Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1109/86584.html    Veröffentlicht: 21.09.2011 18:05    Kurz-URL: https://glm.io/86584

Nikon 1 ausprobiert

Nikon wird böse

Zu FX und DX kommt jetzt CX als sogenanntes Evil-System. Nikon baut ein drittes Kamerasystem auf, das sich technisch zwischen einer DSLR und einer Kompaktkamera positionieren lässt. Dazu gibt es ein neues Bajonett und einen neuen Sensor. Golem.de hat die Nikon 1 ausprobiert.

Mit der Nikon 1 hat der Digitalkameraspezialist ein Kamerasystem vorgestellt, das zuvor gern als Evil, böse, bezeichnet wurde. Evil ist dabei die Abkürzung für Electronic Viewfinder Interchangeable Lens. Es gibt also keinen Spiegel mehr und trotzdem lassen sich die Objektive tauschen. Dadurch, dass das Bild nicht mehr optisch, sondern elektronisch beurteilt wird, können diese Systemkameras besonders kompakt produziert werden. Nikon ist einer der letzten Hersteller, der eine Alternative zu den klobigen digitalen Spiegelreflexkameras (DSLR) auf den Markt bringen will. Dass Nikon an dieser Systemkamera arbeitet, ist schon lange bekannt. In letzter Zeit wurden Bilder der Kamera entdeckt und Patentanträge wiesen auf die Entwicklung einer Kamera ohne Spiegel hin.

Zwei Kameramodelle

Zur Nikon 1 gehören zwei unterschiedliche Modelle. Wir haben die Nikon 1 V1 ausprobiert. Sie ist das flexiblere, aber auch teurere Modell der beiden Kameras. Die J1 hingegen besitzt keinen elektronischen Sucher und auch keinen Blitzschuh. Dafür ist ein Blitz integriert. Diese integrierte Lösung ist wiederum bei der V1 nicht vorhanden. Der proprietäre Blitzschuh der V1 kann unter anderem mit einem GPS-Empfänger oder Aufsteckblitz benutzt werden. Auch ein Mikrofon lässt sich per Adapter aufstecken, dann fehlt aber die elektronische Verbindung. Da die V1 einen Mikrofoneingang hat, klappt das dennoch mit dem externen Mikrofon, falls das interne Stereomikrofon der V1 nicht ausreichen sollte.

Nikon behauptet, mit der Nikon 1 werde ein neuer Markt bedient, der das DSLR-Segment nicht beeinflusst. Den Konkurrenzdruck sollten die beiden Hersteller Canon und Nikon aber dennoch gespürt haben. Denn spiegellose Systemkameras wie die Sony Nex und Panasonics G-Serie gibt es schon eine Weile und sie finden immer mehr Abnehmer.

CX-Sensor

Nikons 1er Serie besitzt ein neues Bajonett mit 39,8 mm Durchmesser, das kleiner als das bisherige F-Bajonett ist. 13,2 x 8,8 mm misst der 10-Megapixel-Sensor (Cropfaktor: 2,7) mit dem Namen CX und er ist damit kleiner als Panasonics und Olympus' Micro-Four-Thirds-Format (18 x 13,5 mm) und auch kleiner als das DX-Format der nächstgrößeren Nikons (etwa 23,7 x 15,6 mm). Das System ist also neu und ohne Adapter inkompatibel zum bisherigen Nikon-Equipment.

Die Kamera dürfte damit systembedingt nicht so lichtstark sein wie die DSLRs. Der kleinere Sensor erlaubt aber auch kleinere Objektive. Nikon hat die Kamera mit Blick auf eine einfache Bedienung mit flottem Menüsystem und dennoch interessanten Funktionen konzipiert. Im Filmmodus (1080p60), der über eine separate Taste gestartet wird, lassen sich beispielsweise gleichzeitig Fotos schießen, ohne die Aufnahme dabei zu unterbrechen. Das funktionierte bei unserem Test gut. Die Aufnahmen haben zwar eine Fotoauflösung, liegen aber bedingt durch das Filmen nur im 16:9-Format vor. Selbst das Schießen mehrerer Fotos in kurzer Zeit, zum Beispiel zur Rhythmus von Musik, war möglich.



Fokus per Phase Detection

Fokussiert wird bei der Nikon-1-Serie per Phase Detection. Nikon garantiert einen sehr schnellen Fokusbetrieb. Zehn Bilder pro Sekunde sollen die Kameras mit Autofokus dazwischen aufnehmen können, allerdings nur bei elektronischer Auslösung. Bei mechanischer Auslösung sind es fünf Bilder pro Sekunde. Trotz der hohen Bildfolge soll zwischendurch gut fokussiert werden können. Bei einem Nikon-internen Test - ein Mitarbeiter rannte auf die Kamera zu und insgesamt wurden 24 Bilder in 2,4 Sekunden gemacht - soll die Kamera auf 78 Prozent scharfe Bilder kommen. Sollte die Lichtmenge nicht ausreichen, kann die Kamera auch auf Kontrast-Autofokus umschalten. Auch Bildfolgen mit 30 oder 60 Bildern pro Sekunde sind möglich, allerdings dann nicht mehr mit einer Fokussierung zwischendurch.

