Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1110/87015.html    Veröffentlicht: 13.10.2011 15:50    Kurz-URL: https://glm.io/87015

Test

Ubuntu 11.10 hübscht Unity auf

Canonical hat für Ubuntu 11.10 die Oberfläche Unity verschönert. Für Ubuntu-Nutzer, die sich nicht mit dem Konzept von Unity anfreunden können, steht die direkte Konkurrenz der Gnome-Shell ebenfalls zur Verfügung.

Mit Ubuntu 11.10 wird das Konzept der Oberfläche Unity ausgebaut. Als Ausweichlösung steht Unity 2D zur Verfügung. Damit untermauert Canonical die Abkehr von Gnome als Oberfläche, die Anwendungen des Gnome-Projekts werden aber weiterhin von Oneiric Ocelot genutzt. Das Design von Unity überzeugt auch im Hinblick auf die Ubuntu-Version mit Langzeitunterstützung, die im April 2012 erscheinen soll.

Nach der Installation von Ubuntu 11.10 werden Nutzer mit einem neuem Anmeldebildschirm begrüßt. Dieser ist ein Theme des Display Managers LightDM (LDM), der ab Oneiric Ocelot den GDM ablöst. Der größte Vorteil von LDM ist seine Geschwindigkeit. Er startet schneller als GDM, der eine komplette Gnome-Session startet. Außerdem ist der Quellcode wesentlich kleiner als bei GDM und dadurch für die Entwickler einfacher zu pflegen.

Der Wechsel fällt den Entwicklern auch deshalb so leicht, weil LDM über ein voll dokumentiertes API verfügt. Damit ist das Aussehen leicht zu beeinflussen. Es ist sogar möglich, Themes für LDM in HTML zu schreiben, denn ein Webkit-Frontend existiert. Es gibt aber auch Qt- und GTK-Frontends für LDM.

Unity aufgehübscht

Canonical forciert seit Ubuntu 11.04 Unity als alternative Oberfläche für die Anwendungen des Gnome-Desktops. Für die aktuelle Version wurde das Designkonzept von Unity jedoch leicht überarbeitet. So ist die Schaltfläche für das Dash genannte Startmenü aus der linken oberen Bildschirmecke ein wenig tiefer in den Launcher gewandert, da Anwender die Schaltfläche eher an diesem Ort suchten. Wird das Dash geöffnet, bleibt der Hintergrund nicht mehr einfarbig, sondern zeigt den darunterliegenden Desktophintergrund verschwommen an.

Die bislang unter dem Namen "Places" bekannte Universalsuche wird von "Scopes" und "Lenses" abgelöst. Mit Scopes steht Anwendern eine Suche zur Verfügung, die lokale und im Netzwerk befindliche Quellen einbezieht, etwa Canonicals Onlinedienst Ubuntu One. Zeitgeist indiziert dabei die Daten, die sich filtern lassen. Die Lenses - zu Deutsch Linsen - stellen die Daten dann sortiert dar.

Linsen zeigen fast alles

Neben der Startansicht, die vier Verknüpfungen zu Anwendungen enthält, sind standardmäßig drei weitere Linsen im Dash enthalten. Die Anwendungslinse zeigt alle installierten Programme an und bietet weitere zum Download. Außerdem lassen sich die Anwendungen nach Kategorien wie Büro, Grafik oder Zubehör filtern. Die Anwendungen, die als Download erhältlich sind, lassen sich zusätzlich nach Nutzerbewertungen filtern.

Die Musiklinse ist über ein Notensymbol erreichbar und mit dem Mediaplayer Banshee verknüpft. So können Stücke aus der Bibliothek von Banshee gesucht werden, nach einem Mausklick werden sie abgespielt. Gezeigt werden aber auch Suchergebnisse verschiedener Onlinedienste, die Musik zum Kauf anbieten. Die Musik kann in dieser Linse nach Jahrzehnt und Genre kategorisiert angezeigt werden.

Die dritte Linse soll Ordner und Dateien verfügbar machen, was in unserem Test leider nicht wie gewünscht funktionierte. Denn Dateien, die im persönlichen Ordner abgelegt sind, werden nicht indiziert und stehen damit der Suche nicht zur Verfügung. Dadurch sind lediglich die Ordner für Musik, Dokumente oder Filme auswählbar, die mit dem Dateimanager Nautilus geöffnet werden.

Zusätzlich zu den genannten Linsen lässt sich eine Linse für die Microblogging-Anwendung Gwibber installieren. Über diese können Nachrichten aus unterschiedlichen Diensten wie Twitter oder Identica einfach sortiert oder nach Stichworten durchsucht werden.

