Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1111/87607.html    Veröffentlicht: 08.11.2011 18:00    Kurz-URL: https://glm.io/87607

Test Modern Warfare 3

Die spektakulärste Schießbude der Welt

Von Berlin, Hamburg, Paris und New York bleiben nur rauchende Trümmer: Der Kampf gegen den Oberschurken Vladimir Makarov mündet in Modern Warfare 3 in einer Reihe von Mega-Schlachten. Das jüngste Call of Duty bietet intelligenzbefreite, aber toll inszenierte Popcorn-Unterhaltung vom Allerfeinsten.

"Jahrelang hat der Westen die Welt in ein Schlachtfeld verwandelt": Das ist die Auffassung von Vladimir Makarov, die er mit russisch gerolltem "R" im Intro von Call of Duty - Modern Warfare 3 kundtut. Für einen Superschurken wie ihn Anlass genug, seinerseits den gesamten Globus mit Krieg zu überziehen und mit Armeen und Massenvernichtungswaffen gleichzeitig Städte wie New York, Paris, London und Berlin anzugreifen. Die Handlung von Modern Warfare 3 beginnt unmittelbar nach dem Ende von Teil 2: Makarov triumphiert, die eigentlich als Helden gedachten Hauptfiguren Soap MacTavish und Captain Price müssen sich zurückziehen.

Kenner der Serie wissen allerdings: Eigentlich ist das alles ziemlich egal. Modern Warfare 3 erzählt mit seinen typischen multimedial aufbereiteten Zwischensequenzen eine nur marginal weniger wirre Story als die Vorgänger. Der Spieler springt wieder fröhlich von Hauptfigur zu Hauptfigur und von Schauplatz zu Schauplatz, die Kampagne ist eine Abfolge von lockerst verbundenen Missionen. Und das ist auch gut so, denn so hatte das Entwicklerstudio Infinity Ward sämtliche Freiheiten, einen spektakulären Einsatz an den anderen zu reihen. Das Ganze ist - passend zur Handlung - mit spürbar mehr Bombast als in den Vorgängern erzählt: Immer wieder sind gewaltige Ansammlungen von Flugzeugen oder Schiffen zu bestaunen, die unter dem Kommando von Makarov stehen; Transformers- und Pearl-Harbour-Regisseur Michael Bay dürfte seine helle Freude haben.

Los geht es in New York: Ohne langen Vorlauf steht der Spieler als US-Marine Derek "Frost" Westbrook nahe der Wall Street in einer rauchenden Trümmerlandschaft und kämpft sich dann durch ein paar Straßen und Hochhäuser bis zur Börse. Kurz darauf sitzt er in einem Helikopter und fliegt durch die Straßenschluchten, noch ein paar Augenblicke später taucht er am Grund des Hudson River und lässt ein U-Boot explodieren. Was kurz danach folgt, dürfte auch erfahrenen Computerspielen den Atem stocken lassen: Im Hafen vor der fantastisch aussehenden Skyline von New York liefert sich der Spieler dann ein Verfolgungsrennen im Motorboot mit den Schergen von Makarov, das es so noch nicht gegeben hat - mit direkt vor den Augen des Spielers untergehenden Kriegsschiffen und anderen irrwitzigen Gags.

Themen wie "spielerische Freiheit" oder gar "Realismus" spielen dabei keine Rolle: Modern Warfare 3 setzt noch mehr als alle Vorgänger auf hohes Tempo, Spektakel, bombastische Effekte und Überraschungen. Ohne zu viel verraten zu wollen: Was sich an Bord eines russischen Flugzeugs oder mitten in einem Sandsturm in Afrika ereignet, hat es in dieser Form in Computerspielen noch nicht gegeben. Der Spieler steuert immer wieder andere Figuren, neben Frost auch besonders oft einen Russen namens Yuri.

