Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1108/85955.html    Veröffentlicht: 25.08.2011 14:22    Kurz-URL: https://glm.io/85955

Test Harveys neue Augen

Eine Klosterschülerin als Satansbraten

Sie sieht aus ein Unschuldsengel, hinterlässt aber eine Spur von Leichen: die Heldin in Harveys neue Augen, dem Nachfolger des preisgekrönten Edna bricht aus. Auch das neue Adventure entpuppt sich trotz einfacher Grafik als spannende, schräge und vor allem witzige Herausforderung für Erwachsene.

Nur wenige Minuten nach dem Start von Harveys neue Augen wirft die Klosterschülerin einen Kameraden den Termiten zum Fraße vor. Ein paar Augenblicke später jagt Lilly einen anderen Jungen mit den Resten einer Fliegerbombe in die Luft - und dabei sieht sie doch so süß und brav aus. Die Hauptfigur in Harveys neue Augen ist ein echter Satansbraten und hat überhaupt einiges gemein mit Edna aus dem 2008 veröffentlichten, vielfach preisgekrönten Vorgänger Edna bricht aus. Edna spielt in dem neuen Programm mit, und auch der Plüschhase Harvey hat wieder eine ebenso wichtige wie morbide Rolle im Adventure des Hamburger Entwicklerstudios Daedalic Entertainment.

Es ist eine der Stärken von Harveys neue Augen, dass unklar bleibt, ob Lilly eine Ahnung von der Verwüstung hat, die sie verursacht. Sie gibt sich unschuldig und macht, was man ihr sagt. Und sagt selbst nichts, sondern lässt sich fast sofort unterbrechen oder nickt nur zustimmend. Trotzdem lebt Harveys neue Augen stark von den witzig-morbiden Dialogen und dem Sprecher, der mit teils süffisantem Unterton die Geschichte vorantreibt und kommentiert; ihm hat übrigens der Schauspieler Götz Otto seine Stimme geliehen.

Eine Handlung im halbwegs klassischen Sinne entwickelt sich erst nach und nach. Anfangs geht es um Lilly, um die böse Klosteroberin Ignatz und um den gruseligen Irrenarzt Doktor Marcel. Der schraubt ein bisschen zu viel am sowieso schon angeschlagenen Unterbewusstsein von Lilly herum und verpasst ihr Harvey als ständigen Begleiter. Wir wollen nicht zu viel verraten, aber die anfangs halbwegs heile Welt von Lilly wandelt sich bald sehr. Dazu kommen diverse Ausflüge in ihre Psyche.

Um voranzukommen, muss der Spieler die jeweils zugänglichen Schauplätze absuchen, Gespräche mit allen anwesenden Figuren führen und die Gegenstände in seinem Inventar und in der Welt sinnvoll kombinieren. Dabei helfen Komfortfunktionen wie die Möglichkeit, sich mit Druck auf die Leertaste alle nutzbaren Objekte markieren zu lassen. Je nach Erfahrung mit Adventures und dem sonstigen Tempo dürften die meisten Spieler rund zehn Stunden mit Lilly verbringen.

Künstlerisch wertvolle HD-Grafik

Die Grafik ist ähnlich abstrakt und fast schon künstlerisch wertvoll wie in Edna bricht aus - allerdings gibt es jetzt auch HD-Grafik mit bis zu 1.920 x 1.080 Bildpunkten. Animationen werden nur sehr sparsam eingesetzt, und so etwas wie Spezialeffekte kennt das Programm natürlich gar nicht. Die Sprachausgabe ist fast durchgehend sehr gut gelungen, die meisten Stimmen passen; nur ein oder zwei der Schauspieler klingen manchmal zu perfekt und wie frisch aus dem Sprechunterricht.

Harveys neue Augen ist für Windows-PC erhältlich und kostet rund 30 Euro. Es benötigt mindestens eine 2-GHz-CPU und 3,5 GByte freien Speicher auf der Festplatte. Die Grafikkarte muss kompatibel zu OpenGL 2.0 sein und über 256 MByte RAM verfügen. Unter Windows XP muss der Hauptspeicher 1,5 GByte RAM aufweisen, unter Vista und 7 müssen es 2 GByte sein.

Das Programm verzichtet auf jede Art von technischem Kopierschutz. Allerdings müssen Spieler direkt nach dem Start immer auf einer mitgelieferten Papp-Code-Scheibe - wie früher in Adventures etwa von Lucas Arts - einen Code einstellen, was nach dem zweiten, dritten Mal dann doch ganz schön nervt. Der Spielstand lässt sich jederzeit sichern. Die USK hat eine Altersfreigabe ab zwölf Jahren erteilt.

Fazit

Wer den schwarzen Humor und die melancholisch-morbide Atmosphäre von Edna bricht aus gut gefunden hat, der kommt auch in Harveys neue Augen auf seine Kosten. Die Abenteuer von Lilly haben einen teils etwas subtileren Witz, sind letztlich aber ähnlich abgedreht und schräg. Auch die Rätsel bewegen sich auf vergleichbar hohem Niveau: Fast alles geht wunderbar logisch zu, es gibt wenige, aber sinnvolle Lösungshinweise, stupides Ausprobieren ist so gut wie nie nötig - allerdings dürften sich Adventure-Spezialisten an manchen Stellen unterfordert fühlen. Alles in allem bietet Harveys neue Augen richtig gute, intelligente Unterhaltung, insbesondere für erwachsene Spieler mit Sinn für Humor.  (ps)


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