Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1108/86019.html    Veröffentlicht: 31.08.2011 12:05    Kurz-URL: https://glm.io/86019

Test Driver San Francisco

Geisterfahrer im Temporausch

Ein brutaler Oberschurke, eine riesige Stadt und unzählige Autos, in die sich Spieler auf Knopfdruck hineinsetzen können: Driver setzt auf reine Rennaction. Schade nur, dass es der Hauptfigur an Coolness und der Grafik an Details fehlt.

Es geschieht auch in Computerspielen nur selten, dass die Hauptfigur ein paar Minuten nach Beginn so gut wie tot ist. In Driver San Francisco aber passiert genau das: Da rammt ein gewaltiger Truck das Auto von Detective John Tanner - doch es scheint nur, als hätte er nach einem Blackout nahezu unverletzt überlebt. Bald stellt er fest, dass irgendetwas nicht stimmt und dass er sich per Knopfdruck hinter das Steuer anderer Autos setzen kann, um durch die Stadt zu brettern, Wettrennen zu fahren, mit Vollgas vor laut aufheulenden Polizeiautos zu flüchten und selbst mit vollem Karosserieeinsatz Gangmitglieder von der Straße zu schubsen.

Die Nahtod-Geister-Teleportation müssen Spieler von Driver einfach schlucken, selbst wenn es noch so unglaubwürdig und unlogisch ist. So ganz klar wird beispielsweise nie, wer eigentlich das Auto von Tanner lenkt, während sich dessen Geist - und damit natürlich auch der Spieler - hinter fremden Lenkrädern herumtreibt. Aber egal, denn immerhin hat das Actionrennspiel von Ubisoft viel zu bieten: eine Handlung um den brutalen Gangsterboss Jericho und vor allem die riesige Stadt San Francisco.

Das Ganze erinnert stark an Grand Theft Auto, trotzdem kann man gerade Driver nicht vorwerfen, beim Spiel von Rockstar Games abgekupfert zu haben: Immerhin hat das 1999 veröffentlichte erste Driver das Genre der "Sandbox-Stadt meets Auto-Action in 3D"-Spiele populär gemacht. Das erste neuzeitliche GTA ist erst zwei Jahre später auf den Markt gekommen. Hinter Driver steckt das mittlerweile von Ubisoft gekaufte britische Entwicklerstudio Reflections, das die Serie erfunden hat.

Spieler verbringen die meiste Zeit von Driver im Auto. Wer einfach nur ein bisschen entspannen mag, kann einfach so auf eigene Faust durch die Stadt spazierenfahren - schade, dass es nicht wie in GTA ein Radio zum Musikhören gibt. Wer dann einen Auftrag erledigen möchte, wechselt in den Geistmodus und schwebt über der Metropole. Aus luftiger Höhe sieht der Spieler anhand von kleinen Symbolen, welche Missionen er annehmen kann. Meist sind so zwei bis fünf gelbe im Angebot, dazu kommen viele "Mutproben" genannte kleinere Aufgaben. Von beiden ist normalerweise eine bestimmte Menge zu bewältigen, bevor das Spiel eine weitere "Tanner"-Mission der Story freischaltet.

Der Trick mit der Geisterteleportation hat ein paar Vorteile. So schlüpft Tanner in sehr unterschiedliche Rollen, was für Abwechslung sorgt. Einmal muss er als Krankenwagenfahrer einen Verletzten ins Hospital befördern, dann als Stuntman für ein Filmteam möglichst spektakuläre Sprünge, Drifts und Geschwindigkeitsüberschreitungen vorführen. Er nimmt als Student an verbotenen Wettrennen teil oder jagt durch waghalsige Manöver den Puls eines armen Fahrlehrers auf über 180 Schläge pro Minute. Das ist teils amüsant in Szene gesetzt, denn oft sitzen neben Tanner nichtsahnende Beifahrer im Wagen, die sich per Sprachausgabe über die Fahrkünste und das unerwartete Temperament ihres gerade noch so braven Steuermanns wundern.

