Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1109/86396.html    Veröffentlicht: 13.09.2011 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/86396

Interview

"Neue Konsolen werden derzeit nicht gebraucht"

Das Golem.de-Partnermagazin IGM hat mit den Chefs der drei Konsolenhersteller über den Wandel im Games-Markt und Strategien gesprochen. Im Interview: Dr. Bernd Fakesch von Nintendo, Uwe Bassendowski von Sony Computer Entertainment Deutschland (SCED) und Oliver Kaltner von Microsoft.

IGM: Herr Bassendowski, Herr Kaltner: Wann kommt die Playstation 4, wann kommt die Xbox 720?

Bassendowski: Diese Frage beantworte ich mit einer Gegenfrage: Was soll denn die Playstation 4 können, was die Playstation 3 nicht kann? Wenn man sich vergegenwärtigt, was die Playstation 3 heute technisch alles leistet, dann braucht man keine neue Konsole zum jetzigen Zeitpunkt.

Kaltner: Die Frage ist doch, welches Konsolenkonzept ich für die Zukunft brauche. Wenn man es nicht schafft, die Devices organisch miteinander spielen zu lassen, dann wird der Verbraucher nicht mehr zugreifen. Mit Devices meine ich PC, Notebook, Netbook, Tablet, Smartphone, alles, was wir Konsole nennen. Wir müssen an jedem Ort der Welt völlig frei entscheiden können, welche Spiele wir wann und wie spielen möchten. Wir glauben an das Ende geschlossener Systeme, die Geschichte der IT-Industrie hat das immer bewiesen.

IGM: Und wie sieht's mit der Wii U aus, Herr Dr. Fakesch? Die ist angekündigt, doch auf der Gamescom war davon nichts zu sehen.

Fakesch: Es ist verfrüht, etwas zur Wii U zu sagen. Ich freue mich, in Deutschland noch einmal ein starkes Weihnachtsgeschäft mit der Wii und dem Nintendo 3DS zu haben. Die Wii ist auf einem sehr konsumentenfreundlichen Preis, wir besetzen in den letzten Monaten dauernd Top-Positionen in den Charts. Wir wissen von der Marktforschung, dass die Wii nach wie vor enormes Potenzial hat und sie in den kommenden Monaten stark nachgefragt sein wird. Wir brauchen die Wii U noch nicht, weil das Potenzial der Wii groß genug ist.

IGM: Apropos neue Konsole: Der 3DS kostet im Handel nur noch 169 Euro.

Fakesch: Ich bin froh, dass wir eine Preisreduzierung umgesetzt haben, diese ermöglicht es, das Gerät zu einem Preis anzubieten, der für alle Konsumenten attraktiv ist. Ich habe viel Kritik hören und lesen müssen, doch für Deutschland kann ich sagen: Wir haben einen sehr erfolgreichen Nintendo-3DS-Launch erlebt, der Handheld hat sich hierzulande beim Launch besser verkauft als vor sechs Jahren der Nintendo DS, und das trotz der völlig unterschiedlichen Preisniveaus. Der Nintendo 3DS ist im Handheld-Bereich die Zukunft für Nintendo.

IGM: Lohnt es sich überhaupt, ein Handheld auf den Markt zu bringen, wenn jeder zweite Teenager ein Smartphone hat, Herr Bassendowski?

Bassendowski: Eines ist klar: Playstation Vita steht für ein sehr intensives Spielerlebnis. Und ich glaube auch nicht, dass in den nächsten Jahren Publisher Spiele entwickeln werden, die von der Komplexität her das Niveau von Playstation-Vita-Titeln erreichen werden. Dann kommt hinzu, dass die Vita eine Technik enthält, die eine Kommunikation auf einer Gaming-Ebene ermöglichen wird. Das heißt, man kann Vita-User in der näheren Umgebung suchen, um Spielepartien zu starten. Außerdem wird es möglich sein, die Vita mit der PS3 zu koppeln, und das kann kein Smartphone und wird kein Smartphone in absehbarer Zeit können.

IGM: Microsoft muss sich wegen der Mobilkonkurrenz von Apple und Co. keine Gedanken machen, Herr Kaltner?

