Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1110/86876.html    Veröffentlicht: 06.10.2011 18:57    Kurz-URL: https://glm.io/86876

Test Rage

id ganz irdisch

Kein Marsmond, kein Höllenportal - sondern die Erde ist der Einsatzort des Helden im Erste-neue-Serie-seit-Quake-Spiel Rage von id Software. Eher eine bodenständige Sache ist auch der Spielspaß: Ganz gut, jedoch von aktuellen Überfliegern weit entfernt. Fans von neuen Grafiktechnologien wird ein frisches, großes Diskussionsthema eröffnet.

Es klingt wie eine Aufgabe für den Space Marine, die Hauptfigur aus Doom: Der Asteroid (99942) Apophis rast in Richtung Erde. Aber statt den Gesteinsbrocken in die Luft zu sprengen, bringen sich Teile der Menschheit in Bunkern in Sicherheit und verbringen die nächsten hundert Jahre im künstlichen Koma. Dann wacht der Held auf - und der Spieler übernimmt das Kommando in Rage. Er soll den einfachen Bürgern gegen eine ominöse, allerdings etwas gesichtslose Regierungsmacht zur Freiheit verhelfen. Mit Rage veröffentlicht die texanische Spieleschmiede id Software das erste Mal seit dem 1996 veröffentlichten Klassiker Quake keine Fortsetzung, sondern ein Spiel in einem neuen Szenario.

Rage erinnert an die Welten von Borderlands und Fallout, und auf den ersten Blick wirkt die Welt ähnlich offen. Das täuscht aber: Das Actionspiel ist trotz zahlreicher Zusatzmissionen sehr linear angelegt. Viel Freiheit genießt der Held kaum - und Rollenspielelemente gibt es auch kaum. Stattdessen folgt man der vergleichsweise linearen Kampagne, in der man Missionen erst in der Wüste, dem Ödland und später vor allem rund um die Städtchen Wellspring und Subway Town absolviert. Meist muss der Spieler mit seinem Buggy vom Auftraggeber zum Einsatzort fahren und dort menschliche Mutanten, Banditen und später die vergleichsweise stark ausgerüsteten Regierungssoldaten ausschalten.

Zwischendurch sind in den Vehikeln auch mal Wettrennen oder Kampfeinsätze zu absolvieren. Dank des arcadig-spaßigen Fahrgefühls und der wenig herausfordernden KI-Fahrer sind das aber Aufgaben, mit denen auch Fans von Ego-Shootern klarkommen sollten, die sonst einen Bogen um Rennspiele machen.

Die meiste Zeit verbringt der Held in Kampfeinsätzen. Er schießt sich durch die Kanalistation von Wellspring, um die Wasserversorgung sicherzustellen, macht im Ödland Jagd auf Mutanten oder besorgt Ersatzteile für Rustys Autohandel. Um die Missionen abschließen zu können, muss er sie erst von Auftraggebern in selbstablaufenden, teils langatmigen Gesprächen annehmen. So etwas wie Wahlfreiheit hat der Spieler bei den Storymissionen nicht: Wer auf "ablehnen" klickt, kommt einfach nicht weiter.

Gegner mit klarem Kurs

In alter id-Tradition gibt es in den Kampfeinsätzen immer wieder kleinere Schockmomente, wie plötzlich auftauchende Gegner - aber wirkliche Überraschungen sind den Entwicklern nur wenige eingefallen. Die meisten Feinde bewegen sich schnell auf den Gegner zu und haben dabei die Eigenart, fast immer den gleichen Weg zu nehmen. Das führt oft dazu, dass der Spieler einen Mutanten nach dem anderen niedermähen kann, ohne sich sonderlich zu bewegen; besonders herausfordernde Endgegner oder mal einen richtig dicken Brummer bekommt der Spieler nur extrem selten vor die Flinte.

Anfangs muss die Hauptfigur mit einer schwachen Pistole auskommen. Später erhält er im Shop oder in Missionen noch weitere Kampfgeräte, darunter ein Scharfschützengewehr, eine Hightech-Armbrust, einen Raketenwerfer und eine Pulskanone. Insgesamt acht Waffen trägt er am Ende der Kampagne mit sich herum. Dazu kommen 20 Munitionsarten, darunter Spezialitäten wie die Hypnosebolzen, mit denen der Spieler einen getroffenen Gegner ein paar Augenblicke lang selbst steuern und ihn dann sprengen kann.

Außerdem gibt es weitere Ausrüstung wie eine Selbstschussanlage und sofort heilende Bandagen. Auch für das Auto gibt es nach und nach mehr Zubehör, etwa Minikanonen und einen Schutzschild.