Action in Hamburg und Berlin

Es gibt in der Kampagne gleich mehrere Missionen, deren Einstieg im Vergleich zu dem vorhergehenden Spektakel fast ein bisschen langweilig wirkt. Ein Auftrag in London etwa beginnt mit einer gut zehnminütigen Ballerorgie, die erfahrene Call-of-Duty-Krieger im Halbschlaf durchstehen - mündet dann aber in einer aberwitzigen Verfolgungsjagd mit sich überschlagenden Zügen und weiteren Überraschungen.

Mit Hamburg und Berlin tauchen gleich zwei deutsche Städte im Spiel auf. Beide sind allerdings nur mit viel Wohlwollen wiederzuerkennen: In Hamburg ist am ehesten der Rathausplatz erkennbar, in der Hauptstadt haben sich die Entwickler vor allem von den Hochhäusern am Potsdamer Platz inspirieren lassen. Die Zivilbevölkerung spielt in Modern Warfare 3 übrigens so gut wie keine Rolle. Mal ist für ein paar Sekunden lang eine Menschenmenge in einem Bunker oder eine - in der US-Presse umstrittene - Videoaufnahme von Touristen zu sehen, aber das war es dann auch schon.

Noch immer spielt künstliche Intelligenz bei den Gegnern keine Rolle - Makarovs Armeen, die in Modern Warfare 3 bekämpft werden müssen, sind schlicht Kanonenfutter und sollen auch gar nichts anderes sein. Immerhin gibt es im Vergleich mit den Vorgängern deutlich weniger Massenschlachten, in denen sich der Spieler mühsam von Stellung zu Stellung vorarbeiten muss. Die Entwickler haben inzwischen offenbar mehr Gespür dafür, wann Langeweile oder gar Frust droht, und scheuchen den Spieler stets zügig voran. Auf ausgedehnte Sprungpassagen haben sie ebenso verzichtet wie auf lange Schleichpassagen - das Tempo ist durchgehend sehr hoch. Negative Auswirkungen hat das nur auf die Spieldauer: Selbst wer sich Zeit lässt, hat die Kampagne nach rund sechs Stunden absolviert.

Modern Warfare 3 verwendet die gleiche, allerdings sichtlich überarbeitete Engine wie die Vorgänger und sieht trotz des Verzichts auf neumodische Effekte wie Weichzeichner oder Tiefenunschärfen großenteils brillant aus - wobei es sich die Entwickler auch leicht gemacht haben, indem sie beinahe durchgehend auf kräftige Farben und eine simple, aber eben bis ins letzte Detail ausgearbeitete Geometrie geachtet haben. Ein Trümmerfeld sieht aus wie ein Trümmerfeld - und nicht, wie stellenweise in Battlefield 3, wie ein paar grob zusammengeklebte Polygone mit aufwendig schimmernder Oberflächentextur. Trotzdem stimmt in Modern Warfare 3 auch die Bildwiederholrate, auf Konsole jedenfalls läuft das Programm butterweich mit 60 Bildern pro Sekunde. Sogar die Steuerung scheint Infinity Ward dezent überarbeitet zu haben, jedenfalls reagiert der Protagonist noch direkter auf Eingaben des Spielers. Auch die Geräuschkulisse ist - wie in den Vorgängern - inklusive der ordentlichen deutschen Sprachausgabe sehr gut.

Wer die Kampagne durchgespielt hat, kann sich wie in den Vorgängern die nächsten paar Monate mit den Multiplayermodi beschäftigen. Auffälligste Änderung in Modern Warfare 3 ist wohl der zombiefreie und stark erweiterte Survival-Modus; in der deutschen Version heißt er im Menü "Überleben". Der Spieler tritt allein oder mit einem Kumpel auf einer von 16 Maps an und hat es beispielsweise in einer Londoner U-Bahn-Station mit immer stärkeren Wellen von Gegnern zu tun - und zwar nicht nur mit Soldaten, sondern auch mit Kampfhunden und Helikoptern. Zwischen den Angriffen kann der Spieler an Terminals neue Waffen, Ausrüstung, KI-Söldner oder einen Luftschlag kaufen.