Beim Fokussieren der Kamera ist uns aufgefallen, dass wir zumindest in den Halbautomatikmodi manchmal Schwierigkeiten mit der Auswahl des richtigen Fokusbereiches hatten. Und zwar, wenn zu viele Motive auf einmal zu sehen waren. Die Kamera tendierte zu Randobjektiven, die näher waren als die entfernten Objekte im Zentrum. Hier wäre eine Touchscreenlösung, wie sie Panasonics Modelle haben, angenehmer für den Anfänger. Eventuell liegt das noch an der frühen Fassung der Kameras. Nikon erlaubte es übrigens nicht, geschossene Fotos zu kopieren. Bei der Durchsicht sind aber keine groben Fehler aufgefallen.

Bei so vielen Bildern, die potenziell geschossen werden können, ist der verbaute SDXC-Karteneinschub sinnvoll. Die Testkameras waren allerdings nur mit SD-Karten ohne UHS-1-Betriebsmodi bestückt. Ein Nachteil war das bei den kurzen Bursts nicht. Längere haben wir nicht ausprobiert. Ohnehin speichert die Kamera viele Daten zwischen. Es gibt einen Modus, bei dem etwa Bilder vor und nach der Aufnahme geschossen werden und die Kamera bestimmt selbst, welches Bild gut geworden ist. Der Anwender kann aus der Reihe von fünf Bildern aber auch selbst das richtige Foto auswählen. Ein weiterer Modus erlaubt das Aufnehmen von Videosequenzen im High-Speed-Modus. Auch hier puffert die Kamera um die Auslösung herum und speichert eine kurze Videosequenz ab, die dann in Zeitlupe abgespielt wird.

High-Speed-Aufnahmen mit reduzierter Auflösung

Laut Nikon sind auch High-Speed-Aufnahmen mit 400 bis 1.200 Bildern pro Sekunde möglich, was wir aber nicht ausprobieren konnten. Die nutzbare Auflösung liegt dann allerdings nur bei 640 x 240 Pixeln beziehungsweise 320 x 120 Pixeln.

Der Sucher ist mit seinen 1,4 Millionen Bildpunkten scharf genug und soll das gesamte Kamerabild abdecken. Ein Sensor erkennt, ob der Nutzer gerade auf das Display oder durch den Sucher schaut. Bei der Bedienung fiel auf, dass gerade das Durchschauen von Bildern sehr schnell geht. Wer viele Bilder hintereinander macht, muss keine Sorge haben, dass er dann mit Ladezeiten konfrontiert wird.



Später Start von Nikon und wenige Objektive

Das Feld der spiegellosen Systemkameras wird von der Konkurrenz bereits gut bedient. Nur die beiden Kameragrößen Nikon und Canon wollten bisher nicht in diesen Markt einsteigen. Sony hat mit dem NEX-System ein kompaktes APS-C-Kamerasystem. Auch Samsung bietet mit der NX-Serie einen großen Sensor in einem kompakten Gehäuse. Die Objektive sind allerdings zum Teil sehr groß.

Etwas kleiner, nämlich im Micro-Four-Third-Format, sind die Systemkameras von Olympus und Panasonic, die schon sehr lange auf dem Markt sind und dementsprechend eine große Objektivauswahl haben. Die Kameras und Objektive dieser beiden Hersteller sind vergleichbar mit Nikons V1 und J1. Eine Sonderstellung besitzt Pentax' Q-System, das sehr klein ist, aber auch einen sehr kleinen Sensor nutzt.

Nikon startet sein neues System zunächst mit vier Objektiven, die einen großen Brennbereich abdecken, aber noch keine Spezialanwendungen erlauben. Zwei Objektive decken die Brennweiten 10-30 mm (KB 27 - 81 mm, f3.5 bis f5.6) und 30 - 110 mm (KB 81-397 mm, f3.8 bis f5.6) ab. Beide Objektive sind recht klein. Als Reise- und Filmobjektiv gibt es ein Objektiv mit 10 bis 100 mm (27 bis 270 mm, f4.5 bis f5.6). Das bietet zusätzlich einen motorbetriebenen Zoom. Beim Fokussieren oder Zoomen ist von außen keine Bewegung sichtbar. Die anderen Zooms bewegen sich hingegen im Betrieb und dürften so eher verschmutzen. Wer es kompakt haben will und auf einen Zoom verzichten kann, kann das einzige Pancake-Objektiv aufsetzen.

