Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1108/85813.html    Veröffentlicht: 18.08.2011 12:07    Kurz-URL: https://glm.io/85813

KDE

Eins, zwei, drei, viele!

1995 initiierte ein einzelner Student das KDE-Projekt. Knapp 15 Jahre später hat die KDE-Gemeinschaft tausende Mitglieder in der ganzen Welt und wächst weiter rasant - zum Beispiel in Indien.

"Stolz" sei er auf die Community in Indien, sagt KDE-Entwickler Pradeepto Bhattacharya auf dem Desktop Summit in Berlin. Er könnte auch "meine Community" sagen, denn er hat die Gemeinschaft hauptsächlich aufgebaut, gibt jetzt Workshops, hält Vorträge und hat kürzlich seine erste Konferenz organisiert. Aber Pradeepto Bhattacharya ist bescheiden. Es seien auch noch ein paar andere am Aufbau beteiligt gewesen, einige seien gegangen, er sei irgendwie dabeigeblieben, sagt er und lacht. Rund 20 Mitglieder hat die indische Community inzwischen, fast alle sind auch nach Berlin gereist. "2006 war nur einer hier: ich. Seitdem waren es immer zwei oder drei, im vergangenen Jahr fünf, glaube ich. Dieses Jahr sind wir 16, und einige davon sogar Sprecher."



Wie in Indien ist die Gemeinschaft KDE in den vergangenen Jahren in vielen Ländern rasant gewachsen. Was der Student Matthias Ettrich vor knapp 15 Jahren initiierte, ist heute ein Projekt mit tausenden Anhängern. Die Idee des freien Desktops hat sich über die ganze Welt verbreitet. KDE bezeichnet sich selbst als das zweitgrößte Projekt der freien Software nach dem Linux-Kernel. Bei regelmäßigen Treffen in verschiedenen Ländern tauschen sich die Entwickler aus, zuletzt auf dem Desktop Summit in Berlin.

Persönliche Treffen sind für Entwickler wichtig

"Events wie der Desktop Summit erhöhen unglaublich die Motivation der einzelnen Contributor", sagt Lydia Pintscher, die Vorstandsmitglied des KDE e. V. ist, Golem.de. Auch für die indische Community war ein Entwicklertreffen die Initialzündung: die von Pradeepto Bhattacharya organisierte conf.kde.in in Bangalore im März dieses Jahres.

Auf der Veranstaltung Season of KDE arbeiten jährlich diejenigen mit ihren Mentoren, die von Google für den Summer of Code abgelehnt wurden. Für die Studentin Shreya Pandit ist ihr erster Desktop Summit in Berlin sichtlich aufregend: Hier konnte sie erstmals persönlich ihren Mentor treffen und mit ihm zusammen programmieren. Darüber hinaus hatte Pandit die Gelegenheit, ihre Arbeit in einem Vortrag während des Desktop Summit vorzustellen. Pandit entwickelt ein Webbrowser-Widget für die Anwendungen Kexi und Words der Calligra Suite, mit dem innerhalb der Programme Webseiten dargestellt werden können.

Developer Sprints

Um die Gemeinschaft durch persönliche Kontakte zu stärken, führt KDE nicht nur jährliche Konferenzen durch, sondern auch sogenannte Developer Sprints. Die Sprints werden von wenigen Entwicklern organisiert und sind fast immer auf bestimmte Projekte bezogen, anders als die Jahrestreffen. Allein im vergangenen Jahr sorgten 21 solcher Sprints für Zuwachs an Quellcode.

Der bisher größte Sprint fand im Jahr 2011 in Randa (Schweiz) statt. Die über 40 anwesenden Entwickler konzentrierten sich dabei auf verschiedene Multimediabibliotheken und KDE Edu. Außerdem entstand in Randa das Konzept für die Integration von Zeitgeist in KDE SC.

Wie organisieren sich tausende Entwickler?