Später im Spielverlauf muss Tanner den Umgang mit seiner Beamfähigkeit sogar noch verfeinern. Dann kann er beispielsweise nahtlos zwischen mehreren Fahrzeugen wechseln, die ein Auto verfolgen. Manchmal hat der Spieler dann nur eine Chance, wenn er im richtigen Moment in das vorderste Verfolgerauto springt. Das klingt einfach, erfordert aber angesichts des zügig ansteigenden Schwierigkeitsgrads viel Übersicht und Gespür für Timing.

Steuerung mit Extras

Die Steuerung orientiert sich an Genrestandards, allerdings mit kleinen Besonderheiten. Spieler können beispielsweise mit dem linken Analogstick für kurze Zeit einen Nachbrenner einschalten und dann extrem schnell über die Straße sausen - danach muss sich das Nitro aber erst wieder erholen. Außerdem lässt sich per Schultertaste eine Art Rammbockfunktion aufladen, mit der Tanner andere Autos besonders heftig von hinten demolieren kann.

Die Autos im Spiel basieren auf echten Flitzern, unter anderem von Alfa Romeo und BMW sowie einer Reihe von US-Marken; dazu kommen Lastwagen. Anhand der drei Werte Tempo, Stärke und Drift kann Tanner schon frühzeitig erkennen, über welche Qualitäten das jeweilige Vehikel verfügt. Durch das in Missionen verdiente Geld kann sich Tanner einen eigenen Fuhrpark anlegen und ein paar allgemeine Werte dauerhaft steigern, etwa die Länge des Nachbrenners.

Die Grafik ist kein Highlight des Spiels, wirkt aber noch einigermaßen zeitgemäß. Autos, Straßen und Gebäude wirken teils etwas detailarm und sind nicht sonderlich aufwendig texturiert. Ein paar imposante Momente hat Driver aber, beispielsweise sieht die Golden Gate Bridge tatsächlich kolossal groß aus. Etwas irritierend ist, dass die Entwickler die extrem aufwendig gerenderten Gesichter von Tanner und seinem Begleiter mitten in Zwischenszenen auf Basis der Engine kopiert haben.

Immerhin erzählen die unterm Strich gut gemachten Sequenzen eine spannende Handlung mit Überraschungen. Allerdings wirkt Tanner etwas blass und brav - uns hat er ab und zu an den ähnlich biederen Wesley Crusher aus Star Trek erinnert. Dazu trägt auch die stellenweise sehr sterile deutsche Synchronisation bei, die auch die Stimme von Christian Bale für Tanner nicht retten kann.

Driver verfügt neben der Kampagne über einen umfangreichen Multiplayermodus, der zum Redaktionsschluss aber noch nicht testbar war. Das Spiel erscheint am 1. September 2011 für Xbox 360 und Playstation 3, die PC-Fassung soll am 29. September folgen. Der Preis der Konsolenversion liegt bei rund 60 Euro. Die USK hat eine Freigabe ab 12 Jahren erteilt.

Fazit

Driver San Francisco schafft es nicht, den Spieler vom ersten Moment an so mit tollen Ideen zu packen wie ein GTA. Stattdessen müht sich das Programm zum Start, die Geisterspringer-Fähigkeit zu erklären und sie nicht allzu doof wirken zu lassen. Wenn man das erst mal hinter sich hat, gewinnt es aber deutlich an Fahrt.

Dann macht es dank des unkomplizierten Fahrverhaltens und der abwechslungsreichen Missionen sogar richtig Spaß, durch die Straßen von San Francisco zu jagen. Auch das Sandbox-Gefühl einer einigermaßen glaubwürdigen Welt stellt sich ein. Schade, dass Handlung und Hauptfigur so bieder wirken - in Sachen Coolness hinkt Driver der Konkurrenz GTA ein paar Dutzend Autobahnlängen hinterher. Trotzdem, klare Empfehlung: Wer sehr actionlastige Rennen und offene Welten mag, sollte Tanner eine Chance geben.  (ps)


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