Kaltner: Unser Konzept ist eindeutig, wir reden über ein Ökosystem, wir füllen es mit Services. Welche Devices wir dafür brauchen, ist klar, das sind alle eingangs genannten Gerätekategorien. Die Xbox 360 ist nur ein Device von vielen. Wir haben hier auf der Messe Windows-7-Spiele vorgestellt auf dem Smartphone. Das ist für uns ein wichtiges Gerät, das sich ins Gesamtkonzept fügt. Das Gleiche gilt für Browsergames. Wir haben in Deutschland noch keinen gesättigten Markt wie in Japan, jede neue Form von Angebot ist eine Chance, den Gesamtmarkt zu erweitern und zu stärken.

IGM: Also ist die Playstation Vita auch für Sonys Mitbewerber begrüßenswert?

Fakesch: Herr Bassendowski wird die Playstation Vita nicht zu Weihnachten in den Handel stellen, wir werden also das Weihnachtsgeschäft im Handheld-Markt für uns alleine haben. Es ist schön, wenn man als einziger auf dem Markt ist.

Bassendowski: Diese Aussage überrascht mich, Herr Dr. Fakesch, denn wir wissen ja sehr genau, wo unsere jeweiligen Zielgruppen zu finden sind. Wir glauben, dass die Käufer der PS Vita sicherlich nicht jünger als 16 sein werden, unsere Ausrichtung wird eindeutig auf die Zielgruppe der 16- bis 28-jährigen jungen Männer fokussiert sein. Der DS wird ja traditionell stark in der Zielgruppe der Mädchen genutzt. Da gibt's derzeit kaum Überschneidungen.

Die PS Vita und das Nintendo 3DS

IGM: Aber werden die Leute nicht enttäuscht sein? Auf der Gamescom probieren sie die Vita aus, finden sie gut, und können sie nicht zu Weihnachten kaufen.

Bassendowski: Ja, da gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Deswegen werden wir den Release möglichst früh im Jahr stattfinden lassen. Dazu müssen wir wenigstens 60.000 bis 70.000 Geräte verfügbar haben, zumindest in den ersten beiden Wochen ab Launch, um die Nachfrage vernünftig bedienen zu können. Wir werden im Weihnachtsgeschäft verschiedene Vorverkaufsangebote unterbreiten, so dass wir hier partizipieren können.

IGM: Verkaufsangebote werden Sie für den DS nicht mehr unterbreiten müssen, Herr Dr. Fakesch. Ist der DS endgültig Geschichte?

Fakesch: Der Nintendo DS hat den Gameboy Advance ersetzt, und davor hat der Advance den Gameboy Color ersetzt. Es ist davon auszugehen, dass bei dem niedrigen 3DS-Preis die Leute zum Kauf des 3DS neigen, weil die DSi-Varianten nicht wesentlich günstiger sind. Und ich bin froh, wenn das passiert, denn das ist die Zukunft. Erst bei einer großen installierten Basis ist es den Publishern möglich, gute und originelle Spielkonzepte zu entwickeln.

IGM: Aber derzeit fehlen neue Titel. Es gibt überwiegend Spiele mit Mario und Zelda, und die 3D-Technik des 3DS ist nirgendwo spielrelevant.

Fakesch: Wir sind am Anfang eines hoffentlich langen Lebenszyklus', da ist es erst einmal gut, auf die bewährten Marken zu setzen. Ich denke, Handel, Medien und Nintendo selbst hatten große Erwartungen, wir waren erfolgsverwöhnt. Und jetzt haben wir nach vielen Jahren den Launch eines völlig neuen Geräts erlebt, und wir mussten erkennen, dass dieser Launch genauso funktioniert wie bei jedem Gerät zuvor: Da sind die Early Adopters, dann die Fans, die auf die richtigen Titel warten, und schließlich gibt's die Käufer, die warten, bis der Preis ihren Erwartungen entspricht.

Bassendowski: Ich glaube, der 3DS hat ein Content-Problem. Wodurch unterscheidet sich der DS vom 3DS? Solange man diese Frage nicht eindeutig beantworten kann, wird der Käufer den neuen DS nicht annehmen. Nintendo muss die Unterschiede stärker herausarbeiten. Nintendo ist stark darin, neue Techniken zu entwickeln und diese den Leuten schmackhaft zu machen. Das hat man bei der Wii gesehen, beim DS. Beim 3DS muss sich Nintendo anstrengen, den Leuten das Besondere des Geräts zu vermitteln.

