Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1110/86857.html    Veröffentlicht: 06.10.2011 10:09    Kurz-URL: https://glm.io/86857

Test Forza 4

Mutlose Dreikommafünf

Turn 10 schickt das vierte Forza Motorsport mit Kinect-Unterstützung, Top-Gear-Lizenz und neuen Onlinemodi ins Rennen. Auf der Golem.de-Teststrecke kam das Rennspiel allerdings nicht immer aufs Siegertreppchen.

Auf den ersten Blick sind Forza 3 und Forza 4 kaum voneinander zu unterscheiden. Rennstrecken und Automodelle weisen eine sehr ähnliche Qualität auf - erst beim sehr genauen Hinsehen fällt auf, dass Entwickler Turn 10 tatsächlich so gut wie alle Inhalte überarbeitet hat. Wie eine Horde Modder haben sie sich die vergangenen zwei Jahre auf ihr drittes Werk gestürzt und es überarbeitet. Die Cockpits sind detaillierter, die Strecken haben einen realistischeren Look.

Trotzdem können auch erfahrene Piloten so gut wie keine Änderungen am Fahrverhalten und der Physik feststellen. Was ja nicht schlecht ist: Wie in Forza 3 verhält sich jedes Auto individuell und vermittelt seine Eigenheiten gelungen über die Force-Feedback-Effekte - selbst im Gamepad. Spieler können den Schwierigkeitsgrad genau an die eigenen Vorlieben anpassen und müssen sich entscheiden: mit oder ohne ABS, Traktionskontrolle, Stabilitätshilfe, Lenkhilfe, Bremshilfe oder Ideallinie?

Je nach Einstellung gibt es nach den Rennen unterschiedlich viele Erfahrungspunkte auf das Fahrerkonto und Credits, die Währung im Spiel. Spieler können etwa durch einige ausgeschaltete Fahrhilfen einen Bonus von 130 Prozent erreichen, um so schneller an die wirklich interessanten Flitzer zu kommen. Porsche dürfen Spieler in Forza 4 aus Lizenzgründen nicht mehr kaufen. Einzig ein paar Modelle des Tuners RUF sind im Spiel enthalten. Ansonsten finden sich alle Autos des Vorgängers auch in Forza 4. Ein paar neue Klassiker, Oldtimer und Wagen von 2010 und 2011 erweitern den Fuhrpark. Alle Editoren für das Anpassen der eigenen Boliden und Communityfeatures wie das Auktionshaus entsprechen denen des Vorgängers.

Top Gear - die beste Lizenz der Welt?

Während das Intro von Forza 4 läuft und die ersten wunderschön modellierten Sportwagen präsentiert werden, werden Spieler von Jeremy Clarkson begrüßt, der Moderator der kultigen britischen TV-Autosendung Top Gear. Auf Deutsch sind alle Passagen, die Clarkson für das Spiel eingesprochen hat, untertitelt. Von seinen Kollegen Hammond und May fehlt jede Spur.

Die Nutzung der Lizenz umfasst die Rennstrecke des Magazins in Dunsfold, auf der Spieler Bestzeiten setzen können oder ein paar zusätzliche Herausforderungen bekommen. In der Kampagne werden sie zum Beispiel regelmäßig auf die Teststrecke gebracht, um dort Bowling-Pins umzuwerfen und einen Highscore aufzustellen. Zusätzlich gibt es im neuen Autovista-Modus jeweils einen Punkt, der Clarksons gesprochene Meinung zu besagten Autos aktiviert.

Autovista und Kinect

Forza 4 ist mit Microsofts Kinect kompatibel. Die Bewegungssteuerung ist in kurzen Rennen, Zeitfahren und Splitscreen verfügbar. Die Kampagne, Onlinerennen oder die Herausforderungen dürfen im Kinect-Modus nicht gespielt werden. Das Lenken von Autos durch das einfache gestische Nachahmen, ein Lenkrad in der Hand zu halten, funktioniert im Test überraschend präzise, es klappt im Stehen und im Sitzen. Im Kinect-Modus sind immer alle Fahrhilfen aktiv. Eine große Herausforderung sind Siege dadurch nicht. Passend dazu lautet ein Xbox-Erfolg nach einmaligem Kinect-Spielen: "Guck Mama, kein Controller!" Zusätzlich lässt sich Kinect für das Headtracking nutzen.

Das funktioniert problemlos, allerdings muss der Spieler zentriert vor Kinect sitzen und die Sensibilität für Bewegungen höherstellen. Während sich das Neigen des Kopfes unnatürlich und falsch anfühlt, ist das In-die-Kurve-lehnen sinnvoll. Wenn sich Spieler in den Kurven leicht nach schräg vorne beugen, dient das Feature durchaus der Übersicht in der Cockpitperspektive. In den anderen vier Perspektiven verwirrt es dagegen.

Im neuen Modus Autovista werden einige der spannendsten Sportwagen detailliert vorgeführt. Spieler können die Türen öffnen, den Motor anlassen und so ein paar neue Perspektiven des Motorsports entdecken. Wer sich die Edelkarossen ohne Controller mit Kinect ansehen möchte, muss dabei stehen. Die Präsentation stimmt und die vorgestellten Autos wurden einzig für diesen Modus nochmal extra schick modelliert. Lange kann der Modus aber nicht unterhalten.