Wechsel des E-Mail-Clients

Statt Evolution kommt in Oneiric Ocelot der E-Mail-Client Thunderbird 7.0.1 als Standard zum Einsatz, dadurch fehlt eine Kalenderanwendung. Zwar schafft das Mozilla-Addon Lightning hier einen adäquaten Ersatz, es muss aber nachinstalliert werden. Ein Hinweis darauf findet sich nur im Software Center.

Ebenso ärgerlich wie das Fehlen des Kalenders ist, dass es kein Migrationswerkzeug für den Umstieg von Evolution zu Thunderbird gibt. So gelang es uns nicht, E-Mail-Daten aus einem Backup von Ubuntu 11.04 in den neuen Client zu überführen.

Selbst wenn Evolution installiert und eingerichtet wird, findet das Import-Tool von Thunderbird keine Daten zur Migration, weder Konteneinstellungen noch Adressbücher oder anderes. Das führt zu unnötiger Mehrarbeit für den Nutzer, der sich den E-Mail-Client mühsam komplett neu einrichten muss.

Software Center synchronisiert Installationen

Die Oberfläche des Software Centers wurde leicht überarbeitet. Der Startbildschirm der Anwendung zeigt nun die am besten bewertete Software an. Ebenso wird die Software in den Untermenüs nach Bewertung sortiert dargestellt. Addons und Plugins für Anwendungen sind auf den Informationsseiten eines Programms aufgelistet und können direkt installiert werden. Das Software Center ersetzt mit Ubuntu 11.10 komplett die Paketverwaltung Synaptic, die nicht mehr offiziell von Canonical unterstützt wird. Synaptic steht aber weiterhin in den Paketquellen zur Verfügung.

Praktisch ist die neue Funktion des Software Centers, Ubuntu-Installationen mehrerer Rechner abzugleichen. Dabei werden die Informationen über installierte Anwendungen in Ubuntu One gespeichert und stehen so verschiedenen Computern zur Verfügung. Auf diese Weise können der Rechner zu Hause und der Laptop für unterwegs synchronisiert werden. Hilfreich ist die Funktion auch bei einer Neuinstallation, da viel Zeit eingespart werden kann.

Neben wenigen Änderungen in der Programmauswahl beschränkten sich die Entwickler hauptsächlich auf eine Aktualisierung der Anwendungen. So stehen der Browser Firefox 7.0.1 und Libreoffice 3.4.3 zur Verfügung. Sämtliche Programme aus dem Gnome-Projekt wie der Dateimanager Nautilus liegen in Version 3.2 vor. Zur Datensicherung steht das Backuptool Déjà-Dup zur Verfügung, das ebenfalls Ubuntu One als Speicher nutzen kann.

Kernel und Treiber

Der Kernel von Oneiric Ocelot basiert auf Linux 3.0.4 und enthält X.org 7.6, den X-Server 1.10 sowie die Grafikbibliothek Mesa 7.11. Somit läuft Ubuntu 11.10 auch mit Grafikkernen mit AMDs Llano-Fusion-Chipsätzen und unterstützt bereits die noch nicht verfügbaren Ivy-Bridge-Chipsätze von Intel. Außerdem wurde die Unterstützung für GPUs in AMDs Radeon-HD-62xx bis -68xx verbessert.

Die Standardoberfläche Unity setzt zwingend Hardware mit 3D-Beschleunigung voraus. Immerhin funktionieren die meisten Grafikchips von AMD und Intel problemlos mit Open-Source-Treibern, ebenso etwas ältere Chipsätze von Nvidia. Für aktuelle Hardware, vor allem von Nvidia, kann es notwendig sein, die proprietären Treiber zu installieren. Als Ausweichmodus gibt es aber auch die auf Qt basierende Variante Unity 2D. Diese 2D-Version steht dem 3D-Original optisch und funktional in nur wenigen Punkten nach.

Ubuntu mit verschiedenen Desktops

Das Ubuntu-Derivat mit der Oberfläche des KDE-Teams nutzt KDE SC 4.7.1. Der in Kubuntu enthaltene virtuelle Globus Marble verfügt nun über eine Offlinesuche. Ebenso kommt mit Kubuntu 11.10 die neue Version von KDE-PIM. Die dazugehörigen Anwendungen wie Kmail 2 nutzten in dieser Version das Framework Akonadi zum Speichern von Daten. Der Umstieg auf das neue Framework hatte den KDE-Entwicklern einige Probleme bereitet, deshalb empfiehlt das Kubuntu-Team auch, sicherheitshalber vor der Aktualisierung sämtliche Daten von KDE-PIM zu sichern.