Kaltner: Wir haben die Wii U auf der E3 gesehen. Das faszinierende an Nintendo ist ja, dass Nintendo mit seinen Neuerungen immer etwas Innovatives herausbringt, das der gesamten Branche ein Momentum gibt. Jedes Momentum, das die Branche hat, ist gut für die gesamte Industrie. Allerdings benötigten Nintendo-Produkte gewöhnlich keine Erklärung. Was wir auf der E3 gesehen haben, das ist ein sehr erklärungsbedürftiges Produkt.



Bewährte Spielkonzepte kehren zurück

IGM: Auch die Software-Angebote bei Sony und Microsoft glänzen nicht mit originellen Neuerscheinungen. Erwarten wir zu viel?

Bassendowski: Im Prinzip ja. Man darf nicht von jeder Messe erwarten, dass da neue Trends gesetzt werden. Auf der Gamescom 2010 hatten wir die Bewegungsspiele, so etwas kann man nicht jedes Jahr machen. Allerdings sehen wir ein klassisches Revival der bewährten Spielkonzepte mit konservativer Steuerung. Die Action-Gamer setzen aktuell die Trends. Mit Ausnahme von "Fifa" sind die Blockbuster alles Action-Spiele: "Uncharted 3", "Battlefield 3", das neue "Call of Duty". Und das ist unabhängig von der Bewegungssteuerung.

IGM: Bei Microsoft dürfte Kinect die Bilanzen gerettet haben, oder Herr Kaltner?

Kaltner: Wir haben es mit Kinect geschafft, in einem engeren Konsolenzyklus einen neuen Peak herzustellen. Wir haben damit eine Vitalisierung einer lange im Markt befindlichen Konsole erreicht, was bis dato keinem Konsolen-Hersteller gelungen ist. Gerade in Deutschland haben wir es geschafft, dass das Publikum uns seit der Markteinführung von Kinect mit einem Wachstum von neun Prozentpunkten belohnt. Das ist enorm, in einem stagnierenden Markt haben wir overperformt.

IGM: Uns erscheint Kinect aber arg Casual-lastig zu sein - im Gegensatz zu Move.

Kaltner: Wir wollten erst einmal Casual-Spiele entwickeln, da wir die neue Zielgruppe erreichen wollten und im Core-Segment ja eh schon besser zu Hause sind als jeder andere Publisher. Um unseren Mitbewerbern in sportiver Weise Marktanteile wegzunehmen, haben wir uns gerade auf die Casual-Games fokussiert und unsere Entwicklerressourcen dort eingesetzt. Die Core-Gamer sehen jetzt, dass Kinect ein additives Spielelement darstellt. Sie können ihr "Gears of War" spielen und nebenher via Kinect auf Musik zugreifen.

Bassendowski: Bewegungssteuerung an sich ermöglicht ein intuitiveres Spielerlebnis. Move erlaubt es, solche Spiele einem breiteren Publikum schmackhaft zu machen. Auf dieser Messe wurde ja "Fifa 2013" mit kompletter Move-Steuerung angekündigt, also da kommt einiges auf uns zu.

IGM: Die Core-Gamer mögen 3D. Kann man mit 3D-Geräten Geld verdienen? Microsoft zumindest hält sich bei dieser Technik zurück.

Kaltner: In Europa hat sich das Thema 3D noch nicht durchgesetzt.

Bassendowski: Da gebe ich Herrn Kaltner Recht. Derzeit ist der Verbreitungsgrad von 3D-Geräten tatsächlich noch nicht hoch genug, um das Thema in der Games-Wirklichkeit eine tragende Rolle spielen zu lassen. Aber wir sind in der Lage, über die Firmware neue Features hinzu zu schalten, was die Mitbewerber nicht können. Da haben wir einen eindeutigen Wettbewerbsvorteil, und 3D spielt hierbei die entscheidende Rolle. Die PS3 ist die einzige Konsole, die 3D darstellen kann. Wir bieten zudem Bundles an, etwa eine PS3 und einen Bravia-Fernseher und "Gran Turismo 5". "Motorstorm", "Resistance", "Uncharted": All die neuen Teile sind komplett in 3D spielbar. Wir haben im Prinzip für jedes Genre und für jeden Geschmack einen 3D-Titel im Angebot.

Tablets und Smartphones als Herausforderung

IGM: Mittelfristig müssen Sie sich aber auch der iOS- und Android-Herausforderung stellen. Und die Bedeutung des digitalen Downloads nimmt zu.