Nur ein lichtempfindliches Objektiv

Diese lichtempfindliche (f2.8) Festbrennweite hat eine Brennweite von 10 mm (KB 27 mm) und als einziges Objektiv keine Bildstabilisierung. Die Zoom-Objektive sind stabilisiert. Sie haben allerdings einen Nachteil: Beim Einschalten müssen die Objektive erst in Position gebracht, also leicht ausgefahren werden. Beim Reise- und Filmobjektiv geschieht das automatisch mit einem Motor. Bei den anderen beiden muss der Anwender selbst das Objektiv ausfahren. Das ist zwar Gewohnheitssache, aber die Kamera ist damit nicht sofort bereit.

Weitere Objektive sollen im Laufe der nächsten Monate und Jahre folgen. Genaueres wollte Nikon aber noch nicht sagen. Ein dediziertes Makro-Objektiv fehlt beispielsweise. Wir konnten aber mit dem 10-30er Objektiv nah an ein Objekt herangehen und fokussieren. Das Objekt ist dann nur wenige Zentimeter vom Glas entfernt. Hierbei war auch zu bemerken, dass ein Freistellen von kleinen Objekten auch mit dem CX-Sensor und der doch kleinen Anfangsblendenöffnung durchaus möglich ist. An die Möglichkeiten einer Vollformat- oder APS-C-Kamera kommt der Anwender natürlich nicht heran. Zudem fehlt noch ein Objektiv mit einer Blendeneinstellung von f1.8.



DX- und FX-Objektive funktionieren zum Teil mit einem Adapter am CX-System

Ein Bajonett-Adapter mit dem Namen FT1 für rund 270 Euro soll das Problem von zu wenigen Objektiven abmildern. Es gibt aber Einschränkungen. Der Adapter wird erst im Dezember verfügbar sein. Kompatibel sind zudem nur die modernen AF-S und die wenig verbreiteten AF-I-Objektive. Wer eine Sammlung alter, aber noch gut funktionierender AF-D-Objektive hat, kann diese nicht benutzen, da sie einen Stangenmotor benötigen. Die kompatiblen Objektive sollen laut Nikon in Einzelfällen zudem in einigen Programmmodi nicht präzise fokussieren. Nikon Deutschland hatte selbst noch keine Gelegenheit, den Adapter zu nutzen und konnte keine Details zu der Problematik nennen. AF-D-Objektive sollen sich zudem auch nicht manuell benutzen lassen. Eventuell kann Nikon diese Probleme in Zukunft mit Firmwareupdates beheben. Ein echtes Weitwinkel fehlt aber trotz Adapter, da der Cropfaktor des CX-Systems die effektive Brennweite der Objektive vergrößert.

Preise für Kamerakits und Objektive

Nikons J1 und V1 sowie die Objektive und das Zubehör sollen ab Ende Oktober 2011 im Handel verfügbar sein. Die Kameras wird es nur als Kits geben. Das günstigste Kit ist die J1 mit einem 10-30-mm-Objektiv für rund 600 Euro. Wer die 10-mm-Festbrennweite statt dem Einsteigerzoom haben will, der muss 50 Euro mehr bezahlen. Zwei weitere Kombinationen mit jeweils zwei Objektiven (10-30 mm plus 30-110 mm oder 10 mm) kosten 760 Euro. Wer die Kamera in Pink haben will, der bezahlt 810 Euro und bekommt neben dem 10-30er und dem 30-110er auch einen Trageriemen und ein Einschlagtuch.

Die V1 liegt mit einem Einstiegspreis von 870 Euro mit dem 10-30er deutlich über der J1. Kombinationen mit anderen Objektiven können bis zu 1.030 Euro kosten. Eine Kombination mit dem Reise- und Filmobjektiv ist nicht geplant.

Zubehör wie GPS-Empfänger und externer Blitz kosten jeweils rund 150 Euro. Die Objektive kosten einzeln 200 Euro (10-30er) und 250 Euro (10er und 30-110er). Das Reiseobjektiv mit 10 bis 100 mm Brennweite wird 760 Euro kosten.

Fazit

Nikon ist spät dran, aber zumindest das V1-Modell gefiel auf den ersten Blick recht gut. Die Bedienung war unkompliziert und doch gibt es genug Konfigurationsmöglichkeiten, die wir nicht antesten konnten. Freistellung ist in Grenzen möglich und kompakt sind die Modelle ebenfalls. Einige der Modi machen viel Spaß. Die Objektivauswahl ist aber noch zu klein. Umso unangenehmer ist der Umstand, dass der F-Mount-Adapter frühestens einen Monat nach Erscheinen der Kamera angeboten werden soll. Unklar ist zudem, wie gut der kleine Sensor, der zwischen dem Micro-Four-Thirds und guten Kompaktkameras liegt, auch bei schlechten Lichtverhältnissen funktioniert. Beim Antesten waren die Lichtsituationen meist gut.

Weitere Informationen zur Nikon 1 gibt es auf einer eigenen Webseite zum System.  (ase)


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