Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1110/87212.html    Veröffentlicht: 21.10.2011 11:48    Kurz-URL: https://glm.io/87212

Galileo

Die ersten Satelliten starten in Kourou

Nach einer Verzögerung am Vortag geht es jetzt los mit dem europäischen Satellitennavigationssystem Galileo: Am 21. Oktober 2011 um 12:30 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit haben die beiden ersten Satelliten vom Startplatz in Kourou abgehoben. Sie werden von einer russischen Sojus-Rakete in die Erdumlaufbahn transportiert.

Am heutigen Freitag sind die ersten beiden Satelliten für das europäische Satellitennavigationssystem Galileo in die Umlaufbahn geschossen worden. Der Start musste gestern wegen technischer Schwierigkeiten an der Trägerrakete verschoben werden.

Start live im Internet

Um 12:30 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit (MESZ) hat die Trägerrakete, eine russische Sojus ST-B, vom Raketenstartplatz Kourou im französischen Überseedépartement Französisch-Guayana abgehoben. Die europäische Raumfahrtorganisation, die European Space Agency (Esa), hatte den Start live im Internet übertragen.

Geplant war der Start der Satelliten bereits für Donnerstagmittag (MESZ). Er wurde jedoch etwa drei Stunden vorher abgesagt. Grund war ein Problem mit der Betankungsanlage: Diese hatte das Betanken der dritten Raketenstufe nach einem falschen Signal zu früh abgebrochen. Das Problem ist jedoch nach Angaben von Arianespace behoben. Das französische Unternehmen Arianespace betreibt und vermarktet die europäische Trägerrakete Ariane 5.

Galileo hat Verspätung

Die 24 Stunden sind angesichts des Galileo-Zeitplans zu verschmerzen: Ursprünglich hätten erste Satelliten 2006 in den Orbit transportiert werden sollen. 2008 wäre das Navigationssystem einsatzbereit gewesen. Derzeit kreisen nur die beiden Testsatelliten Giove A und Giove B um die Erde. Wegen diverser Querelen, finanzieller Schwierigkeiten und politischem Druck aus den USA verzögerte sich das Projekt immer weiter. Ein Streit zwischen den Eignern des Satellitenkonsortiums European Satellite Navigation Industries (ESN) hätte Ende 2007 beinahe das Aus für Galileo bedeutet.

Galileo soll aus einer Konstellation von 30 Satelliten bestehen, die in etwa 24.000 Kilometer Höhe um die Erde kreisen. Der Start der nächsten Satelliten ist für das kommende Jahr vorgesehen. 2014 soll das Satellitennavigationssystem einsatzbereit sein. Vorteil von Galileo gegenüber dem US-System Global Positioning System (GPS) sei, dass es ein ziviles System sei. Das bedeute, dass es in Krisenzeiten nicht abgeschaltet werden könne, sagt die Esa. Weiterer Vorteil ist, dass Galileo genauer sein soll als GPS.

Fünf Galileo-Dienste

Insgesamt fünf Dienste soll Galileo bieten: Ein offener Dienst (Open Service, OS), der kostenlos zu Verfügung steht, ermöglicht eine Navigation, die bis auf 1 Meter genau ist. Noch genauer ist der kommerzielle Dienst (Commercial Service, CS). Er ist verschlüsselt und nur gegen Bezahlung nutzbar. Der sichere Dienst (Safety-of-Life, SoL) ist ein verbesserter OS, der frühzeitig vor Schwankungen in der Signalqualität warnt. SoL ist unter anderem für den Flugverkehr gedacht. Diese drei Dienste sollen ab 2014 verfügbar sein.

Ein Jahr später starten der regulierte Dienst (Public Regulated Service, PRS) und der Such- und Rettungsdienst (Search And Rescue, SAR). Der PRS ist für Behörden wie Polizei oder Küstenwache sowie für das Militär gedacht. Sein Signal ist verschlüsselt und gegen Störungen und Täuschungen geschützt. SAR ermöglicht eine schnelle Ortung von Notrufsignalen, die beispielsweise von Schiffen ausgesendet werden, da die Satelliten diese Notrufe auffangen. Außerdem soll es möglich sein, über einen Galileo-Satelliten ein Signal an den Notrufsender zu schicken.

Sojus statt Ariane

Die beiden Satelliten, die Natalia und Thijs heißen, werden nicht von der europäischen Trägerrakete Ariane 5, sondern von einer russischen Sojus ST-B ins All transportiert. Die Sojus ist eine Weiterentwicklung der Rakete R-7, mit der die Sowjetunion am 4. Oktober 1957 den ersten Satelliten überhaupt, den Sputnik 1, ins All schoss. Die erste Sojus-Rakete startete am 28. November 1966.

Die Sojus ist nicht nur die Rakete, die am längsten in Einsatz ist, sondern auch die mit den meisten Starts: Über 850 Flüge wurden mit der russischen Rakete unternommen, die als sehr zuverlässig gilt. Allerdings stürzte am 24. August 2011 eine Sojus-Rakete wegen eines defekten Triebwerks etwa 5 Minuten nach dem Start ab. Sie war mit Nachschub auf dem Weg zur Internationalen Raumstation (ISS).

Premiere in Kourou

Es ist der erste Start einer Sojus von einem Raketenstartplatz außerhalb des Gebietes der ehemaligen Sowjetunion. Bisher war die Rakete nur von Baikonur in Kasachstan und von Plessezk, nahe der nordrussischen Stadt Archangelsk, aus gestartet. Damit die Sojus in Kourou starten kann, hat der Betreiber, die französische Raumfahrtagentur Centre national d'études spatiales (CNES), eine eigene Startrampe für die russischen Raketen gebaut.

Die europäisch-russische Kooperation hat Vorteile für beide Seiten: Die Sojus ist kleiner als die Ariane. Sie kann deshalb Nutzlasten ins All transportieren, für die die europäische Rakete Ariane zu groß ist. Der Start einer Sojus kostet weniger Geld als der einer Ariane, weshalb der Satellitentransport günstiger wird. Da Kourou zudem näher am Äquator liegt als Baikonur und Plessezk, braucht die Rakete weniger Treibstoff und kann mehr Nutzlast mitnehmen.

Nachtrag vom 21. Oktober 2011, 12:55 Uhr

Der Artikel wurde um den geglückten Start angepasst und um das Video vom Start ergänzt.  (wp)


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