Durch Sprachsteuerung von Modus zu Modus

Als sehr nützliches Feature entpuppt sich die Sprachsteuerung durch Kinect. Ist die Konsole in den Ländereinstellungen auf Großbritannien oder die United States eingestellt, kann man sich mit einfachen Kommandos durch das Hauptmenü bewegen.

Durch das Aufsagen von "Xbox" erscheint am unteren Bildrand eine Liste mit weiteren Befehlen. Den gewünschten muss der Spieler nur noch aussprechen, und Forza 4 bringt ihn beispielsweise direkt von der Karriere in die Garage und von dort in eine Onlinelobby. Mit dem Gamepad muss er sich für das gleiche Verfahren durch ein halbes Dutzend Menüs wühlen. Warum die Sprachsteuerung nur mit Kinect und nicht auch mit Headsets möglich ist, bleibt unklar.

On the road again

Der Rennalltag verteilt sich in Forza 4 auf drei Hauptmodi. In der Karriere geht es in zehn Saisons von Strecke zu Strecke. Die Events werden dabei immer automatisch auf das aktuell ausgewählte Auto zugeschnitten. Die Präsentation wurde etwas aufgehübscht: Eine neue Animation samt schicker Landkarte und Satellitenbildern bringt Spieler von Rennstrecke zu Rennstrecke.

Im Event-Kalender, dem zweiten Hauptmodus, lassen sich wagenspezifische Herausforderungen direkt anwählen. Wer etwa auf der Suche nach der passenden Rennserie für seinen Kleinwagen oder Oldtimer ist, wird hier fündig.

Der dritte wichtige Modus ist neu und heißt Rivalen. Es geht darum, Bestzeiten auf vorgegebenen Strecken aufzustellen und so vom Spiel ausgewählte andere Xbox-Live-Nutzer, sogenannte Rivalen, zu schlagen. Durch das integrierte Forza-Community-System bekommen die eine Nachricht, sobald ihre Zeit unterboten wurde. Im Endeffekt ist der Modus vergleichbar mit Autolog, das Electronic Arts mit Need for Speed eingeführt hat.

Technik und Fazit

Wie im Test zu Forza 3 sind auch bei Teil 4 die Ladezeiten wieder ein Thema. Pro Ladevorgang wechselt jetzt die Anzeige drei Mal den Bildschirminhalt, was das Warten etwas interessanter gestaltet. Kürzer sind die Ladezeiten dadurch nicht. Noch immer warten Spieler zwischen 20 und 40 Sekunden, je nach Strecke und Gegnern, im Onlinemodus zeitweise noch länger. Eine Installation der Spieldateien auf der Festplatte verringert die Ladezeiten nur um zwei bis drei Sekunden.

Grafisch gefallen vor allem die viel detaillierteren Cockpits und der realistischere Look der Umgebungen. In den Schweizer Alpen prägen in Forza 4 echt anmutende spitze Gebirgsketten das Bild statt künstlich wirkender, runder Kugelberge, wie sie im Vorgänger zu sehen sind. Trotz dieser Verbesserungen macht die Optik keinen großen Sprung. Die Strecken sehen schön aus und haben teilweise eine romantische Beleuchtung mit tollen Sonnenauf- und -untergängen, dennoch wirkt nach wie vor alles sehr steril. Auch das Schadensmodell übertreibt schon bei minimalen Berührungen mit komplett abstehenden Kotflügeln oder einem Riss in der seitlichen Achse.

Zudem wirkt es gruselig, wenn der Spieler in Forza 4 nach einem Crash auf einem amerikanischen Oval-Kurs an der Leitplanke zum Stehen kommt und außer dem eigenen Motor nichts zu hören ist. Die Zuschauer sind stumm. Auch Umgebungsgeräusche lässt Forza 4 vermissen. An den röhrenden Motoren gibt es dagegen wenig auszusetzen. Eine turbogeladene Corvette lässt sich problemlos von einem Kia Cee'd unterscheiden - etwas, das in Gran Turismo 5 eine echte Herausforderung sein kann.

Forza 4 ist von der USK ab 0 Jahren freigegeben und ab dem 14. Oktober 2011 für Xbox 360 erhältlich. Der Titel wird auf zwei DVDs ausgeliefert. DVD 2 enthält zusätzliche Strecken und Fahrzeuge, die 2,8 GByte auf der Festplatte belegen.

Fazit

Forza 4 ist ein tolles Rennspiel, aber das gilt auch heute noch für den Vorgänger. Oft haben wir uns beim Test gefragt: Warum haben die Entwickler so viel Arbeit in die Überarbeitung der Strecken und Autos gesteckt, wenn nur ein minimal besseres Ergebnis herauskommt? Forza 4 steckt voller kleiner Optimierungen und ist der beste Serienteil, der gerade Einsteigern zu empfehlen ist. Wirklich neu wirken aber nur die uninspirierten Top-Gear-Herausforderungen, der Autovista-Modus und die Unterstützung von Kinect - Features, auf die Forza-Fans vermutlich auch verzichten können.

Forza 4 fehlt nach wie vor ein gelungenes Schadensmodell und Rennatmosphäre. Ein dynamisches Wettersystem wie in Formel 1 2011 und ein paar jubelnde Fans wie in Shift 2 würden da bereits helfen und wären echte Neuerungen. Alles in allem kommt uns Forza 4 daher wie ein etwas mutloses Update vor und wirkt eher wie Version 3,5.  (mw)


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