Zur Kommunikation nutzt die Gemeinschaft alle bekannten digitalen Möglichkeiten. Der Austausch erfolgt über die altbewährten Mailinglisten oder IRC-Sitzungen, aber auch über soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Identica. Letzteres erfreut sich insbesondere wegen der Quelloffenheit der eingesetzten Software großer Beliebtheit in der Gemeinschaft.

Als rechtliche Vertretung des Projekts nach außen dient der KDE e. V. mit Sitz in Berlin. Nur etwa 180 Entwickler sind Mitglieder im Verein, vergleichbare Organisationen gibt es nur in Großbritannien und Spanien. "Die meisten Entwickler konzentrieren sich lieber auf ihre Arbeit, statt Vereinsarbeit zu machen", erklärt Pintscher. Probleme verursacht das kaum: In den meisten Ländern arbeiten die Communitys auch ohne Vereinsstruktur effektiv, den rechtlichen Rahmen gibt der deutsche Verein.

Er ist vor allem für die Finanzierung der Community von Bedeutung, übernimmt in bestimmten Fällen Flugkosten für die Entwicklertreffen und bezuschusst außerdem einen Großteil des Promo-Materials. Das Gros der Einnahmen bezieht der Verein aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Über ein Supporting-Membership-Programm können Einzelpersonen 100 Euro und Firmen bis zu 10.000 Euro jährlich dem Verein zuwenden. Zu den zahlungskräftigen Supporting-Members gehören Unternehmen wie Nokia sowie Google und Mark Shuttleworth.

Übersetzungen sind meist der Anfang

Erster Schritt für das Entstehen einer starken Entwicklercommunity in einem Land ist meist die Übersetzungsarbeit. Dafür sind so gut wie keine Programmierkenntnisse nötig. Außerdem bietet freie Software die Möglichkeit, Mitmenschen Programme in ihrer Muttersprache zur Verfügung zu stellen. Wichtig ist dies vor allem bei Sprachen, die nicht von proprietären Anbietern unterstützt werden. Dazu zählt zum Beispiel die uigurische Sprache mit nur etwa 8 Millionen Sprechern in Zentralasien. Zu den von KDE unterstützten Sprachen gehören aber auch Exoten wie die Plansprache Interlingua.

Das Beispiel Brasilien zeigt, wie viel Einfluss eine starke Entwicklergemeinde in der Gesellschaft ausüben kann. Auf den meisten Rechnern in öffentlichen Grundschulen Brasiliens wird der Desktop des KDE-Projekts eingesetzt. In Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden ist dadurch insbesondere das Bildungsprojekt KDE Edu stetig den Anforderungen angepasst worden. Eine ähnliche Kooperation im Bildungsbereich erfolgte in Portugal.

"Menschen kommen und gehen"

Weil die Entwickler nicht im Verein, sondern nur lose organisiert sind, ist die indische Community, anders als die deutsche, stets im Fluss. Viele aktive Mitglieder gehen zum Studium ins Ausland oder stehen kurz vor dem Studienabschluss und werden bald ihr Arbeitsleben beginnen. Auch Pradeepto Bhattacharya zieht gerade in eine andere Stadt um. Ob es eine Nachfolgekonferenz für die conf.kde.in geben wird, ist deshalb noch ungewiss.

Der rapide Zuwachs der indischen Community ist aber auch bei der diesjährigen Season of KDE spürbar. "Rund 100 haben sich für die Season of KDE beworben", sagt Pradeepto Bhattacharya. "75 davon sind Inder!"  (sg)


Verwandte Artikel:
Slimbook 2: KDE aktualisiert Community-Laptop   
(12.02.2018, https://glm.io/132722 )
KDE e. V. wählt neuen Vorstand   
(08.07.2009, https://glm.io/68228 )
Office: Calligra greift Openoffice an   
(25.05.2011, https://glm.io/83715 )
Unix-Desktop: KDE Plasma 5.12 startet schneller und bringt LTS   
(07.02.2018, https://glm.io/132636 )
KWin: KDE beendet Funktionsentwicklung für X11   
(22.01.2018, https://glm.io/132300 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/