Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1109/86418.html    Veröffentlicht: 13.09.2011 18:44    Kurz-URL: https://glm.io/86418

Urheberrecht

Mehr Geld für die Musikindustrie

Der EU-Ministerrat hat gestern die von der EU-Kommission in einer Richtlinie vorgeschlagene Verlängerung der urheberrechtlichen Schutzfrist beschlossen. Innerhalb von zwei Jahren muss nun die Richtlinie in nationales Recht umgesetzt werden.

Cliff Richards, den restlichen Beatles und den Rolling Stones, vielleicht auch dem einen oder anderen alten Session-Musiker, auf jeden Fall aber Universal, Warner, Sony und EMI wurde gestern ein dringender Wunsch erfüllt. Kurz bevor die Schutzrechte für Aufnahmen von 60er-Jahre-Hits ausgelaufen sind, haben die Kommission, das Parlament und der Rat gegen die ausdrückliche Empfehlung von Experten den Bemühungen der Lobbyisten schließlich nachgegeben. Nach einer jahrelangen Hängepartie fand sich im EU-Ministerrat eine Mehrheit für den Vorschlag der EU-Kommission, die Schutzfrist für Musikaufnahmen von 50 auf 70 Jahre nach ihrem Erscheinen zu verlängern. Die EU-Mitgliedstaaten haben nun zwei Jahre Zeit, die Schutzfristverlängerung in ihren nationalen Urheberrechtsgesetzen zu verankern.

Vertreter der Musikindustrie zeigten sich in ersten Reaktionen zufrieden mit der Ministerratsentscheidung. Geoff Taylor, Chef des britischen Verbands der Phonoindustrie (BPI), sprach davon, dass die Entscheidung "keinen Moment zu früh kam". Es sei eine Frage des Prinzips, dass "unsere Musiker während ihrer Lebenszeit von ihrer Kreativität profitieren und nicht gegenüber Musikern in anderen Ländern benachteiligt werden."

Alison Wenham, Chefin des Verbands der unabhängigen Musikunternehmen (AIM), sagte: "Das Ziel war es, im Hinblick auf die Schutzfrist, innerhalb derer im Laufe der Karriere mit Urheberrechten ein Einkommen verdient werden kann, mit anderen Mitgliedern der Musikindustrie gleichzuziehen. Die Schutzfristverlängerung auf 70 Jahre erreicht dieses Ziel und gibt der europäischen Musikgemeinschaft einen dringend benötigten Schub."

Plácido Domingo, neuer Chairman des internationalen Verbands der Musikindustrie (IFPI), begrüßte die Schutzfristverlängerung als "großartige Neuigkeiten für Musikinterpreten". Neue Künstler würden "von einem vergrößerten Pool an Einnahmen profitieren, die für Investitionen in neue Talente zur Verfügung stehen."

Der Ministerrat begründete seine Zustimmung zur Richtlinie mit den Berufslaufbahnen von Musikern. Diese würden "ihre Karrieren im Allgemeinen jung starten und die aktuelle Schutzfrist von 50 Jahren ihre Musikaufnahmen nicht auf Lebenszeit schützen." Daher würden "einige Musiker" am Lebensende mit einer "Einkommenslücke konfrontiert". Die jetzt beschlossene Schutzfristverlängerung "zielt darauf ab, das Schutzniveau von Interpreten zu erhöhen, indem ihre kreativen und künstlerischen Beiträge anerkannt werden."

Die Zustimmung zur Richtlinie erfolgte alles andere als einstimmig. Während Österreich und Estland sich der Stimme enthielten, sprachen sich Belgien, die Tschechei, die Niederlande, Luxemburg, Rumänien, die Slowakei und Schweden gegen die Schutzfristverlängerung aus. Sie vertreten ebenso wie die meisten Experten die Auffassung, dass die Schutzfristverlängerung in erster Linie den großen Musikkonzernen, Produzenten und einigen wenigen Stars nützt. Die meisten Musiker hingegen werden von den dank der Schutzfristverlängerung erzielten Mehreinnahmen kaum etwas zu sehen bekommen. Zugleich wird der Zugang zu kulturellen Gütern eingeschränkt.  (rag)


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