Bassendowski: Smartphones sind kein Damoklesschwert über dem Retail-Geschäft, sie verbreitern ja zunächst einmal das Angebot. Solange die Leute "Angry Birds" auf ihren iPhones spielen, wird es noch sehr lange klassische Systeme wie Playstation geben. Der Markt lebt davon, dass es verschiedene Geschmäcker gibt. Wenn mehr Leute Smartphone-Spiele nutzen, dann wird der Gesamtumsatz wachsen. Die Vielfalt zum Beispiel bei der Bewegungssteuerung führt zu Wachstum. Bei Wii hat man eher einen Casual-Ansatz, während Move präzise Bewegungen ermöglicht, etwa beim Tennisspiel.

Kaltner: Microsoft ist da dual aufgestellt. Wir werden auch in fünf Jahren noch klassische Produkte in Verkaufsverpackungen anbieten. Wir reden mit unseren Vertriebs- und Handelspartnern über die digitale Distribution. Alle Spiele sollen zusätzlich im digitalen Download verfügbar sein. Das ist ein additives Geschäft, wir haben im Xbox-live-Segment das Prinzip der Punktekarte. Die Punkte kann ich via Xbox live erwerben oder im Handel. Ich glaube, dass es wichtig ist, den stationären Handel am digitalen Vertrieb teilhaben zu lassen. Und ich weiß von den Angeboten der Wettbewerber, dass sie dort nicht partizipieren lassen. Microsoft sagt aber dem Handel: Du bist Teil der Vermarktungskette, und das fördert die geschäftliche Verbindung.

Fakesch: Wir sind so aufgestellt, dass wir schnell reagieren können, wenn sich der Bedarf an digitalen Downloads sprunghaft verändern sollte. Auf Wii und Nintendo 3DS finden Sie bereits mittels WiiWare, DSi Shop, EShop und Virtual Console die Möglichkeit, Spiele direkt auf das Gerät herunter zu laden. Ich glaube, dass mittelfristig der Markt durch die wachsende Nachfrage nach Apps, Download-Spielen und In-Game-Verkäufe wachsen wird - denn digitales Spielen wird zur Selbstverständlichkeit.

"In Europa hat sich das Thema 3D noch nicht durchgesetzt"

IGM: Verändert sich dadurch nicht das Preisgefüge? Von "Uncharted" etwa gibt's einen iOS-Klon namens Backstab, der spielt sich so ähnlich und kostet läppische 5,49 Euro.

Bassendowski: Sie dürfen ja eines nicht vergessen: "Uncharted" ist ein Multimillionen-Franchise, die Investitionen gehen in die zweistelligen Millionen-Beträge. Wenn Smartphone-Hersteller ein Spiel für wenige Euro verkaufen, dann kann man nicht davon ausgehen, dass hier große Millionenbeträge investiert wurden, sonst lohnte sich das ja nicht. Das Business-Modell ist ein ganz anderes, selbst wenn es grob in die gleiche Richtung geht.

Fakesch: Ich glaube zudem, dass der Spieler abschätzen kann, wie viel Liebe und Energie in ein Spiel hinein gesteckt wurde und dass unsere großen Mario- und Zelda-Spiele ihren Preis wert sind. Wenn ein Spiel gut gemacht ist, dann gibt man gern einen höheren Preis aus. Die Apps für ein paar Euro haben sicherlich ihre Daseinsberechtigung, doch hier wird eher der Casual-Spieler angesprochen. [von Peter Kusenberg/IGM. Der Artikel erschien zuerst in der IGM-Ausgabe 11/2011, die bei Golem.de kostenlos im PDF-Format zum Download angeboten wird und sich an den Spielehandel richtet.]  (igm-pk)


Verwandte Artikel:
Playstation 4: Firmware 4.55 gehackt und Spiele verwendet   
(01.03.2018, https://glm.io/133090 )
Soziales Spielenetzwerk: Nintendo schaltet Miitomo ab   
(25.01.2018, https://glm.io/132395 )
Sony: PS3 günstiger, günstige PSP neu   
(16.08.2011, https://glm.io/85775 )
Metroid Samus Returns im Kurztest: Rückkehr der gelenkigen Kopfgeldjägerin   
(19.09.2017, https://glm.io/130106 )
Playstation Network: Sony schaltet Server von Gran Turismo 6 ab   
(29.12.2017, https://glm.io/131903 )

© 1997–2021 Golem.de, https://www.golem.de/