Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1109/86262.html    Veröffentlicht: 06.09.2011 17:37    Kurz-URL: https://glm.io/86262

iRobot in Fukushima

"Wir waren besser vorbereitet"

Nach dem Erdbeben vor Japan im März 2011 und dem anschließenden Tsunami hat iRobot sofort reagiert und vier Roboter nach Japan geschickt. IRobot-Chef Colin Angle berichtet, wie es dazu kam, dass US-Roboter im technikbegeisterten Japan eingesetzt werden.

"Wir bekamen eine Anfrage von unserem japanischen Vertriebsunternehmen", erzählt Colin Angle, Chef und Gründer von iRobot, im Gespräch mit Golem.de. Genau das Richtige für die Packbots und Warriors aus dem US-Bundesstaat Massachusetts. Die sind schließlich für schwierige Einsätze spezialisiert - wenn auch nicht unbedingt in verstrahltem Terrain. Normalerweise werden sie für das Entschärfen von Bomben oder Durchsuchen von Trümmern konzipiert. Trotzdem wurde nicht lange überlegt: "Zwei Tage nach der Anfrage waren die Roboter im Flugzeug nach Japan."

Erst die Packbots, dann die Warriors

Die Packbots seien als erste in die in die Reaktorgebäude vorgedrungen. Sie waren mit Kameras, Geigerzählern sowie weiteren Strahlenmessgeräten ausgestattet, um einen ersten Eindruck von der Situation vor Ort zu liefern. Erst danach kamen die größeren, rund 160 Kilogramm schweren Warriors. Sie transportieren Schutt ab oder bringen riesige Staubsauger in die Gebäude, mit denen radioaktiver Staub entfernt wird.

Die Warriors seien noch recht neu, erzählt Angle. "Das ist einer ihrer ersten Einsätze." Gelegenheit für iRobot, zu lernen. So habe sich gezeigt, dass die Ketten auf den Metallstufen ein wenig rutschten und dass etwas mehr Traktion auf solch einem Untergrund von Vorteil wäre. Außerdem hätten sie eine Idee bekommen, welche weiteren Aufbauten der Roboter bekommen könnte, etwa Lampen.

Keine Zeit für Umbauten

Die Roboter seien nicht eigens für den Einsatz in den Reaktorgebäuden präpariert worden. Dafür habe die Zeit gefehlt, erzählt Angle. Die Roboter hätten schnell eingesetzt werden müssen. Die Alternative wäre gewesen, dass Menschen sich in die verstrahlten Gebäude wagen müssen. "Statt zu riskieren, dass Menschen der Strahlung ausgesetzt werden, haben wir beschlossen, sofort hinzuschicken, was wir hatten, und zu hoffen, dass es das aushält. Das war zum Glück der Fall.", sagt Angle.

Bisher keine Strahlenschäden

Tatsächlich ist die Strahlung nicht ungefährlich für einen Roboter. So seien die Chips der Kameras dagegen anfällig, erklärt Angle: "Mit der Zeit verliert das Bild durch die Strahlung an Qualität". Das sei aber bisher nicht passiert. "Das größere Problem ist, dass der dynamische Schreib-Lese-Speicher durch die Strahlung beschädigt werden kann." Doch auch das sei bislang nicht eingetreten. "Wir sehen gerade, dass die Roboter bisher sehr gut mit der Strahlung klarkommen". Es bleibe zu hoffen, dass sie noch lange ihrer schwierigen Arbeit nachgehen können.

Notfallplan ohne Roboter

Bevor die Roboter jedoch in die zerstörten Reaktorgebäude vordringen konnten, musste iRobot die Mitarbeiter des Energieversorgers und Kraftwerksbetreibers Tokio Electric Power Company (Tepco) für den Umgang mit ihnen schulen. Das Unternehmen selbst wollte sich nicht an dem Einsatz beteiligen. Die Mitarbeiter sollten nicht der Gefahr ausgesetzt werden. Zudem hätte Tepco das auch gar nicht zugelassen. Dass es relativ lange dauerte, bis die Roboter schließlich zum Einsatz kamen, lag unter anderem daran, dass Tepcos Notfallpläne den Einsatz von Robotern gar nicht vorsahen.

Tatsächlich verfügte Japan - anders als etwa Deutschland oder Frankreich - nicht über Roboter für einen Einsatz wie den in Fukushima. Etwas verwunderlich angesichts der Tatsache, dass das asiatische Land als Vorreiter auf diesem Gebiet gilt. "Japan hat eine erstaunliche Robotertechnologie", bestätigt der iRobot-Chef. In dem Land seien beispielsweise sehr gute Laufroboter oder Roboter für die Unterhaltung entwickelt worden.

Besser vorbereitet

Für einen Einsatz wie in Fukushima sind sehr stabile und haltbare Roboter nötig, die sich ihren Weg durch Trümmer bahnen können. Solche Roboter gebe es aber kaum in Japan. "Sie haben sie nicht gebraucht und deshalb auch nicht in solche Sachen investiert", sagte Angle. Anders die USA: Wegen des inzwischen fast zehn Jahre andauernden Einsatzes in Afghanistan und im Irak habe das Land viele Millionen US-Dollar investiert, um Roboter für gefährliche Einsätze wie das Entschärfen von Sprengsätzen oder Höhlenerkundungen zu entwickeln. "Deshalb waren wir besser vorbereitet, und deshalb sind wir hingegangen".

Einsätze wie der in Fukushima oder der des Unterwasserroboters Seaglider nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko 2010 könnten helfen, das Image der Roboter zu verbessern, resümiert Angle. Dass Roboter in solchen Situationen helfen könnten, rücke sie in ein anderes, positives Licht. Es zeige, dass sie eben nicht die Killermaschinen seien, die Hollywood gern aus ihnen mache.  (wp)


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