessern", wie es in den Nutzungshinweisen heißt.

Datenschutz, Verfügbarkeit und Fazit

Sowohl Nokia als auch Microsoft weisen allenthalben auf den Datenschutz hin. Unter dem Menüpunkt "Sie zählen" erläutert der Smartphone-Hersteller, dass Informationen über das Gerät zwar gesammelt, ohne Einverständnis des Benutzers aber nicht weitergegeben werden. Ende Juli 2011 wurde bekannt, dass Bewegungsdaten von Windows-Phone-7-Smartphones durch eine Sicherheitslücke über die Dienste von live.com ausgelesen werden konnten.

Microsoft bietet auch einen Ortungsdienst an, über den abhandengekommene Smartphones geortet, angerufen und notfalls gesperrt werden können. Dazu kann sich der Anwender über seine Windows-Live-ID auf der Webseite windowsphone.com anmelden. Von dort lassen sich auch Applikationen im Windows Marketplace erwerben und auf das Mobiltelefon übertragen. Der Windows Marketplace bietet neben Spielen und Anwendungen ebenfalls Musik an.

Verfügbarkeit

Das Lumia 800 von Nokia soll im November 2011 auf den Markt kommen. Unmittelbar nach seiner Vorstellung konnte das Windows-Phone-7.5-Smartphone im Onlineshop der Deutschen Telekom zum Preis von 500 Euro ohne Vertrag bestellt werden. Damit ist das Lumia 800 ohne Vertrag derzeit günstiger bei O2 als bei der Telekom zu bekommen. Bei O2 wird es das Lumia 800 für 481 Euro geben. Wie bei O2 üblich, gibt es eine zinslose Ratenzahlung. Bei einer Laufzeit von zwei Jahren fallen dann monatlich 20 Euro an, 1 Euro muss beim Kauf angezahlt werden. Der von Nokia angegebene Listenpreis beträgt 500 Euro. Fazit

Das Nokia Lumia 800 beeindruckt durch sein schlichtes Design. Glasabdeckung und das Kunststoffgehäuse wirken wie aus einem Guss. Nokias Smartphone liegt gut in der Hand. Das Display ist kontrastreich und lässt sich auch in heller Umgebung gut ablesen.

Das mitgelieferte Windows Phone 7.5 ist funktional und optisch ebenso schlicht wie Nokias Smartphone. Verspielte Naturen, die etwa gerne an der Benutzeroberfläche basteln, werden enttäuscht sein. Dass Microsofts Benutzeroberfläche nur auf einem Einkernprozessor läuft, fällt nicht auf, wir konnten keine Ruckler oder Aussetzer feststellen. Verwunderlich ist hingegen die unterdurchschnittliche Sprachqualität.

Nokia will mit dem Lumia 800 vor allem mit dem Design punkten. Das ist gelungen. Darüber hinaus bietet das Windows-Phone-7.5-Smartphone aber wenig Innovatives.  (jt)


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