Modern Warfare 3 und der Multiplayermodus

Wieder mit dabei sind die aus Modern Warfare 2 bekannten Spec-Ops-Einsätze (in Deutsch schlicht "Missionen"), in denen der Spieler unter Zeitdruck einen Hindernisparcours oder aus der Kampagne übernommene Abschnitte absolviert und sich nach und nach mehr Ausrüstung und Ränge freischaltet.

Davon abgesehen, gibt es auf 16 sehr gut gemachten, kompakten Karten erneut die bekannten Modi wie Deathmatch, Caputure the Flag und Domination. Neu ist "Kill Confirmed" - der mit "Abschuss bestätigt" ebenfalls einen nicht wirklich schick klingenden deutschen Namen verpasst bekommen hat. Inhaltlich geht es nicht nur um "Kills", sondern vor allem darum, die Marken erledigter Feinde einzusammeln. Das riesige Multiplayerpaket lässt so gut wie keine Wünsche offen: Es setzt auf eher schnelle und unkomplizierte Action mit hohem Tempo - und wer mag, bastelt sich einfach selbst einen Modus oder eine Klasse. Wer allerdings vergleichsweise komplexe Vehikelkämpfe mit Panzern und Jets wie in Battlefield 3 möchte, geht auch im jüngsten Call of Duty schlicht leer aus.

Konsolenspieler können über Xbox Live und das Playstation Network das soziale Netzwerk Elite herunterladen. Das ermöglicht den besonders einfachen Aufbau von Clans, es bietet haufenweise taktische Tipps, statistische Auswertungen und sonstige Dienstleistungen an. Allerdings zu einem stolzen Preis: Die Jahresmitgliedschaft kostet rund 50 Euro. Das Programm sollte ursprünglich auch für PC erscheinen, allerdings hat Activision die Veröffentlichung aus Sicherheitsgründen auf unbestimmte Zeit verschoben. Immerhin: Anders als noch in Modern Warfare 2 können PC-Spieler in Teil 2 wieder selbst Dedicated Server erstellen.

Call of Duty - Modern Warfare 3 ist für Windows-PC, Xbox 360 und Playstation 3 erschienen und kostet je nach Plattform rund 50 bis 60 Euro. Außerdem gibt es eine Fassung für die Nintendo Wii, die zum Test allerdings nicht vorlag. Das Programm enthält keine inhaltlichen Änderungen gegenüber dem US-Original und hat von der USK eine Freigabe ab 18 Jahren erhalten.

Fazit

Was für ein Spaß! Modern Warfare 3 zeigt auf fast schon beeindruckende Art und Weise, dass aus der ollen Call-of-Duty-Serie die Luft noch lange nicht raus ist. Im Gegenteil: Wer auf Logik und Tiefgang verzichten kann und stattdessen rasante Action und einen extrahohen "Boah"-Faktor erwartet, kommt - trotz der Kürze der Kampagne - in den weltweiten Missionen besser auf seine Kosten als je zuvor. Ganz nebenbei: Gegenüber diesem Spektakel sieht die Kampagne von Battlefield 3 sowohl inhaltlich als auch optisch erschreckend alt aus.

Etwas anders ist es im Multiplayermodus, in dem sich die beiden Spiele grundlegend unterscheiden. Hier bietet Modern Warfare 3 sinnvolle Ergänzungen, aber keine grundlegenden Innovationen - die erwartet aber wohl auch niemand ernsthaft. Trotzdem könnte es sein, dass angesichts der starken Konkurrenz durch Battlefield 3 viele Spieler langfristig die Kampfarena wechseln. Jedenfalls erscheint uns der - sehr gute - Multiplayermodus von Modern Warfare 3 der Bereich zu sein, in dem das nächste Call of Duty am ehesten zulegen kann. Wie sich die Entwickler bei der Kampagne selbst übertrumpfen könnten, weiß derzeit wohl nur Makarov.  (ps)


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