Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1110/87020.html    Veröffentlicht: 13.10.2011 12:59    Kurz-URL: https://glm.io/87020

Alternative Dienstwagen

Steuernachteil durch Elektroautos

Kommt die indirekte staatliche Starthilfe für das Elektroauto doch noch? Zinsgünstige Darlehen der staatlichen Förderbank sollen den Absatz von strombetriebenen Fahrzeugen ankurbeln.

Das Konzept der Elektromobilität kommt in Deutschland nicht ohne monetäre Anreize in Fahrt. Das ist das Ergebnis des Zweiten Berichts der Nationalen Plattform Elektromobilität. "Ohne zusätzliche Anreizmaßnahmen ist bis 2020 ein Bestand von nur etwa 450.000 Elektrofahrzeugen zu erwarten", heißt es in dem Papier. Bis zum Jahr 2014 seien ohne Fördermaßnahmen nur 25.000 Elektrofahrzeuge auf Deutschlands Straßen zu erwarten. Mit Förderung sähe die Sache schon ganz anders aus. Dann könnten nach Berechnungen der Nationalen Plattform Elektromobilität 2014 schon 100.000 Elektrofahrzeuge zwischen Flensburg und Konstanz unterwegs sein.

Dienstwagenbesteuerung wirkt als Bremsklotz



Dass sich diese Prognose bewahrheiten könnte - davon gibt es bislang noch keine Spur. Im Gegenteil. Die Annahme, dass die gewerblichen Fuhrparks den Anschub in Sachen E-Mobilität bewerkstelligen werden, hat sich bisher nicht bewahrheitet. Grund dafür ist die Besteuerung der neuen Fahrzeuge, durch die die Kostenlücke des Elektroautos gegenüber konventionellen Fahrzeugen nicht geschlossen, sondern noch weiter aufgerissen wird.

Weil Elektrofahrzeuge in den kommenden Jahren gegenüber vergleichbaren konventionellen Fahrzeugen einen höheren Bruttolistenpreis aufweisen, führt die Anwendung der Ein-Prozent-Regel dazu, dass Nutzer elektrischer Dienstwagen einen deutlich höheren geldwerten Vorteil zu versteuern haben - obwohl der Nutzwert wegen der begrenzten Reichweite deutlich eingeschränkt ist. "Dies verhindert die vollständige Erschließung des Marktpotenzials bei gewerblichen Kunden, da sich eine Vielzahl von potenziellen Dienstwagennutzern bei bestehendem finanziellem Nachteil gegen elektrische Fahrzeuge entscheiden wird", heißt es dazu in dem Zweiten Bericht der Nationalen Plattform Elektromobilität.

Warum E-Autos die Massen nicht elektrisieren

Dabei waren Dienstwagenflotten noch im Ersten Bericht als Innovationstreiber eingestuft worden: "Gewerbliche Halter weisen eine weit niedrigere durchschnittliche Haltedauer der Fahrzeuge auf und sind ein wesentlicher Treiber für die Marktdurchdringung neuer Technologien", hieß es noch vor einem Jahr. Zumal gegenüber privaten Nutzern ein entscheidender Vorteil bestehe: "Flottenbetreiber können andere Finanzierungsmodelle nutzen als Privatkunden."

Doch Leasing-Angebote für Elektrofahrzeuge sind bislang rar gesät und bringen der privaten Klientel keine steuerlichen Vorteile. Die Nationale Plattform Elektromobilität empfiehlt daher, ein Programm der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) für den Kauf von Elektrofahrzeugen aufzusetzen. Es solle das Angebot eines über vier Jahre zinsgebundenen Darlehens bis zu 30.000 Euro zu einem effektiven Zinssatz von maximal 2,5 Prozent pro Jahr für den privaten Kunden entwickelt werden, macht der Bericht konkrete Vorgaben.

Überfällige Innovationen vom Staat bezahlt

Ein entsprechendes Förderprogramm gebe es derzeit nicht, heißt es bei der KfW auf Nachfrage. Die Nationale Plattform Elektromobilität (NPE) geht jedoch davon aus, dass sich circa ein Drittel aller Privatkunden für eine Kreditfinanzierung ihres Fahrzeugs entscheiden werden. Faktisch würde der Zinsvorteil über mehrere Jahre verteilt 3.500 Euro betragen. Der staatliche Subventionsbedarf liegt damit hochgerechnet auf eine Million Fahrzeuge bei 3,5 Milliarden Euro, ohne dass die Kostenlücke - also der Mehrpreis gegenüber einem konventionellen Pkw - damit geschlossen wäre.

Bei einem Klein- oder Kompaktklassefahrzeug liegt die Kaufpreisdifferenz zwischen der Elektro- und der herkömmlichen Benzinversion bei etwa 9.000 Euro. Eine soeben erschienene Studie der Deutschen Bank mit dem Titel "Elektromobilität - sinkende Kosten sind conditio sine qua non" äußert in diesem Zusammenhang Zweifel an staatlicher Förderung: "Grundsätzlich kann man kritisch hinterfragen, ob sich die Regierungen in Zeiten chronisch knapper öffentlicher Kassen solche Zuschüsse leisten sollten", schreiben die Autoren, "denn aufgrund des aktuell und auch mittelfristig hohen Kostennachteils von Elektrofahrzeugen werden staatliche Fördermaßnahmen schnell sehr teuer."

Kritiker zweifeln am positiven Effekt einer staatlichen Förderung

Der World Wildlife Fund (WWF), selbst Mitglied der NPE, sowie der Verein "Allianz pro Schiene" formulieren ihre Kritik an dem Zweiten Bericht noch drastischer: "Er ist fast ausschließlich ein Industriepapier, in dem sich die beteiligten Industriezweige ihren Subventionsbedarf selbst errechnet haben", sagt Regine Günther, Leiterin Klima- und Energiepolitik beim WWF Deutschland.

Und Alexander Kirchner, Vorsitzender der Allianz pro Schiene, ist der Meinung, dass die Autoindustrie sich wichtige und überfällige Innovationen sehr umfangreich vom Staat erstatten lasse, sollte das Subventionsprogramm für das Elektroautomobil kommen. [Der Artikel erschien zuerst bei Handelsblatt Online]  (hb-ab)


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