Das Muon Software Center und der gleichnamige Paketmanager sind in Kubuntu 11.10 für die Installation von Programmen zuständig und als Standard anstelle des Software Centers aus Ubuntu enthalten. Nutzer etwas älterer Hardware können sich über das Paket "kubuntu-low-fat-settings" freuen. Es enthält eine Vorauswahl an Systemeinstellungen, bei der einige Dienste, Krunner-Plugins und Grafikeffekte abgeschaltet sind. Dadurch soll der Speicher weniger ausgelastet werden.

XFCE, LXDE und die Gnome-Shell

Die Variante mit der XFCE-Oberfläche Xubuntu nutzt ab sofort ebenfalls den Display Manager LDM, wird aber weiterhin Synaptic zur Paketverwaltung einsetzen. Erstmals wird Lubuntu offiziell von Canonical unterstützt. Darauf einigten sich die Entwickler auf dem diesjährigen Ubuntu Developer Summit in Budapest. Somit ist das ISO-Abbild mit der LXDE-Oberfläche von den Webseiten Canonicals verfügbar und auch die Pakete werden über die offiziellen Quellen von Ubuntu zur Verfügung gestellt.

Canonical verzichtet komplett auf die Integration der Gnome-Oberfläche. Noch in Ubuntu 11.04 wurde Gnome 2.32 als Ausweichoption zur 3D-Variante von Unity installiert. Anwender, die dennoch die Gnome-Shell nutzen möchten, können sie einfach nachinstallieren. Dadurch lassen sich dann Anwendungen aus Gnome 3.2 nutzen, die nicht in Unity integriert wurden, wie etwa die zentrale Kontaktverwaltung.

Ubuntu Server wird magisch

In Oneiric Ocelot ist erstmals eine Vorschau auf das Framework Juju enthalten. Juju - Zulu für Magie - soll die Steuerung von Diensten, die auf dem Server laufen, vereinfachen. Die zum Konzept von Juju gehörenden Charms sind Serverapplikationen wie die Datenbanken Mysql und Couchdb oder auch das Content-Management-System Wordpress. Die verschiedenen Charms sollen sich einfach installieren und wieder entfernen lassen.

Zum Aufsetzen eines komplexen Servernetzwerkes, wie es in Datencentern üblich ist, steht in Ubuntu Server die Softwaresammlung Orchestra bereit. Die standardisierte und vollautomatisierte Installation eines neuen Servers übernimmt Orchestra. Die Software wurde auf vielfachen Nutzerwunsch entwickelt, Mehrfachinstallationen zu vereinfachen. Ebenfalls in der Serveredition enthalten ist der Xen Hypervisor.

Entwicklertools, Fazit und Downloads



Für Entwickler steht die Gnu Compiler Collection (GCC) 4.6 bereit. Damit kann Quellcode speziell für Intels Sandy-Bridge-Architektur kompiliert werden, kommt aber mit Code in der von Google initiierten Programmiersprache Go klar. Zusammen mit der Bionic-C-Bibliothek von Google lassen sich Anwendungen für Android kompilieren. Der Standard der Programmiersprache Python ist in Ubuntu 11.10 die Version 2.7, jedoch sind auch die Entwicklungszweige 2.6.7 und 3.2.2 in den Paketquellen erhältlich.

Fazit

Mit Ubuntu 11.10 werden hauptsächlich Anwendungen auf ihren aktuellen Stand gebracht und die User Interfaces der Canonical-Entwicklungen überarbeitet. Vor allem die kleinen Änderungen an der Unity-Oberfläche gefallen uns gut. Das Konzept von Scopes und Lenses zahlt sich aber nur aus, wenn die Dateiindizierung funktioniert, was bei uns leider nicht der Fall war.

Die Umsetzung des Wechsels von Evolution zu Thunderbird als Standard-E-Mail-Client ist nicht gelungen. Ein fähiges Migrationstool wäre zwingend notwendig, damit das Update auf Ubuntu 11.10 einfach durchgeführt werden kann. Trotzdem und trotz weiterer kleiner Mängel ist eine Aktualisierung für Nutzer von 11.04 empfehlenswert. Sie erhalten ein stabiles System. Diejenigen, denen Unity in nicht gefiel, können nun problemlos einen Blick auf die Gnome-Shell oder die anderen Desktops werfen.

Download

Ubuntu 11.10 alias Oneric Ocelot steht für 32-Bit- und 64-Bit-Plattformen als Live-CD zur Verfügung, eine 64-Bit-Version gibt es auch für die Installation auf Apple-Rechnern, ebenso das Abbild einer DVD, die standardmäßig mehr Programme enthält als die CD-Version. Die Alternate-Install-CD enthält einen textbasierten Installer, der erweiterte Optionen bietet - etwa die Installation auf LVM-Laufwerken. Vorinstallierte Medien, deren Inhalt nur auf ein Gerät kopiert werden muss, gibt es für OMAP3- und OMAP4-Boards.  (sg)


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