Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1110/86868.html    Veröffentlicht: 06.10.2011 12:16    Kurz-URL: https://glm.io/86868

Steve Jobs

"Er trat dem Smartphonemarkt in den Arsch"

Was wäre wenn? Wenn Mac OS X nicht auf die Intel-Plattform gewechselt wäre, wenn das iPhone nicht einen etablierten Markt umgekrempelt hätte oder Tablets im Star-Trek-Universum verblieben wären? Die IT-Welt würde wohl weiterhin in einer langweiligen grauen Kiste hausen.

"Er hat schon dem Smartphonemarkt einen Tritt in den Arsch gegeben", kommentiert ein Golem.de-Leser auf unserer Facebook-Seite, und er trifft damit genau den Kern dessen, was Steve Jobs ausmachte. Seine Macs, iPhones und iPads haben der Industrie gezeigt, in welche Richtung sie sich entwickeln muss: weg von aufwendiger Konfiguration hin zu einfach benutzbaren Dingen und weg von grauen Kisten hin zu Geräten, die gerne genutzt werden. Schließlich haben die wenigsten Zeit und Lust auf Basteleien an grauen Kisten.

Im Herbst 2005 habe ich mir meinen ersten Mac gekauft, ein iBook im 12-Zoll-Formfaktor. Damals war bereits erkennbar, dass sich Apples Mac OS X zu einer ernsthaften Konkurrenz für die Windows-Welt etabliert. Mac OS X erreichte mit der Version 10.4 alias Tiger seine fünfte Ausgabe und einen solchen Reifegrad, dass ich es auf einen Versuch ankommen ließ. Dass Apple im Jahr 2005 auch einen radikalen Schritt vollzog, störte dabei nicht. Steve Jobs beendete die PowerPC-Ära und setzte fortan auf Intel-Chips. Zugunsten einer besseren Zukunft wirft Apple gerne alte Entwicklungen ab, damit muss sich der Nutzer abfinden. Bereut habe ich die Erweiterung um die Apple-Plattform nie und bin seither zweigleisig gefahren, um die Vorteile beider Welten zu nutzen. Auf meinem Schreibtisch steht ein Mac und daneben ein Windows-Notebook, und beide möchte ich nicht missen.

Keine grauen Kisten mehr

Wäre Mac OS X nicht das, was es heute ist, würden Windows-Nutzer wohl noch immer mit einem Betriebssystem arbeiten, das Windows XP sehr ähnlich sieht. Das System würde auf grauen oder schwarzen Kisten arbeiten, und allenfalls Gamer hätten Rechner mit etwas, das "Design" genannt werden kann.

Der Konkurrenzdruck durch Mac OS X war erstaunlich gering, schließlich dauerte es Jahre, bis Microsoft sich wieder bewegte. Mit Windows 8 werden erstmals seit langem wirklich große Änderungen an der Oberfläche vorgenommen. Windows 7 zeigte bereits Ansätze. Beim Smartphonemarkt ging das alles viel schneller.

Vor der ersten Ankündigung des iPhones im Jahr 2007 waren Smartphones nicht smart, also schlau, es waren aufwendig zu konfigurierende und schwer zu bedienende Handys. Dass sich dies innerhalb weniger Jahre verändert hat, ist Steve Jobs zu verdanken. Das iPhone wurde von einem Team entwickelt, doch das letzte Wort hatte der Apple-Chef, der seinen Hard- und Softwareentwicklern die Möglichkeit gab, einen neuen Ansatz zu verwirklichen.

Das iPhone krempelte den Markt um

Mit einer neuen Oberfläche und einer Bedienbarkeit, die bis dato nicht vorstellbar war. Jeder konnte plötzlich ein Smartphone bedienen. Die alten Werbespots zeigen eindrucksvoll, wie die damalige Zukunft aussah und dienten kurioserweise auch gleich als Bedienungsanleitung. 

Die Selbstverständlichkeit, mit der wir heute unsere Smartphones benutzen, gab es nicht. Den Anwendern musste noch erklärt werden, wie ein Telefon mit Touchscreen zu bedienen ist. Heute ist der Smartphonemarkt durch das iPhone so spannend wie nie zuvor. Android hat eine große Entwicklung durchgemacht, Microsoft hat sich mit dem Windows Phone vom alten Windows CE verabschiedet und Samsungs Bada wäre ohne das iPhone auch nicht das, was es ist. Und bis vor kurzem war auch noch Palms WebOS ein ernstzunehmendes und durchdachtes System für Smartphones.

Es gab aber auch Hersteller, die nicht mit der Entwicklung mithalten konnten. Prominentes Beispiel ist Nokia. Verzögerungen bei Symbian- und Meego-Smartphones haben dafür gesorgt, dass die Firma bei Smartphoneinteressierten sehr plötzlich in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht ist.

Den Tabletmarkt hat Apple aus dem Nichts geschaffen: Die kleinen Smartphones waren den heutigen Tablets näher als Nischengeräte wie Tablet-PCs oder die kaum noch vermarkteten PDAs. Letztlich ist das iPad nichts weiter als ein vergrößertes iPhone, allerdings mit einem stimmigen Gesamtkonzept, das für den Erfolg der letzten von Steve Jobs eingeführten Gerätegattung verantwortlich war, die übrigens von langer Hand vorbereitet war. Ohne die iTunes-Infrastruktur wäre vieles auf dem iPad und dem iPhone nicht möglich.

Apples Strategie mit wenig Auswahl

Apple hat viel getan in den vergangenen Jahren, zwar immer auf Kosten der Auswahl, aber dafür immer wieder mit einer Überraschung. Es gibt nur zwei Macbook-Serien, aber dafür Dutzende Windows-Notebooks. Als das Macbook Air vorgestellt wurde, waren viele erstaunt, was mit einer Intel-Box alles möglich ist. Es gibt auch nur ein iPhone und trotzdem geben viele die Auswahlmöglichkeit und Flexibilität auf, um ein stimmiges Gesamtpaket zu wählen. Und das iPad gibt es ebenfalls nur in einem Formfaktor. Wer etwas Kleineres oder Größeres will, muss zur Konkurrenz greifen. Und auch in diesem Markt gibt es mit Blackberry Tablet OS, Android, Meego, dem eingestellten WebOS und dem kommenden Windows 8 plötzlich eine Auswahl, die sich vor dem iPad keiner hätte vorstellen können. 

Einige Kommentatoren sagen, dass Apple jetzt als normales Unternehmen angesehen werden kann. Die Aufregung um die Person an der Spitze ist dahin. Aber war das je eine Aufregung, die mit einem Popstar vergleichbar ist? Die Verkaufszahlen von Apples Produkten werden nicht plötzlich in die Höhe schnellen wie es nach dem Tod von Michael Jackson mit dessen Tonträgern geschah.

Jobs hat es geschafft, dafür zu sorgen, dass Apple besondere Produkte auf den Markt brachte -nicht im Hinblick auf technische Spezifikationen, sondern darauf, wie sie sich anfühlten. Die Frage ist nun, ob Apple weiterhin Produkte anbieten kann, die vielleicht weniger können als die Konkurrenz, dieses Wenige dafür aber so einsetzen, dass es die Kunden gern nutzen.  (ase)


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