Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1108/85776.html    Veröffentlicht: 22.08.2011 12:07    Kurz-URL: https://glm.io/85776

UniOS

Zu schön, um wahr zu sein

Windows, Mac OS X und Linux ade: Das Wunder-OS aus Lünen soll alle anderen Betriebssysteme überflüssig machen. Zwei Wochen vor dem geplanten Start der öffentlichen Beta konnte Golem.de sich UniOS ansehen.

Völlig abgehoben scheint Maik Mixdorf - laut RTL der "vielleicht schlauste Kopf NRWs" - noch nicht zu sein. "Ich hole Sie vom Bahnhof ab", verspricht er am Telefon, und da steht er dann auch: ein schlaksiger, braunhaariger 18-jähriger Schüler, der unterstützt von einigen Freunden ein eigenes Betriebssystem entwickelt haben will, unter dem Anwendungen aus der Windows-, Mac- und der Linux-Welt laufen - UniOS. Ebenfalls unterstützt von seinen Mitschülern, hat er seinen "Durchbruch" in die Lokalpresse gebracht, die sich daraufhin vor Begeisterung überschlug und ihn zum "Konkurrenten von Bill Gates" ernannte. Jetzt also wieder ein Pressetermin, daheim in der Küche des Reihenhauses im nordrhein-westfälischen Lünen, in dem Maik mit seinen Eltern wohnt. Doch diesmal ist die Presse skeptisch.

In einer Sitzecke in der Küche hat Maik ein Netbook von Samsung aufgebaut, um mir darauf UniOS zu zeigen. Bisher hätten schon 700 Leute wegen UniOS angefragt, sagt sein Vater, und stolz: "Maik hat das alles allein gemacht." In zwei Wochen wolle er das System der Öffentlichkeit vorstellen, sagt Maik, und der Vater erläutert, Geld wolle sein Sohn eher mit dem Verkauf an große Firmen verdienen, deshalb der niedrige Preis für Privatanwender. Ab Ende 2011 wolle er UniOS für 28 Euro verkaufen, hatte Maik der Regionalpresse gesagt. Und dabei Texte abgespult, die offenbar einstudiert waren, wie: "Die Idee zu UniOS kam mir 2008 und seitdem arbeite ich an dem Projekt."

"Konkurrenz für Bill Gates"

Die Geschichte klingt im wahrsten Sinne des Wortes fantastisch: Ein paar Schüler schreiben in ein paar Jahren 52 Millionen Zeilen Programmcode: Das sind im Durchschnitt bei drei Jahren und 14 Beteiligten mehr als 3.300 Zeilen Code pro Tag - unwahrscheinlich. Auch andere Meldungen um das Betriebssystem UniOS scheinen unglaubwürdig, darunter die Darstellungen auf der Facebook-Seite zu UniOS, die Maik Mixdorf nach unserem Besuch in Lünen teilweise löscht. Auf den Screenshots, die dort veröffentlicht sind, ist zum Beispiel eine KDE-Oberfläche zu erkennen - und Splashscreens von Mac-Anwendungen. Auf der Facebook-Seite mehren sich bald wüste Bemerkungen, so dass Maik zeitweilig Leute aussperrt.

Auch ich bekomme einstudierte Sätze zu hören, auf technische Fragen antwortet Maik ausweichend. Einen Blick auf die eigentlichen Bibliotheksdateien gewährt er mir nicht. Sie seien selbst vor dem Linux-Root-Benutzer versteckt, sagt er. Tatsächlich taucht auch in der Prozesstabelle der KDE-Anwendung System Monitor keine der gestarteten Anwendungen auf. Ich kann auf den ersten Blick auch keine Wine-Prozesse entdecken. Die CPU-Last hält sich dabei ebenso in Grenzen wie der Speicherverbrauch. Ich darf das System allerdings nicht als Root-Benutzer durchsuchen und bekomme auch keinen Zugriff auf die Konsole.

Ich darf lediglich einige Anwendungen starten und Screenshots machen. Und das macht es mir schwer herauszufinden, ob Maik Mixdorf nun wirklich ein Wunderkind ist oder einer, der vielleicht manches geschafft, aber vieles dazugedichtet hat. Doch eins wird schnell klar: Maik Mixdorf hat keinesfalls ein komplettes Betriebssystem entwickelt oder 52 Millionen Zeilen Code geschrieben.

Unglaubliche Versprechen

Noch vor unserem Treffen ist auf der Facebook-Seite des Projekts Unglaubliches versprochen worden. UniOS sei "das erste Betriebssystem, das es problemlos ermöglicht, Programme von Windows, Mac und Linux mit nur einem System zu starten", hieß es da. "Dabei läuft weder Microsofts Windows noch Apple Mac OS X im Hintergrund. Es findet ebenfalls keine Virtualisierung der genannten Betriebssysteme statt." Und an anderer Stelle: "Microsoft Office 2010, Garage Band, iPhoto, Facetime oder Dolphin, jedes bekannte Programm läuft unter UniOS ohne Treiberprobleme! Die Hardwareansteuerung übernimmt dabei ein eigens geschriebener NT-Kernel". Zuletzt stand da noch: "Antiviren-Programme werden arbeitslos, dank des Sicherheitsverfahrens 'Sandbox' läuft jeder einzelne Prozess in einer abgekapselten Sandbox." Sätze, die einfach nicht so klingen, als wisse einer, wovon er da spricht.