Traditionell ist die Grafik bei Titeln von id Software für viele Spieler mindestens so interessant wie der Rest. Herausragendes Merkmal der neuen Engine id Tech 5 sind die Megatexturen - was bedeutet, dass beinahe jedes noch so kleine Polygon mit einer individuellen Tapete verkleidet werden kann. Alle diese Texturen ergeben die besagte Megatextur.

In der Praxis führt das dennoch an einigen wenigen Stellen zu seltsam matschigen Texturen, und überhaupt wirken die Umgebungen zwar detailreich, aber nicht sehr scharf gezeichnet. Dazu kommen zahlreiche Grafikbugs, auf die wir in zwei Artikeln über Optionen und Bildwiederholrate und die Treiberproblematik bereits eingegangen sind.

Der Multiplayermodus namens "Road Rush" konzentriert sich in der Verkaufsversion auf Kämpfe im Vehikel - wahrscheinlich liefert id weitere Spielarten per Download nach. Vorerst jedoch können sich bis zu vier Teilnehmer auf sechs Maps im Vehikel ins Visier nehmen. Neben Deathmatchpartien im Auto geht es zum Beispiel darum, dass die Teilnehmer möglichst schnell Meteorbrocken einsammeln. Zusätzlich gibt es einen Koopmodus, in dem zwei Kumpels gemeinsam in neun Einsätzabschnitten aus der Kampagne kämpfen.

Konsolen mit Platzbedarf

Rage ist ab dem 7. Oktober 2011 für Windows-PC, Playstation 3 und Xbox 360 erhältlich. Die Fassung für die Microsoft-Konsole erscheint auf drei DVDs und sollte, muss aber nicht auf der Festplatte installiert werden. Besitzer einer PS3 müssen 6,5 GByte installieren. Für die Konsole kostet das Programm rund 60 Euro, für PC rund 50 Euro. Als Kopierschutz kommt für die Windows-Version nur Steam zum Einsatz. Fassungen für Mac OS und Linux sind nicht geplant.

Hierzulande erscheint das Programm vollständig übersetzt, die Sprachausgabe entspricht den üblichen Standards. Auf Konsole befindet sich neben der deutschen nur die französische Sprachfassung; PC-Spieler können die englischen Originaldaten per Steam auf ihren Rechner laden. Inhaltlich unterscheidet sich das Programm nicht von der US-Fassung. Die USK hat eine Freigabe ab 18 erteilt.

Fazit

Wenn Rage von einem kleinen osteuropäischen Entwicklerstudio kommen würde, wären die Reaktionen von Spielern wahrscheinlich überwiegend positiv. Man würde sich über die ungewöhnliche Grafik freuen, ein paar spaßige Stunden mit der Kampagne verbringen. Dann noch kurz den Multiplayermodus ausprobieren, und anschließend zu Call of Duty, Counter-Strike und Co. zurückkehren. Rage stammt jedoch von id Software, und den damit verbundenen Erwartungen wird das Programm nicht gerecht.

Spielerisch bietet Rage gute Standardkost. Das Leveldesign ist gelungen, es gibt auch nach hinten hinaus genug Abwechslung und viele hübsche Ideen wie die Pseudo-TV-Show. Waffen und Munition sind gut aufeinander abgestimmt, die Gegner gut bis erstklassig animiert. Wettrennen und Vehikelkämpfe wirken interessant. Die Handlung hingegen ist ein Totalausfall: Es fehlt ein überzeugender Obergegner, die Dialoge sind öde, viele Wege überflüssig. Von den rund zehn Stunden der Kampagne verbringt der Spieler rund ein bis zwei Stunden mit langweiligen Pseudogesprächen und auf sinnlosen Wegen zu Fuß oder im Vehikel.

Was die Grafik angeht: Vor allem mit den Megatexturen bietet das Programm eine Technologie, die andere Engine-Hersteller früher oder später aufgreifen werden. Trotzdem wirkt Rage, selbst wenn man einzelne Matschtexturen wohlwollend ignoriert, weniger spektakulär als etwa ein Gears of War 3. Aber auch Rage sieht stellenweise extrem schön aus - auf subtile, zurückhaltende Art. Die Grafikbugs sind ärgerlich, aber zumindest auf dem PC nach ein paar Treiberupdates hoffentlich kein Problem mehr.

Unterm Strich: Rage ist inhaltlich nicht ganz auf der Höhe aktueller Spitzentitel, aber es macht Spaß und besitzt eine interessante Technologie.  (ps)


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