Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1108/85851.html    Veröffentlicht: 19.08.2011 12:15    Kurz-URL: https://glm.io/85851

IMHO

Apotheker beerdigt WebOS, Smartphones, PC und Notebooks

"Es sind harte Entscheidungen", kommentierte HP-Chef Léo Apotheker seine Pläne zum radikalen Umbau von HP. Das Unternehmen wird künftig weder PCs noch Tablets oder Smartphones bauen. Mutlos beerdigt HP damit WebOS gleich mit.

"Der Tablet-Effekt ist real und die Verkäufe des Touchpads erfüllen nicht unsere Erwartungen", sagte Léo Apotheker und begründete damit gleich mehrere Strategieänderungen: das indirekte Aus für WebOS einschließlich HPs Ausstieg aus dem Tablet- und Smartphonegeschäft und die Ausgliederung des PC-Geschäfts und Suche nach neuen "strategischen Optionen" für diesen Geschäftsbereich. Deutlicher formuliert: HP will auch keine PCs und Notebooks mehr bauen.

HP rüstet sich also für eine Post-PC-Ära, so wie es IBM schon vor rund zehn Jahren getan hat, als das Unternehmen seine PC-Sparte an Lenovo verkaufte. Die Art und Weise, wie Menschen Computer benutzen, habe sich geändert, macht Apotheker deutlich.

HP hat das Ende von WebOS selbst verschuldet

HP ist derzeit noch der größte Computerhersteller der Welt. In der Zeit nach dem PC sollen für HP die Themen Cloud, Lösungen und Software entscheidend sein: Smartphones und Tablets werden bei HP keine Rolle spielen, denn das Geschäft mit WebOS-Hardware stellt HP im vierten Quartal 2011 ein. Das Touchpad habe sich nicht gut verkauft, argumentierte Apotheker. Dabei muss man HP vorwerfen, dass es das Thema seit der Übernahme von Palm für 1,8 Milliarden US-Dollar im Juli 2010 sehr halbherzig angegangen ist. Allerdings war Hurd damals noch Chef von HP, erst seit November 2010 leitet Apotheker das Unternehmen.

WebOS als Plattform will HP noch nicht aufgeben, was damit aber konkret gemeint ist, bleibt vollkommen unklar. Apotheker nennt es ein elegantes System und Richard Kerris, der sich um den Kontakt zu WebOS-Entwicklern bei HP kümmert, verkündet Durchhalteparolen: "WebOS ist eine fantastische Softwareplattform und nun können wir den besten Hardwarepartner dafür suchen". Aber weshalb sollten andere Hersteller Geld und Zeit für die Entwicklung neuer Geräte auf Basis von WebOS investieren, wenn HP gerade zeigt, dass sich das nicht lohnt? Denn weiterhin ist WebOS ein Nischensystem, was die Verbreitung betrifft. Hier hat HP die Hoffnungen nicht erfüllt.

Denn HP agierte ideenlos, mutlos und unengagiert bei der Markteinführung der neuen WebOS-Produkte. Im Rückblick wird deutlich, dass HP wohl nie wollte, dass sich das Touchpad oder das Veer gut verkauften: Beide Geräte kamen zu Preisen auf den Markt, die nicht konkurrenzfähig waren. Zudem erfolgte die Markteinführung viel zu still - eine angemessene Marketingkampagne gab es nicht. Aus diesem Grund überraschen die schlechten Verkaufszahlen auch niemanden - auch wenn sich HP nun erstaunt gibt.

Die Ereignisse in dieser Woche zeigen, wie konzeptionslos HP bei der Vermarktung der WebOS-Geräte vorgegangen ist. Für das noch nicht verfügbare Pre3 tauchen plötzlich Bestellseiten auf HPs Seiten auf, ohne dass das Gerät offiziell mit eindeutigem Startdatum und Preis angekündigt wurde. Ähnliches ereignete sich beim Touchpad-Modell mit 64 GByte und 1,5-GHz-Prozessor.

Mit der Abkehr von WebOS-Geräten werden wohl die meisten früheren Palm-Mitarbeiter bald ihren Job bei HP verlieren. Jedenfalls scheint das Aus der WebOS-Gerätesparte nicht mit den betroffenen HP-Mitarbeitern abgestimmt gewesen zu sein: Einem Journalisten wurde kurz vor dieser Bekanntgabe der Strategieänderung noch voller Enthusiasmus das Touchpad gezeigt und die rund 30 anwesenden HP-Beschäftigten bezeichneten das Ende der WebOS-Geräte-Sparte als Falschmeldung. Selbst Ari Jaaksi, seines Zeichens Vice President für WebOS-Software bei HP, wurde vorab nicht über das Vorgehen von HP informiert. Der bekennende WebOS-Fan und ehemalige Meego-Chefentwickler wechselte Ende 2010 von Nokia zu HP.

Teurer Apotheker

In der Telefonkonferenz mit Analysten kündigte Apotheker an, dass die Transformation des Konzerns "mehrere Quartale" dauern werde. HP schreibt auf sein WebOS-Hardwaregeschäft eine Milliarde US-Dollar ab.

Apotheker nannte als anstehende praktische Probleme für den Konzern den Konkurrenzdruck durch Oracle im Servergeschäft mit großen Unternehmen, den wirtschaftlichen Einbruch in Japan seit dem Erdbeben im März 2011 und die andauernde Restrukturierung der IT-Services für große Unternehmen.

Es bleibt zu hoffen, dass HP für seine PC-Sparte einen Käufer findet, der die nach dem Abschied von Carly Fiorina, Vorstandschefin von 1999 bis 2005, wieder erstarkte Innovationskraft hält. HP ist heute nach Stückzahlen der größte PC-Hersteller der Welt, gefolgt von Acer, Dell, Lenovo und Toshiba. Konkurrenz zwischen diesen Unternehmen belebt nicht nur das Geschäft, sie ist gerade im PC-Markt dringend nötig.

Gäbe es nicht den Wettbewerb um die beste technische Lösung, die sich nicht nur am Preis orientiert, würden wir heute noch für Standard-PCs für das Büro rund 5.000 Euro und mehr bezahlen. Das war vor 20 Jahren ein gängiger Preis. Die Rechner wären zudem alle mit Intel-Prozessoren bestückt und hätten ausschließlich ein Microsoft-Betriebssystem. Auch wenn diese Kombination immer noch dominiert: Die Auswahl an gleichwertigen Lösungen ist heute deutlich größer, HP hatte daran entscheidenden Anteil.

Wer bei Innovationen im Übrigen vor allem an Apple denkt, sei daran erinnert, wo der Mitbegründer Steve Wozniak arbeitete, während er in seiner Freizeit den Apple I entwickelte: Das war 1976 und Wozniak hatte einen Job bei Hewlett-Packard. Das große Erbe HPs gilt es nun, sinnvoll zu verwalten.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).  (asa)


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