Seit Jahren versuchen sich verschiedene Projekte an systemübergreifenden Frameworks für Linux, die oftmals bereits in der Anfangsphase aufgegeben wurden. Zumindest Wine ist gegenwärtig in der Lage, ohne Virtualisierung Windows-Programme unter Linux zu starten - bei weitem aber nicht alle. Für Mac-OS-X-Anwendungen gab es bislang nur wenige Projekte, die meist über die Planungsphase nicht hinausgingen.

NT-Kernel? NT-Schicht? Eigene Sandbox-Implementierung?

Das ReactOS-Projekt versucht seit nunmehr 13 Jahren, Windows NT nachzubauen und ist bisher über einen Alphastatus nicht hinausgekommen - vor allem bei der Treiberunterstützung. Er habe erkannt, welche Probleme das Projekt gehabt habe und sie gelöst, erklärt Maik bei unserem Treffen in Lünen. Allerdings: Technische Details könne er dazu nicht nennen, denn er wolle nicht, dass "andere meine Idee ausnutzen, bevor ich UniOS veröffentlicht habe".

Auf wiederholte Nachfrage schränkt Maik dann doch ein, er habe keinen NT-Kernel geschrieben, sondern eine "NT-Schicht" kümmere sich um die Treibereinbindung.

Und die Sandbox-Implementierung? Umsetzbar wäre sie vielleicht durch Linux-Containers oder durch Virtualisierung. Oder handelt es sich tatsächlich um ein völlig neues Konzept, dessen Grundlagen ich noch nicht einmal erahnen kann? Von einem unbekannten jungen "Genie aus Lünen"?

'Bisher einzigartig'

Laut Lokalpresse ist Maiks Informatikfachlehrer Dieter Frönsch davon überzeugt, dass UniOS in der Fachwelt Aufsehen erregen wird. Es sei bisher einzigartig, sagte Frösch demnach. Jetzt darf ich es mir ansehen.

UniOS basiere auf Ubuntu 10.10, sagt Maik. Selbst, wenn es sich nicht um ein eigenes Betriebssystem handelt: Wenn Anwendungen aus Mac OS X unter Ubuntu laufen, wäre das allemal interessant und bemerkenswert.

Nach dem Start begrüßt UniOS den Anwender zunächst mit dem KDE-Desktop Plasma, den das UniOS-Team angepasst hat. Unten befindet sich ein Dock, ähnlich dem aus Mac OS X - eine Eigenentwicklung, betont Maik. Sie enthält auf den ersten Blick tatsächlich Icons für Linux- und Windows-Anwendungen, aber auch für den Finder von Apple mit einem leicht veränderten Symbol, denn: "Das von Apple dürfen wir ja nicht nehmen", sagt Maik und knetet dabei seine Hände unter dem Tisch. Der 18-Jährige ist sichtlich aufgeregt. Ich bin, wie er sagt, der erste Vertreter der Fachpresse, dem er sein Werk zeigt. Was Maik mit UniOS erreichen möchte, lässt seine persönliche Facebook-Seite erahnen: Da hat er als Vorbilder Steve Jobs und Bill Gates angegeben.

API-Nachbau von Mac OS X?

Das Dock erinnert an das Avant-Window-Navigator-Projekt. Mit einem Klick auf das leicht geänderte Finder-Symbol startet Maik eine Anwendung, die er als Finder aus Mac OS X bezeichnet. Dort fehlt allerdings die Menüleiste, und die darin verwendeten Icons und Elemente sind die gleichen, die auch die Windows-Anwendungen unter UniOS verwenden. Der Symbolleiste fehlen einige Elemente aus dem Apple-Original. Das Ganze wirkt eher wie ein Finder-Klon für Windows, der mit Wine unter Ubuntu ausgeführt wird.

Das entsprechende Menü sei noch nicht fertig, erklärt Maik. Mit der Anwendung können wir uns zumindest durch die Dateistruktur hangeln. Die Darstellung funktioniert nicht richtig. Maik sagt, er arbeite noch an dem Nachbau der entsprechenden Bibliotheken, etwa Core-Animation oder Core-Video.

Maik will mit der Programmierung des API-Nachbaus von Mac OS X Ende 2010 angefangen haben. Später sollen auch die großen Adobe-Anwendungen unter UniOS laufen, sagt er. Er habe die APIs von Mac OS X studiert und sie ähnlich wie Wine als Bibliotheken in UniOS implementiert. Insgesamt zwölf Apple-Anwendungen sollen derzeit unter UniOS problemlos laufen, darunter Garage Band, Pages, Keynote und Numbers. Apples Fotoverwaltung iPhoto soll selbst in der aktuellen Version aus Mac OS X 10.7 alias Lion funktionieren. Die Anwendungen sollen also unter Ubuntu 10.10 laufen und über dessen Linux-Kernel auf die Hardware zugreifen können. Das will Maik mir mit der Apple-Anwendung Photo Booth demonstrierten, die auf eine Webcam zugreift.

UniOS - ein Luftschloss?

Stutzig macht mich, dass beim Start der Anwendung zunächst ein Dialog erscheint, der aussieht wie der aus Adobe-Flash und um Erlaubnis bittet, auf Kamera und Mikrofon zuzugreifen. Das passiert bei einer nativen Mac-Applikation natürlich nicht. Die Erklärung lauert in der rechten Ecke der Titelleiste: Dort gibt sich das Programm als Karthik's Picturebooth zu erkennen - ein Klon von Apples Photo Booth, der mit Adobe Flash umgesetzt wurde.

Damit konfrontiert, redete sich Maik zunächst heraus: Ihm sei nicht klar gewesen, dass es sich nicht um eine Mac-Software handelte. Schließlich erklärt er, er habe mir eine funktionierende Anwendung zeigen wollen; die "Mac-OS-X-Schicht" sei noch nicht funktional. Auch Anwendungen wie Garage Band, von denen er eben noch erklärt hat, sie liefen unter UniOS, stürzten nach dem Start ab, gibt er auf meine Nachfrage zu. Auf den Vorwurf, er habe mich schlichtweg belogen, folgt zunächst betretenes Schweigen.

Kurz nach unserem Treffen verschwindet die UniOS-Facebook-Seite. Er wolle sie überarbeiten, um die Missverständnisse auszuräumen, erklärt Maik via E-Mail. Er versichert aber, dass er den Finder tatsächlich in einer Mac-OS-X-Version vorgeführt habe. An Glaubwürdigkeit hat er damit nicht gewonnen.

"Kein Hoax"

Maik beteuert, er habe sich nicht bei Projekten wie ReactOS oder Wine bedient, alles von Grund auf entwickelt. Den Quellcode der Teile von UniOS, die unter der GPL stehen, will er veröffentlichen.

Er meine es ernst mit seinem universalen Betriebssystem, betont Maik auch nach unserem Treffen. Den zunächst für Anfang September 2011 geplanten Erscheinungstermin einer öffentlichen Beta hat er verschoben. Die Facebook-Seite für UniOS ist nach einer kurzen Unterbrechung wieder online - mit einer neuen Roadmap. Zunächst soll eine erste Beta mit Unterstützung für Windows-Anwendungen erscheinen. Eine zweite Betaversion mit Mac-OS-X-Unterstützung hat er für das 1. Quartal 2012 angekündigt - um sich "auf die Implementierung der Mac-OS-X-Schicht zu konzentrieren", wie er mir später am Telefon sagt. 2013 soll dann eine Version mit PowerPC-Unterstützung folgen.

Gerne hätte ich über ein Wunderkind berichtet, das die Betriebssystem-Welt gehörig durcheinanderwirbelt - ich kann es nicht. Ich habe einen sympathischen jungen Mann kennengelernt, der davon träumt, den großen Coup zu landen, und der mit Begeisterung an einer Sache arbeitet. Aber ich habe nichts gesehen, was darauf hindeutet, dass diese Sache auch das ist, was er und seine Freunde versprechen.

Was ich gesehen habe, ist kein universelles Betriebssystem, unter dem Anwendungen aus der Windows-, der Mac- und der Linux-Welt laufen, sondern bestenfalls ein funktionierendes Linux mit Wine. Denn selbst die von Maik präsentierten Windows-Anwendungen, die unter UniOS dann doch laufen, sind allesamt in der WineHQ-Datenbank als funktional eingetragen. Ich habe kein Wunderwerk gesehen, sondern eine gefälschte Demonstration von UniOS und ich habe Floskeln und Ausflüchte gehört. Alle direkten technischen Fragen sind unbeantwortet geblieben oder nur ausweichend beantwortet worden. Am System überprüfen durfte ich nichts. Einen Beweis oder zumindest ein Indiz, dass an der Geschichte vom universellen Betriebssystem etwas dran ist, konnte ich nicht finden.

In einer E-Mail schreibt mir Maik später: "Du hast ja gesehen, dass das so wirklich existiert - du hast die Fehler gesehen, die Programme, die funktionierten, die Hardwareunterstützung ... und da fände ich es einfach nicht gerecht, wenn du aufgrund dieses einen Programms [gemeint ist Photo Booth, Anm. d. Red.] das gesamte UniOS-Projekt als Hoax betiteln würdest - denn das ist es nicht!"

Nachtrag vom 23. August 2011, 17:40 Uhr

Am Dienstag hat Maik Mixdorf einigen seiner Kritikern das System vorgeführt. Dabei hat sich bestätigt, was einige anhand unseres Artikels bereits vermutet hatten: Es handelt sich bei UniOS um ein angepasstes Windows XP, auf dem andLinux läuft. Bei dem verwendeten Theme könnte es sich um GSM VS handeln, wie uns ein Leser per E-Mail mitgeteilt hat.  (jt)


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